Die Revolution, die nie scheiterte

Revolutionsfaust - KI generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Warum akzeptieren Menschen ein System, das ihren eigenen Interessen oft widerspricht? Wie Propaganda, Manipulation und ökonomische Anreize unser Denken prägen – und warum echter gesellschaftlicher Wandel deshalb so schwerfällt.

Caitlin Johnstone hat im Westend Verlag ein »Kleines Erste-Hilfe-Büchlein gegen Propaganda« herausgebracht. Es hilft dabei, gegen den Schwachsinn unserer Zeit gewappnet zu sein.

Niemand wird reich, wenn alle immer gesund bleiben. Das Räderwerk des Kapitalismus wird sich auch dann noch weiterdrehen, wenn die Bevölkerung durch schlechte Bildung und miserable, auf Profit ausgerichtete Kunst seicht und stumpf wird. Milliardäre werden nicht dadurch reich, dass man Wälder und Meere unberührt lässt, weniger konsumiert, weniger abbaut, weniger bohrt, weniger Energie verbraucht. Die Wirtschaft blüht nicht auf, wenn die Welt in Frieden lebt und die Nationen in Harmonie zusammenarbeiten.

Wir werden dazu verleitet, reale Macht gegen leere Floskeln einzutauschen

Wenn man eine fortschrittliche KI so programmieren würde, dass sie das menschliche Verhalten einzig und allein darauf ausrichtet, mit den vorhandenen Technologien den größtmöglichen Profit zu erzielen, würde sich diese Welt nicht wesentlich von der realen unterscheiden. Wir werden von unreflektierten, gefühllosen Systemen gesteuert, denen das Wohl unseres Verstandes, unseres Herzens, unserer Gesundheit oder unserer Biosphäre egal ist und die alles opfern würden, um das eine Ziel zu erreichen, das sie sich gesetzt haben. Das ist einfach eine miese Art, eine Gesellschaft zu organisieren. Es funktioniert nicht und hat uns eine sterbende Welt voller verrückter Idioten beschert, die an mehreren Fronten auf ein nukleares Armageddon zusteuern. Unsere Systeme haben so spektakulär versagt, wie nur irgendetwas versagen kann.

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir haben uns für den Kapitalismus als Status quo entschieden, weil er ein effizienter Weg ist, um viel zu produzieren und viel Wohlstand zu schaffen, aber jetzt produzieren wir zu schnell zu viel und die Gesellschaft wird von den Reichen versklavt. Deshalb werden jetzt neue Systeme benötigt.

Ein Großteil des modernen politischen Lebens besteht darin, dass die herrschende Klasse die Öffentlichkeit dazu verleitet, Dinge, die die herrschende Klasse nicht schätzt, gegen Dinge einzutauschen, die sie schätzt: Wir tauschen die wirkliche Revolution gegen das Gefühl, revolutionär zu sein. Wir tauschen die tatsächliche Freiheit und Demokratie gegen die Geschichte von der Freiheit und der Demokratie. Wir tauschen diejenigen Bürgerrechte, die unseren Herrschern selbst wichtig sind, wie freie Meinungsäußerung und Freiheit von Überwachung, gegen Kulturkämpfe über Rassismus und Transphobie. Und wir tauschen echte Arbeit gegen imaginäres Geld. Auf jede erdenkliche Art und Weise werden wir dazu verleitet, reale Macht gegen leere Floskeln einzutauschen.

Bewusstseinsgesteuerte Dystopie

Ein Teil des Problems besteht darin, dass die Menschen in dieser bewusstseinsgesteuerten Dystopie nicht wissen, wie böse ihre Regierung ist, so dass die Vorstellung, dass ihre Regierung sie überwacht und ihre Sprache und ihren Zugang zu Informationen reglementiert, sie nicht so erschreckt, wie sie sollte. Deshalb ärgert es mich, wenn Leute sagen: »Hört auf, über Probleme zu reden, wir müssen über Lösungen reden!« Wir sind so weit davon entfernt, jemals Lösungen umsetzen zu können. Wir sind noch nicht einmal an einem Punkt angelangt, an dem eine nennenswerte Zahl von Menschen weiß, dass die Probleme existieren. Der erste Schritt ist die Schaffung eines Bewusstseins für die Probleme und ihre Ursachen, denn niemand wird sich umdrehen und einen Feind bekämpfen, von dem er immer noch glaubt, dass er sein Freund ist. Systemische Lösungen sind von diesem Punkt noch ziemlich weit entfernt.

