Die Rückkehr der nuklearen Machtpolitik

Protest against investments in nuclear weapon companies
TimMilesWright, CC0, via Wikimedia Commons

Atomwaffen galten als Relikte des Kalten Krieges. Nun rücken sie ins Zentrum internationaler Sicherheitsstrategien. Die großen Mächte rüsten auf, Rüstungskontrollverträge zerfallen und nukleare Drohungen gehören zum politischen Alltag. Steht die Welt vor einem neuen atomaren Wettrüsten?

Mit dem Ende des Kalten Krieges schien die Gefahr eines nuklearen Wettrüstens gebannt. Die Zahl der Atomwaffen nahm ab, Abrüstungsverträge wurden geschlossen und viele Beobachter gingen davon aus, dass die Relevanz nuklearer Abschreckung sinken würde.

Heute ergibt sich ein anderes Bild. Atomwaffen haben ein Comeback in der internationalen Machtpolitik. Russland modernisiert sein Arsenal, China baut seine nuklearen Fähigkeiten in unbekanntem Tempo aus, die Vereinigten Staaten investieren Milliarden in die Erneuerung ihrer Nuklearstreitkräfte und Nordkorea treibt sein Raketenprogramm kontinuierlich voran.

Die Hoffnung auf eine Entwertung nuklearer Waffen ist einer sicherheitspolitischen Realität gewichen, in der Abschreckung als unverzichtbar gilt.

Das Ende der nuklearen Entspannung

Die internationale Sicherheitsordnung befindet sich im Umbruch. Der Ukraine-Krieg, die wachsenden Konflikte zwischen den USA und China sowie regionale Konflikte im Nahen Osten und in Ostasien haben die Wahrnehmung militärischer Bedrohungen tiefgehend verändert.

Besonders Russlands Angriff auf die Ukraine markiert einen drastischen Wendepunkt. Seitdem Ukraine-Krieg verweist Moskau permanent auf sein Nukleararsenal. Russische Politiker und Militärvertreter betonen regelmäßig die Tragweite nuklearer Abschreckung und erinnern daran, dass Russland über das größte Atomwaffenarsenale weltweit verfügt.

Diese Signale dienen dazu, westliche Staaten von einer direkten militärischen Konfrontation abzuhalten. Sie weisen nachdrücklich auf, dass Atomwaffen sowohl militärische als auch politische Drohkulissen sind. Bereits ihre Existenz beeinflusst Entscheidungen anderer Akteure.

Chinas nuklearer Aufstieg

Während Russland im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht, vollzieht sich in Asien ein Prozess, die langfristig noch bedeutsamer sein könnte. China erweitert sein Atomwaffenarsenal schneller als erwartet wurde. Satellitenaufnahmen zeigen moderne Raketensilos, Experten gehen von einem erheblichen Ausbau strategischer Kapazitäten aus.

Für Peking symbolisiert das ein umfassender Machtaufstieg. Die chinesische Führung sieht sich mit den USA im globalen Wettbewerb um Einfluss und technologische Vorherrschaft. Nuklearwaffen repräsentieren strategische Glaubwürdigkeit.

So entsteht eine neue Situation: Während die nukleare Ordnung des Kalten Krieges durch die Rivalität zwischen Washington und Moskau geprägt war, bildet sich nun ein Dreieck zwischen den USA, Russland und China.

Die Krise der Rüstungskontrolle

Parallel zur Modernisierung nuklearer Arsenale schwindet die internationale Rüstungskontrolle. Einige Kontrollverträge wurden jüngst aufgekündigt und das Vertrauen zwischen den Großmächten ist immens gesunken. Wo einst Verhandlungen über Begrenzungen und Transparenz stattfanden, dominiert fortan strategisches Misstrauen.

Die Folgen reichen über technische Fragen hinaus. Rüstungskontrollabkommen dienten nicht bloß der Limitierung von Waffen, sondern hauptsächlich der Berechenbarkeit staatlichen Handelns. Sie reduzierten Unsicherheit und verringerten das Risiko gefährlicher Fehleinschätzungen. Ihr Zerfall steigert dagegen die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen und Eskalationen.

Europa zwischen Abschreckung und Abhängigkeit

Für Europa hat dies eine brisante Wichtigkeit. Die europäischen NATO-Staaten verfügen begrenzt über eigenständige nukleare Fähigkeiten und sind in hohem Maße auf den nuklearen Schutzschirm der Vereinigten Staaten angewiesen.

