
Kaum jemand spricht derzeit darüber, dass die aktuelle Eskalation im Nahen Osten nicht nur Ergebnis von Fehlkalkulationen sein könnte, sondern womöglich auch politisch gewollt ist. Es lohnt deshalb, den Blick bewusst auf die Frage zu lenken, wie sich die Weltlage darstellt, wenn man die gegenwärtige Entwicklung nicht als Unfall, sondern als gezielt herbeigeführte Eskalation liest.
In diesem Szenario stünde nicht nur Iran im Zentrum, sondern die Möglichkeit, dass auch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und damit die wichtigsten arabischen Energie- und Ordnungszentren nachhaltig destabilisiert werden. Eine solche Entwicklung würde die regionale Machtbalance zerbrechen und die globale Rohstoffversorgung, Handelsrouten und Sicherheitsarchitektur auf Jahre erschüttern. Besonders betroffen wäre China, dessen industrielle Stärke in hohem Maß auf verlässlichen Energiezuflüssen aus dem Nahen Osten beruht. Zugleich würden die USA als alternativer Energie- und Sicherheitsanker an Gewicht gewinnen. Die Konsequenz wäre damit nicht nur ein regionaler Krieg, sondern eine strategische Neuordnung der Weltwirtschaft, in der Energie, Versorgungssicherheit und kontrollierte Instabilität zu zentralen Instrumenten geopolitischer Macht werden.
Der folgende Essay beansprucht keinen Beweis. Er zeigt aber, dass die Vorteile der aktuellen Lage erstaunlich klar verteilt sind – und dass diese Analyse, die die Interessen der Akteure untersucht, mehr erklärt als die verbreitete These von Trumps bloßer Unfähigkeit.
Die naheliegende Reaktion auf den Krieg im Nahen Osten ist moralisch und ökonomisch dieselbe:
Alle verlieren. Zu viel Zerstörung, zu viel Unsicherheit, zu hohe Kosten. Das ist richtig — aber nur zur Hälfte. Geopolitisch genügt es nicht, nach den Opfern zu fragen.
Wer zieht aus einer zerstörten und abhängigen Region Nutzen? Auch diese Frage muss gestellt werden. Destabilisierung ist nicht immer gewollt, aber ebenso wenig ist jede Destabilisierung bloß ein tragischer Unfall, sondern kann selbst ein strategischer Gewinn sein.
Die Hypothese lautet deshalb: Ein dauerhaft instabiler Naher Osten ist für bestimmte Akteure nützlicher als eine stabile und wirtschaftlich erstarkende Ordnung. Das gilt besonders dort, wo nicht nur Grenzen, sondern Flughäfen, Pipelines, Energieanlagen, und Sicherheitsräume beschädigt werden. Wer Infrastruktur zerstört, zerstört nicht nur Beton und Stahl.
Er zerstört Souveränität.
Im Folgenden werden mögliche Interessenlagen einzelner Akteure dargestellt.
Das israelische Interesse: Nachbarschaft als Funktionsraum
Für Israel ist ein Ring geschwächter, fragmentierter und jederzeit begrenzbarer Nachbarn strategisch günstiger als ein Umfeld souveräner und selbstbewusster Staaten. Eine militärisch belastbare und wirtschaftlich eigenständige arabische Gegensphäre wäre das eigentliche Problem. Dafür braucht es keine formale Annexion – es genügt, wenn sich das Muster aus Gaza auf größerer Ebene wiederholt: Kontrolle über Zugang, Versorgung und Sicherheitsvorfeld wird wichtiger als Grenzziehung.
Das amerikanische Interesse: Dauerhafte Abhängigkeit
Für Washington liegt der Vorteil nicht im einzelnen Krieg, sondern in der Ordnung, die daraus entsteht. Je instabiler die Region, desto wertvoller die Rolle der USA. Die Partner sind angewiesener, sie brauchen Garantien, Aufklärung, Logistik und Waffen. Vor allem aber bleibt ihnen eines verwehrt: zu eigenständigen politischen Polen zu werden.
Saudi-Arabien und die Emirate sind Partner der USA, aber zugleich ehrgeizige Machtzentren mit eigenem Kapital, eigener Diplomatie und wachsender geoökonomischer Reichweite. Käme die Region zur Ruhe, würde diese Eigenständigkeit weiterwachsen. Bleibt sie im Krisenmodus, bleiben auch die Akteure vorsichtig, abhängig und eingebunden in einen Rahmen, den Washington setzt.
