Logik der Zerstörung – Der Ukraine-Konflikt und die Eigengesetzlichkeit des Krieges

Kriegsversehrte, bei Dresden.
Deutsche Fotothek‎, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Kriege erreichen selten den angezielten Zweck. Was sie aber garantieren ist Massensterben und flächendeckende Zerstörung.

Viele kennen ihn aus ihrer Schulzeit: Michael Kohlhaas, der Held der berühmten Erzählung Heinrich von Kleists. Er handelte nach der Devise: „Es soll Gerechtigkeit geschehen und gehe auch die Welt daran zugrunde.“ Ohne Weiteres könnte Heinrich von Kleist ein Zeitgenosse sein, der das Verhalten westlicher Regierungen im Ukraine-Krieg beurteilt. Jedenfalls klingt deren Selbstrechtfertigung ganz nach Michael Kohlhaas: Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist völkerrechtswidrig, daher muss er zurückgeschlagen werden, koste es, was es wolle. Ob die Welt daran zugrunde geht, kümmert uns nicht.

Doch je länger sich dieser Krieg hinzieht, desto weniger rechtfertigt er ein solches Vorgehen. Nicht nur deshalb, weil hinter den westlichen Prinzipien auch Interessen stehen, diejenigen der USA und der Nato vor allem, sondern schlicht, weil er ein Krieg ist. Längst befinden sich daher beide Seiten im Unrecht: der Angreifer selbstverständlich, weil er die miserabelste aller möglichen Optionen gewählt hat, die Verteidiger, weil sie gerade auch dort eine Niederlage einstecken werden, wo sie sich überlegen fühlen: nämlich im Hinblick auf die Moral.

Das hat einen einzigen triftigen Grund: Man kann Moral und Sicherheit nicht kriegerisch mit Waffengewalt durchsetzen, auch nicht in der Verteidigung. Zwar erleben wir in Deutschland gerade die Renaissance dieses uralten Irrtums. Wieder glauben Politiker, Sicherheit sei ein Resultat aus Rüstung und der Entschlossenheit, notfalls Krieg zu führen.  Aber dieser Glaube ist falsch. Er ignoriert schlicht die neuere Kriegsgeschichte. Seit etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich gezeigt, was Kriege zunehmend sind: nämlich technisierte Veranstaltungen zur Massentötung. Nur manchmal beginnen sie, indem Soldaten auf Soldaten schießen und die Angelegenheit rein militärische bleibt. Aber je länger sie dauern, desto zwangsläufiger eskalieren sie und schließlich bleiben weit mehr Zivilisten auf der Strecke als Kombattanten. Das gilt auch für Verteidigungskriege. Denn es herrscht ein Ansteckungseffekt, der den Verteidigern nahelegt, die Methoden des Angreifers zu übernehmen. Ist der Angreifer brutal und grausam, wird es bald auch der Verteidiger sein, und eskaliert die eine Seite nach Kräften, wird schließlich auch die andere zur Bestie. Der Teufelskreis der Zerstörung erfasst im Ergebnis beide Seiten. Alles endet oft erst, wenn alle Seiten erschöpft sind, weil einfach nichts mehr geht.

Moral bombing

Das bekannteste Beispiel für eskalierende Brutalität kennen wir aus dem Zweiten Weltkrieg: „moral bombing“. Es ging um eine Verteidigungsanstrengung, deren Methode der britische Regierungschef Winston Churchill den Deutschen abgeschaut hatte, das „moralische Bombardieren“. Dabei wollte er weniger deutsche Militärdepots oder Industrieanlagen zerstören, gezielt hatte er es auf die Zivilbevölkerung abgesehen. Mit Unterstützung der US-Air-Force wurden die Innenstädte Deutschlands erst so richtig malträtiert, als der Sieg der Alliierten schon sicher war.[i] Die Zerstörung Dresdens zwischen dem 13. und 15. Februar 1945 forderte mindestens 25 000 Opfer. Menschen, die auf die Elbwiesen oder in die Parks geflüchtet waren, wurden durch US-Jagdbomber verfolgt und niedergeschossen, auch Kolonnen, die deutlich sichtbar mit dem Roten Kreuz markiert waren.[ii]

