Lügen in Kriegszeiten: Der deutsche U-Boot-Skandal

U-Boot, Erster Weltkrieg
no name given, Public domain, via Wikimedia Commons

Im Juli 1918 kursierte in der Presse eine ungeheuerliche Geschichte über die teuflische Grausamkeit eines deutschen U-Boot-Kommandanten. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Menschen in halboffiziellen Positionen bereit waren, entweder absichtlich ein vages Gerücht zu erfinden oder es auszuarbeiten und ihm den Stempel einer authentischen Information zu versetzen.

Ein Buchauszug.

Sie erschien in mehr oder weniger gleicher Form in allen Zeitungen:

»Flottenzahlmeister Collingwood Hughes, R.N.V.R., von der Naval Intelligence Division der Admiralität, hielt gestern einen Vortrag im Royal Club am St. James’s Square und erzählte, dass eines unserer Patrouillenboote im Atlantik auf ein gesunkenes U-Boot gestoßen sei. Nach der Rettung der Besatzung erkundigte sich unser Kommandant bei dem Kapitän der Hun, ob alle sicher an Bord seien, da beabsichtigt war, das U-Boot zu sprengen.

›Ja‹, kam die Antwort, ›sie sind hier. Rufen Sie die Namen auf.‹ Jeder Deutsche antwortete. Der britische Befehlshaber wollte gerade abdrücken, um eine Wasserbombe abzuwerfen, als ein klopfendes Geräusch zu hören war.

›Sind Sie ganz sicher, dass niemand an Bord Ihres Bootes ist?‹, wiederholte er.

›Ja‹, erklärte der Kapitän der Hun.

Aber das Klopfen ging weiter, und der britische Offizier ordnete eine Durchsuchung des U-Boots an. Man fand darin vier gefangene britische Seeleute, die gefesselt waren. Die geretteten Deutschen wollten ihre Gefangenen ertrinken lassen.«
(Daily Mail, 12. Juli 1918)

Die Geschichte wurde von Kommandant Sir Edward Nicholl auf einer öffentlichen Versammlung in der Colston Hall in Bristol wiedergegeben, bei der auch der parlamentarische Sekretär der Admiralität anwesend war.

Colonel Wedgwood fragte den Ersten Lord der Admiralität, ob eines unserer Patrouillenboote vor kurzem die Besatzung eines gesunkenen U-Bootes gerettet hat, dessen Kapitän absichtlich vier britische Seeleute an Bord zurückgelassen hat, die ertrunken wären, wenn sie nicht das Klopfen gehört hätten und gerettet worden wären; und wenn dies der Fall ist, welche Schritte unternommen wurden, um gegen den Kapitän des U-Bootes vorzugehen.

Der Parlamentarische Sekretär der Admiralität (Dr. Macnamara): »Die Admiralität hat in der öffentlichen Presse offiziell erklärt, dass sie keine Kenntnis von diesem gemeldeten Vorfall hat und dass die Erklärung ohne ihre Befugnis abgegeben wurde.«

Colonel Wedgwood: »Sollen wir diese Aussage als Lüge, ohne jegliche Grundlage verstehen?«

Dr. Macnamara: »Wir haben erklärt, dass wir keine Informationen haben, die die abgegebene Erklärung bestätigen.«
(House of Commons, 15. Juli 1918)

Auf anschließende Fragen erklärte Dr. Macnamara, er stehe in Kontakt mit dem für die Erklärung zuständigen Beamten.

Colonel Wedgwood fragte den Ersten Lord der Admiralität, ob über die Geschichte des gesunkenen U-Boots schon berichtet wurde, und wenn ja, zu welchem Ergebnis man gekommen sei; und ob die Geschichte zum ersten Mal von einem Marineoffizier bei einem Treffen in der Colston Hall vor etwa fünf Wochen erzählt wurde, bei dem der parlamentarische Staatssekretär selbst anwesend war.

Dr. Macnamara: »Wir haben uns bemüht, diese Geschichte bis zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Flottenzahlmeister Collingwood Hughes scheint sie aus mehr als einer Quelle gehört zu haben. Er hätte sicherlich die Gelegenheit nutzen sollen, die sich ihm in seiner offiziellen Position bot, um sie zu überprüfen. Unserer Meinung nach entbehrt die Geschichte jeder Grundlage. Was den zweiten Teil der Frage anbelangt, so hat Kommandant Sir Edward Nicholl, Royal Naval Reserve, die Geschichte sicherlich im Rahmen einer Rede bei einem Treffen in Bristol erzählt, bei dem ich anwesend war. Ich erfuhr von ihm, dass er bei einer früheren Versammlung von Herrn Collingwood Hughes in Südwales anwesend war und die Geschichte bei dieser Gelegenheit von ihm vorgetragen, hörte.«
(House of Commons 23. Juli 1918)

Aber natürlich kommen in diesem, wie auch in anderen Fällen, auf eine Person, die die Leugnung bemerkt hat, tausend, die nur die Lüge gehört haben.

