Die zwei Taiwan-Besuche von Nancy Pelosi

Bild des Meilun Flusses in Taiwan.
Evan Centanni / www.polgeonow.com, via Wikimedia Commons

Jene Stimmen in Taiwan, die sich über die Unterstützung der USA freuten, sollten mal auf die Ukraine schielen. Das könnte das Schicksal Taiwans sein, wenn der Fall der Fälle eintritt.

Der Taiwan-Besuch von Nancy Pelosi, der Sprecherin des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten, hallt in chinesischen sozialen Medien nach. Dabei kann zwischen zwei Sorten von Berichten und Kommentaren unterschieden werden. Die eine Sorte beschimpft Pelosi sowie die separatistischen Kräfte von Taiwan, steht somit im Einklang mit den Staatsmedien und schafft es, im Internet verewigt zu werden.

Die anderen beschäftigen sich kaum mit der Person Pelosi oder der Lage in Taiwan, sondern konzentriert sich auf die Reflexion über das Festland: Dabei wird mit scharfer Kritik nicht gegeizt, weswegen ihre Statements nur in WeChat-Gruppen kursieren, sofern die nicht bereits der Zensur zum Opfer gefallen sind. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es sich dabei um zwei völlig unterschiedliche Besuche handelt.

Pelosi mit Kind und Kegel

Beim ersten Besuch stand die Person Pelosi im Vordergrund. Liebevoll wurde sie von chinesischen Autoren und Usern als die »alte Hexe« begrüßt. Auf einigen Karikaturen blickte sie so böse und hinterlistig drein, wie die berüchtigten alten Weiber aus uns allen bekannten Märchen. Auch als Kriegshetzerin wird sie dargestellt, die nach dem Motto handelt »Nach mir die Sintflut«. Etwas sachlicher geht es bei den Berichten zu, die die Geschäftsbeziehungen ihres Sohnes Paul mit den Unternehmen auf Taiwan sowie in Singapur und Südkorea detailliert auflisten.

Dass »Mama Pelosi« ausgerechnet in diesen Ländern Halt machte und ihren Sohn auch noch ganz unauffällig als »Begleitung« mitgebracht hatte, brachte sie nach der Asien-Reise in Erklärungsnot. Dass dieser Sachverhalt von den deutschen Medien verschwiegen wird, spricht für meine These, dass in Sachen selektiver Berichterstattung die deutschen Journalisten ihren chinesischen Kollegen kaum nachstehen.

Auch die Taiwaner bekommen bei diesem ersten Besuch ihr Fett ab. So hätten sie sich zu früh von der Ankunft der US-Delegation geschmeichelt gefühlt. Denn als die chinesischen Militärmanöver begannen, verschlug es nicht nur dem bösen Onkel Sam, sondern auch der taiwanesischen Präsidentin die Sprache. Dabei wäre es falsch, zu behaupten, dass sich die separatistischen Kräfte auf der Insel von den USA verraten fühlen müssten, denn die Amerikaner hätten nie vorgehabt, im Falle der Fälle in Taiwan einzumarschieren. Sie wollen lediglich die Krise am Köcheln halten und Taiwan mit Waffen beliefern, wenn es zum Krieg käme. So wie im Falle der Ukraine. Dass so viele Taiwaner einer eventuellen Wiedervereinigung mit dem Festland so skeptisch entgegenblicken, können die patriotischen Autoren gar nicht nachvollziehen. »Erfüllt es die Taiwaner nicht mit Stolz, Chinesen zu sein?«, fragt einer ganz unschuldig. Aber so einfach scheint es nicht zu sein. Nicht mal alle Festlandchinesen strotzen vor Nationalstolz.

Schwarze Bildschirme

Der zweite Taiwan-Besuch Pelosis: Wie oben bereits erwähnt, steht bei solchen Berichten und Kommentaren die US-Demokratin nicht im Vordergrund. »Ich schäme mich für die Dummheit unserer Regierung. Nun behauptet Wang Wenbin, Sprecher des Außenministeriums, dass es gemäß dem internationalen Meeresrecht gar kein internationales Gewässer gibt. Und wenn Wang das sagt, dann ist das die Meinung von Xi Jinping«, schreibt ein Autor unter Pseudonym. Hintergrund ist, dass die Taiwanstraße zuvor von den USA als internationales Gewässer bezeichnet wurde.

