Die Krone der Realsatire – Friedenspreis für die NATO

Friedenstaube, NATO erhält Friedenspreis in Münster, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Ein Friedenspreis für die NATO, eine Laudatio von Friedrich Merz: In Münster wurde die politische Realsatire zur feierlichen Staatskunst erhoben.

Ein Militärbündnis erhält einen Friedenspreis. Ausgerechnet die NATO, die 1999 ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats Jugoslawien bombardierte, die sich seit dem Ende des Kalten Krieges von 16 auf 32 Mitglieder verdoppelte und ihre militärische Infrastruktur immer weiter Richtung Russland verschob. Die Laudatio hält Friedrich Merz – ein Bundeskanzler, der auf Aufrüstung, Abschreckung und weitere Waffen für die Ukraine setzt. Man könnte darüber lachen, wenn die Lage nicht so verdammt ernst wäre. Für mich ist diese Preisverleihung die Krone der Realsatire.

Ein Friedenspreis für ein Militärbündnis

Manchmal frage ich mich, ob die politische Realsatire inzwischen jeden Versuch überflüssig macht, sie noch satirisch zu überhöhen. Am 1. Oktober 2026 wurde der NATO im Historischen Rathaus von Münster der Internationale Preis des Westfälischen Friedens verliehen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte nahm die Auszeichnung entgegen. Der Preis wird von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe vergeben und ist insgesamt mit 100.000 Euro dotiert. Die Hälfte entfiel auf die NATO, die andere Hälfte als Jugendpreis auf die Organisation socioMovens.

Ein Friedenspreis für die NATO, das ist keine Satire, es ist Realität. Und als wäre das nicht schon grotesk genug, hielt ausgerechnet Bundeskanzler Friedrich Merz die Laudatio.

Merz sagte:

„Dass der Preis des Westfälischen Friedens an ein Militärbündnis geht, hat manchen überrascht. Offenbar bedarf das der Erläuterung.“

Richtig, das bedarf sogar erheblicher Erläuterung. Merz lieferte sie auf seine Weise. Die NATO sei eine „Allianz der Freiheit“, sie schütze Sicherheit und Wohlstand und – „sie dient dem Frieden“.

Ich sehe das anders. Für mich hat sich die NATO längst von einem Verteidigungsbündnis zu einem Bündnis entwickelt, das militärische Macht nicht nur zur Verteidigung des eigenen Territoriums nutzt, sondern diese Macht auch außerhalb seines ursprünglichen Bündnisgebietes eingesetzt hat. Die NATO ist von einem Verteidigungsbündnis zu einem Angriffspakt mutiert. Die Verleihung eines Friedenspreises an dieses Bündnis ist eine Farce.

Was ist aus dem Westfälischen Frieden geworden?

Die Symbolik könnte kaum absurder sein. Der Westfälische Friede von 1648 beendete nach jahrelangen Verhandlungen den Dreißigjährigen Krieg. Diplomatie, Interessenausgleich und Verhandlungen führten schließlich dazu, dass die Waffen schwiegen. Und ausgerechnet unter Berufung auf diese Tradition wird nun ein Militärbündnis geehrt.

Auch Friedensgruppen in Münster sahen darin einen Widerspruch. DFG-VK, Friedensinitiative Münster, pax christi und weitere Organisationen protestierten gegen die Preisverleihung. Mehrere hundert Menschen demonstrierten rund um das Rathaus.

Ich kann ihren Protest sehr gut nachvollziehen. Frieden entsteht für mich nicht dadurch, dass immer mehr Waffen produziert, immer höhere Rüstungsetats beschlossen, immer neue Feindbilder aufgebaut und immer mehr Raketen gegeneinander in Stellung gebracht werden. Frieden entsteht am Verhandlungstisch.

So entstand auch der Westfälische Friede. Vielleicht hätte man sich daran in Münster erinnern sollen.

„Not one inch eastward“

Nach dem Ende des Kalten Krieges bot sich eine historische Chance: eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung unter Einbeziehung Russlands. Was wurde daraus? Am 9. Februar 1990 sprach der damalige US-Außenminister James Baker gegenüber Michail Gorbatschow jene berühmten Worte aus:

„not one inch eastward“

Keinen Zoll weiter nach Osten.

