Erbauung wichtiger ist als Wahrhaftigkeit

Karikatur aus der Zeitung "The Wasp" von 1891.
Lewis, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Verbreitet die Presse nur eine »Illusion von Wahrheit«? Walter Lippmann vertrat diese Ansicht. Seine Medienanalysen wirken wie »für uns verfasst. Wir können gar nicht anders, als darin auch die Schilderung eines Befundes zu lesen, der heute noch von bedrückender Relevanz ist«, schreiben Silja Graupe und Walter Otto Oetsch im Vorwort jenes Buches, aus dem ein Textauszug folgt.

Die erste Ausgabe der ersten amerikanischen Zeitung – sie hieß Publick Occurrences – wurde am 25. September 1690 in Boston veröffentlicht. Die zweite Ausgabe erschien schon nicht mehr, weil der Gouverneur und der Rat dies verhinderten. Sie befanden, dass Benjamin Harris, der Herausgeber, überaus »hochgesteckte Überlegungen« gedruckt hatte. Tatsächlich scheinen einige seiner Überlegungen bis auf den heutigen Tag sehr hochkarätig zu sein. In seiner Broschüre hatte er geschrieben:

»Dass man etwas tun möge, um den vorherrschenden Geist der Lüge zu heilen oder doch zumindest zu bannen. Darum soll unter Rückgriff auf die besten verfügbaren Informationsquellen nur das berücksichtigt werden, wovon wir Grund zu der Annahme haben, dass es wahr ist. Und wenn sich in den dargelegten Informationen irgendein sachlicher Fehler herausstellt, dann wird er in der nächsten Ausgabe korrigiert. Des Weiteren ist der Herausgeber der Publick Occurrences bereit, sich in Anbetracht zahlreicher Falschmeldungen – die in böswilliger Absicht gemacht und in Umlauf gebracht werden – für Folgendes einzusetzen: Dass jeder von einer rechtschaffenen Person aufgespürte Urheber einer solchen Falschmeldung in dieser Zeitung (außer, es wird ein gegenteiliger Hinweis gegeben) als böswilliger Initiator der Falschmeldung bloßgestellt wird. Es wird davon ausgegangen, dass dieser Vorschlag niemandem missfallen wird; außer vielleicht denen, die durchaus beabsichtigen, sich eines derart schäbigen Verbrechens schuldig zu machen.«

Medienkrise: Mehr als Korruption

Heute sind sich die Menschen durchgehend im Klaren darüber, dass sie sich auf die eine oder andere Weise mit Fragen beschäftigen müssen, die komplizierter sind als alle Fragen, für deren Bearbeitung die Kirche oder die Schule sie vorbereitet hat. In zunehmendem Maße begreifen sie, dass ihr Verständnis bald an seine Grenzen stößt, wenn die relevanten Fakten nicht schnell und zuverlässig verfügbar sind. Sie sehen sich angesichts dessen zunehmend ratlos; und sie fragen sich, ob ein auf Zustimmung angewiesenes Regierungshandeln in einer Zeit Bestand haben kann, in der die Herstellung von Zustimmung eine unregulierte private Unternehmung ist. Denn in einem ganz konkreten Sinne ist die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie eine Krise des Journalismus.

Ich stimme nicht mit denen überein, die meinen, dass Korruption der einzige Grund ist. Gewiss gibt es reichlich Korruption: geldgesteuerte Kontrolle, Kastendisziplin, finanzielle und soziale Bestechung, Seilschaften, Dinnerpartys, Clubs, politisches Geplänkel. Die mit russischen Rubeln handelnden Spekulanten, die an der Pariser Börse über die Einnahme von Petrograd gelogen haben, sind nicht das einzige Beispiel ihres Schlages. Trotz alledem erklärt die Korruption nicht den Zustand, in dem sich der moderne Journalismus befindet.