Diese Logik zeigt sich gerade erneut. Als Iran am 17. April 2026 die Öffnung der Straße von Hormuz ankündigte, hielt die Trump-Administration die Blockade iranischer Häfen demonstrativ aufrecht; die Öffnung kippte binnen Stunden wieder. Am 19. April enterten US-Marines das iranische Frachtschiff Touska – die erste direkte militärische Durchsetzung der Blockade gegen ein iranisches Schiff. Trump hat parallel öffentlich eine Joint-Venture-Idee für Hormuz-Transitgebühren ins Spiel gebracht — ein bemerkenswerter Hinweis darauf, dass das Ziel womöglich nicht mehr die Rückkehr zur Vorkrisen-Normallage ist.
Hier kommt die geopolitische Wertigkeit Israels ins Spiel. Unter einer zugespitzten strategischen Lesart wäre ein stärker kontrollierter israelischer Funktionsraum — nicht nur territorial, sondern sicherheitspolitisch und logistisch — für Washington attraktiver als eine Region mit mehreren selbständigen Zentren. Israel ist militärisch eng eingebunden, technologisch kompatibel, politisch klar verortet und in Sicherheitsfragen wesentlich berechenbarer als arabische Partner, die zwischen Großmächten balancieren. Eine Ordnung, in der Israel der härteste, verlässlichste Anker bleibt, passt für die USA womöglich besser als eine multipolare Nahost-Region, in der arabische Mächte zu eigenständigen Schwergewichten aufsteigen. Der Vorteil ist nicht an den Krieg gebunden. Er liegt in dem Zustand, den der Krieg hinterlässt. Ein Krieg endet irgendwann, eine Blockade wird aufgehoben – aber die Abhängigkeit, die beide erzeugen, bleibt.
Die Asymmetrie in Zahlen
Deutlich wird die Profiteurlogik auch auf den Märkten. Die USA sitzen zugleich an drei Gewinntischen: LNG, Öl und Rüstung. Die US-LNG-Exporte erreichten im März 2026 laut Reuters den Rekordwert von 14,4 Milliarden Kubikfuß pro Tag.
Beim Öl profitieren die USA doppelt. Die Preise sind auf Kriegsniveau und jeder Tanker, der Hormuz meidet, öffnet Marktanteil für atlantische Fracht. Amerikanische Produzenten steuern damit auf ein Rekordjahr zu. Zugleich genehmigte Washington bis zum 19. März 2026 Rüstungsgeschäfte von mehr als 16,5 Milliarden Dollar an Staaten der Region, während der Energiemarkt unter Druck geriet. Hauptauftragnehmer sind RTX, Lockheed Martin und Northrop Grumman. Das ist keine Nebenfolge, sondern der materielle Kern:
Wer Energie ersetzt, Waffen liefert und Schutz garantiert, profitiert doppelt – wirtschaftlich und politisch.
Hinzu kommt eine zweite, selten ausgesprochene Ebene: die stille Privatisierung öffentlicher Mittel. Während der amerikanische Steuerzahler die militärische Kampagne gegen Iran finanziert – Schätzungen reichen bis zu 50 Milliarden Dollar an verbrauchter Munition und Ausrüstung –, verdienen die großen Konzerne. Der Krieg wird öffentlich bezahlt und privat bilanziert.
Der chinesische Preis
China braucht nicht nur Öl. Es braucht verlässliche Ordnung: sichere Seewege, planbare Energiezuflüsse, belastbare Häfen und eine Region, in der wirtschaftliche Verflechtung mehr zählt als Krisenmanagement. Eine instabile Golfregion trifft Peking deshalb nicht erst beim Totalausfall, sondern schon bei der Verteuerung von Normalität – bei War-Risk-Prämien, Routing-Stress, Produktfriktionen und administrativem Beschaffungszwang.
Die Größenordnung macht das Exposure sichtbar. Knapp 38 Prozent der Rohölmenge, die typischerweise durch die Straße von Hormuz fließt, und rund 23 Prozent der LNG-Mengen sind für chinesische Häfen bestimmt – zusammen rund die Hälfte der chinesischen Ölimporte und ein Sechstel des chinesischen Gasbedarfs. Der Nahe Osten ist für Peking kein Lieferant unter vielen, sondern Teil einer maritimen Wirtschaftsarchitektur. Wer diesen Raum instabil hält, belastet China nicht bei einzelnen Fässern, sondern in seiner gesamten Energie- und Logistikplanung.
Und die Belastung ist in Zahlen greifbar. Qatar musste auf seine LNG-Verträge Force majeure, also höhere Gewalt, erklären; zwei von 14 LNG-Zügen in Ras Laffan sind für drei bis fünf Jahre offline – das entspricht rund 17 Prozent der qatarischen Exportkapazität und trifft China als größten Abnehmer direkt.