Die Dokumente dazu existieren. Das National Security Archive der George Washington University hat eine umfangreiche Sammlung freigegebener amerikanischer, sowjetischer, deutscher, britischer und französischer Dokumente veröffentlicht. Baker verwendete die Formulierung gegenüber Gorbatschow sogar mehrfach.

Ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag, der jede spätere NATO-Erweiterung Osteuropas untersagte, entstand daraus nicht. Über Reichweite und Verbindlichkeit der damaligen Zusicherungen wird bis heute gestritten. Nur sollte man deswegen nicht so tun, als hätte es diese Gespräche und Sicherheitszusicherungen nie gegeben.

Und für mich sagt der spätere Umgang mit diesen Zusicherungen einiges über die Glaubwürdigkeit der USA und der NATO aus. Vertrauen zwischen Staaten entsteht schließlich nicht erst mit der Unterschrift unter einem Vertrag. Wer seinem Gegenüber in Verhandlungen bestimmte Sicherheitsvorstellungen vermittelt und sich später darauf zurückzieht, dass diese nicht rechtsverbindlich festgeschrieben worden seien, mag sich formaljuristisch im Recht sehen. Vertrauen schafft er damit nicht – er zerstört es. Für mich lautet die Konsequenz daher schlicht: Wer sich auf solche Zusicherungen verlässt, muss damit rechnen, dass sie später anders ausgelegt werden: das Gift für jede dauerhafte europäische Sicherheitsordnung.

1990 hatte die NATO 16 Mitglieder. Heute hat sie 32. Die Zahl hat sich verdoppelt. Polen, Tschechien und Ungarn kamen 1999 hinzu; später folgten unter anderem die baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Albanien, Montenegro, Nordmazedonien und zuletzt Finnland und Schweden. Die NATO bestätigt heute 32 Mitgliedstaaten und insgesamt zehn Erweiterungsrunden seit ihrer Gründung.

Man kann jede einzelne Erweiterung mit dem souveränen Recht der betreffenden Staaten begründen, ihre Bündnisse selbst zu wählen. Aber Sicherheitspolitik besteht nicht nur aus Rechten auf dem Papier. Sie besteht auch aus Wahrnehmungen, Interessen und Reaktionen anderer Großmächte.

Wer militärische Infrastruktur immer näher an die Grenze einer anderen Atommacht verschiebt, sollte zumindest darüber nachdenken, wie diese Atommacht das wahrnimmt.

Der Ukraine-Konflikt

Spätestens 2008 wurde die Sache brandgefährlich. Beim NATO-Gipfel in Bukarest erklärten die Staats- und Regierungschefs ausdrücklich:

„Wir haben heute vereinbart, dass diese Länder Mitglieder der NATO werden.“

Gemeint waren die Ukraine und Georgien. Das war kein russisches Propagandamärchen. Es steht bis heute in der offiziellen Gipfelerklärung der NATO.

Auch später hielt das Bündnis am grundsätzlichen Ziel einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft fest. Man muss Wladimir Putin nicht mögen, um zu verstehen, dass eine mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus russischer Sicht eine rote Linie darstellen konnte.

Einmal davon abgesehen traue ich Putin mehr über den Weg als den europäischen Bellizisten wie beispielsweise dem Laudator am 1. Oktober. Friedrich Merz kann in meinen Augen in politischer, mentaler und ethischer Hinsicht Wladimir Putin nicht das Wasser reichen.

Die Vorstellung, Russland müsse eine militärische Einbindung seines unmittelbaren Nachbarn in ein von den USA militärisch dominiertes Bündnis achselzuckend hinnehmen, halte ich für geopolitisch naiv. Die USA selbst würden Vergleichbares vor ihrer Haustür wohl kaum akzeptieren.

Stellen Sie sich nur vor, Russland oder China würden in Mexiko oder Kanada ein Militärbündnis etablieren und dort militärische Infrastruktur aufbauen. Würde Washington sagen: Kein Problem, souveräne Entscheidung Mexikos?

Wer das glaubt, glaubt vermutlich auch an den Weihnachtsmann.

Jugoslawien – die unbequeme Erinnerung

Noch etwas passt schlecht zum Bild des reinen Verteidigungsbündnisses. 1999 bombardierte die NATO 78 Tage lang die Bundesrepublik Jugoslawien.

