Die neue Lage im Irankrieg

Iran-Flaggen
Mostafameraji, CC0, via Wikimedia Commons

Mit Mohsen Rezaei an der Spitze des iranischen Sicherheitsrates verschärft Teheran seinen Kurs gegenüber Washington. Für die USA wird die Lage immer prekärer: Militärisch festgefahren, wirtschaftlich unter Druck, bleiben Trump kaum noch Auswege aus dem Irankrieg.

Spätestens seit der Neubesetzung des Sekretärs des iranischen „Supreme National Security Council“ ist es angebracht, die Gesamtlage im Irankrieg neu zu beurteilen, vor allem unter dem Aspekt der Möglichkeiten, die dem US-Präsidenten noch bleiben, nachdem er sich hat durch den israelischen Premierminister und den israelischen Geheimdienst Mossad in den Krieg gegen den Iran reinreden lassen.

Der nachstehende Artikel befasst sich mit der neuen Lage im Irankrieg, soweit sich diese an Hand von verfügbaren offenen Quellen von außen einigermaßen zutreffend beurteilen lässt.

Der Wechsel an der Spitze des iranischen „Supreme National Security Council“

Das Supreme National Security Council des Iran

Das Supreme National Security Council (SNSC) des Iran ist das gemäß Artikel 176 der iranischen Verfassung höchste Gremium für nationale Sicherheit, Verteidigung und Außenpolitik. Unter dem Vorsitz des Präsidenten koordiniert der Rat die strategischen Sicherheitsinteressen des Landes. Entscheidungen bedürfen jedoch der Bestätigung durch den Obersten Religiösen Führer des Iran. Das Gremium wurde kurz nach Ende des Irak-Iran-Kriegs gegründet zum Schutz der nationalen Interessen des Iran.

Personelle Zusammensetzung
  • Der Präsident des Iran (als Vorsitzender)
  • Der Sekretär des Sicherheitsrates, gleichzeitig Stellvertreter des Vorsitzenden
  • Parlamentspräsident und Chef der Justiz
  • Hochrangige Kommandeure der regulären Streitkräfte und der Revolutionsgarden (IRGC)
  • Die Minister für Äußeres, Inneres und Information (Geheimdienst)
  • Persönliche Vertreter des Obersten Religiösen Führers
Aufgaben und Befugnisse
  • Festlegung der nationalen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik
  • Koordination von Politikfeldern in den Bereichen Außenpolitik, Geheimdienste und Militär
  • Steuerung und Kontrolle sensibler internationaler Dossiers, wie etwa das iranische Atomprogramm
  • Umsetzung von Beschlüssen, die ein Eingreifen der Streitkräfte erfordern

Der oberste religiöse und politische Führer und das „Supreme National Security Council“ entscheiden über die iranische Außenpolitik und Sicherheitspolitik. Für das tägliche Geschäft ist der Sekretär des Sicherheitsrates zuständig.

Der Sekretär des „Supreme National Security Council”

Der neue Sekretär des iranischen Obersten Nationalen Sicherheitsrats ist Mohsen Rezaei. Er wurde am 10. August 2026 von Präsident Massud Peseschkian ernannt und trat damit die Nachfolge von Mohammad Baqer Zolghadr an, der das Amt erst Ende März 2026 übernommen hatte, weil sein Vorgänger Ali Laridschani bei einem Luftangriff während des von den USA und Israel begonnenen Krieges getötet worden war. Warum Mohammad Baqer Zolghadr nach so kurzer Zeit abgelöst wurde, ist nicht bekannt.

Der 72jährige Rezaei ist Generalmajor, Gründer der Revolutionsgarden und war von 1981-1997 deren Kommandeur. Später war er mehr als zwei Jahrzehnte lang Sekretär des Schlichtungsrates und von 2021 bis 2023 unter dem Präsidenten Ebrahim Raisi Vizepräsident für Wirtschaftsangelegenheiten. Rezaei hat an der Universität Teheran ‌in Wirtschaftswissenschaften promoviert, verbrachte jedoch einen Großteil seiner Karriere im ⁠Sicherheits- und Politikapparat des Irans. Es heißt, Rezaei war/ist Mitbegründer der libanesischen Hisbollah.