William Mei, ein chinesisch-stämmiger US-Rechtsanwalt kann es sich leisten, mit seinem echten Namen Kommentare im WeChat abzusetzen: »Im Beobachtungsraum des US-Verteidigungsministeriums konnte man sehen, wie Satelliten und Flugzeugträger des US-Militärs die elektronische Sperrung einschalteten, sobald die Maschine mit Pelosi abflog. Die chinesischen Kampfjets und Kriegsschiffe über oder auf der Taiwanenge bekamen alle schwarzen Bildschirm.« Daraus werde Mei zufolge sichtbar, auf welch unterschiedlichen Niveaus sich die Kriegstechnik und Ausrüstung zwischen den USA und China befinden. Selbst wenn China die Maschine mit Pelosi an Bord in der Luft begleiten oder abfangen wollte, würde es nicht schaffen.

Weiter schreibt er: »Deswegen haben die chinesischen Militärmanöver am 4. August begonnen, weil die USA die elektronische Sperrung an diesem Tag aufhoben. Ansonsten hätten die Chinesen nicht mal Raketen abfeuern können.«

Wird Taiwan bald Teil der Volksrepublik?

Ein anonymer Autor hat ein ungewöhnliches Gedankenspiel aufgeschrieben: »Stellen wir uns Folgendes vor: Auf einmal redet auch die taiwanesische Regierung vom Wiederaufstieg des chinesischen Volkes und will die Wiedervereinigung mit dem Festland mit Gewalt durchsetzen. Was sollten wir tun? Erbitterten Widerstand leisten oder kapitulieren?« Der Autor plädiert für das letztere und erklärt warum: »Dann haben wir doch die Wiedervereinigung nach unserem Duktus erreicht. Denn nach dem taiwanesischen System gibt es keine Amtszeit auf Lebenszeit für die obersten Führer. Dann werden bald Wahlen im ganzen Land durchgeführt. Auf dem Festland leben 1,4 Milliarden Chinesen. Davon ein paar hundert Millionen rote Patrioten und 90 Millionen Mitglieder der Kommunisten Partei. Die Gesamtbevölkerung auf Taiwan beträgt nur 23 Millionen. Bei einer One-man-one-vote-Wahl müssen wir wohl doch nicht befürchten, gegen die da drüben auf der Insel zu verlieren.«

Mit anderen Worten: Die KP China würde weiter regieren. Mit einem Schuss Ironie schreibt er weiter: »Dann haben wir ohne Gewehre und Patronen, ohne jeden menschlichen Verlust die Einheit unseres Vaterlandes und den Wiederaufstieg unserer Nation verwirklicht. Die Chipindustrie Taiwans gehört auf einmal uns. Wir sparen Hunderte von Milliarden Forschungs- und Entwicklungskosten.« Kann noch jemand allen Ernstes behaupten, dass die Chinesen keinen Sinn für Humor hätten?

So amüsant der kleine Text auch klingen mag, die deutschen Leser dürfte nur eine Frage interessieren: Wird Xi Jinping in baldiger Zukunft den Befehl für die Übernahme Taiwans geben? Das ist die bekannte Eine-Million-Euro-Frage, die im Moment niemand beantworten kann. Die Antwort auf diese zentrale Frage hängt von weiteren Fragen ab. Wird die chinesische Wirtschaft in eine Rezession hineinschlittern? Wird die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Xis Corona-Politik steigen? Und wird der innerparteiliche Druck auf Xi zu groß? Je öfter sich diese Fragen bejahen lassen, desto wahrscheinlicher wird ein Einmarsch. Ein Krieg als Ablenkung hat noch immer funktioniert. Die Mehrheit der Bevölkerung wüsste Xi in diesem Fall hinter sich. Die Relation zwischen den Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern dürfte Einschätzung des Autors dieses Textes zufolge bei neun zu eins liegen. Eins steht fest: Der Ukraine-Krieg dient gerade als anschauliches Lehrmaterial für die chinesische Regierung, welche Waffen die USA Taiwan liefern könnten und mit welchen Sanktionen China konfrontiert würde.

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10 Kommentare

  1. „Die Relation zwischen den Kriegsbefürwortern und Kriegsgegnern dürfte Einschätzung des Autors dieses Textes zufolge bei neun zu eins liegen. “

    Im Ernst, oder meint der Autor da vielleicht die Befürworter für eine Wiedervereinigung.
    Kaum vorstellbar, dass 1,26 Milliarden Chinesen sich auf einen Krieg freuen, der mit einer anderen Atommacht ausgefochten werden könnte.