Kürzlich schrieb Franklin P. Adams: »In der sogenannten freien Presse finden sich heute viele Belanglosigkeiten – und eine schier unglaubliche Dummheit und Unwissenheit; aber es sind dies Trivialitäten und dergleichen, die dem Menschengeschlecht nun einmal inhärent sind – Trivialitäten, wie man sie bei Musikern, Installateuren, Vermietern, Dichtern und Kellnern antrifft. Und wenn Miss Lowell [welche die übliche aristokratische Beschwerde vorgetragen hatte] von dem unverbesserlichen Wunsch aller amerikanischen Zeitungen spricht, sich bei jeder Gelegenheit über jede nur erdenkliche Sache zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit lustig zu machen, dann sind wir uns wieder uneinig. In amerikanischen Zeitungen gibt es den unverbesserlichen Wunsch, die Dinge sehr viel ernster zu nehmen, als sie es verdienen. Liest Miss Lowell die gewichtigeren Nachrichten aus Washington? Liest sie die Nachrichten aus der Gesellschaft? Man kann sich fragen, ob sie überhaupt Zeitungen liest.«

Nach Königsart: Journalisten als Verteidiger des Glaubens

Mister Adams liest sie zweifellos. Und wenn er schreibt, dass die Zeitungen die Dinge viel ernster nehmen, als sie es verdienen, dann kann man das wohl so sagen – wie die Frau des Bürgermeisters gegenüber der Königin bemerkte. Insbesondere seit dem Krieg sind Redakteure überwiegend zu der Überzeugung gelangt, dass ihre höchste Pflicht nicht darin besteht, zu berichten, sondern zu belehren; nicht darin, Nachrichten zu drucken, sondern die Zivilisation zu retten; nicht das zu veröffentlichen, was Benjamin Harris »den Zustand der öffentlichen Angelegenheiten im In- und Ausland« nennt, sondern die Nation auf Kurs zu halten. Nach Art der englischen Könige haben sie sich selbst zu Verteidigern des Glaubens erkoren. »Seit fünf Jahren«, so Mister Cobb von der New York World, »gibt es in der Welt keinen freien öffentlichen Meinungsbildungsprozess.

In Anbetracht der unerbittlichen Zwänge des Krieges haben die Regierungen die öffentliche Meinung kassiert. […] Sie lassen sie im Gleichschritt marschieren. Sie haben ihr beigebracht, stramm zu stehen und zu salutieren. […] Manchmal hat es den Anschein, dass Millionen von Amerikanern nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands ein Gelübde abgelegt haben müssen, wonach sie nie wieder selbstständig denken würden. Sie waren bereit, für ihr Land zu sterben, nicht aber, für ihr Land zu denken.« Jene Minderheit, die stolz darauf ist, dafür zu denken – und die nicht nur bereit, sondern auch todsicher ist, dass sie allein weiß, wie sie für das Land zu denken hat –, hat die Theorie übernommen, dass die Öffentlichkeit erfahren sollte, was gut dafür ist.

Auf diese Weise hat man die Arbeit von Journalisten mit der Tätigkeit von Predigern, Erweckungstheologen, Propheten und Agitatoren durcheinandergebracht. Die aktuelle Theorie des amerikanischen Zeitungswesens besagt, dass eine Abstraktion wie die Wahrheit und eine Zierde wie die Fairness zu opfern sind, wann immer jemand meint, dass die Erfordernisse der Zivilisation dieses Opfer einfordern. Auf Erzbischof Whatelys Diktum, dass es eine große Rolle spielt, ob man die Wahrheit an die erste Stelle setzt oder an die zweite, würde ein überzeugter Verfechter des modernen Journalismus antworten, dass er die Wahrheit hinter das stellt, was er als das nationale Interesse ansieht. Gemessen an ihren Äußerungen glauben Männer wie Mister Ochs oder Viscount Northcliffe, dass ihre jeweiligen Nationen zugrunde gehen werden und die Zivilisation dem Untergang geweiht ist – außer man befriedigt natürlich die Neugierde der Leserschaft mit der Vorstellung von Patriotismus, die diesen Herren vorschwebt.