„Moral bombing“ – die Perversion des Wortes „Moral“ in diesem Kontext meinte freilich die Unterstützung des Regimes durch die deutsche Bevölkerung. Mit Werten hatte es allenfalls insofern etwas zu tun, als die Deutschen mehrheitlich nun mal ihren Führer zu lieben schienen, ein kollektiver Irrsinn, den ihnen auch die Flächenbombardements nicht austreiben konnten. Dazu brauchte es die Besetzung ganz Deutschlands. Und in diesem Fall hatte militärisches Eingreifen vergleichsweise günstige Auswirkungen. In der Regel aber führt Krieg irgendwann lediglich zu einer einzigen positiven Konsequenz: nämlich dass der Krieg zu Ende ist.

Vernichtungsfeldzüge

Denn Kriege nützen weder Feind noch Freund. Verrechnet man die Kosten mit dem Nutzen, so bleibt in nahezu allen Fällen ein deutliches Minus. Bilanzfälschung ist es, diesen Tatbestand zu leugnen. Das gilt vor allem für den ungeheuren Schmerz, den Kriege auslösen, auch wenn Leid nicht in Zahlen ausdrückbar ist. Wer hier moralisch bleiben will, muss den Krieg vermeiden oder wenigstens abkürzen, wenn er denn schon ausgebrochen ist.

Nehmen wir den Koreakrieg (1950 – 1953). Ein gerechter Krieg, wenn man so will. Er begann, nachdem der kommunistische Norden den Süden angegriffen hatte. Notdürftig durch die UNO legitimiert, artete die Verteidigung gegen den Angreifer geradezu in Völkermord aus. Bis der Angreifer zurückgeschlagen werden konnte, waren – wie der Historiker Bernd Stöver berichtet – fast sämtliche großen „Städte Nordkoreas durch Spreng- und Brandbomben faktisch dem Erdboden gleichgemacht – Kraterlandschaften mit bis zu 90-prozentiger Zerstörung.“ Von sonstigen Massakern der Verteidiger abgesehen, wurde Dutzende Dörfer und kleine Städte durch Napalmbomben praktisch ausgelöscht. Schreiend suchten sich die Menschen zu retten und es hing ihnen – wie Augenzeugen berichten – die Haut „wie frittierte Kartoffelchips“ herunter. Brennt Napalm erst einmal, kann es nicht mehr gelöscht werden. Es verzehrt sich auf dem Körper der Getroffenen, die unter entsetzlichen Schmerzen sterben. 3,3 Millionen Liter warfen US-Bomber allein zwischen Juni und Oktober 1950 über Korea ab.[iii]

Selbstverständlich ist dieses Ausmaß der Massakrierung von Zivilisten eher zufällig vorwiegend der US-Kriegsmaschine anzulasten, weil die andere Seite nicht über die Technik verfügte, um ebenfalls großflächig zur Massenvernichtung überzugehen. Seit der Industrialisierung des Krieges, seiner Entgrenzung und Totalisierung gibt es keine Guten und Bösen mehr, sobald es ernsthaft zum militärischen Schlagabtausch kommt. Ob im Vietnamkrieg unterschiedslos einfach Leichen gezählt wurden – das Bodycount-Verfahren, weil man zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten gar nicht mehr unterscheiden konnte – immer ging es um Ausrottung nicht zuletzt von Zivilisten. Search and destroy, suchen und vernichten, war die Devise. Gefunden wurden Menschen in ihren Dörfern und Arbeitende auf den Feldern. Aus den Hubschraubern heraus konnte man sie niederknallen.

Search and  destroy

Kein Wunder war es daher, dass man sowohl in Korea als auch in Vietnam darüber nachdachte, atomar Hiroshima und Nagasaki zu wiederholen. Denn neben der Abschreckung durch Terror ging es um die Ausblutung des Nachschubs. Dieser bestand neben der Technik und den Waffen aus Menschen, Söhnen und Töchtern von Müttern, die sie geboren und aufgezogen hatten. US-Soldaten erschossen in Vietnam vor allem auch junge Mütter und Kinder aller Altersstufen, denn sie konnten, erwachsen geworden, zu den Vietcong, dem Gegner, überlaufen.