    1. Ich denke, er meint die Befürworter einer gewaltsamen Wiedervereinigung, so diese erforderlich würde.

      Nach meiner Beobachtung bestand die Kritik an der Regierung in chinesischen Microblogs und Chats (WeChat, Sina Baidu) hauptsächlich darin, dass sie Pelosi nicht abgeschosssen oder abgedrängt hat. Die Atmosphäre war teilweise eher aggressiv. Die Zensur hat nach meinem Eindruck vorwiegend die „Firebrands“ entfernt.

      Nach meinem Eindruck besteht die chinesische Internetzensur eher in einer Moderation von Exzessen wie RRSS und aufstachelnden extremen Beiträgen. Im Vergleich etwa zu Tagesschau- oder Spiegelforen ist sie eher liberal :). Regierungskritik wird weniger unterdrückt, und eben so häufig erwischt es pro-Regierungsbeiträge.

  2. Was ist das für eine elektronische Sperrung durch die USA, dass die chinesischen Aufklärungssysteme nicht mehr funktionieren? Hat jemand einen Namen dieses Störsystems?

    Ich gehe davon aus, dass jedes Militär in sich geschlossene Aufklärungs- und Kommunikationssysteme versucht aufzubauen, die vom Gegner nur schwer zu stören sind.

    1. Ich zweifle, dass ein US-Rechtsanwalt über die Bildschirme chinesischer Kampfjets und Kriegsschiffe Bescheid weiss, oder auch nur die Technologie militärischer Kommunikation und elektronischer Kampfführung versteht.

  3. West- Ukraine ist nicht mit Taiwan vergleichbar. In Taiwan gibt es kein Militär das China Widerstand leisten würde oder könnte egal welche Waffen geliefert werden. Und Taiwan hat auch keine faschistische Nationalgarden die die Bevölkerung an die Front zwingen könnten.
    Es wird also keinen Kampf bis zum letzten Taiwanesen geben.
    Sollte also die USA nicht direkt China den Krieg erklären wäre Taiwan innerhalb einer Woche wieder unter Chinesischer Verwaltung.
    Ob das Chinesische Militär dem Amerikanischen soweit unterlegen ist wie oben beschrieben darf bezweifelt werden. Die Chinesischen Hyperschallraketen können Flugzeugträger mit hoher Wahrscheinlichkeit treffen und damit auch einen guten Teil der bisherigen militärischen Vorherschaft der USA auf den Grund des Meeres versenken.

  4. Erst einmal ein Dankeschön für diesen Overtune an die Verantwortlichen.
    Der Disput liegt in der jüngeren Geschichte, und dieser Disput hat in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, das eine strategische Allianz gebildet wurde. Russland liegt nördlich von China!
    Die alten Seewegrechte sind für einen Teil der vergangenen Geschichte wichtig, denn der magnetische nördliche Polar wandert gen Osten. Oder anders gefragt : Warum versuchen europäische Kräfte den nördlichen Zugang für den’freien zivilen Verkehr von Waren und Gütern zu versperren?
    Mal ganz davon ab was die ‚Europäer‘ von den morgigen Handelsströmen über diese Route erwarten könnten, sie wären nicht einmal in der Lage ihre „Gebietsrohstoff Ansprüche“ im nordischen Segment zu sichern, geschweige denn verteidigen zu können.
    Die Militärmesse in Russland hat eine Massenproduktion von Tzirkon/Kinshal angekündigt… Das bedeutet doch das Interessen mit Vehemenz durchgesetzt werden und der Westen nichts gleichbürtiges offenbaren kann!

  5. China und USA hatten ihre weltpolitischen Wasserscheiden
    Die USA leiteten mit der Sprengung der WTC Türme am 9.11.2001 das Ende des politischen und militärischen Vakuums im Westen ein, das mit der Auflösung des Ostblock 1990 begonnen hatte.
    In China wurde der Wendepunkt mit einer extrem starken Sprengung im Zentrum der Stadt Tianjin am 12.8.2015 jedem ebenso deutlich vor Augen geführt. – Es ging um den Machtkampf zwischen Xi Jinping und Jiang Zemin. Der Anschlag auf Xi misslang, und seither befindet sich China auf dem Wege den USA successive ihren verdienten Platz zu zuweisen.
    Die Chinesen haben Zeit, denn sie wissen, wann man zu kämpfen hat und wann nicht. – Es ist im Artikel überhaupt nicht betrachtet worden, dass der die wahre Macht in der Welt hat, der die Macht über das Geld hat.
    Seit dem verlorenen Vietnamkrieg ist der Dollar kontinuierlich gefallen – man braucht nur noch etwas warten.