Das Erliegen des demokratischen Prozesses

Sie meinen, dass Erbauung wichtiger ist als Wahrhaftigkeit. Sie glauben dies aus ganzem Herzen, leidenschaftlich und unnachgiebig. Sie brüsten sich damit. Dem Patriotismus, wie sie ihn tagtäglich bestimmen, müssen alle anderen Überlegungen weichen. Darin gründet ihr Stolz. Und doch ist dies nur ein weiteres Beispiel, unter unzähligen anderen, für die Doktrin, dass der Zweck die Mittel heiligt. Eine noch hinterlistigere irreführende Verhaltensregel wurde, so glaube ich, nie von Menschen erdacht. Sie mag noch zu jener Zeit nachvollziehbar gewesen sein, als die Menschen glaubten, ihre Geschicke seien von einer allwissenden und gutmütigen Vorhersehung gelenkt. Heute jedoch hat man ein entschieden deutlicheres Bewusstsein dafür, inwieweit die menschlichen Bedürfnisse zeit- und ortsgebunden sind und einerseits von den jeweiligen Interessen und andererseits dem begrenzten Wissensstand abhängen.

Vor diesem Hintergrund ist es arroganter Hochmut, in schweren Auseinandersetzungen gewonnene Standards an die Glaubwürdigkeit irgendwelchen Sonderinteressen zu opfern. Dahinter steht nichts weiter als der Grundsatz, dass ich das möchte, was ich möchte, wann ich es möchte. Seine historischen Vorbilder sind die spanische Inquisition und die Invasion Belgiens. Wir haben es hier mit der Rationalisierung fast jeder Art von Unvernunft zu tun; mit dem Gesetz, auf das man sich fast überall dort beruft, wo Gesetzlosigkeit verteidigt wird. Im Grunde ist es nichts anderes als die anarchische Natur des Menschen, die sich hier gebieterisch Bahn bricht.

So wie ein von höchster Stelle aufgehetzter Mob die verderblichste Form der Unordnung darstellt – und das unmoralischste Handeln ein unmoralisches Regierungshandeln ist –, so besteht die gefährlichste Form der Unwahrheit in den Spitzfindigkeiten und der Propaganda derjenigen, die von Berufs wegen eigentlich für gute Berichterstattung sorgen sollten. Die Zeitungsspalten sind öffentliche Informationsträger. Wenn diejenigen, die sie kontrollieren, sich das Recht herausnehmen, zu bestimmen, was zu welchem Zweck berichtet werden soll, dann kommt der demokratische Prozess zum Erliegen.

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13 Kommentare

  1. Die Zukunft ist noch viel schlimmer,

    Pablo González, Julian Assange und unzählige Nordamerikanischen Journalisten die einfach Verschwinden können daß nur Bestätigen.

    Wie Groß der Propaganda Aufwand ist um die Realität zu verändern und neu zubestimmen!

  2. „Wie groß der Propaganda-Aufwand ist, um die Realität zu verändern und neu zu bestimmen!“

    Propaganda kann gerade NICHT die (unerbittliche) Realität verändern, sie kann nur das Abbild der Realität in den Köpfen verändern. Da dieses Abbild jedoch auf Illusionen beruht, wird es irgendwann von der Realität überrollt und das Aufwachen wird bitter.

    Das gilt auch im Kleinen. Wir alle haben ein stark vereinfachtes Weltbild im Kopp, und daher irren wir uns häufig und müssen unser Welt-Abbild nachjustieren.

    Es gibt jedoch Leute, die versuchen, ihr Weltbild gegen die Realität durchzusetzen. Die rennen dann so lange mit dem Kopp gegen die Wand, bis sie endgültig scheitern.

    1. Das Problem besteht darin und dann, wenn diese Leute Macht haben und es nicht ihre eigenen Köppe sind, die sie gegen die Wand schmettern. Habeck und Baerbock müssen nicht frieren für ihren hasserfüllten Wahn und Grössenwahn.

  3. An Aktualität nicht zu überbieten, danke Redaktion, Lippmann für den Auszug.
    Die UN klagt an!
    Artikel: UN accuses Latin American state of ‘crimes against humanity’ rtde
    Auszug
    Quote
    A UN team tasked with investigating alleged human rights abuses in Venezuela has accused officials of “crimes against humanity,” claiming government security forces carried out serious violations on the order of President Nicolas Maduro.
    unquote
    Exakt das was auch in der Ukraine geschah, natürlich mit anderen Prämissen.