Ein Soldat aus der Truppe jenes Offiziers, William Calley, die das Dorf My Lai massakrierte, eines von vielen Dörfern, die dran glauben mussten, sagte folgendermaßen aus: „Wenn wir die Mütter töten, die Frauen, werden sie keine Vietcong mehr produzieren. Und wenn wir Kinder töten, werden sie nicht zu Vietcong heranwachsen. Und wenn wir alle töten, wird es am Ende keine Vietcong mehr geben.“[iv] Vielleicht war das auch die Devise des US-Marine Corps beim Haditha-Massaker während der Besetzung des Irak 2005. Als Vergeltungskation wurden 24 irakische Zivilisten, auch Frauen und Kinder, exekutiert, darunter ein einbeiniger Mann im Rollstuhl.[v]

Ruchlose Killer

Freilich hängt es nur vom Ausmaß der Informiertheit ab, welche Massaker bei welchen Kriegsparteien jeweils aufgelistet werden können. Stets alle Kriegsteilnehmer unterliegen jener Barbarisierung, die schlicht ein Merkmal moderner Kampfhandlungen ist. Es ist der Krieg selbst, der solche Verbrechen hervorbringt. Und wer heute noch ein braver Oberschüler ist, der seinen Eltern Freude bereitet, ist morgen als Soldat ein ruchloser Killer, der auch mal an einer Vergewaltigung teilnimmt. Gerade Letzteres gehört bei Kriegen seit alters her zum Brauch und bleibt in der Regel das klamme Geheimnis von Kriegsheimkehrern.[vi] Wie etwa der Folter- und Vergewaltigungsskandal Abu Ghuraib im von den USA besetzen Irak 2004 zeigt, findet so etwas gerne in jener Grauzone statt, die regelhaft von oben legitimiert wird. Augenzwinkernd wird sie von dort als „nützlich“ eingestuft. Denn der Gegner soll ja nicht den Eindruck gewinnen, er habe es auf der anderen Seite mit Betschwestern zu tun.

Kurz und gut: Kriege, moderne Kriege, unterliegen einer Eigengesetzlichkeit. Wer sich einbildet, man könne daran teilnehmen und dabei sauber bleiben, kennt die Welt nicht. Weltfremd ist auch die Illusion, erst die direkte Tötung des Gegners sei eine „Teilnahme“, Waffenlieferung nicht. Getötet wird im modernen Krieg lange, bevor es schließlich zum gegenseitigen Abschlachten kommt. Churchill forderte im Juli 1944 den britischen Generalstab auf, „Deutschland mit Giftgas zu durchtränken“.[vii] Irgendwer hätte das Zeug herstellen müssen, denn Krieg beginnt mit der Produktion.

Krieg der Fabriken

Moderne Kriege beruhen auf einer engen Symbiose von Kampfzone und Hinterland. Weit mehr Zivilisten als Soldaten sind an dieser Kooperation beteiligt, so wie auch weit mehr Zivilisten zu Opfern werden als Soldaten. Das beginnt mit der ideellen Unterstützung von Kriegen im „Hinterland“, ausgelöst durch psychologische Kriegsführung und hat seinen

Schwerpunkt in der Fabrikation von Tötungswerkzeug. Massenherstellung, weltweiter Waffenhandel, Zulieferung aus allen Richtungen generieren nicht nur Einkommen und exorbitante Gewinne, sondern führen auch dazu, dass die Produkte im Kreislauf der Gewalt immer wieder nachgefragt werden.

Wie es der Friedens- und Konfliktforscher Jochen Hippler ausdrückt – wird „der Krieg nicht mehr nur zwischen Streitkräften, sondern auch zwischen Fabriken geführt“.[viii] Und zwischen den klügsten Köpfen der Wissenschaft sollte angefügt werden. Ohne den deutschen Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber hätte es vielleicht keinen Gaskrieg gegeben. An der Front 1915 legte er selbst die Punkte fest, von denen aus das Massenvernichtungsmittel „ausgeblasen“ werden sollte. Klar, dass seine Methode sofort von der anderen Seite übernommen wurde.

