
Antizionismus ist nicht Antisemitismus.
Kaum ein Jahrzent vor Herzls berühmt-berüchtigtstes Buch Der Judenstaat erschien in Odessa ein Buch eines jüdischen Arztes, Dr. Leon Pinsker, mit dem Titel Autoemanzipation. Es war wohl das erste zionistische Buch, wenn man von der Pessach-Hagada absieht, in der als letzter Satz steht: Nächstes Jahr in Jerusalem. Diesen Satz haben die Juden jahrhundertelang jährlich am Ende des Pessachfestes gelesen und gesprochen.
Trotzdem wird als erstes zionistisches Buch schlechthin Herzels Judenstaat anerkannt. Seitdem sind unzählige zionistische Bücher erschienen und Bücher über den Zionismus von Juden und Nichtjuden. 2009 erschien in drei Bänden die Trilogie des britischen, nicht-jüdischen Autors Alan Hart unter dem Titel Zionismus: Der wirkliche Feind der Juden.
Die orthodoxen Juden waren von Anfang an gegen den Zionismus, der für sie tatsächlich ein Feind des Judentums war. Sie bekämpften ihn bis aufs Blut und erst nach der Gründung des Staates Israel arrangierten sich Teile des orthodoxen Judentums mit dem Zionismus und den Staat Israel, während andere bis heute den Staat Israel nicht anerkennen.
Endet der Zionismus in einer Tragödie?

Antizionistische Bücher sind weniger bekannt und erst recht nicht von Juden. Jahrzehnte nach der Gründung des Staates Israel war der Zionismus wie eine Heilige Kuh, besonders in Deutschland, die man nicht anfassen und auch nicht beleidigen darf. Kritik am Zionismus galt viele Jahre und Jahrzehnte als Antisemitismus. Und keiner wollte nach dem Holocaust ein Antisemit sein, schon gar nicht die Juden.
Das hat sich seit einem viertel Jahrhundert geändert. Jüdische Historiker und besonders israelische fingen an den Zionismus und besonders den Staat Israel wegen seiner antipalästinensischen und vor allem kolonialistischen und rassistisch und völkerrechtswidrigen Politik zu kritisieren. Die jungen, wilden Historiker Israels wie Ilan Pappe, Avi Shlaim und Simcha Flappan u.a. machten auf die kriegsverbrecherischen Taten der israelischen Armee aufmerksam und distanzierten sich vom Zionismus. Manche, wie Avi Shlaim bekannten sich auch offen als Anti-Zionisten.
Heute wissen wir, dank dem Buch Anti Zionismus von Pulitzer-Preisträger Benjamin Moser, dass es viel mehr gab, die anfangs im Verborgenen und später mehr und mehr in der Öffentlichkeit sich als Antizionisten bekannten. Sein kürzlich erschienenes Buch im Propyläen Verlag ist lesenswert und ein Zeugnis dafür, dass Anti-Zionismus kein Antisemitismus ist. Seit es die Idee des Zionismus gibt, wird auch vor ihr gewarnt, vor allem von jüdischen Denkerinnen und Denkern wie etwa Hannah Arendt, Avi Shlaim, Felicia Langer und anderen. Bei diesen jüdischen Kritikern des Zionismus kann man zumindest davon ausgehen, dass ihre Motive nicht antisemitisch sind.
Sie und viele andere sahen die Problematik des Zionismus und seine Gefahr für die Palästinenser, die Ureinwohner Palästinas, und für die Juden selbst. Der jüdisch-israelische Religionsphilosoph Jeshajahu Leibowitz warnte leidenschaftlich, laut und eindringlich davor, dass der Zionismus, den er auch Judeo-Nazismus nannte, in eine Tragödie enden würde. Er wurde in Israel gehasst und nicht ernst genommen. Heute sehen wir, dass er Recht hatte. Israel ist nicht nur ein siedlerkolonialistischer Staat, der seine nichtjüdische Bevölkerung demütigt, quält, unterdrückt und zuweilen vertreibt, sondern auch ein „unsafe space“ für seine jüdischen Mitbürger geworden. Kritik an Israel wird oft mit Antisemitismus verwechselt, besonders von Zionisten, die damit diejenigen zum Schweigen bringen wollen, die ihre Stimme gegen den israelischen Faschismus erheben.
Die Welt steht Kopf, wenn Nachkommen der Nazis sich erlauben jüdische Opfer der Nazis zu kritisieren. Aber Kritik an solchen jüdischen Opfern, die heute Kriegsverbrechen ausüben und völkerrechtswidrige Verbrechen begehen ist nötig und jedem mit gesundem Menschenverstand erlaubt.