Es wächst die Unsicherheit über die Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien. Demnach gewinnen Diskussionen über europäische Verteidigungsfähigkeit und strategische Autonomie an Popularität.

Dabei zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: Viele europäische Staaten betrachten nukleare Abschreckung angesichts der russischen Bedrohung als unverzichtbar. Aber dieses Denken steht stark im Spannungsverhältnis zu den Abrüstungs- und Nichtverbreitungszielen.

Mehr Waffen führen nicht automatisch zu mehr Sicherheit

Jede Ausweitung nuklearer Kapazitäten erhöht die Komplexität strategischer Beziehungen. Mehr Akteure, modernere Waffensysteme und kürzere Reaktionszeiten können die Stabilität eines Abschreckungssystems schwächen.

Hinzu kommen technologische Herausforderungen wie Künstliche Intelligenz, Cyberoperationen oder autonome Systeme. Sie verändern die Bedingungen strategischer Entscheidungsfindung und schaffen neuartige Unsicherheiten, deren Auswirkungen kaum absehbar sind.

Die Annahme, dass nukleare Abschreckung jederzeit stabil funktioniert, ist keinesfalls garantiert.

Die Rückkehr einer alten Gefahr

Sehr lange schien die nukleare Bedrohung aus dem öffentlichen Bewusstsein vollkommen verschwunden zu sein. Klimawandel, Digitalisierung und wirtschaftliche Krisen bestimmten politische Runden. Atomwaffen galten als überwundene Hürde.

Die internationale Lage beweist, dass diese Einschätzung verfrüht war. Nuklearwaffen sind mitnichten verschwunden. Vielmehr stehen sie im Vordergrund geopolitischer Machtkonkurrenz. Die Welt befindet sich nicht unbedingt in einer Neuauflage des Kalten Krieges. Dennoch entsteht eine Sicherheitsordnung, in der Abschreckung, Aufrüstung und strategische Rivalität an Stellenwert zulegen.

Deshalb stellt sich die Frage nach neuen Formen der Rüstungskontrolle mit großer Dringlichkeit. Denn die Geschichte des Atomzeitalters belegt: Abschreckung kann Stabilität schaffen – dauerhaft ersetzen kann sie politische Verständigung niemals.

Julia Engels

Julia Engels ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Sicherheits- und Abrüstungspolitik und promoviert an der RWTH Aachen zur nuklearen Abschreckung in der Internationalen Politik. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge u. a. in Telepolis, Frankfurter Rundschau und der taz.
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15 Kommentare

    1. @Walter Nikolaus Gerhartz

      Mir erscheint es auch unverständlich, dass so wenige Bürger gemerkt haben, dass die Vorwürfe von Politikern der Union, SPD und den Grünen nur von ihrer eigenen rechtsradikalen Politik ablenken sollen.

      1. „Mir erscheint es auch unverständlich, dass so wenige Bürger gemerkt haben, dass die Vorwürfe von Politikern der Union, SPD und den Grünen nur von ihrer eigenen rechtsradikalen Politik ablenken sollen.“

        „Ablenkungsstrategie“ gehört zum vorherrschenden Politik-Betrieb

        „Spaltung der Gesellschaft: Autoritarismus-Vorwurf, begründete Autoritarismus-Angst als Vehikel “
        https://www.youtube.com/watch?v=IQvR8a3VYNM&t=11s

        Mir ist unverständlich wieso von einem fehlkonstruierten System immer noch gute Lösungen im Sinne des Gemeinwohls erwartet werden?

  1. Unbegreiflich, dass Kanzler Merz, EU-Präsidentin von der Leyen, Pistorius, Wadephul und andere die Aussage von Putin

    »Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?«

    auf die leichte Schulter nehmen.

    Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl, Atomwaffen einzusetzen, sollte die Existenz Russlands bedroht sein, und die USA haben diesen Wink kappiert.

    Selbst wenn Putin tatsächlich nur blufft, ist es nicht nur unverantwortlich das Schicksal Deutschland, der EU und sogar der ganzen Welt aufs Spiel zu setzen, es ist sogar verbrecherisch, und das nur um ein korruptes Regime in der Ukraine am Leben zu erhalten.