Eines folgt daraus: Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Front und Hinterland. Zulieferung kommt von allen Seiten, und wer zuliefert ist dabei. So gesehen ist Krieg heute auch ein Effekt der Globalisierung. Welche Waffensysteme dabei aus welchen Gründen gegen wen gerade eingesetzt werden, hängt davon ab, wer sie bezahlen kann. Jedenfalls sorgt Krieg dafür, dass ausreichender Verbrauch stattfindet, der die Rüstungsindustrie Brummen lässt und Arbeitsplätze schafft.

Das ist auch der eigentliche Grund dafür, dass moderne Krieg dazu neigen sich auszuweiten und in die Länge zu ziehen. Putin hatte das offenbar vollkommen vergessen. Afghanistan war in neuerer Zeit zweimal Opfer von „Spezialoperationen“, einer sowjetischen und einer US-geführten. Die erste dauerte zehn und die zweite 20 Jahre, und beide endeten mit einer Niederlage. Wie speziell die Operationen auch immer waren, sie scheiterten, weil allenfalls Menschen vollkommen ausgerottet werden können, aber niemals Waffen.

Andererseits ist nicht jedem starken Gegner, auch wenn man ihn über Jahre bekämpft, in jeder Situation eine Niederlage beizubringen. Zum Glück beendeten weder die Sowjetunion noch der Westen ihre Afghanistan-Abenteuer mit der Zündung von Atombomben. Ob das im Ukrainekrieg so laufen wird, bleibt abzuwarten. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat hat recht: Atommächte sind nicht wirklich zu besiegen. Man ist von deren gutem Willen abhängig, ob sie sich besiegen lassen oder ob sie glauben, den ganz großen Knall auslösen zu müssen.

Blutpumpen

Denn die Eigendynamik von Kriegen ist ein eisenharter Faktor. Kommt es nicht zum Äußersten, so stellt sich wenigstens die Frage, welche der Kriegsparteien zuerst ausgeblutet ist. Trotz aller Technisierung sind Kriege immer noch „Blutpumpen“, ein Wort das im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht um Verdun entstanden war. Die „Tötungsdichte“, ein weiteres Unwort, lag bei Verdun insgesamt bei etwa 35 000 jungen Männern, eine Zahl die im Ukrainekrieg übrigens längst überboten ist. Denn was sind Soldaten anderes als junge Zivilisten, die man in Uniformen gesteckt hat? In der Blutpumpe werden sie dann in ihre biochemischen Bestandteile zerlegt, eine grausige Einsicht, die in ihrer Härte offenbar nur Pazifisten nachvollziehbar ist, denn die Illusionisten militärischer „Lösungen“ blenden sie aus.

Leider neigen wir unterdessen wieder dazu, Krieg und Rüstung als förderungswürdig anzusehen, sofern sie für einen guten Zweck in Anschlag kommen. Aber gute Kriegszwecke gibt es nicht. Kriege sind Mittel, die jeden Zweck verschlingen und alle guten Absichten zunichtemachen. Wie gesagt: auch Verteidigungskriege. Fast berechenbar an Kriegen ist nur eines: sie laufen aus dem Ruder und hinterlassen flächendeckendes Elend. Selten machen wir die Rechnung auf: Welche Tötungsdichte ist gerechtfertigt für ein Stück Land, das anschließend hierhin oder dorthin gehört, sagen wir aktuell zur Ukraine oder zu Russland? Welches Gemetzel muss sein, damit eine Überzeugung bestätigt wird oder die Zukunft sich unseren Erwartungen fügt? Michael Kohlhaas wurde jedenfalls hingerichtet. Er hatte zu lange für „Gerechtigkeit“ gekämpft.

 

Fußnoten

[i]           Lothar Fritze, Die Moral des Bombenterrors, Aliierte Flächenbombadements im Zweiten Weltkrieg, München 2007, S. 246.

[ii]          Hermann Knell, Untergang in Flammen, Strategische Bombenangriffe und ihre Folgen im Zweiten Weltkrieg, Würzburg 2006, S. 243f.

[iii]         Bernd Stöver, Geschichte des Koreakriegs. Schlachtfeld der Supermächte und ungelöster Konflikt, München 2013, S. 99ff.

[iv]         Zit. nach: Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten, Die USA in Vietnam, Hamburg 2007, S. 330.

[v]          Wikipedia: Massaker von Haditha

[vi]            Christina Lamp, Unsere Körper sind euer Schlachtfeld, Frauen, Krieg und Gewalt, München 2020.