Hatte der Zionismus nie das Ziel, Frieden mit den Nachbarn zu erreichen?
Es war der Traum der ersten Zionisten eine neue Heimat für die Juden zu finden. Die Heimat, die sie gefunden haben, war aber, wie es ein zionistischer Pionier schrieb, vergeben. Es lebte dort seit Jahrhunderten, wenn nicht sogar Jahrtausenden, ein anderes Volk, das früher einmal vielleicht israelitisch war, aber seit mindestens anderthalb Jahrtausenden moslemisch. Trotzdem entstand eine zionistische Bewegung, die den Traum hatte, einen „normalen Staat mit jüdischen Polizisten und jüdischen Verbrechern“ zu gründen. Daraus ist aber ein rassistischer Staat entstanden, der sich nicht damit begnügte mit der einheimischen Bevölkerung friedlich zu leben, sondern das gesamte Land allein für sich wollte und darauf abzielte die einheimische Bevölkerung zu vertreiben oder gar zu vernichten.
In 12 Kapiteln stellt uns Benjamin Moser zwölf Portraits von Jüdinnen und Juden vor, die gegen ein solches Model kämpften und den Zionismus ablehnten und verdammten. Sie wurden nicht müde zu behaupten, dass Israel und der Zionismus nicht in ihren Namen handeln. Es sind Jüdinnen und Juden aus Polen, Vereinigtes Königreich, Niederlande, Ägypten, USA, Frankreich, Irak, Deutschland, Südafrika und Israel. Die meisten von ihnen sind einem Publikum, dass sich wenig mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt, unbekannt und selbst Leute wie ich, der sich seit Jahrzehnten mit diesem Konflikt beschäftigt, waren Namen wie Aaron Samuel Tamaras, Ahmad Sadiq, Hyman Judah Schachtel, Maxim Rodinson, Helena Salem oder Ronnie Kasrils nicht bekannt und auch die anderen Namen wie Nan Goldin, Felicia Langer, Hannah Arendt, Avi Shlaim, Jacob Israel de Haan oder Edwin Montagu sind den meisten unbekannt und wenn ich sie kenne, dann nur deshalb, weil ich mich sehr intensiv mit dem Konflikt und der Geschichte beschäftige.
Dennoch darf nicht vergessen werden, dass in jeder Phase der Geschichte des Zionismus Juden ihre Existenz und ihr Leben riskiert hatten, um darauf zu bestehen, dass der Zionismus nicht in ihrem Namen sprach und spricht. Es gab nicht wenige sehr scharfe und kompromisslose Kritiker des Zionismus, aber Benjamin Mosers Buch ist einzigartig und eindringlicher, unversöhnlicher und klarer als die meisten, die ich bis heute gelesen habe. Er weist klar und deutlich, dass selbst wenn die Zionisten „gewinnen“ sollten, ein solcher Sieg den Juden in Israel weder Frieden noch Sicherheit bringen würde. Er überzeugt seine Leser, dass jede „Kreatur“ die Pflicht habe sich der Unterdrückung zu widerstehen und dass die Palästinenser keine Kreaturen sind, sondern Menschen wie du und ich. Er überzeugt die Leser, dass der Zionismus niemals das Ziel hatte, Frieden mit den Nachbarn zu erreichen, dass es ein Irrtum war es zu glauben und Diplomatie immer verachtet hat und sie immer eingesetzt hat, um noch mehr Land zu gewinnen. Er überzeugt seine Leser, dass keine einheimische Bevölkerung irgendwo auf der Welt freiwillig eine fremde Mehrheit akzeptiert hätte und dass der Widerstand gegen den Zionismus vorhersehbar und natürlich ist. Jedes Volk würde gegen Kolonisation kämpfen, solange es noch die geringste Hoffnung hat, sich davon zu befreien.
Moser beschäftigt sich auch mit der Frage des „Existenzrecht“ Israels und zitiert Avi Shlaim, wenn er zum Ergebnis kommt, dass dies eine juristische Sichtweise sei, aber keine moralische.