Die IEA beschreibt die Lage als „größte Angebotsstörung in der Geschichte des Ölmarkts“. Die Bypässe Saudi-Arabiens und die der Emirate East-West und Fujairah laufen zwar, transportieren aber fast ausschließlich leichte Rohöle; schwere Qualitäten aus Iran, Irak und Kuwait bleiben effektiv eingeschlossen.
Asiatische Raffinerien, die auf schwere Sorten konfiguriert sind, verlieren Durchsatz und Produktmix. Das ist der präzise Punkt, an dem Instabilität in Dauerbelastung umschlägt: Die Region kann kurzfristig Teilflüsse aufrechterhalten, aber sie kann ihre alte Hub-Funktion nicht aus eigener Kraft wiederherstellen.
Die zweite Ordnung: Zerstörung als Strukturwandel
Damit wird sichtbar, was der Krieg strategisch bewirkt: Er verhindert, dass die Region sich schnell wieder als eigenständiger Wirtschafts- und Logistikraum organisiert. Investitionen werden zurückgestellt, Versicherbarkeit sinkt, Hub-Funktionen wandern ab. Aus einem Wirtschaftsraum wird ein Sicherheitsraum – und wer Sicherheit garantiert, gewinnt.
Das alles beweist keinen perfekt abgestimmten Masterplan. Aber es macht die Destabilisierungsthese plausibel, denn die Vorteile sind erstaunlich klar verteilt. Israel gewinnt, wenn die Staaten des Nahen Ostens schwächer und leichter kontrollierbar bleiben.
Washington gewinnt, wenn kein arabischer Machtpol zu souverän wird und Israel der verlässlichste Anker bleibt. Der Energie-, Waffen- und Sicherheitskomplex gewinnt materiell. China zahlt den Preis einer Ordnung, die nicht offen gegen Peking formuliert werden muss, um Peking real zu belasten. Und das Muster beschränkt sich nicht auf den Nahen Osten:
Auch der Krieg in der Ukraine wirkt in diese Architektur hinein. Mit jeder ukrainischen Langstreckendrohne, die eine russische Raffinerie oder einen Exporthafen trifft, wird zugleich jene Lieferinfrastruktur beschädigt, auf die China als Ersatzanker zunehmend baut. Der zweite Tuapse-Treffer binnen einer Woche und der parallele Schlag auf das Öldepot Hvardiiska am 20. April sind dafür aktuelle Beispiele.
Schon Anfang Januar 2026 ließ Trump den venezolanischen Präsidenten Maduro durch eine US-Militäroperation absetzen und erklärte offen in einer Pressekonferenz, amerikanische Ölkonzerne würden nun „Milliarden investieren“ und die venezolanische Förderkette übernehmen. Der Regimewechsel sei „in großem Teil wegen des Öls“ erfolgt. Venezuela sitzt auf den weltweit größten bestätigten Ölreserven; rund achtzig Prozent seiner Exporte gingen bisher nach China. Mit dem Sturz Maduros verschiebt sich auch diese Versorgung in Richtung US-Konzerne und zugelassener Kanäle. Peking hat die Operation verurteilt – aber verloren. Was im Nahen Osten über Blockade und Transitgebühren läuft, lief in Caracas über Regimewechsel und Investitionsansage. Die Handschrift ist eine andere, der Effekt ist derselbe: Ein chinesischer Öllieferant wird aus Pekings Versorgungsarchitektur herausgedreht, und der Platz wird besetzt.
Die Frage nach den Profiteuren ist deshalb keine polemische Zuspitzung, sondern der analytische Kern. Wer nur auf die Zerstörung blickt, sieht das Leid. Wer auf die Interessen blickt, sieht die Ordnung, die aus dem Leid hervorgehen könnte. Eine beschädigte Region ist nicht für alle ein Verlust. Für manche ist sie ein Instrument. Deshalb ist die Vorstellung plausibel, dass Instabilität nicht nur hingenommen, sondern funktional genutzt – vielleicht sogar bewusst bewirtschaftet – wird. Nicht als Plan. Aber als Struktur.
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das wäre zumindest ein klares Kalkuel, es ist durchaus denkbar, dass dies so gewollt ist.
Im Destabilisieren von Märkten, die im Weg sind, ist die USA Weltmeister. Erschreckend so ein Denken. Aber sie haben es oft genug gezeigt. Deshalb ist dies eine schlüssige Möglichkeit.
Kurzfristig geht eine solche Überlegung sicher auf. Langfristig führt eine solche Disruption zu strategischen Änderungen/ Anpassungen. Es ist damit zu rechnen, dass sich China bzgl. seiner Energielieferungen (noch) stärker nach Russland hin orienteren und seine Aktivitäten zur Decarbonisierung forcieren wird.