Hormuz ist ein Geschäftsmodell

USS Dwight D. Eisenhower (CVN-69) in the Strait of Hormuz
Anonymous United States Navy photographer, Public domain, via Wikimedia Commons

Trumps „profitable business“ zu Hormuz ist keine Floskel. Es ist eine Doktrin.

Was China bei den Seltenen Erden hatte, bauen die USA derzeit bei der Energie auf. Hormuz ist primär ein Geschäftsmodell, kein Krisenherd. Insbesondere die folgenden Entwicklungen machen das deutlich.

Am 24. April 2026 setzte das US-Finanzministerium die Hengli Petrochemical-Raffinerie im chinesischen Dalian auf die Sanktionsliste. Hengli ist mit 400.000 Barrel Tageskapazität die zweitgrößte unabhängige Raffinerie Chinas. Treasury bezeichnete das Unternehmen als „einen der wertvollsten Kunden Teherans“. So habe Hengli seit 2023 mehr als fünf Millionen Barrel iranisches Rohöl von Schiffen der Schattenflotte erhalten und damit hunderte Millionen Dollar für das iranische Militär generiert. Sanktioniert wurden zugleich rund 40 Reedereien und Tanker.
Vier andere chinesische Teapot-Raffinerien hatte die Trump-Administration schon 2025 unter „Operation Economic Fury“ getroffen.

Vier Tage später wandte sich OFAC mit einem Compliance-Memorandum direkt an alle Banken weltweit. Wer Geschäfte mit chinesischen Teapot-Raffinerien abwickle, riskiere Sekundärsanktionen – gemeint sind nicht nur die fünf bisher gelisteten Häuser, sondern „andere Teapots, die iranisches Öl importieren könnten“. Pekings Antwort kam am 2. Mai.
Erstmals seit Verabschiedung der „Blocking Rules“ vor fünf Jahren aktivierte Chinas Handelsministerium das Instrument: Die US-Sanktionen gegen Hengli und vier weitere Teapots dürfen in China „nicht anerkannt, vollzogen oder befolgt werden“.

Der Vorgang markiert eine Verschiebung in der Logik des Rohstoffkonflikts zwischen Washington und Peking. Bislang ging es um die Frage, ob China genug Rohöl aus dem Nahen Osten beziehen kann, nachdem die USA und Israel am 28. Februar Iran angegriffen und die Straße von Hormuz zur Konfliktzone gemacht haben. Inzwischen geht es um etwas Größeres: ob die Wege, auf denen China Rohstoffe ersetzt, selbst zur Hebelfläche werden. Damit baut sich eine Asymmetrie auf, die in dieser Form noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Sie ist der eigentliche Befund dieser Krise – und sie reicht weit über den Iran-Konflikt hinaus.

Der Mengenrahmen

Der Nahe Osten war für China 2025 keine beliebige Importregion. China importierte im vergangenen Jahr rund 642 Millionen Tonnen Rohöl, Raffinerieprodukte, LNG und LPG. Davon kamen 317 Millionen Tonnen aus dem Nahen Osten – fast die Hälfte. Beim Rohöl summierten sich die offiziellen Lieferungen aus Saudi-Arabien, Irak, VAE, Oman, Kuwait und Qatar auf 42 Prozent der chinesischen Importe; iranisches Öl kam mit weiteren rund 12 Prozent hinzu – gewöhnlich umetikettiert als „malaysisch“.

Insgesamt transitierten 2025 rund 5,4 Millionen Barrel pro Tag chinesisches Rohöl durch die Straße von Hormuz, etwa die Hälfte aller Auslandsbezüge. Goldman Sachs schätzt zum 1. Mai, die Hormuz-Exporte seien insgesamt auf rund vier Prozent ihres Normalniveaus gefallen.

Die Hormuz-Verwerfung ergänzt, was sich seit Januar 2026 an zwei anderen Schauplätzen ereignet hat. Anfang Januar setzten US-Spezialkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro ab. Im Dezember 2025 hatte Venezuela noch rund 600.000 Barrel pro Tag nach China geliefert – günstig, weil als Tilgung früherer Kredite verbucht. Das Columbia Center on Global Energy Policy dokumentiert seitdem einen China-Flow-Einbruch um etwa 400.000 Barrel pro Tag.

Im April folgte die dritte Linie: Ukrainische Drohnenangriffe gegen russische Energieinfrastruktur trafen Tuapse mehrfach – bis Anfang Mai viermal binnen 16 Tagen, Novokuibyshevsk wurde gestoppt, Primorsk durch Tankbrände gestört. Die ESPO-Pipeline und die Pazifik-Route funktionieren weiter, aber Russlands Schwarzmeer- und Baltik-Hubs fallen als Kompensationskanal aus. Was Caracas und Hormuz an Verlust bedeuten, kann Russland nicht ausgleichen – weil Russland selbst gerade unter Druck gerät.