    Dann zu BRD
    https://antilobby.wordpress.com/brd-organisation/rechtsstaat-bundesrepublik/
    Quote
    In seinem in Österreich erschienenen Buch »Die deutsche Karte – Das verdeckte Spiel der geheimen Dienste« schreibt Gerd-Helmut Komossa, der ehemalige Amtschef des MAD (BND-Vorläufer):

    »Der Geheime Staatsvertrag vom 21. Mai 1949 wurde vom Bundesnachrichtendienst unter „Strengste Vertraulichkeit“ eingestuft. In ihm wurden die grundlegenden Vorbehalte der Sieger für die Souveränität der Bundesrepublik bis zum Jahre 2099 festgeschrieben, was heute wohl kaum jemandem bewußt sein dürfte. Danach wurde einmal „der Medienvorbehalt der alliierten Mächte über deutsche Zeitungs- und Rundfunkmedien“ bis zum Jahr 2099 fixiert. Zum anderen wurde geregelt, daß jeder Bundeskanzler Deutschlands auf Anordnung der Alliierten vor Ablegung des Amtseides die sogenannte „Kanzlerakte“ zu unterzeichnen hatte. Darüber hinaus blieben die Goldreserven der Bundesrepublik durch die Alliierten gepfändet.«
    zitiert aus Gerd-H. Komossa, Die deutsche Karte, Graz 2007, ISBN 978-3-902475-34-3, Seite 21 f.
    Unquote

    Die komplette Berichterstattung ist auf Russland fokussiert, nicht ein kritischer Artikel zu den Antreiber wahrloser Zerstörung mit Lügen, untermauert in der UN Konferenz in NY.
    Die Lüge wird offen gelegt, aber nicht die Wahrheit der Gründe für die ewigen lügen.

  4. Baerbock stellte doch klar fest: „Wir (WIR!) sind in einem Krieg“.
    Da gibt es keine faire Berichterstattung mehr. Jetzt braucht es „Kriegs“propaganda.
    Und auf diesen Krieg werden wir seit 2014 vorbereitet. Und jeder Journalist, welcher von der falschen Seite wahr berichtet, kennt Julian Assange, sein Vergehen und seine Strafe.

    Übrigens gilt dies auch für Russland. Bloß dort wird die Gesetzgebung offen kommuniziert. Dort wird ganz klar gesagt, wie weit die journalistische Freiheit und die Meinungsfreiheit geht. Hier wird Meinungsfreiheit und unäbhängiger Journalismus, welcher alles veröffentlichen darf, gepredigt, aber die Realität sieht ganz anders aus.

      1. Sie kann mutterseelenallein keine Kriegserklärung abgeben. Feststellen, dass es einen Kriegszustand gibt, kann die genau so gut wie Sie und ich.

        Und wenn der Guten auffällt, dass „wir“ uns in einem Krieg befinden, dann hat sie ausnahmsweise Recht. Möglicherweise das erste und einzige mal in ihrem ganzen verpfuschten Leben.

        1. Nein, das kann nur der Präsi, also wenn’s gültig sein soll.
          Grundsätzlich kannst du natürlich erklären du bist jung, hübsch und reich, aber es ändert halt nix.

          1. Naja reich war sie nicht, aber korrupt. Deshalb wurde ihr ja ein LSE Master für die Karriere spendiert, ein Kauftitel. Und die Aufnahmeregeln der LSE dafür gebrochen, die einen akademischen Grad für das ultrakurze Bezahlstudium forderten. Die Diplomvorprüfung in Politologie ist aber kein akademischer Grad, das steht auch in der Prüfungsordnung. Aber wenn Klaus Schwab mit dem Scheck winkt ..

        1. Exakt und weder das eine noch das andere ist bisher zwischen D. und R. eingetreten.

          Weissrußland ist so eine Sache. Die haben sich als Aufmarschgebiet und Stützpunkt für die Aggressoren prostituiert. Von deren Land aus wurde die Ukraine direkt angegriffen, aber von russischen Streitkräften.
          Scheinbar ist weder die Ukraine noch Weissrussland daran gelegen die Angelegenheit zu thematisieren.

    1. Was im letzten Absatz gesagt wird, ist das, was auch mich am meisten stört und oft genug erbittert.
      Hier im Westen mit seinen angeblich charakteristischen Werten leben wir in einem Zeitalter nie gekannter Heuchelei.

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