
Der amerikanische National Intelligence Council beschreibt in seinen „Global Trends“ eine Welt, in der die westliche Dominanz schwindet und der Wettbewerb zwischen den USA und China die internationale Ordnung verändert.
Die Europäische Union betreibt eine erstaunlich ähnliche strategische Vorausschau. Ihr jüngster ESPAS-Bericht von 2024 kommt in vielen Punkten zu denselben Diagnosen. Doch dort, wo Washington vor allem nach Macht fragt, beschäftigt Brüssel eine andere Sorge: Kann Europa unter den neuen Bedingungen überhaupt noch selbständig handeln?
Im April 2024 veröffentlichte das European Strategy and Policy Analysis System, kurz ESPAS, seinen vierten großen Zukunftsbericht. Der Titel Global Trends to 2040: Choosing Europe’s Future ist bewusst gewählt. Der Bericht will die Zukunft nicht vorhersagen. Er soll Entwicklungen identifizieren, die Europa bis 2040 prägen werden, und zeigen, wo politische Entscheidungen noch Einfluss auf den Verlauf nehmen können. An ESPAS sind mehrere Institutionen der Europäischen Union beteiligt. Der Bericht ist dennoch kein offizielles politisches Programm der EU.
Schon methodisch besteht damit eine bemerkenswerte Nähe zu Global Trends 2040: A More Contested World des amerikanischen National Intelligence Council von 2021. Auch der NIC versteht seine Arbeit ausdrücklich nicht als Prognose. Er untersucht langfristige strukturelle Kräfte und entwirft daraus unterschiedliche mögliche Zukünfte.
Noch auffälliger sind die inhaltlichen Schnittmengen.
Die kooperative Epoche geht zu Ende
ESPAS stellt die Geopolitik ins Zentrum seines Berichts. Die internationale Ordnung bewege sich von einer Epoche der Kooperation in eine Epoche des Wettbewerbs. Das internationale System fragmentiere sich, während gleichzeitig große technologische und wirtschaftliche Veränderungen abliefen.
Das klingt fast wie eine europäische Übersetzung der NIC-Diagnose. Der amerikanische Bericht erwartet eine Welt, die „more contested, uncertain, and conflict prone“ werde – also „umstrittener, unsicherer und konfliktanfälliger“. Kein einzelner Staat werde sämtliche Regionen und Machtbereiche dominieren können. Neben militärischer und wirtschaftlicher Macht gewinnen technologische Fähigkeiten und Informationsmacht an Bedeutung. Zugleich schwächen sich internationale Normen ab.
Beide Berichte verabschieden sich damit von einer Vorstellung, die nach 1989 lange das westliche Denken bestimmte: dass wirtschaftliche Verflechtung zwangsläufig politische Annäherung erzeugen und die internationale Ordnung allmählich homogener werde.
Statt Konvergenz erwarten beide Fragmentierung.
Der Unterschied liegt in der Position des Betrachters. Für die Vereinigten Staaten bedeutet diese Entwicklung den relativen Verlust einer hegemonialen Stellung. Für Europa stellt sich eine grundsätzlichere Frage: ob es in der neuen Ordnung überhaupt eines der Machtzentren sein wird.
China verändert die Weltordnung
Auch bei China liegen NIC und ESPAS nahe beieinander. Der amerikanische Bericht betrachtet den Wettbewerb zwischen Washington und Peking als eine der bestimmenden Größen der kommenden Jahrzehnte. Beide Staaten vertreten unterschiedliche Vorstellungen von internationaler Ordnung. Ihre Konkurrenz werde technologische Entwicklung und internationale Institutionen beeinflussen.
Der NIC ist dabei keineswegs sicher, dass China die Vereinigten Staaten als Hegemon ablösen wird. Eines seiner Szenarien, A World Adrift (Eine Welt auf Abwegen), beschreibt eine Welt, in der westliche Staaten durch schwaches Wachstum und politische Lähmung an Einfluss verlieren. China profitiert davon, ist aber weder willens noch in der Lage, die amerikanische Rolle vollständig zu übernehmen. Das Ergebnis wäre keine chinesische Weltordnung, sondern eine Welt mit weniger Ordnung.
Für Europa liegt genau darin ein Problem. Es kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass eine von den USA garantierte Ordnung dauerhaft den Rahmen europäischer Politik bildet. Gleichzeitig besitzt es weder die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten noch die politische Zentralisierung Chinas.
Die Frage nach Europas Handlungsfähigkeit durchzieht deshalb den ESPAS-Bericht. Schon seine Aufgabenstellung besteht ausdrücklich darin, zu untersuchen, welchen Einfluss die EU überhaupt noch auf globale Entwicklungen ausüben kann.
Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied zum NIC. Washington untersucht, wie sich Macht verteilt. Europa muss zusätzlich fragen, ob es über genügend Macht verfügt.
Die innere Krise gehört zur äußeren
Eine zweite bemerkenswerte Übereinstimmung betrifft den Zustand der eigenen Gesellschaften.