Damit stehen die drei wichtigsten rabattierten Versorgungskanäle von China innerhalb von vier Monaten gleichzeitig unter Druck. Niemand spricht offiziell von einer Strategie. Aber der konvergente Effekt ist messbar.

Die Spiegellogik

Über Jahre war die geoökonomische Dominanzfrage auf einen einzigen Befund kondensiert: China kontrolliert die kritischen Mineralien. Mit dem Tit-for-Tat-Handelskrieg 2025 hatte Peking dies eindrucksvoll demonstriert. Bei Seltenen Erden produziert China rund 70 Prozent der weltweiten Förderung und kontrolliert über 90 Prozent der Raffinerie.
Bei den breiteren Batterie- und Industrierohstoffen wie Lithium, Kobalt oder Nickel produziert China nur etwa zehn Prozent, hält aber 40 bis 90 Prozent der globalen Verarbeitungskapazität. Das war Pekings strukturelle Machtposition: nicht nur über Förderung, sondern über die Bedingungen, unter denen Rohstoffe das globale System erreichen. Genau diese Position baut sich Washington jetzt im Energiebereich auf.


Sara Vakhshouri vom Think-Tank SVB Energy schreibt: „Wenn die Sicherheit von Hormuz von einer dauerhaften US-Marinepräsenz abhängt, gewinnt Washington Einfluss über die Bedingungen, unter denen Energie globale Märkte erreicht. Dieser Hebel käme nicht aus Förderquoten, sondern aus Transportsicherheit, Versicherungskosten und maritimem Zugang. In der Wirkung würde diese Einflussstruktur dem Hebel ähneln, den China in den kritischen Mineralmärkten hält.“ So könne Washington den Preisdruck Chinas in den Mineralmärkten konterkarieren – nicht durch eigene Produktion, sondern durch Steuerung der Versorgungsbedingungen.

Die Asymmetrie hat ein klares Strukturmerkmal. Die USA sind weltgrößter LNG-Exporteur, einer der wenigen wassergebundenen Ethan-Exporteure, der Hauptanbieter, an den Asien sich zwingend wenden muss, wenn die Golf-Lieferanten ausfallen. Sie produzieren Öl, Gas, LNG, LPG, Ethan und Naphtha im Eigenbedarf oder Überschuss. Resources for the Future weist darauf hin, dass die USA mit ihrer integrierten Energiearchitektur die einzige große Volkswirtschaft sind, die unter der globalen Energie-Verteuerung netto profitieren könnte. Sie sind in einer Krise, in der Asien Ersatz sucht, gleichzeitig Lieferant und zugleich Regelsetzer über Sanktionslisten, Lizenzpflichten und Bankaufsicht.

Wo China ohne Amerika nicht weiterkommt

Die Tiefe der Asymmetrie wird erst sichtbar, wenn man den Blick weg von der Förderquote hin zur Versorgungsarchitektur richtet. China importiert etwa 73 Prozent seines Rohöls und über 40 Prozent seines Erdgases – Tendenz steigend. Bei LNG ist Peking weltgrößter Importeur und auf einen Markt angewiesen, dessen Spot-Kapazität faktisch von drei Akteuren dominiert wird: Katar, Australien, USA. Katar fällt auf ungewisse Zeit aus. Mit Sicherheit sind zwei von 14 LNG-Zügen in Ras Laffan für mindestens drei Jahre offline, Australien ist technisch ausgelastet. Daher verbleiben als Ersatzlieferant nur die Vereinigten Staaten. Bei Ethan, dem unverzichtbaren Feedstock der petrochemischen Industrie, ist die Abhängigkeit noch direkter: China bezieht rund die Hälfte seines Bedarfs an importiertem Ethan aus den USA, ohne realistische Alternative. Ein einziger Exportlizenz-Eingriff – wie ihn Washington im April 2025 für mehrere Wochen praktizierte – legt chinesische Cracker still. Bei Helium, dem stillen Hochwertgas hinter der Halbleiter- und KI-Lieferkette, zeigt sich die gleiche Konzentration in der laufenden Förderung: Die USA stellen etwa 45 Prozent der Weltproduktion, Katar etwa 36 Prozent; auf den gesamten Rest der Welt entfallen knapp 20 Prozent. Fällt Katar aus oder wird seine Produktion politisch beziehungsweise technisch priorisiert, bleiben kurzfristig vor allem die Vereinigten Staaten als Ausgleichsquelle. Für China bedeutet das: Bei einem Gas, das sich nur schwer lagern und transportieren lässt und für Halbleiter, Raumfahrt, Präzisionsfertigung und Kühlung kaum ersetzbar ist, entscheidet nicht nur Verfügbarkeit, sondern Zuteilung.