[vii]        Karl Heinz Metz, Geschichte der Gewalt, Krieg, Revolution, Terror, Darmstadt 2010, S. 127.

[viii]       Jochen Hippler, Krieg im 21. Jahrhundert, Militärische Gewalt, Aufstandsbekämpfung und humanitäre Intervention, Wien 2019, S. 105.

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9 Kommentare

  1. Ein Mensch hält Not und Krieg und Graus,
    kurz um – ein Hundeleben aus.
    All dies gilt es zu verhindern,
    dass Gleiches geschehe seinen Kindern.
    Besagte Kinder werden später,
    selbst Eltern – werden Väter,
    und halten Not und Krieg und Graus ….
    Wer denken kann, der lernt daraus.

  2. Der unsinnigste Satz, in diesem von Unsinnigkeit durchzogenen Text ist folgender: „Selbstverständlich ist dieses Ausmaß der Massakrierung von Zivilisten eher zufällig vorwiegend der US-Kriegsmaschine anzulasten, weil die andere Seite nicht über die Technik verfügte, um ebenfalls großflächig zur Massenvernichtung überzugehen.“ Wenn etwas selbstverständlich ist, dann eher das Gegenteil. Als Deutscher sollte er wissen, dass sein Argument eine lächerliche Falschaussage darstellt.

    Nein, es gibt keine Möglichkeit, die äusserste Menschenverachtung des u.s.-amerikanischen Imperiums irgendwie zu relativieren. Die usa haben als erste zwei Atombomben eingesetzt, um die Russen von Japan fernzuhalten, sie haben immer wieder bedenkenlos Napalm eingesetzt, in jüngeren Zeiten DU-Munition, die das Potential hat, ganze Regionen nachhaltig radioaktiv zu verseuchen. Saddam haben sie im Krieg gegen den Iran geholfen, einen ökologischen Krieg zu führen (Austrocknung des Shatt al-Arab) und so weiter. Die Liste wäre endlos.

    Zudem sind sie immer wieder Kriegsauslöser. So auch im aktuellen Fall. Es gibt keinerlei ethisch vertretbare Begründung für das Heranrobben der nato an die russischen Grenzen. Man konnte sich darauf verlassen, dass Russland, unter wessen Führung auch immer, so reagieren würde. Die usa selbst wären die ersten, die aggressiv auf eine Annäherung, gar ein Erreichen ihrer Grenzen durch einen als feindlich gesehenen Staat, reagieren würden. Stichwort Kubakrise. Ein anderes Beispiel dafür, dass Grossmächte feindliches Militär an ihren Grenzen nicht tolerieren, ist der im Text seltsam verzerrt thematisierte Koreakrieg. Als McArthur sich der chinesischen Grenze näherte, griffen die Chinesen ein und drängten die u.s.+-Streitmacht wieder zurück. Das kostete ca. 1 Million Chinesen das Leben, entfernte aber die erneut dräuende westliche Gefahr.

    Der aktuelle Krieg findet in der Nähe der russischen Grenze statt, ja ist punktuell übergeschwappt. Noch steht die russische Regierung auf der Bremse. Sollten die Angriffe aufs russische Hinterland aber zunehmen, wird sich das angelegentlich ändern und der dritte Weltkrieg endgültig beginnen. Und die westlichen Führungen werden ihn in Kauf genommen haben.

    Es gibt keine Rechtfertigung für die Invasion Koreas, es ging, wie die konkrete Kriegsführung deutlich machte, einzig und allein um die Definition der Grenze zwischen den Kontrahenten des Kalten Krieges, ganz gewiss nicht ums Wohl der koreanischen Bevölkerung. Ein innerkoreanischer Krieg wurde internationalisiert, die Intervention als ‚Polizeiaktion‘ verharmlost. Und so ist es immer, auch im gegenwärtigen Krieg. Das Imperium versucht seinen Status aufrechtzuerhalten, die andere Seite hält dagegen. Mit Moral, Menschrechten usw. hat das alles nicht das Geringste zu tun. Schnöde Macht- und Wirtschaftsinteressen entscheiden. Was sie dir im Kindergarten erzählen, doch bitte Konflikte friedlich, gewaltfrei etc. – ein Anspruch, der schnell aufgegeben wird, ist man selbst betroffen. Auch Gewaltlosigkeit ist nur ein Mittel zum Zweck, oft auch nur ein Euphemismus, da lediglich auf die Abwesenheit physischer Gewalt bezogen. Entscheidend sind die Machtverhältnisse und in Kriegen werden sie aktualisiert.