Das war keine Verteidigung eines angegriffenen NATO-Mitglieds nach Artikel 5. Für den Beginn der Luftangriffe lag auch keine ausdrückliche Ermächtigung des UN-Sicherheitsrates zur Anwendung militärischer Gewalt vor. Im Sicherheitsrat wurde darüber heftig gestritten. Erst nach Ende der Bombardierung schuf Resolution 1244 die Grundlage für die internationale Sicherheitspräsenz KFOR im Kosovo.

Über die humanitären und politischen Motive der Intervention kann man diskutieren. Über eines jedoch nicht: Die NATO führte damals Krieg außerhalb des klassischen Bündnisfalls.

Seit diesem Zeitpunkt fällt es mir schwer, die NATO schlicht als reines Verteidigungsbündnis zu bezeichnen. Wenn ein Bündnis militärische Gewalt gegen einen Staat anwendet, der keinen NATO-Staat angegriffen hat, ist die Frage legitim, was vom ursprünglichen Selbstverständnis als reines Verteidigungsbündnis übriggeblieben ist.

Für mich hat sich die NATO gewandelt. Sie ist für mich längst nicht mehr nur ein Verteidigungsbündnis. Ihre Geschichte nach dem Kalten Krieg zeigt, dass sie militärische Gewalt auch jenseits der unmittelbaren Verteidigung des eigenen Bündnisgebietes eingesetzt hat. In diesem Sinne spreche ich von einem Angriffsbündnis.

Und dieses Bündnis erhält nun einen Friedenspreis. Realsatire.

Der Elefant im Raum: die USA

Hinzu kommt etwas, worüber in Deutschland viel zu selten offen gesprochen wird. Die NATO ist formal ein Bündnis gleichberechtigter Staaten. Entscheidungen werden im Konsens getroffen.

Militärisch und strategisch besitzen die Vereinigten Staaten innerhalb dieses Bündnisses ein Gewicht, das kein anderer Mitgliedstaat auch nur annähernd erreicht. Für mich fungiert die NATO in wesentlichen strategischen Fragen als verlängerter militärischer Arm der USA beziehungsweise als militärisches Machtinstrument des von Washington geführten Westens.

Und die Bilanz amerikanischer Militärinterventionen der vergangenen Jahrzehnte sollte bei einer Friedenspreisverleihung zumindest erwähnt werden. Vietnam, Irak, Afghanistan, Libyen und momentan der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran sowie zahlreiche weitere militärische Interventionen gehören zur Geschichte der amerikanischen Außenpolitik.

Inzwischen wird die Rechnung zunehmend nach Europa weitergereicht. Donald Trump machte bereits 2025 deutlich, wie das funktionieren soll: Die USA liefern Waffen für die Ukraine – bezahlt werden sie von europäischen NATO-Partnern.

Ein interessantes Geschäftsmodell, nicht wahr? Amerikanische Rüstungskonzerne produzieren, Europa bezahlt, die Waffen gehen in die Ukraine – und Europa trägt einen erheblichen Teil des Eskalationsrisikos unmittelbar vor seiner eigenen Haustür.

Und anschließend verleiht man dem Militärbündnis einen Friedenspreis. Man muss erst einmal auf diese Idee kommen.

Artikel 5 – die große Lebensversicherung?

Immer wieder wird Artikel 5 des NATO-Vertrags wie eine automatische militärische Lebensversicherung dargestellt. So einfach ist es nicht. Zwar gilt ein bewaffneter Angriff auf einen Bündnispartner als Angriff auf alle. Doch jeder Mitgliedstaat ergreift die Maßnahmen, die er selbst für erforderlich hält – ausdrücklich einschließlich, aber eben nicht zwingend durch den Einsatz militärischer Gewalt.

Das ist ein erheblicher Unterschied. Die politische Botschaft lautet: Einer für alle, alle für einen. Der Vertragstext ist differenzierter. Gleichzeitig drängen die Vereinigten Staaten seit Jahren darauf, dass die europäischen Verbündeten wesentlich mehr für ihre eigene Verteidigung ausgeben. Unter Donald Trump wurde diese Forderung noch schärfer: Europa soll militärisch mehr Verantwortung übernehmen und erheblich mehr Geld für Rüstung ausgeben.