Es ist inzwischen weithin bekannt, dass der freie Wille nicht annähernd in dem Maße existiert, wie die meisten Religionen, Philosophien und Rechtssysteme uns glauben machen wollen. Unser Verstand ist sehr leicht zu manipulieren und Propaganda ist sehr effektiv. Wenn Sie das nicht verstehen, haben Sie das Problem nicht verstanden. Beschäftigen Sie sich eingehend mit kognitiven Verzerrungen und deren Funktionsweise. Schauen Sie sich die Forschungsergebnisse an, die zeigen, dass unsere Gehirne wissen, welche Entscheidungen wir treffen werden, und zwar mehrere Sekunden, bevor unser Bewusstsein weiß, dass wir sie treffen. Wollen Sie mir erzählen, dass dies selbstbestimmte, freie Organismen sind? Um zu verstehen, womit wir es zu tun haben, muss man psychologische Manipulation verstehen, muss verstehen, wie effektiv sie ist und warum sie funktioniert, denn weitreichende psychologische Manipulation ist die entscheidende Gewalt, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit daran zu hindern, sich in ihrem eigenen Interesse gegen unsere Herrscher zu wenden.

Die Trägheit und selbstzerstörerische Hoffnungslosigkeit der Menschen im Kampf gegen die Maschinerie rührt wohl daher, dass sie wissen, dass die großen politischen Aufbrüche der sechziger Jahre im Sande verlaufen sind. Aber ich glaube nicht, dass das der Fall wäre, wenn die Menschen verstehen würden, wie viel harte Arbeit die Maschinerie leisten musste, damit sie im Sande verliefen. Ich meine, wir alle wissen, dass das Ende von Aktivistenbewegungen nicht aus dem Nichts kommt, oder? Wir alle wissen von COINTELPRO? Bekannte Fälle, in denen einer von sechs Aktivisten tatsächlich ein Bundesinfiltrator war? Die Einführung der ausgeklügeltsten Propagandamaschine, die es je gegeben hat?

Die Revolution ist nicht organisch verpufft, sie wurde aktiv abgewürgt.

Die Energie, die das westliche Imperium in die Vernichtung des Fortschritts aller linken Bewegungen und der Antikriegsbewegung gesteckt hat, ist atemberaubend, aber die Leute glauben einfach, dass die Begeisterung von alleine nachgelassen hat, die Hippies zu Yuppies wurden und die Reagan-Administration von allein kam. So war es aber nicht. Daran mussten sie hart arbeiten.

Die Revolution ist nicht organisch verpufft, sie wurde aktiv abgewürgt. Was an ihrer Stelle verbleibt, ist diese defätistische Haltung. Die Menschen wollen eine gesunde Gesellschaft, glauben aber nicht, dass sie erreicht werden kann, das wird dann zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung. Wir betreiben jetzt selbst COINTELPRO.

Die Leute denken, dass wir die Macht unserer Masse nicht nutzen können, um das Entstehen einer gesunden Gesellschaft zu erzwingen, und dass wir keine verdienen, weil wir beim letzten Mal versagt haben. Aber wir haben nicht wissentlich, aufgrund unserer eigenen Fehler versagt, sondern wir wurden durch Manipulation an diesen Punkt gebracht. Und die Manipulatoren mussten sehr, sehr hart arbeiten, um das zu erreichen. Diese Bewegungen starben aus, weil die Maschine ganz klar verstand, dass sie sie mit extremer Aggression ausrotten musste, und genau wusste, was sie dafür tun musste, während die normalen Menschen im Dunkeln gelassen wurden. Ein Kampf ist nicht fair, wenn nur eine Partei davon weiß.