    So halten es die Menschen spätestens seit Entstehung staatsartiger gesellschaftlicher Überbaue. Etwas hat sich allerdings geändert, der technische Fortschritte hat Waffen hervorgebracht, die die Menscheit als Ganze in Gefahr bringt. Im aporiegeplagten kapitalistischen System kommt es aber weiterhin periodisch zu Grosskrisen, die nur durch einen Zerstörungs-Reset ‚gelöst‘ werden können. Damit stehen wir vor einem neuen, im gegebenen Setting unauflösbaren Widerspruch. Was rettet, rottet uns aus.

  3. „Das ist auch der eigentliche Grund dafür, dass moderne Krieg dazu neigen sich auszuweiten und in die Länge zu ziehen. Putin hatte das offenbar vollkommen vergessen. Afghanistan war in neuerer Zeit zweimal Opfer von „Spezialoperationen“, einer sowjetischen und einer US-geführten. “

    Kriege sind keine Subjekte und können darum nicht handeln. Menschen handeln und ihr Handeln wird durch ihre Potentiale begrenzt. Ohne Hilfe von Aussen wäre die Ukraine schon lange besiegt worden. Es ist die westliche Hilfe, die den Krieg verlängert mit allen Schäden, die dazu gehören in der Ukraine, in Russland und anderswo auf der Welt und es ist nicht die Moral, der hier gedient wird, sondern einzig den Interessen der verbliebenen Supermacht.

    Afghanistan ist im ersten Fall genau wie die Ukraine heute Schlachtfeld der geostrategischen Interessen unser beliebten Supermacht gewesen. Abgesehen davon ist erhellend, wie oft im Bericht die kriegerischen Methoden genau dieser Supermacht und der Briten erwähnt werden. Zufall ist das nicht.

  4. Im übrigen verschwimmen ja längst die Grenzen zwischen kaltem und heißem Krieg. Die Sanktionen, mit denen die USA und der ihnen unterwürfige Westen viele Länder überziehen, erzeugen ebenso unglaubliches Elend und zahllose Tote.
    Das wird gerne übersehen, weil ja noch keine unmittelbar tödlichen Waffen eingesetzt werden, außer es kommt mal in einem Gespräch mit Fischers angehimmelter Außenministerin Albright zur Sprache, die 500 000 irakische Kinder letztlich nicht der Rede wert findet.

  5. Ich meine, dass zum Krieg viel Unsinn geschrieben wurde. Für sich genommen wird es kein Krieg geben, es muss immer die Interessen einer Partei verletzt werden und das so das sich die Partei am Untergehen sieht.
    Es geht auch immer um die Wirtschaft. Es muss auch kein Geld da sein. Die Ukraine lebt von Schulden. Deshalb ist auch kein Ziel für den Krieg zu sehen. Der Vorlauf für den Krieg sind die Sanktionen, dass die nun nicht die erhoffte Wirkung zeigten, wurden immer mehr Sanktionen heraus gekramt. Das nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen China. Beide Länder haben es hinbekommen, die Globalisierung, jetzt Abhängigkeit genannt, durch Entwicklung der Produkte, die nicht mehr geliefert wurden, selbst herzustellen. Da wird auch viel vertuscht bzw. nicht von berichtet. https://www.jungewelt.de/artikel/440375.%C3%B6kologie-und-energiewende-die-gr%C3%BCne-hoffnung.html
    Eine Großtat der SPD zustimmen zu den Kriegskrediten. Danach hieß es dann auch „Nach dem deutschen Tank, kommt die Dresdener Bank“, die überfallenen wurden gezwungen deutsche Anleihen zu kaufen.
    So kann im Ändern der Währung, in der gehandelt wird, auch ein Stück Krieg gesehen werden. Was wird mit den USA und ihrer Verschuldung, wenn es keine Dollar mehr braucht um Rohstoffe zu kaufen.
    Wie sehr die Gründe zur Einmischung in innere Angelegenheiten andere Länder lächerlich sind, kann bei den Grünen, besonders bei der Außenministerin gehört werden.
    Viel Erstaunliches, der Staat gibt Milliarden, um Waffen zu kaufen und Hungersnöte zu schaffen. Das Betteln um Spenden, damit die Menschen nicht verhungern, bevor sie durch Waffen verletzt werden, machen die Deutschen gerne mit. das gute es werden immer weniger.