Mit anderen Worten: Beim Bezahlen und Aufrüsten sollen die Europäer zunehmend selbst ran. Wie weit die amerikanische Solidarität im Ernstfall tatsächlich reicht, entscheidet sich dagegen nicht an politischen Parolen, sondern an den konkreten Verpflichtungen des NATO-Vertrags und letztlich an den Entscheidungen Washingtons.

Vielleicht sollte Europa endlich beginnen, über seine eigenen Interessen nachzudenken. Nicht über amerikanische.

Merz warnt – Rutte relativiert

Besonders interessant ist eine zeitliche Nähe, die in meinen Augen viel über die gegenwärtige Kommunikation verrät. Am 30. September, einen Tag vor der Preisverleihung, erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte, es gebe keine unmittelbare Bedrohung des NATO-Territoriums durch Russland.

Am folgenden Tag erklärte Friedrich Merz in seiner Laudatio:

„Denn gelingt es nicht, Moskau Einhalt zu gebieten, dann wird sich die russische Kriegsmaschinerie früher oder später auch gegen uns, gegen die NATO selbst, richten.“

Merz fragte zudem, ob Deutsche irgendwann wieder „das Grauen des Krieges“ am eigenen Leib erleben würden.

Schon wieder diese Angst. Schon wieder das Spiel mit einem der stärksten Gefühle, die sich politisch mobilisieren lassen. Wenn ein Bundeskanzler den Menschen das „Grauen des Krieges“ vor Augen führt, sollte er sich sehr genau überlegen, was er damit auslöst. Angst darf nicht zum politischen Instrument werden, um Aufrüstung, immer höhere Militärausgaben und eine weitere Eskalation gegenüber Russland gesellschaftlich durchsetzbar zu machen.

Und noch etwas stört mich an solchen martialischen Reden in einer Laudatio für den „Frieden“ gewaltig: Über Krieg lässt sich leicht sprechen, solange man selbst nicht im Schützengraben liegt. Dort liegen im Ernstfall andere. Junge Menschen. Söhne und Töchter. Vielleicht unsere Kinder oder Enkel. Andere verlieren ihre Beine, ihr Augenlicht oder ihr Leben. Andere Familien bekommen irgendwann die Nachricht, dass ihr Sohn oder ihre Tochter nicht mehr nach Hause kommt.

Wer als Regierungschef vom möglichen „Grauen des Krieges“ spricht, trägt deshalb eine ungeheure Verantwortung, alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass dieses Grauen niemals eintritt. Dazu gehören für mich nicht nur Abschreckung und militärische Stärke, sondern vor allem Diplomatie, Verhandlungen und Deeskalation. Friedrich Merz denkt nicht einmal daran. Wer Angst vor Krieg schürt und zugleich immer neue Aufrüstung fordert, bringt nicht den Frieden näher, sondern bereitet die Menschen lediglich auf einen möglichen Krieg vor.

Für mich zeigt diese Rede erneut, wie weit Friedrich Merz von der Friedenspolitik entfernt ist, die ich von einem deutschen Bundeskanzler erwarte. Ich lehne seinen Kurs entschieden ab. Gehen Sie endlich, Herr Merz, Sie haben innen- und außenpolitisch auf ganzer Linie versagt!

Die Worte des Bundeskanzlers sind die Sprache der Angst. Und ich habe tatsächlich Angst. Aber anders als Friedrich Merz, der sich vielleicht um das Vertrauen der Rüstungsfirmen und von BlackRock zu sorgen scheint.

Ich habe nicht in erster Linie Angst davor, dass morgen russische Panzer vor München oder Berlin stehen. Ich habe Angst davor, dass westliche Politiker die Eskalationsspirale so lange weiterdrehen, bis irgendwann ein Fehler geschieht, ein Flugzeug abgeschossen wird, eine Rakete am falschen Ort einschlägt, eine rote Linie überschritten wird – und plötzlich etwas beginnt, das niemand mehr kontrollieren kann.

Die Vorgänge um Kaliningrad zeigen, wie gefährlich die Lage geworden ist. Auf beiden Seiten werden militärische Szenarien durchgespielt und immer schärfere Warnungen ausgesprochen. Atommächte stehen sich gegenüber. In einer solchen Situation ist nicht jeder, der vor Eskalation warnt, ein „Putin-Versteher“. Vielleicht hat er einfach verstanden, was ein Krieg zwischen Atommächten bedeuten könnte.