    1. Ja, wenn es denn nur um Korruption gänge – die gibt es überall. Nur in D nicht, dort gibt es „politische Landschaftspflege“
      Viel schlimmer ist doch, dass es sich dort um einen rassistischen und faschistischen Unrechtsstaat handelt. Wer Teile seiner Bevölkerung ihrer Rechte beschneidet, sie zu minderwertgen Menschen abstempelt, kaltblütig abknallt und eine ethnisch reine Ukraine anstrebt, den kann man nicht anders bezeichnen. Das betrifft natürlich vorrangig ethnische Russen, aber die anderen Minderheiten (u.a. Ungarn und Polen)sind für die Machthaber dort auch nicht viel besser. Der ganze Bandera Kult und die Verherrlichung des Nazitums tun ein übriges.
      Und wer diese Mischpoke unterstützt, ist ebenfalls ein Faschist. Und mit Faschisten kungeln, da war Deutschland immer vorn mit dabei. Nix gelernt aus der Geschichte 🙁

  2. Finde der Artikel hat ein ziemliche Schieflage. (wundert mich das der hier erscheint)

    > Besonders Russlands Angriff auf die Ukraine markiert einen drastischen Wendepunkt. Seitdem Ukraine-Krieg verweist Moskau permanent auf sein Nukleararsenal.

    Im Gegenteil Russland hat immer wieder betont das sie dort keine einsetzen. Das halte ich auch für glaubhaft, da man sich sonst aus der Weltgemeinschaft katapultieren würde.

    Wenn westliche Länder allerdings sagen wir wollen Russland zerschlagen, gibt sogar schon Landkarten wer welches Stück bekommt, dann droht Russland mit Atomwaffen. Wenn der Krieg auf russisches Territorium getragen werden würde, sollte man allgemein davon ausgehen das Russland AW einsetzen würde. Das würden alle andere Atomwaffenländer genauso handhaben. Insofern ist das keine Besonderheit von Russland.

    > Heute ergibt sich ein anderes Bild. Atomwaffen haben ein Comeback in der internationalen Machtpolitik. Russland modernisiert sein Arsenal, China baut seine nuklearen Fähigkeiten in unbekanntem Tempo aus, die Vereinigten Staaten investieren Milliarden in die Erneuerung ihrer Nuklearstreitkräfte und Nordkorea treibt sein Raketenprogramm kontinuierlich voran.

    Nein. Der Hintergrund war das die USA einseitig aus den Absrüstungsverträgen ausgestiegen ist. Dazu zählen übrigens Raketenabwehrschirme mit rein, welche von den USA in Polen und Rumänien aufgestellt haben. Das vergessen viele. Da diese das Kräftegleichgewicht beeinflussen. Dann erst hat Russland gesagt wir modernisieren.

    China rüstet auf, das ist zumindest richtig. Hängt aber auch mit der stärkeren Bedrohung durch die USA und Westeuropa wegen der Taiwan Frage zuammen. Eine aggressive Außenpolitik hat Folgen, dem kann man eigentlich fast alles der letzten 30 Jahre zuordnen.

    > Dabei zeigt sich ein grundlegendes Dilemma: Viele europäische Staaten betrachten nukleare Abschreckung angesichts der russischen Bedrohung als unverzichtbar. Aber dieses Denken steht stark im Spannungsverhältnis zu den Abrüstungs- und Nichtverbreitungszielen.

    Die russische Bedrohung ist herbeigeredet. Im Sinne des Kräftegleichgewichts muss Russland alle Atomwaffen in Europa zusammenrechnen. Dazu gehören USA, Frankreich und England. Und wenn die USA die Verträge aussetzen oder Raketenabwehrschirme bauen, ist Russland gezwungen aufzurüsten.

    Der Verantwortliche dafür ist der der als erster die Verträge gekündigt hat und der als erster Raketenabwehrschirme aufgestellt hat. Da schauen wir dochmal auf den Kalender.

    https://www.kasseler-friedensforum.de/867/fragen_und_antworten/US-Mittelstreckenraketen-in-Deutschland-Sicherheit-oder-Kriegsgefahr/

    1. Der Artikel hat tatsächlich Schlagseite, man könnte auch sagen, er ist gekentert und säuft ab.

      Das ist die Realität: „Nein. Der Hintergrund war das die USA einseitig aus den Absrüstungsverträgen ausgestiegen ist. Dazu zählen übrigens Raketenabwehrschirme mit rein, welche von den USA in Polen und Rumänien aufgestellt haben. “

      Und wie versteckt die Autorin dieses eindeutige Verhalten unserer Führungsmacht? „Parallel zur Modernisierung nuklearer Arsenale schwindet die internationale Rüstungskontrolle.“ Klarer Fall von plötzlicher Schwindsucht.