Die Maschine hat eine Schlacht gewonnen und alle tun so, als hätte sie damit den Krieg gewonnen. Das hat sie aber nicht. Wir können den Kampf wieder aufnehmen und wir können sie mit unserer Masse überwältigen. Wenn wir nur eine Ahnung davon hätten, wie hart sie arbeiten mussten, um diese eine Schlacht zu gewinnen, wäre das jedem klar.

Caitlin Johnstone

Caitlin Johnstone ist eine unabhängige Journalistin, die sich auf amerikanische Politik, Finanzen und Außenpolitik spezialisiert hat. Johnstone studierte Journalismus an der Royal Melbourne Institute of Technology. Auf ihrem Blog schreibt sie unermüdlich und furchtlos zu den wichtigen Themen der Zeit und liefert dort scharfsinnige wie scharfzüngige Analysen, die – da ausnahmslos durch ihre Leser finanziert – erfrischend unbeeinflusst von Staat und Industrie sind. Ihre Artikel wurden u. a. in Inquisitr, Zero Hedge, New York Observer, MintPress News, The Real News und International Policy Digest veröffentlicht. Johnstone lebt in Melbourne.
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5 Kommentare

  1. Die Zeit etwas zu unternehmen ist schon lange vorbei.

    Es gab in den letzten 30 Jahren mehrere und sehr offen sichtbare Konvergenzpunkte, an denen man etwas hätte machen können, um diese Zukunft zu vermeiden.
    Selbst nach 2008 hätte es noch Möglichkeiten gegeben. Jetzt ist der Drops gelutscht und das Verhalten der EU unter der deutschen Führung hat uns schon lange über den berühmten Rubikon gebracht und uns Problemen eingebrockt, die das Land wie einen Tsunami unter sich beerdigen wird. (und wer genau hinsieht weiß, dass es bereits begonnen hat*)

    Jetzt könnte nur noch eine Revolution helfen; aber „die Masse“ wird sich wie ihr Vorfahren vor 1939 verhalten.

    *nach aktuellen Meldungen wurde eine Drohne mit Sprengsatz am Flughafen Leipzig nahe einer Maschine aus der Ukraine entdeckt. Gleiwitz lässt Grüßen! 🙂

    https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201583.flughafen-leipzig-halle-angeblich-nach-kollision-sprengsdrohne-nahe-flugszeug-entdeckt.html
    https://www.scmp.com/news/world/europe/article/3363050/german-airport-diverts-flights-after-security-alert-over-unidentified-object

    1. Symptomatisch ist, dass immer nur einzelne Drohnen kommen. Ist das nicht sehr merkwürdig?

      Kampfdrohnen kommen doch immer im Schwarm. Wenn von 500 Kampfdrohnen 450 abgeschossen werden und 50 Kampfdrohnen kommen durch, dann 💥. Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ➊ einzelne Drohne entdeckt und vorher abgeschossen wird, liegt doch bei 99,99 Prozent. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent, schickt man doch keine Drohne um ein einzelnes Flugzeug anzugreifen. Was soll das militärisch bringen? Was soll das bringen? Damit bringt man die deutschen Bürgerinnen und Bürger nur dazu, der deutschen Regierung bei der „Kriegstüchtigkeit“, der Militarisierung der Gesellchaft und der schleichenden Mobilmachung blind zu vertrauen.

      Aber im demokratischen und gebildeten Deutschland gibt es ja keine Progaganda und auch keine regierungshörigen Propaganda-Medien, die gibt es bekanntlich nur in Putistan, Kinaland, Nortwiednam und Cubaah. Wer das im „aufgeklärten“ Deutschland behauptet, der macht bereits Propaganda, deutsche Propaganda.

  2. Der Kapitalismus war immer schon der effektivste Weg zur Akkumulation des Kapitals bei der herrschenden Klasse.
    Wohlstand, der immer wieder beschworene „Trickle Down“ Effekt, also, das Versprechen des Kapitalismus das schon alleine aufgrund seiner Besitzverhältnisse niemals eingelöst werden kann, kam demzufolge auch nur während einer ganz kurzen Zeit der prosperierenden Phase des Kapitalismus zum tragen, die meist zyklisch verläuft und am Schluss immer mit
    Inflation und Krieg endet um dann den nächsten Zyklus der Umverteilung von arm zu Reich durch ein Reset einzuleiten.