  6. Mal etwas summarisch gesagt: Keine Kriegslogik entspringt dem Krieg selber sondern setzt kriegsführende Staaten voraus mit amtlich bestallten Staatsführern, die ihre Konkurrenz zu anderen Staaten austragen und damit zur Wahrung ihrer Interessen gegeneinander antreten (und auch den Befehl zum Militäreinsatz geben). Es geht auch nicht um Moral in dem Sinn, dass das Kräftemessen in einem Fall quasi völkerrechtskonform in Ordnung geht, im anderen Fall wegen fehlendem Rechtstitel das reine Verbrechen ist. Es gibt auch mE keine kriegsimmanente Expansionsspirale, die die Kombattanten ergreift und die Soldaten zu grenzüberschreitenden Handlungen verleitet. Das Babarische oder Rücksichtslose ergibt sich aus dem Job, den die kämpfenden Einheiten zu erledigen haben: Feind mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erledigen. Das war auch in früheren Epochen so und ich kann nicht erkennen, wieso frühere Militärs ohne Napalm und Nuklerawaffen weniger brutal unterwegs waren, wie die GIs oder sonstige Kämpfer. Gut, der x-fach Overkill durch Atombomben ist eine technische Errungenschaft moderner Kriegsführung. Ob so ein ultimativer Waffengang wegen Gefahr von Selbstzerstörung tatsächlich ein taugliches Mittel zum Erreichen von Kriegszielen ist, wage ich zu bezweifeln. Zwischengedanke: Der taktische Einsatz speziell zugeschnittener Nuklearwaffen fällt da vielleicht nicht drunter. Die kontrollierte Teilpulverisierung des Planeten gehört sicherlich in die Planungsunterlagen der Militärs. Insofern: Kriege sind in der Tat barbarisch, entscheidend sind aber die Kriegsgründe und die liegen außerhalb des Krieges in der Konkurrenz der Staaten.

  7. „Das Babarische oder Rücksichtslose ergibt sich aus dem Job, den die kämpfenden Einheiten zu erledigen haben: Feind mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erledigen. Das war auch in früheren Epochen so und ich kann nicht erkennen, wieso frühere Militärs ohne Napalm und Nuklerawaffen weniger brutal unterwegs waren, wie die GIs oder sonstige Kämpfer.“

    Auch frühere Kriege, also, wie der Autor sagt, vor der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren natürlich brutal und konnten unendlich grausam sein, z.B. der 30jährige Krieg und Hunderte Andere. Ein wesentlicher Unterschied bei diesen früheren Kriegen war aber der immer relativ nahe physische Kontakt zwischen den Kämpfenden. Bis zur Erfindung der Feuerwaffen musste man dem Gegner in der Regel noch sehr nahe kommen um in zu verletzen oder umzubringen. Und selbst die ersten Feuerwaffen brachten noch keine Distanz, die einen physisch und damit auch emotional völlig unberührt lassen konnte.
    Moderne Kriege hingegen sind in Teilen schon so mechanisiert, automatisiert und industriealisiert, dass Vieles darin, auch das Töten, abstrakt wird, und damit umso grausamer und unmenschlicher, weil ohne jeden Bezug von Mensch zu Mensch.

    Es ist wenig ähnlich wie moderne, industrialisierte Massentierhaltung. Würden wir alle unsere Tiere genau so selber halten und sie so in der Menge und der gleichen Art töten, wie es zur Zeit andere und die Industrie für uns machen? Wohl kaum. Es würde ganz anders ablaufen. Wir würden ganz anders mit den Tieren umgehen.
    Und so ähnlich ist es mit den modernen Kriegen. Würden sich Russen und Ukrainer mit Speeren, Schwertern und allenfalls noch Pfeil und Bogen gegenüber stehen, wäre das natürlich etwas ganz anderes, auch in der Form und dem Maß der Grausamkeit

    1. Hi Two Moon,

      würden sich nur Ukrainer und Russen gegenüber stehen, wäre der Krieg schon lange vorbei. Es stehen sich aber nicht nur die beiden Volksgruppen gegenüber. Der Krieg ist schon lange zu einem gestandenen Weltkrieg ausgewachsen, doch keiner spricht darüber.