Und davor habe ich Angst. Nicht hauptsächlich um mich. Ich habe den größten Teil meines Lebens hinter mir. Ich habe Angst um die Jungen, um unsere Kinder, um unsere Enkel – um diejenigen, die eines Tages möglicherweise in Schützengräben liegen sollen, weil Politiker, Militärstrategen und Schreibtischgeneräle heute glauben, Sicherheit entstehe dadurch, dass man die nächste Eskalationsstufe vorbereitet.

Nicht wer den ersten Schritt macht …

Russland hat am 24. Februar 2022 die Ukraine militärisch angegriffen. Das ist eine Tatsache. Dieser Angriff verstieß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta.

Aber die Geschichte beginnt nicht am 24. Februar 2022.

Um zu verstehen, warum Kriege entstehen, muss man die Vorgeschichte betrachten. NATO-Osterweiterung, die Bukarester Erklärung von 2008, der Konflikt um die europäische Sicherheitsordnung, die Ereignisse des Maidan, die Entwicklung seit 2014, der Krieg im Donbass und das Scheitern diplomatischer Vereinbarungen gehören dazu.

Auch die Rolle der USA in der Ukraine vor und während des Maidan gehört auf den Tisch. Washington unterstützte über Jahre politische und zivilgesellschaftliche Strukturen in der Ukraine; die berühmt gewordene, abgehörte Unterhaltung zwischen Victoria Nuland und dem damaligen US-Botschafter Geoffrey Pyatt zeigte zudem, wie intensiv sich hochrangige amerikanische Diplomaten mit der politischen Neuordnung der Ukraine beschäftigten. „Fuck the EU“ ließ diese fragwürdige Frau unter anderem verlauten. Na ja, zumindest war diese amerikanische Einstellung der USA gegenüber der EU zumindest ehrlich, wie sich heute zeigt.
Die Darstellung, Washington sei lediglich ein unbeteiligter Zuschauer einer ausschließlich innerukrainischen Entwicklung gewesen, ist eine Farce, die eventuell denkbetreute Tagesschau-Zuschauer glauben mögen.

Das alles entschuldigt nicht den Angriffskrieg Russlands. Aber es erklärt, warum die bequeme Erzählung vom völlig grundlos handelnden Dämon im Kreml zu kurz greift.

Ich halte es mit einem Gedanken, der Niccolò Machiavelli zugeschrieben wird: Nicht derjenige allein, der den ersten Schlag führt, trägt Verantwortung für einen Krieg. Auch derjenige, der eine Situation immer weiter zuspitzt, bis der Konflikt nahezu unausweichlich wird, trägt Verantwortung.

Der „Wertewesten“ trägt eine erhebliche Mitverantwortung. Putin soll nicht reingewaschen und der russische Angriff nicht gerechtfertigt werden, aber die Vorgeschichte dient dem Verständnis, wie es so weit kommen konnte – und um zu verhindern, dass aus der nächsten Eskalation der nächste, womöglich noch größere Krieg entsteht.

Friedenspreis für Aufrüstung?

Und damit zurück nach Münster.

Friedrich Merz erklärte dort, Deutschland werde weiter in militärische Stärke investieren. Die Verteidigungsindustrie sei wieder „in Schwung“ gebracht worden.

Man muss sich diese Szenerie einmal vor Augen führen: Im historischen Rathaus einer Stadt, deren Name wie kaum ein anderer für das Ende eines verheerenden europäischen Krieges durch Verhandlungen steht, erhält das mächtigste Militärbündnis der Welt einen Friedenspreis. Der Laudator spricht über militärische Stärke, Abschreckung, die Rüstungsindustrie, weitere Unterstützung der Ukraine und die russische Kriegsmaschine.

Und das Ganze heißt: Friedenspreis.

Für mich ist das die Krone der Realsatire.

Frieden ist nicht das Ergebnis davon, den Gegner immer weiter militärisch unter Druck zu setzen und gleichzeitig jeden Hinweis auf seine Sicherheitsinteressen als Propaganda abzutun. Frieden beginnt damit, den Gegner überhaupt wieder als Gesprächspartner wahrzunehmen.