Arthur Ponsonby

Arthur Ponsonby, 1. Baron Ponsonby of Shulbrede (geb.1871; gest.1946) war ein britischer Staatsbeamter, Politiker, Schriftsteller und Pazifist. Zunächst war Ponsonby Mitglied der Liberal Party, für die er 1908 in das Unterhaus einzog. 1914 gründete Ponsonby mit anderen die „Union of Democratic Control“ (UDC). Ziel dieser Gruppe war es, den vermeintlichen militärischen Einfluss auf die britische Regierung zurückzudrängen und sich für den Frieden einzusetzen. Die UDC war insbesondere gegen die Zensur und die Einführung der Wehrpflicht anstelle des im Vereinigten Königreich üblichen Freiwilligensystems. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wechselte Ponsonby zur Labour Party (die er 1940 wieder verließ) und war seit 1922 wieder Mitglied des Unterhauses. Er war von 1934 bis 1937 Vorsitzender der „War Resisters International“.
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19 Kommentare

  1. Ja, im 1. Weltkrieg mag dies noch eine britische Propaganda-Lüge gewesen sein, aber im 2. Weltkrieg gab es weit grausamere reale Vorfälle mit Nazi-U-Booten, und deren Seekriegsverbrechen.

    Würde Admiral Dönitz nicht gerade auch wegen den Verbrechen seine NS-U-Boot-Kommandanten in Nürnberg zu Recht zu 10 Jahren Haft verurteilt?

    Gruß
    Bernie

    1. Der einzige U-Bootkommandant, der meines Wissens wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde, war Kapitänleutnant Heinz Eck,
      Kommandant von U 852, der 1944 den griechischen Dampfer „Peleus“ versenkte und anschließend die Überlebenden mit Maschinengewehren zusammenschiessen ließ. Dafür verurteilte ihn ein britisches Militärgericht 1945 zum Tode.
      Dönitz erhielt 10 Jahre, für die Führung eines Angriffskrieges. Zur Planung eines Angriffskrieges war er nicht zu verurteilen, da er aufgrund seiner niedrigen Dienststellung 1939 damit nichts zu tun hatte. Beim Vorwurf der Führung eines warnungslosen U-Bootkrieges wurde er vom amerikanischen Befehlshaber im Pazifik, Admiral Nimitz entlastet, der bezeugte, das er seinen eigenen U-Booten bei Beginn des Pazifikkrieges den warnungslosen U-Bootkrieg vom ersten Tag an befohlen habe. Damit war das vom Tisch. Der Befehl, der U-Bootkommandanten anwies, keine Schiffbrüchigen mehr zu retten, der sog.
      Laconia-Befehl, war schon problematischer. Dennoch liess sich das Gericht von der Verhängung einer höheren Strafe nicht überzeugen.
      Aber Nürnberg ist Dönitz betreffend nicht das Problem.
      Viel problematischer ist seine Funktion als überzeugter Nazi, der sich Addolff auslieferte, (Zitat:“Gegen den Führer sind wir alle kleine Würstchen!“)brutale Kriegsgerichtsurteile auch nach dem Krieg bestätigte und gnadenlos seine U-Boote und deren Besatzungen opferte, obwohl seid Mai 1943 diese keine Chance mehr hatten. Das mehr als dreiviertel der Ubootbesatzungen gefallen sind, ist in erster Linie Dönitz zuzuschreiben. Als Hitlers Nachfolger versuchte er den Krieg möglichst in die Länge zu ziehen, um möglichst viele deutsche Soldaten dem Zugriff der Sowjets zu entziehen, indem er sich bemühte, durch Teilkapitulationen die Westfront still zu legen und im Osten weiter zu kämpfen. Das Zivilisten in Millionenhöhe per Schiff gerettet wurden, ist zwar richtig, doch hatte dies von Seiten der Marineführung keine Priorität.
      Dönitz kapitulierte erst, als er von Eisenhower dazu gezwungen wurde.
      Dönitz war ein gnadenloser Nazi, der von Hitler hoch geschätzt wurde. Das er Dönitz zum Nachfolger ernannte, ist daher kein Zufall.
      Meine Quellen sind nicht Wiki, sondern einmal Dönitz selbst mit seiner Autobiografie und v.a. „Das deutsche Reich und der zweite Weltkrieg „, 10 Bände, herausgegeben vom militärgeschichtlichen Forschungsamt, Roskill, „The war at sea“ und diverse Erlebnisberichte, wie z.b. „Die eisernen Särge“ von Herbert A. Werner.