Der NIC beschreibt eine Bevölkerung, die zwar besser informiert ist als frühere Generationen, gleichzeitig aber stärker auseinanderdriftet. Wirtschaftliche Unsicherheit und Misstrauen gegenüber Institutionen treiben Menschen in Gruppen Gleichgesinnter. Abgeschlossene Informationsräume können gesellschaftliche Bruchlinien verstärken. Der Bericht fasst diese Entwicklung unter der Überschrift „Disillusioned, Informed, and Divided“, also „desillusioniert, informiert und gespalten“, zusammen.
ESPAS betrachtet gesellschaftliche Stabilität ebenfalls nicht mehr als selbstverständlich. Demografischer Wandel und wirtschaftlicher Anpassungsdruck treffen auf politische Polarisierung. Der europäische Sozialstaat muss unter ungünstigeren Bedingungen finanziert werden. Zugleich verändern Migration und technologische Umbrüche die Gesellschaft.
Damit verschiebt sich auch der Begriff von Macht. Eine politisch tief gespaltene Gesellschaft kann wirtschaftlich wohlhabend sein und dennoch außenpolitisch an Handlungsfähigkeit verlieren.
Der NIC formuliert dafür den Begriff des „disequilibrium“ (Ungleichgewicht): Die Anforderungen an Regierungen wachsen schneller als ihre Fähigkeit, diese Anforderungen zu erfüllen. Daraus können Vertrauensverlust und politische Instabilität entstehen.
In diesem Punkt nähern sich amerikanische und europäische Zukunftsanalyse erstaunlich stark an. Die Stärke des Westens entscheidet sich nicht nur an Flugzeugträgern oder Wirtschaftsleistung. Sie hängt auch davon ab, ob seine politischen Systeme noch Entscheidungen hervorbringen können, die von ihren Gesellschaften getragen werden.
Technologie ist keine neutrale Größe mehr
Eine weitere Schnittstelle ist die Technologie.
Beim NIC ist technologische Überlegenheit ausdrücklich Bestandteil geopolitischer Macht. Künstliche Intelligenz und Biotechnologie können wirtschaftliche Vorteile schaffen und militärische Fähigkeiten verändern. Der Wettbewerb um Talente und technologische Führerschaft wird deshalb selbst zum Bestandteil des amerikanisch-chinesischen Machtkampfes.
ESPAS betrachtet dieselbe Entwicklung stärker aus europäischer Verwundbarkeitsperspektive. Für die EU stellt sich die Frage, wie weit sie bei Schlüsseltechnologien von anderen Machtzentren abhängig werden darf.
Das ist ein grundlegender Wandel des europäischen Denkens. Jahrzehntelang galt wirtschaftliche Interdependenz, die wechselseitige Abhängigkeit, überwiegend als stabilisierende Kraft. Heute kann dieselbe Abhängigkeit als strategisches Risiko erscheinen. Lieferketten und Dateninfrastrukturen bekommen dadurch eine geopolitische Bedeutung, die weit über ihre ökonomische Funktion hinausgeht.
Hier wirkt der ESPAS-Bericht stärker politisch als der NIC. Der amerikanische Bericht beschreibt einen Wettbewerb, in dem die USA bereits einer der beiden wichtigsten Akteure sind. Europa muss erst die Voraussetzungen schaffen, um nicht lediglich zum Markt für Technologien anderer zu werden.
Beim Klima trennen sich die Perspektiven
Deutlicher wird der Unterschied beim Klimawandel.
Für beide Berichte gehört er zu den langfristigen strukturellen Veränderungen. Beim NIC erscheint er jedoch überwiegend als Risikomultiplikator. Klimaveränderungen können Migration verstärken oder Ressourcenknappheit verschärfen. Sie können bestehende politische Probleme gefährlicher machen. Der Bericht behandelt Umwelt deshalb neben Demografie, Wirtschaft und Technologie als eine der strukturellen Kräfte, welche die zukünftige Welt formen.
In der europäischen Perspektive besitzt die ökologische Transformation einen stärkeren normativen und politischen Stellenwert. Europa will auf diese Entwicklung nicht nur reagieren, sondern internationale Standards mitgestalten.
Darin zeigt sich ein charakteristischer Unterschied. Der NIC fragt stärker nach den Folgen einer Entwicklung für amerikanische Macht und Sicherheit. ESPAS fragt häufiger, welche politische Gestaltungsmöglichkeit Europa besitzt.
Ein bemerkenswerter Unterschied im Ton
Gerade deshalb wirkt der amerikanische Bericht stellenweise nüchterner und pessimistischer.
Der NIC hält ausdrücklich eine Welt für möglich, in der die westlichen Industriestaaten unter politischer Lähmung leiden. Ebenso modelliert er eine Welt, die in getrennte Wirtschafts- und Sicherheitsblöcke zerfällt. Nur eines seiner fünf Szenarien beschreibt eine ausgesprochene Renaissance der Demokratien.