Wladimir Putin hat wiederholt erklärt, Russland plane keinen Angriff auf europäische NATO-Staaten. Man kann Putin glauben oder ihm misstrauen. Staaten betreiben schließlich keine Außenpolitik auf Vertrauensbasis. Aber wer seine Aussagen über russische Absichten für Propaganda hält, sollte zumindest erklären können, welche belastbaren Erkenntnisse das Gegenteil beweisen. Zwischen Atommächten sollte nicht die größtmögliche Bedrohungsannahme automatisch zur politischen Handlungsmaxime werden.

Wer Frieden will, muss mit seinem Gegner reden. Mit seinen Freunden muss man keinen Frieden aushandeln.

Und wer glaubt, Frieden entstehe dadurch, dass immer mehr Waffen produziert, immer mehr Milliarden in Rüstung gesteckt und immer neue militärische Drohkulissen aufgebaut werden, verwechselt Frieden mit Abschreckung. Abschreckung kann Krieg verhindern. Sie kann ihn aber auch vorbereiten – vor allem dann, wenn beide Seiten irgendwann überzeugt sind, nur noch Stärke zeigen zu dürfen und jedes Nachgeben als Schwäche betrachten.

Dann genügt am Ende vielleicht ein einziger Fehler. Ein Pilot, der eine Situation falsch einschätzt. Eine Drohne, deren Herkunft nicht sofort geklärt werden kann. Eine Rakete, die am falschen Ort einschlägt. Eine Fehlinterpretation auf einem Radarschirm. Und plötzlich reden diejenigen, die heute so selbstsicher von Kriegstüchtigkeit sprechen, nicht mehr über Planspiele. Dann sterben Menschen, vielleicht unsere Kinder.

Ich wünsche mir von Politikern keine Kriegstüchtigkeit. Ich wünsche mir Friedenstüchtigkeit: Diplomatie, Verhandlungen, Interessenausgleich und vor allem die intellektuelle Fähigkeit, die Sicherheitsinteressen der anderen Seite wahrzunehmen, ohne sie deshalb zu den eigenen machen zu müssen.

Das wäre für mich die Tradition des Westfälischen Friedens. Und dafür würde ich tatsächlich einen Friedenspreis verleihen.

Uwe Froschauer

Uwe Froschauer hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Betriebswirtschaft studiert und abgeschlossen. Sein besonderes Interesse galt der Wirtschaftspsychologie. Er arbeitete als Unternehmensberater, gibt Seminare bei Berufsbildungsträgern, ist Autor mehrerer Bücher und betreibt den Blog wassersaege.com. Seine Leidenschaft für weltweite Reisen machte ihn sensibel für Kulturen und Probleme anderer Völker. Er ist naturverbunden und liebt Tiere und Pflanzen.
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36 Kommentare

      1. Für die U.S. of A. gilt die „rules based order“ deren Regeln nirgendwo niedergeschrieben sind und sich tagesaktuell andern nach Bedarf um Frieden, Freiheit und Demokratie zu bringen. Völkerrecht ist denen egal, weil sie niemand zur Verantwortung ziehen kann.

  1. Im Artikel steht nichts drin, was ich besonders neu fände. Vieles ist ziemlich flach und binär formuliert, z.B. die Sache mit dem Angriffskrieg oder Putin und der lächerlichen Diffamierung als Putinverstehern, einfach nur eine Reaktion auf die Propaganda, wie auch die oft vom Staat bezahlten Friedensvereine immer sehr zahnlos auftreten, die in Münster demonstriert haben.

    vgl. German Imperialism

    https://www.youtube.com/watch?v=4n6yXS_Ma6s

    und nicht vergessen Herr Froschauer: CO2 ist gut für die Orangen! (fragen Sie mal den Herrn Limburg von Eike)

    1. Na ja, für jemand, der sich informiert, steht tatsächlich nichts Neues drin – woher sollte das auch plötzlich kommen? Es ist aber eine einfach zu lesende Zusammenfassung (leider ohne Links zu Originaldokus), die man einem völlig ahnungslosen MSM-Jünger (sofern er bereit ist, die paar Zeilen zu lesen) als Anfangslektüre geben könnte. Hinzufügen könnte man evtl., dass es durchaus Verträge gibt, in denen festgeschrieben ist, dass die Sicherheit des einen nicht auf Kosten eines anderen entstehen darf (womit der Einwand: „Jeder, der will, kann in die NATO, da hat Russland nichts mitzureden“ entkräftet wäre), z.B. Charta von Paris 1990, OSZE Gipfeltreffen Istanbul 1999.
      Neu war für mich der Kommentarinhalt hinsichtlich des völkerrechtlichen Status mündlicher Aussagen.