      In Polen werden Kriegsfriedhöfe nach amerikanischen Stil angelegt, denn die kämpfen und sterben zu tausenden in der Ukraine. Das gleiche gilt für andere Nationen in wahrscheinlich geringerer Anzahl. Hinzu kommt aktive Erkundung und die Bereitstellung von Aufklärungsdaten von US- und NATO-Militärpersonal für die internationale Kampftruppe in ukrainischen Uniformen. Wenn man die gleiche Lesart wie die Osteuropa-Expertin Franziska Davies von der Ludwig-Maximilians-Universität zum Vortrag von Gabriele Krone-Schmalz an der Volkshochschule Reutlingen über Russland und die Ukraine (1) und dem Bürgerkrieg in Donbass anwendet und mit den Mitteln der NATO-Staaten im momentanen Ukrainekrieg vergleicht, kann man nur feststellen, dass die NATO an der Seite der Ukraine gegen Russland kämpft, also aktiver Kriegsteilnehmer ist und somit ein WELTKRIEG bereits stattfindet!

      Und würden die Russen so kämpfen wie die USA hätten wir nicht nur gefallene ukrainische Kämpfer im sechsstelligen Bereich sondern auch diese Anzahl an getöteten Zivilisten. „Seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar sind nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft mehr als 8.300 Zivilisten getötet worden. Unter ihnen seien 437 Kinder, teilte Generalstaatsanwalt Andrij Kostin nach Angaben des Internetportals „Unian“ mit. Mehr als 11.000 Menschen seien in dem fast neun Monate andauernden Krieg verletzt worden. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte Kostin zufolge aber höher liegen, da ukrainische Behörden zu einigen von Russland besetzten Gebieten noch keinen Zugang hätten. (BR24 Redakrtion 20.11.2022, 12:51 Uhr) (2)“ Im Vergleich zu dieser Zahl mal die Schätzung von Physicians for Social Responsibility (PSR), eine angesehene NGO mit Sitz in Washington DC welche zu der Aussage kommt, die NATO und USA ermordeten 4 Millionen Zivilisten seit 1990 in ihren Kriegen. Wer hier keinen Unterschied zwischen Russlands Kriegsführung und der der USA und NATO erkennen will oder kann, ….
      Und wenn unsere Medien heute von einer „brutale, völkerrechtswidrige Form der Kriegsführung Russlands“ (1) schreiben, wie muss man dan die Kriegsführung der NATO und der USA in ihren Kriegen beschreiben? Wer hat solche Zeilen von diesen Journalisten über die viel tödlichere Kriegsführung des US-Militärs geschrieben? Kennt jemand einen vsolchen Journalisten oder kennen wir nur Propagandisten?

      (1) https://www.t-online.de/region/stuttgart/id_100089190/gabriele-krone-schmalz-wissenschaftlerin-zerlegt-ihre-russland-thesen-10533174.html
      (2) https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/ukraine-krieg-mehr-als-8-300-zivilisten-getoetet,TNinxgG

  8. Ein friedensbewegter Artikel, aber schon der Anreißer ist falsch. Selbstverständlich erreichen die meisten Kriege den angepeilten Zweck. Insbesondere Stellvertreterkriege, die somit nicht auf eigenem Territorium geführt werden.

    Selbst verlorene Kriege machen die Oberschicht in den meisten Fällen noch reicher. Und Stellvertreter-Kriege sorgen durch Ankurbelung der Wirtschaft dafür, dass auch ein paar Krümel bis zur Unterschicht durch bröseln.

    Sofern in dem Krieg ein paar Söldner aus der eigenen Unterschicht drauf gehen: geschenkt. Die Unterschicht hat ohnehin keine Stimme. Mit den Kriegsfolgen in den verwüsteten Gebieten dürfen sich die Nachbarländer herumschlagen. Win – win, sozusagen.

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