  6. „William Mei, ein chinesisch-stämmiger US-Rechtsanwalt kann es sich leisten, mit seinem echten Namen Kommentare im WeChat abzusetzen: »Im Beobachtungsraum des US-Verteidigungsministeriums konnte man sehen, wie Satelliten und Flugzeugträger des US-Militärs die elektronische Sperrung einschalteten, sobald die Maschine mit Pelosi abflog. Die chinesischen Kampfjets und Kriegsschiffe über oder auf der Taiwanenge bekamen alle schwarzen Bildschirm.« Daraus werde Mei zufolge sichtbar, auf welch unterschiedlichen Niveaus sich die Kriegstechnik und Ausrüstung zwischen den USA und China befinden. Selbst wenn China die Maschine mit Pelosi an Bord in der Luft begleiten oder abfangen wollte, würde es nicht schaffen.“

    Was der werte Autor Guan Xin dort in den Mund eines chinesischen Anwaltes legt, halte ich für Propaganda. Wie total überlegen die amerikanische Technik nicht ist, beweist diese gerade in der Ukraine. Führend ist amerikanische Militärtechnik or allem beim Einkaufspreis und dort mit großem Abstand.

    Es gibt in den letzten Jahren sich mehrende Planspiele an Offiziersschulen der USA, wo die USA auf Grund der neuen Raketentechnik der Chinesen, die amerikanische Flotte sich nicht mehr Taiwan nähern kann, ohne zu 100% versenkt zu werden. Deshalb bauen die Amis jetzt verstärkt U-Boote, welche zwar im konventionellen Bereich Nadelstiche versetzen können oder eben mit Atomraketen den ganzen Planeten zerstören.
    Taiwan hat auf Grund der geographischen Bedingungen ein riesiges Logistikproblem mit der USA verbunden zu bleiben. Eine mehrmonatige komplette Seeblockade würde Taiwan auf Grund der Insellage und den daraus entstehenden Versorgungsproblemen (Erdgas- und -ölreserven reichen nicht für einen Monat) zur Kapitulation zwingen.
    Der größte Teil der Nahrungsmittel erhält Taiwan aus China. 60% der Exporte von der Insel gehen auf das chinesische Festland. Taiwan kann nicht ohne China, aber China kann ohne Taiwan. Seit 30 Jahren konzentriert sich China darauf, diese Überlegenheit zu erreichen. Selbst in der Chipherstellung hat China gleich gezogen, wie MoA zu berichten wußte.

    Mittelfristig befindet sich auch die USA in Taiwan auf den absteigenden Ast.

    Und Taiwan ist nicht das einzigste Problem der USA. 85% der Welt gehen auf Distanz zur USA und seinen Versallen. Der Ukraine- und Taiwankonflikt beschleunigen nur den Prozess des Machtverlustes der USA.
    Hier ein Beispiel an Hand von Indien:
    Im Westen ist den Menschen nicht bewusst, wie tief die Folgen der Kolonialzeit in den ehemaligen Kolonien bis heute fortwirken. Das zeigt ein Bericht des russischen Fernsehens.
    gefunden bei: https://www.anti-spiegel.ru/2022/was-die-folgen-der-kolonialzeit-fuer-die-heutige-politik-bedeuten/

  7. Laut einiger Pressemeldungen Ende Mai hat China die Problematik des derzeit sicherlich noch überlegenen US-Satellitensystems inkl. Starlink natürlich im Blick und arbeitet daran. Die Erfahrungen in der Ukraine bestätigen, dass dies aus chin. Sicht auch unbedingt nötig sein wird, um die Optionen der USA im Falle eines Angriffs auf Taiwan zu reduzieren. Ich gehe davon aus, dass ihnen dies innerhalb der nächsten ca. 5 Jahre gelingen kann. Und es würde mich nicht wundern, wenn Pelosi & Co. deshalb jetzt versuchen, den Konflikt zu eskalieren, weil sie sich noch in der techn. überlegenen Position wähnen.

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