      1. Aber: die KI von Edge sieht das schon ein bisschen weniger klar (i.S.v. mündlich ist völkerrechtlich fast nie bindend), bringt allerdings die selben vier Punkte, über die man bei den Verhandlungen damals und den (per Video belegten) nachweislich öffentlich gemachten Aussagen zweier Außenminister (!) schon streiten könnte.

  2. Warum soll ich Overton besuchen, wenn ich genausogut selbst die KI um zehn Seiten Plattitüden bitten könnte?

    Wenn der Autor keinen Respekt vor meiner Zeit hat, habe ich auch keinen Respekt vor seinen Gedanken, sofern da überhaupt mehr als das drinsteckt, was ohnehin jeder weiß.

    1. Also ich finde diesen Artikel sehr gut!

      Es muss doch hingewiesen werden auf die Perversität, einem aggressiven Militärbündnis einen „Friedenspreis“ zu verleihen, zumal in unseren öffentlichen Medien dieser Vorgang quasi als „normal“ dargestellt wird.

      Auch wenn die Schandtaten der Nato allesamt bekannt sind, so finde ich es richtig sie hier zur Charakterisierung des „Preisträgers“ nochmals aufzuführen.

      Merz ist dabei, durch seine Aufrüstungspolitik und seine Unterstützung des Baus von Drohnen, ausdrücklich für „deep strikes“ im russischen Hinterland,
      Deutschland in einen Krieg mit Russland zu führen.
      Das kann man doch nicht schweigend hinnehmen

    2. Ich glaube, ein KI-Artikel sähe anders aus und käme zu anderen Schlussfolgerungen. Sie können sich ja nächstes Mal eine Zusammenfassung des Artikels von der KI machen lassen (das macht sie normalerweise recht anständig), das spart Zeit (oder die Überschrift lesen und sich fragen: kann da wirklich was Neues kommen? Danach evtl querlesen…).

  3. Seit Ignatz Bubis das Bundesverdienstkreuz bekommen hat, sind sämtliche Auszeichnungen dieser Art ad absurdum geführt.
    Das Orchester wird bis zum Schluss spielen.

    1. Das Orchester wird bis zum Schluss spielen.

      Na ok, aber warum immer der selbe, immer der selbe, immer der selbe, immer der selbe…Song?
      Oder ist das bereits das Echo aus den aufgeblähten Eingeweiden einer abgeschlossenen Zukunft?

      1. Weil dieses Ende jetzt unvermeidlich ist und ich das seit über 50 Jahren bekunde.
        Mir persönlich geht es nur noch um die Bestätigung dessen: „Told you so“!

  4. Einige Anmerkungen zum Artikel von Herrn Uwe Froschauer.

    1. »Für mich hat sich die NATO gewandelt. Sie ist für mich längst nicht mehr nur ein Verteidigungsbündnis.«

    Für mich hat sich die Nato nicht gewandelt, für mich wurde die Nato geschaffen um bereit zu sein, jederzeit zuzuschlagen, wenn sich eine für sie günstige Gelegenheit ergibt.

    2. »Das alles entschuldigt nicht den Angriffskrieg Russlands.«

    Wie lange hätte Russland denn noch warten sollen, nach den »Farb-Revolutionen«, mit denen der Westen prahlte oder mit den offenen Unterstützungen von Gegnern US-amerikanischer Politik? Russland hat den Krieg gegen das von den USA geschaffene »Marionetten-Regime Ukraine« begonnen, weil die Alternative nie endende Provokationen wären, die eines Tages zwangsläufig zu einem Krieg geführt hätten.

    3. »Wladimir Putin hat wiederholt erklärt, Russland plane keinen Angriff auf europäische NATO-Staaten.«

    So ein Versprechen kann Putin aber gar nicht machen. Wie sonst sollte Russland reagieren, wenn es von einem europäischen NATO-Staat angegriffen wurde?

    4. »Abschreckung kann Krieg verhindern. Sie kann ihn aber auch vorbereiten-«

    Es ist zu befürchten, dass es genau das ist, was Bellizisten wie Merz mit ihrer unvorstellbaren Aufrüstung planen.