  3. „Wenn man eine fortschrittliche KI so programmieren würde, dass sie das menschliche Verhalten einzig und allein darauf ausrichtet, mit den vorhandenen Technologien den größtmöglichen Profit zu erzielen, würde sich diese Welt nicht wesentlich von der realen unterscheiden.“

    Ist dieses so? Wobei die obige Aussage, dann doch unpräzise ist, da eben nicht klar ist, ob der größtmögliche kurzfristige Profit erzielt werden soll oder eben der erzielte Profit über einen langen Zeitraum maximiert werden soll (oder anders ausgedrückt, die Bedingungen für die Anwendung Optimalitätsprinzip von Bellman ist nicht zwingend erfüllt, damit aus sukzessiven größtmöglichen kurzfristigen Profiten auch der größtmögliche Profit über einen längeren Zeitraum ergibt – merke Greedy-Algorithmen sind nicht immer optimal). Mit der Ergänzung des Wörtchens „kurzfristigen“ (zwischen größtmöglichen und Profit) könnte man dieses aber wohl stehen lassen.

    ps. Der Kritikpunkt hier ist, dass eben zu häufig eben nur der kurzfristige Profit betrachtet wird (und das Handeln darauf ausgelegt wird).

    pps. Ja, ich weiß zur Illistration des Restes des Artikels (bzw. Absatzes) ist es nicht wirklich relevant, ob die „gefühllosen Systeme“ nun auf kurzfristigen oder längerfristige Profitmaximierung aus sind. (Obwohl man argumentieren könnte, dass man vielleicht etwas schonender mit der Biosphäre, aber nicht unbedingt mit den menschlichen Arbeitssklaven, umgehen würde, wenn man an langfristiger Profitmaximierung interessiert wäre.)

  4. Dazu ein „kleines“ Beispiel, wie die menschliche Psyche und Progaganda via Vorurteile funktionieren. Man stelle sich vor, man müsste seine beiden kleinen Kinder einer wildfremden Person anvertrauen. Zur Auswahl stehen:

    A) Ein älterer, freundlicher, ordentlicher, sauberer Mann mit einem rundlichen Gesicht, großen Augen, einer kleinen Nase, einem langem weißen Bart, einer roten Mütze, einer roten Hose, einem flauschigen Mantel und langen glänzenden schwarzen Stiefeln. Irgendwie „kennt“ man diese Person, auch wenn man sie nicht perönlich kennt.

    B) Eine etwas verwahrloste, hagere halbnackte und tätowierte Gestalt mit kantigem und vernarbtem Gesicht, zerzausten und ungepflegten Haaren, kleinen Augen und leicht stechendem Blick, schmutziger Bekleidung und „dreckigen“ Schuhen. (Der „große“ Fritz würde vermutlich sagen: Der könnte sich mal wieder waschen 🛁 🚿🧴🧼 🧽 und saubere und ordentliche Klamotten 👕 anziehen.)

    90 Prozent (oder sogar mehr) der Bürgerinnen und Bürger würden sich wahrscheinlich für den 🎅 entscheiden und nicht den 👺.

    Was wäre, wenn man wüsste, dass
    A) ein Sexualstraftäter ist, der sich als 🎅 verkleidet hat und
    B) 👺 ein Obdachloser, der kein Geld hat.

    Würde die (Wahl-)Entscheidung dann immer noch so ausfallen 🧐? Daran kann man begründete Zweifel haben 🤔 🤨, dass sich dann immer noch 90 oder mehr Prozent für A) = 🎅 entscheiden würden.

    Kienzle: Noch Fragen Hauser?
    Hauser: Wieso „rundliches“ Gesicht?
    Kienzle: Lieber Herr Hauser, haben Sie etwa noch nie etwas vom „Kindchenschema“ gehört? Das funktioniert auch bei großen Kindern = Erwachsenen.

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