      Werter bernie, ich schätze ihre Einstellung und Ihre Kommentare sehr, aber in diesem Fall muss ich Ihnen, sehr ungerne, widersprechen.
      Bitte nehmen Sie mir das nicht übel!

  2. ……………. ja,in der Tat, wir Deutschen und unser Land sind und waren immer schon ein willfähriger Spielball der Anglo-Amerikanischen Großkapitalisten und ihrer Bankstergehilfen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn unser Bundeskasper malwieder seinen Hirnschluckauf bekommt und irgendwas sinnfreies, aber historisch Bedeutsames raushaut, dann grinsen seine BlackRockGangsterchefs und stellen einen opulenten Scheck aus für ihren deutschen Gauleiter, der sich selbst ja als zum gehobenen Mitelstand gehörig einstuft. Nein, …Schland ist und war immer der Rammbock gegen Russland,dem rohstoffreichsten Land der Erde…der Appetit der GB & US Kapitalisten ist immer noch vorhanden.Zwei Weltkriege haben ihn nicht stillen können,hmmmm…. da muss halt ein Dritter her.Der durch solche hirnlosen Knallchargen wie den Kriegsminister Pissoirius herbeigeschwätzt werden, was die Medien hergeben. Die nach Dietrich Bonhoeffer geschätzten 60 % Dummies in diesem Land werden brav lostotten ….. nix begriffen…..

  3. Ja, die „Fassbomben“ von Assads Schergen, die man in Schlafzimmern, direkt neben dem Ehebett fand, die unzähligen „Beweisvideos“ der ehrenwerten „White Helmets“ mit traumatisierten Kindern, die Massenentführungen ukrainischer Kinder durch Putins Schergen, das Massaker von Butscha, die Beschießung des größten Atomkraftwerks Europas durch Putins Truppen, die Europa in eine zweite „Tschernobyl-Katastrophe“ hätte stürzen können….
    wer kennt sie nicht, die Lügen aus den westlichen Propaganda-Abteilungen? Kriegspropaganda im systematischen Stil und unter Nutzung moderner Medien zur Verbeitung wurde übrigens nicht von Goebbels erfunden, sondern von den Anglo-Amerikanern und nicht umsonst schickte Hitler seine Leni R. erst einmal nach Hollywood, wo ihr bombastische, eindrucksvolle Film-Propaganda beigebracht wurde, denn dort saßen schon damals die Profis und Experten auf dem Gebiet 😉

    1. An Butscha fasziniert mich immer noch der phänomenale Freudsche Versprecher von Klitschko bezüglich der Russen auf „Safari“ in Butscha 😆

    2. Zu den Fassbomben fand ich interessant mal eine Google- oder Bing-Suche durchzuführen. Was wurde einem da in der Bildersuche präsentiert? Richtig. Die Hell Cannons (oder wie die Dinger hießen) der Terroristen. Also ebenfalls klassisches Muster: man bombardiert wem und schiebt es dann dem Gegner in die Schuhe. Übersetzt: der Westen hat die Terroristen geliefert, die haben das syrische Volk bombardiert – aus dem Nichts heraus – und dieses sollte glauben Assad war’s. Und heute heißt alles, was die offizielle Version (Kriegslügen) hinterfragt „Desinformation“ oder „russische Propaganda“.

  4. da gabs doch auch noch das „russische Uboot“ mit der amerikanischen Besatzung das sich auffällig oft an der schwedischen Küste zeigte, weil sie befürchteten das Olof Palme die Wahl gewinnen könnte und der den Amis nicht recht war. Das hatten sie sich über die Israelis besorgt, die das irgendwo bei den Arabern angekauft hatten.
    Das dämlichste war, das die Amis mit ihrem russischen Uboot dann noch in einen Fjord gefahren sind und stecken blieben. Dann musste die Schwedische Marine die Amerikaner in ihrem russischem Uboot wieder heraus ziehen ohne das jemand merkt da dies keine Russen waren. Auch das war reine Propaganda um die Wahlen in Schweden zu manipulieren. Dazu haben sie die Schweden über die Medien aufgerufen Ausschau nach Russen-Uboote zu halten und zu melden. Die sahen dann auch jede Menge russische UBoote und Olof Palme verlor die Wahl.

  5. Mit etwas militärischem Sachverstand hätte man das ja einordnen können. Ein U-Boot macht gegnerische Gefangene? Hat es das denn jemals gegeben?
    Das U-Boot versenkt gegnerische Schiffe und verschwindet dann so schnell wie möglich, unter Wasser. Eine Aufnahme gegnerischer Matrosen ist da völlig ausgeschlossen.
    Die Altvorderen waren keineswegs besser in der Fakenewsabwehr. Im Gegenteil.

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