Die Hebelflächen werden konkret

Hinter der Lieferantenrolle steht eine zweite, oft unterschätzte Schicht: die Sanktions- und Finanzarchitektur. Die Hengli-Sanktion und das OFAC-Memorandum vom 28. April zeigen, dass nun die chinesische Abwicklung iranischer Lieferungen unter Druck gerät. Die chinesischen Teapots können den Wegfall iranischen Rohöls nicht durch Käufe aus anderen Quellen kompensieren, denn die US-Sanktionen reichen über die Lieferung hinaus in die Zahlungs- und Transportkette hinein. Sobald sich weltweit jedes Unternehmen fürchten muss, durch eine Transaktion mit Hengli selbst ins US-Sanktionsregime zu geraten, verkürzt sich die Liste williger Geschäftspartner. Zahlungen werden blockiert, Banken steigen aus, Versicherer und Reedereien verweigern ihre Leistung, US-Geschäfte werden unmöglich. China kann seine Schattenflotte umflaggen, Banken und Versicherer umstrukturieren, Zahlungswege diversifizieren – aber nicht in der Geschwindigkeit, die der Hormuz-Schock erzwingt. Eine vollständig parallele Energie-Transaktionskette lässt sich nicht in Monaten errichten.

Eine kürzliche CSIS-Analyse zeigt: Tarif-Erleichterungen für Indien wurden direkt an Energie-Sourcing-Entscheidungen geknüpft. Japan und Südkorea drohen Tarif-Eskalationen, wenn Investitionszusagen nicht eingehalten werden. Die US-Taiwan-Halbleiter-Vereinbarung verlangt nicht nur 500 Milliarden Dollar Investment in das US-Halbleiter-Ökosystem, sondern auch die Befolgung von US-Exportkontrollen und das Fernhalten chinesischer Technologie aus Unterseekabeln. CSIS spricht von einer Verschiebung von „statischen Handelsregeln zu Verhaltenserzwingung“ – der Marktzugang wird konditional, abhängig von der demonstrierbaren Ausrichtung an US-Technologie- und Sicherheitszielen.

Was hier passiert, ist nicht klassische Handelspolitik. Es ist die systematische Übertragung des Spielbuchs der Seltenen Erden auf das Energie- und Sanktionsfeld – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die USA über ihre Doppelrolle als Produzent und Regelsetzer beide Hebelseiten gleichzeitig bedienen können.

Nicht der Stillstand, sondern die Verengung

China wird durch diese Rohstofflage nicht in die 1990er Jahre zurückgeworfen. Dafür ist das Land zu groß, zu diversifiziert, zu administrativ handlungsfähig. Peking hat vor Kriegsbeginn Reserven aufgebaut. Es nutzt die Blocking Rules, um die Hengli-Sanktion intern zu blockieren. Es lässt seine Teapots in Renminbi abrechnen. Es kauft brasilianisches und russisches Öl. Es setzt seine Kohleflotte ein. Aber genau das ist die neue Qualität der Krise. Sie zeigt sich nicht zuerst als plötzlicher Zusammenbruch, sondern als Verengung in unterschiedlichen Tempi und Tiefen.

Das ist kein Kollaps. Es ist eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Maschinenraum der Weltwirtschaft. Sie fällt zusammen mit einem Trump-Brief an den Kongress vom 1. Mai, in dem die Iran-Feindseligkeiten formal als „terminated“ erklärt werden, während die Doppelblockade gegen Iran unverändert weiterläuft. Wer sich fragt, warum die Krise nicht endet: Sie endet nicht, weil sie produktiv ist. Nicht für China – aber sehr wohl für jene Akteure, die jetzt erstmals seit Jahrzehnten zusehen können, wie sich der ökonomische Hebelarm von Peking zurück nach Washington verschiebt.

Boris Bayer

Boris Bayer, 1980 geboren, hat Philosophie und Mathematik in Berlin studiert. Er lebt mit seiner Familie im ländlichen Raum in Franken.
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2 Kommentare

  1. Ja sehr guter Artikel, es wird Zeit für Deutschland und Europa mit den USA zu brechen und nach Lösungen für das Problem der US Dominanz zu suchen.

  2. Danke! Der erste Artikel der diesen Zusammenhang aufgreift.
    Beim Angriff auf den Iran, ging es demnach nur vordergründig um regime change oder angereichertes Uran. Das hintergründige Ziel war es, einen Anlass zu schaffen der es den USA erlaubt, den Öl und Gashandel aus der gesamten Golfregion zu kontrollieren und China von der Versorgung abzuschneiden. Der Coup in Venezuela und die Anschläge auf Russlands Raffinerien tun ein Übriges.

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