ESPAS formuliert die europäischen Probleme durchaus deutlich, behält aber stärker die Vorstellung politischer „agency“ bei: Europa kann Entscheidungen treffen, mit denen es seine Stellung verändert. Schon der Titel Choosing Europe’s Future (Die Zukunft Europas gestalten) enthält diese Zuversicht.
Dahinter stehen zwei unterschiedliche institutionelle Perspektiven.
Der NIC ist Teil des amerikanischen Nachrichtendienstsystems. Seine Aufgabe besteht darin, der politischen Führung auch unangenehme Entwicklungen vorzulegen.
ESPAS ist ein Instrument strategischer Vorausschau europäischer Institutionen. Sein Erkenntnisinteresse endet nicht bei der Frage, was geschehen könnte. Es fragt zwangsläufig auch, welche Handlungsmöglichkeiten daraus für Europa entstehen. Der Bericht selbst betont allerdings, dass er keine politischen Empfehlungen formuliert und keine offizielle Position einer beteiligten Institution darstellt.
Dieselbe Welt – aber zwei verschiedene Probleme
Legt man Global Trends 2040 und Choosing Europe’s Future nebeneinander, fällt deshalb zunächst die große Übereinstimmung auf. Die internationale Ordnung fragmentiert sich. China verändert das Machtgefüge. Technologie wird geopolitisch. Die westlichen Gesellschaften stehen unter innerem Druck. Die kommenden Jahrzehnte erscheinen beiden Institutionen weniger berechenbar als die Zeit, die auf das Ende des Kalten Krieges folgte.
Aber aus dieser gemeinsamen Diagnose entstehen unterschiedliche Fragen.
Für die USA lautet sie: Wie behauptet man eine herausgehobene Stellung in einer Welt, in der amerikanische Dominanz nicht mehr selbstverständlich ist?
Für Europa lautet sie: Wie verhindert man, dass andere über die Ordnung entscheiden, in der man selbst leben muss?
Vielleicht ist das der interessanteste Unterschied zwischen beiden Papieren. Der NIC denkt aus der Perspektive einer Macht, die einen relativen Bedeutungsverlust einkalkuliert. ESPAS denkt aus der Perspektive eines wirtschaftlich großen Raumes, der erst noch beweisen muss, dass wirtschaftliche Größe unter den Bedingungen des Jahres 2040 auch politische Macht bedeutet.
Der Titel des europäischen Berichts erhält dadurch einen beinahe unfreiwillig ernsten Unterton. Choosing Europe’s Future setzt voraus, dass Europa seine Zukunft noch wählen kann. Ob es 2040 dazu noch in demselben Maße in der Lage sein wird, ist eine der Fragen, die der Bericht selbst aufwirft.
Quellen
European Strategy and Policy Analysis System (ESPAS): Global Trends to 2040: Choosing Europe’s Future. 2024.
National Intelligence Council: Global Trends 2040: A More Contested World. Washington, D. C., März 2021.
European Union Publications Office / ESPAS: Begleitmaterialien zu Global Trends to 2040.
Office of the Director of National Intelligence / National Intelligence Council: Global Trends 2040, insbesondere die Abschnitte zu International Dynamics, Societal Dynamics und Technology.





“ Die Anforderungen an Regierungen wachsen schneller als ihre Fähigkeit, diese Anforderungen zu erfüllen. Daraus können Vertrauensverlust und politische Instabilität entstehen.“
Ich habe unserer politischen Kaste schon länger Kompetenz abgesprochen.
Erschwerend kommt für mich hinzu, das die Oligarchie „Anforderungen“ überhaupt nicht erfüllen WILL!
Die Parteienoligarchie ist transatlantisch verseucht, deren Exponent Friedrich Merz halte ich für einen Black-Rock-Erfüllungsgehilfen.
Den „Anforderungen“, die der Amtseid impliziert, werden die Oligarchen nicht gerecht, ganz im Gegenteil wird gegen den Amtseid ständig verstoßen.
Daher kann man sich den eigentlich schenken!
Schon wegen des babylonischen Sprachengewirrs wird aus dem Konglomerat niemals ein Ganzes. Für äußere Mächte ist es sehr leicht, Keile hineinzutreiben. Was bleibt, ist die Eigenschaft der Europäischen Union als Völkergefängnis.
Sehr guter Artikel, danke.
Europas Zukunft in einer Welt, die nicht mehr auf Europa wartet
Der amerikanische National Intelligence Council beschreibt in seinen
Habe nur mal den Algorithmus gecheckt. Hatte vorher was anderes geschrieben.
Auf jeden Fall ein sehr guter Artikel, wahrscheinlich der beste.
„der Wettbewerb zwischen den USA und China die internationale Ordnung verändert. “
Dafür müssten die USA wettbewerbsfähig sein, was mit einem ideologischen Trottel nicht realisierbar ist.