      „Viele europäische Staaten betrachten nukleare Abschreckung angesichts der russischen Bedrohung als unverzichtbar.“ Wie entstand eigentlich die „russische Bedrohung“, an die wir nun glauben sollen? Sie entstand durch einen Angriffskrieg, den wir laut G. Beebe mit Umsicht herbeigeführt haben – weil wir glaubten, Russland würde ihn automatisch verlieren.

      Es täte dem Artikel gut, würde die ursprüngliche Wurzel des aktuellen Geschehens wenigstens am Rande erwähnt – das Imperium USA im Niedergang. Es geht um den Machterhalt des Westens und dem Versuch dieses Westens mit allen Mitteln dagegen zu halten.

      Dabei haben die BRICS alle Länder auf der Welt einschließlich des Westens eingeladen bei ihrem Projekt gleichberechtigt mitzumachen. Für den neokolonialen Westen eine Frechheit, weil sie wissen, dass sie in einer friedlichen Welt weiter Macht verlieren.

    2. „Dazu zählen übrigens Raketenabwehrschirme mit rein, welche von den USA in Polen und Rumänien aufgestellt haben.“

      Raketenabwehrschirme sind Wunderwaffen, eine ICBM mit MIRV die mit > Mach 10 reinkommt wird man nicht sicher abfangen können. Das wurde doch alles in den 80’ern diskutiert.

  3. Umso mehr Waffen existieren, desto eher werden sie auch irgendwann eingesetzt.
    Das sieht man ja auch so schön in der USA.

  4. Klimawandel, Digitalisierung und wirtschaftliche Krisen bestimmten politische Runden. Atomwaffen galten als überwundene Hürde. Die internationale Lage beweist, dass diese Einschätzung verfrüht war. … Denn die Geschichte des Atomzeitalters belegt: Abschreckung kann Stabilität schaffen – dauerhaft ersetzen kann sie politische Verständigung niemals.

    Leider scheint diese Erkenntnis bei den europäischen politischen Führern noch nicht angekommen zu sein. Oder aber die Erkenntnis wird von ihnen bewusst ignoriert – aus mir unbekannten Gründen. Aber es müssen ja sehr starke Gründe sein, wenn man es auf einen Atomkrieg ankommen lässt. Jedenfalls kann ich nicht glauben, dass sie tatsächlich so naiv sind wie uns täglich in Tagesschau und Co erzählt wird.

  5. Russland vor nuklearem Rubikon: Warum der Westen mit dem Feuer spielt

    https://pi-news.net/2026/06/russland-vor-nuklearem-rubikon-warum-der-westen-mit-dem-feuer-spielt/#comment-6297563

    In einer Zeit, in der die NATO die Eskalationsleiter Stufe um Stufe erklimmt, warnen zwei der schärfsten geopolitischen Denker vor einer Katastrophe.

    Der US-Politikwissenschaftler Professor John Mearsheimer und der einflussreiche russische Stratege Professor Sergey Karaganov haben in einem brisanten Gespräch klargemacht:

    Russland steht unter wachsendem Druck, seine Abschreckung wiederherzustellen – notfalls mit einem begrenzten nuklearen Schlag gegen Europa. Und beide sind sich einig:

    Die USA würden höchstwahrscheinlich nicht atomar zurückschlagen.

    Seit 2022 hat die NATO ihre Beteiligung am Ukraine-Krieg schrittweise ausgeweitet: von Panzern über Langstreckenraketen bis hin zu Angriffen direkt von NATO-Gebiet aus.

    Jede neue Eskalationsstufe wird in Brüssel und Berlin als Beweis russischer Schwäche gefeiert.

    Gleichzeitig wächst im Kreml der Druck, endlich zu reagieren.

    Besonders alarmierend ist die russische Wahrnehmung Deutschlands. ALLES LESEN !!

  6. “ ..Rüstungskontroll – Verträge zerfallen“.

    eeeecht? Ja, wegen des feuchttropischen Wetters infolge des Klimawandels zer -setzen sich Verträge, Dokumente, Daten-
    träger in rasantem Tempo, sie zerfallen zu Staub…..

  7. völlig irrelevant…..
    „Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber der Vierte Weltkrieg wird bestimmt mit Stöcken und Steinen ausgetragen.“
    Albert Einstein

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