Israel hat die Palästinenser reingelegt
Moser bricht mit vielen Mythen und Märchen, die um die Gründung des Staates Israel entstanden sind und heute noch geglaubt werden. Ganz Besonders klar macht Moser, dass sich immer mehr Menschen und immer mehr Juden sich vom, wie er es nennt, „Würgegriff des Zionismus“ lösen und sich mit den Palästinensern verbinden. Auch ich kannte all die Jahre keinen einzigen jüdischen Anti-Zionisten. Diejenigen, die es wagten Israel zu kritisieren zögerten lange es zuzugeben und versteckten sich lange Zeit hinter der harmlosen Behauptung, dass sie keine Zionisten seien. Erst in den letzten Jahren wagen mehr und mehr Juden und Nicht-Juden zu bekennen, dass sie Anti-Zionisten sind. Als Juden wurden wir Jahre und Jahrzehnte lang erzogen zu glauben, dass das Judentum eine Kultur des Mitgefühls, des Mitleids, der Nächstenliebe und der Ehrlichkeit ist. Umso mehr ist die Enttäuschung für alle, die so fühlen, dass es nicht so ist. Was wir in den Letzten zwei, drei Jahren erlebt haben ist furchtbar und desillusionierend und selbst wenn es keinen Zweifel darangibt, dass das Massaker am 7. Oktober 2023 ein „Massaker“ war, so gibt es keine Entschuldigung für das, was die Israelis danach gemacht haben, nämlich einen Genozid. Da sind nicht nur Menschen, Frauen und Kinder ermordet worden, sondern auch Tiere im Zoo. Ich kann es kaum glauben.
Da darf man sich nicht mehr wundern, dass Zionismus ein Schimpfwort geworden ist. Israel ist am 7. Oktober gedemütigt worden und es war jedem, der Israel kannte klar, dass Israel blutige Rache für diese Demütigung nehmen würde, zumal die israelischen Regierungsvertreter lautstark ihre Entschlossenheit verkündeten Völkermord zu begehen. Bei uns in Deutschland und im Westen ganz allgemein war es nicht erwünscht, dies zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn es einige wenige doch zur Kenntnis genommen haben, dann wurde sie als Antisemiten diffamiert. Itamar Ben-Gvir, Israels Polizeiminister sagte der internationalen Presse, dass die Palästinenser in Gaza nicht wert sind zu leben und sein Kollege, der rechtsradikale Minister Smotrich meinte, dass alle Palästinenser, Männer, Frauen und Kinder den Tod verdient haben, da sie alle Terroristen sind.
Ich beschäftige mich schon seit mehr als einem halben Jahrhundert mit dem Nahost-Konflikt. Begonnen hat es, als ich 1973 die Sammlung von Jean Paul Sartre zum Israelisch-Arabischen Konflikt in Deutschland verlegt habe. Seitdem hat mich das Thema nicht verlassen und ich habe es auch nicht verlassen. Ich kann mich erinnern, wie ich mich gefreut habe als ich von der Oslo-Vereinbarung zwischen der PLO und der israelischen Regierung gehört habe. Ich rief meine Freundin Felicia Langer an und hoffe mich mit ihr zusammen freuen zu können. Aber sie ermahnte mich gleich nicht naiv zu sein. „Israel hat die Palästinenser reingelegt, über den Tisch gezogen!“ sagte sie. Und sie hatte Recht. Sie erinnerte mich daran, dass es schon immer die Meinung der sozialistischen Zionisten war (der rechten Zionisten sowieso), dass „der einzige Dialog zwischen Israel und der PLO auf dem Schlachtfeld sei.“ Und Golda Meir, Israels Ministerpräsidentin, sagte: „Es gibt die Palästinenser gar nicht.“ Ich habe mich gefreut, dass Benjamin Moser sie in seinem Buch gewürdigt hat.
Mosers Buch ist nicht nur gut, es ist sehr gut und ungemein wichtig. Es hilft den Konflikt zu verstehen. Moser spricht aus, was endlich ausgesprochen werden muss. Politikern und Journalisten sei es unbedingt ans Herz gelegt, gerade weil es viele Tabus bricht. Ich hoffe, dass dieses wichtige Buch nicht totgeschwiegen wird oder samt seinem Autor schlimm geschmäht werden wird. Es ist alles andere als ein Buch für Antisemiten, auch wenn dessen Inhalt womöglich Beifall von falscher Seite erhalten könnte. Wer dieses so wichtige Buch liest und den Inhalt etwas sacken lässt, wird es mit Gewinn tun. Unverbesserliche und verblendete Zionisten werden es freilich mit Schaum vor dem Mund lesen und danach als antisemitisch abstempeln.
Lesen Sie unbedingt auch Abraham Melzers Buch Der Zionismus begann mit einer Lüge, das am kommenden Montag erscheint.




Ich bin etwas irritiert. Der Autor des Artikels ist Abraham Melzer und der Autor des Buches ist auch Abraham Melzer oder Benjamin Moser?
Es widersprechen sich die Abbildung des Buches, der Text unter der Abbildung und der Text des Artikels.
So viel ich weiß war Zionismus die Grundlage den Staat Israel zu gründen, Zionismus bedeutet daher die Bekenntnis zum Staat Israel, dann bedeutet aber Antizionismus eine Politik, den Staat Israel zu liquidieren.
Sind meine Schlussfolgerungen falsch?