Politisch zählt er zum harten, konservativen Kern der iranischen Führung und gilt als bestens vernetzt mit den zivilen, militärischen und politischen Eliten des Landes Er vertritt einen konfrontativen Kurs gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel und steht für eine unnachgiebige Haltung in Sicherheitsfragen wie der Kontrolle der Straße von Hormuz. Unmittelbar nach seiner Amtsübernahme hatte Rezaei ein mehrstündiges Gespräch mit dem religiösen und politischen obersten Führer des Landes, Modschtaba Chamenei, geführt. Deshalb ist davon auszugehen, dass seine Forderungen an die USA mit Chamenei abgestimmt worden sind, nämlich die Umsetzung des Memorandum of Understanding (MoU)vom 12. Juni 2026. Das bedeutet in der Hauptsache:

  • Vollständige Wiedereröffnung der Straße von Hormuz
  • Beendigung der Blockade der iranischen Häfen
  • Freigabe des iranischen Öl- und Gasexportes
  • Beendigung aller wirtschaftlichen und rechtlichen Sanktionen gegen den Iran
  • Freigabe der iranischen Vermögenswerte in den USA
  • vollständige Kompensation für die Schäden aus den vorausgegangenen militärischen Konflikten
  • Einstellung aller Militäraktionen gegen den Iran und seine Verbündeten im Libanon, in den Palästinensergebieten, im Jemen und im Irak
  • Ende aller Drohungen gegenüber dem Iran
  • Abzug aller amerikanischen Soldaten aus der Golf-Region

Zusammenfassend sagte Rezaei nach seiner Amtsübernahme: Nationale Einheit und Solidarität von Bevölkerung und Amtsträgern sind eine strategische Notwendigkeit. Heute sind nationale Einheit und Solidarität von Volk und Amtsträgern mehr denn je eine strategische Notwendigkeit. Um diesen glorreichen historischen Moment zu meistern, braucht der Iran vor allem Vertrauen, die Stärkung des nationalen Zusammenhalts und der Einheit sowie Besonnenheit.“

In einem von der iranischen Nachrichtenagentur (IRNA) veröffentlichten Artikel vom 11. August 2026 schrieb Mohsen Rezaei in einer Nachricht: „Zunächst möchte ich dem Obersten Führer der Islamischen Revolution, Ayatollah Seyyed Mojtaba Khamenei, sowie dem Präsidenten für sein Wohlwollen meinen demütigen Dank aussprechen.“

Er fügte hinzu: „Die Islamische Republik Iran befindet sich heute in einem der kritischsten und prägendsten Momente ihrer jüngeren Geschichte; die iranische Nation hat sich in einem großen Aufstand und einer Revolution erhoben, um ihren historischen Ruhm wiederherzustellen.“

Er erklärte: „Unter diesen Umständen betrachte ich diese Verantwortung als ein schweres Vertrauensverhältnis gegenüber der iranischen Nation, den verehrten Märtyrern, dem heiligen System der Islamischen Republik und der Geschichte Irans.“

Er merkte an: „Es muss noch einmal betont werden, dass die Islamische Republik Iran angesichts keiner Bedrohung der Rechte und Interessen ihres Volkes zurückweichen wird, und in diesem Zusammenhang müssen Entscheidungen in diesem Bereich entschiedener getroffen werden als in der Vergangenheit.“

Er stellte klar: „Das Ziel ist nicht einfach nur, eine heikle und gefährliche Phase zu überstehen, sondern vielmehr, dass der Iran diese Phase sicherer, geeinter, stärker und mit größeren Kapazitäten für Fortschritt und Entwicklung verlässt.“

Zusammenfassende Beurteilung

Mit der Ernennung von Mohsen Rezaei zum Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates ist eine neue Lage im Irankrieg entstanden, weil dieser gegenüber der US Führung eine glasklare und mit Ayatollah Modschtaba Chamenei abgestimmte Position vertritt.

Es ist davon auszugehen, dass die USA das MoU nicht umsetzen und die Forderungen des Iran nicht akzeptieren werden, weil das dem Eingeständnis einer Niederlage gleichkommen würde. Die im MoU festgelegten 60 Tage zur Umsetzung der Vereinbarung sind abgelaufen und die durchaus mögliche Verlängerung dieser Frist wird offensichtlich nicht genutzt, weil aktuell überhaupt keine Gespräche zwischen Iran und den USA stattfinden.

Stell sich die Frage, wie es weitergehen soll.

Man kann als sicher davon ausgehen, dass der Iran unter der Ägide des neuen Sekretärs des „Supreme National Security Council“ von seiner Position nicht abweichen wird. Auf Grund einer dilettantischen Lagebeurteilung der Geheimdienste haben die USA den Iran ebenso total unterschätzt wie Saudi-Arabien den Jemen. Mit den gemeinsamen völkerrechtswidrigen Militäroperationen Israels und der USA wurde keines der von Präsident Trump immer wieder neu definierten Ziele erreicht. Stattdessen sehen sich die USA mit der Lage konfrontiert, dass ihre Militäreinrichtungen in der Golf Region zum Teil schwer beschädigt wurden, sie auf Grund mangelnder Ressourcen an Luftabwehrwaffen diese Einrichtungen ebenso wie die ihrer Verbündeten am Golf nicht mehr wirksam schützen können und sich der Krieg auf Grund einer fehlenden Gesamtstrategie regional deutlich ausgeweitet hat. Man hat, gemeinsam mit Saudi-Arabien Ziele im Jemen und im Irak angegriffen und dadurch die Situation weiter verschärft, während Teheran diese Entwicklung abwartend beobachtet, ohne selbst militärisch einzugreifen aber keine Zweifel daran lässt, jederzeit eskalieren zu können, wenn man es für richtig hält. Das Gesetz des Handelns liegt nicht in den USA oder Israel, sondern bei der iranischen Führung.

Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft durch die Blockade der Straße von Hormuz haben sich durch die jemenitische Bedrohung der zivilen Schifffahrt in der Straße Bab al-Mandab die das Rote Meer mit dem Golf von Aden und dem Indischen Ozean verbindet, weiter verschärft.

Die Versorgungslage der amerikanischen Seestreitkräfte in der Region erodiert in erschreckendem Maße, weil die Marinebasis der 5. US Flotte in Bahrain durch iranische Luftangriffe offensichtlich schwer beschädigt wurde und der zweite Tiefseehafen, den das Emirat Fujairah den USA zur Nutzung zur Verfügung stellt, in Reichweite der iranischen Drohnen und Raketen liegt. Deshalb denkt die amerikanische Militärführung über eine Versorgung ihrer Seestreitkräfte am Golf, vor allem der Flugzeugträger, die auf Tiefseehäfen angewiesen sind, durch Nutzung ihres gepachteten Stützpunktes auf der 2.200 Meilen entfernten Insel Diego Garcia nach. Die Situation auf dem US Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ ist ein Beweis für die schwierige Lage der US-Seestreitkräfte in der Region.

Die aktuelle Drohung des US Präsidenten mit einem Wirtschaftskrieg gegen den Iran ist der klare Beweis dafür, dass die USA offensichtlich überhaupt keine militärische Operation mehr haben, den Krieg gegen den Iran für sich zu entscheiden.

Der Vertrag zwischen dem Iran und Oman über die zukünftige Nutzung der Straße von Hormuz ist unterzeichnet und daran wird Präsident Trump auch durch seine Drohung, den Oman völlig zu zerstören, falls er gegen die Interessen der USA agiert, nichts ändern.

Der US Präsident hat nur noch zwei Möglichkeiten, entweder seine Niederlage einzugestehen oder einen schlechten vom Iran weitgehend diktierten Frieden zu akzeptieren. Ein Einknicken des Irans ist unter der aktuellen Führung nicht zu erwarten und zwar wegen der militärischen Möglichkeiten auch deshalb nicht, weil mittlerweile vor allem die jüngere Generation im Land sich hinter die Regierung stellt. Die Drohungen des US Präsidenten, das Land in die Steinzeit zurückzubomben oder seine Aussage, aktuell unterlegt mit einer fiktiven Landkarte, dass die USA die Straße von Hormuz annektieren werden, um die Freiheit der Meere zu garantieren, haben dazu wesentlich beigetragen.

Wie eigentlich immer zu beobachten ist, führen massive Bedrohungen von außen letztlich zu einer größeren Geschlossenheit im Innern eines Landes.

Die einzige und letzte Chance, den gordischen Knoten zu zerschlagen und den Krieg – unter Gesichtswahrung beider Kriegsparteien – zu beenden, sehe ich in einem Engagement des UN-Generalsekretärs. Dafür müsste allerdings der US-Präsident sein Verhalten zu den Vereinten Nationen ändern.

Jürgen Hübschen

Jürgen Hübschen, Jahrgang 1945, Westfale und Europäer. Ehemaliger Luftwaffenoberst im Generalstabsdienst. Zehn Jahre Einsatz als Raketenspezialist mit amerikanischen Kameraden in NATO-Verbänden. Drei Jahre Verteidigungsattaché bei der deutschen Botschaft in Bagdad während des Irak-Iran Krieges. Weiß dadurch, was Krieg für eine Scheiße ist, wie wichtig unabhängige Medien sind und wie wenig Möglichkeiten die Menschen in einer Diktatur haben, das herrschende System zu kritisieren oder gar zu ändern. 5 Jahre Leiter einer erfolgreichen OSZE-Mission in Lettland zur Überwachung eines Vertrags zwischen Russland und Lettland. Weiß dadurch, wie man mit Russen zusammenarbeitet. Letzte militärische Verwendung Referatsleiter im Verteidigungsministerium, zuständig u.a. für die Landesverteidigung, die zivil-militärische Zusammenarbeit und die Unterstützung der alliierten Streitkräfte in Deutschland.
Nach der Pensionierung 14 Jahre Unterstützer von NGOs in Sicherheitsfragen. Durchführung praktischer Trainings und Einsätze in Afghanistan und Afrika
Verfasser sicherheitspolitischer Bücher und Artikel, mit dem Ziel die Berichterstattung unserer stark stromlinienförmigen Medien aufzubrechen.
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