    1. zu Punkt 3: das wäre eine Reaktion. Ein Angriff ist eine Aktion. Siehe auch den „russischen Angriffskrieg auf die Ukraine (TM)). Der auch eine Reaktion und damit kein Angriff war….

  5. oh, oh, das gibt Mecker:
    „Einmal davon abgesehen traue ich Putin mehr über den Weg als den europäischen Bellizisten wie beispielsweise dem Laudator am 1. Oktober. Friedrich Merz kann in meinen Augen in politischer, mentaler und ethischer Hinsicht Wladimir Putin nicht das Wasser reichen.“

    Allerdings bin ich da völlig bei Ihnen. Das dürfte auch im Vergleich zu den allermeisten westlichen Politiker-Darstellern gelten. Außer natürlich für den Donald mit dem welthöchsten IQ……. (Das hältste im Kopp nicht aus, was der absondert….)

    1. Kollemolle: Trump mit den höchsten IQ könnte vieleicht im Vergleich mit dem Rest der Welt
      außehalb der USA stimmen, wenn……..der Orange angeordnet hat den IQ auch in der Einheit
      „Fahrenheit“ zu bemessen.

  6. …und das „Vegane Sellerieschnitzel am Kunstlederband“ der Deutschen Vereinigung der Hersteller von Fleischverarbeitungsmaschinen erhält dieses Jahr … Tusch! … die Internationale Metzgerinnung!
    Narhalla-Maaaarsch! Ruftata, Ruftata …!

  7. Und wer sitzt in der Jury, die den Preisträger aussucht?
    Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland
    Friedrich Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
    Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen
    Alexander Graf Lambsdorff, deutscher Botschafter in Russland
    Jean-Claude Juncker, ehemaliger Premierminister des Großherzogtums Luxemburg und ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission
    Sigmar Gabriel, ehemaliger Bundesminister des Auswärtigen, Vorsitzender des Vereins Atlantik-Brücke
    Cem Özdemir, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg
    Jens Weidmann, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank
    Stanislaw Tillich, ehemaliger Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
    Reinhard Zinkann junior (Vorsitzender), Geschäftsführender Gesellschafter der Miele & Cie. KG
    Georg Friedrich Prinz von Preußen, Oberhaupt des Hauses Hohenzollern

    Fast alles Personen, die ihre Bildung, geistige und politische Prägung in der Zeit
    des Kalten Krieges erhielten und sich diesen Tunnelblick bis heute erhalten haben. In dieser Denkschablone auch weiterhin gefesselt sind. Das erklärt überdeutlich diese Entscheidung für die NATO

    1. @OSTDEUTSCHER47

      Bist du sicher, dass diese Personen sich ihren Tunnelblick bis heute erhalten haben?
      Ich bin mir da nicht so sicher, ich vermute vielmehr, dass ihnen bewusst ist was sie verbreiten, dass es ihnen aber egal ist, die Hauptsache sie beziehen weiter ihren Lohn für ihren Lobbyismus.

      1. Hallo henio!
        Der überlieferte Tunnelblick aus der Zeit des Kalten Krieges ist: wir brauchen einen
        Feind und ein passendes Feindbild. Damals war der Feind der Kommunismus, eine Ideologie und das passende Feinbild war die UdSSR, als der Hort des Bösen. Heute ist es genau so. Russland ist wieder der alte und neue Feind zugleich und Putin liefert das passende Feinbild für den mit dem Friedenspreis ausgezeichneten Friedensengel. Der Krieg ist von der Geisel der Menschheit (UNO-Charta) zum allseitig optimierten Geschäftsmodell mutiert.
        Mehr Blut bringt mehr Profit und noch mehr Blut bring noch mehr Profit!
        Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen, schrieb schon
        Jean Jaurès, Kriegsgegner, 1914
        Nostradamus Prophezeiungen für diese Jahrhundert, als ein Jahrhundert der Kriege und Katastrophen scheint in Erfüllung zu gehen

  8. Das ist keine Realsatire, das ist Wahnsinnn!
    Und Ausdruck der stematischen Bedeutungsveränderung aller Begriffe, die mit Frieden, Diplomatie, Interessenausgleich, ….. zusammen hängen. Man könnte es auch Neusprech nennen, frei nach Orwell!

  9. Das ist keine Realsatire, das ist Wahnsinnn!
    Und Ausdruck der stematischen Bedeutungsveränderung aller Begriffe, die mit Frieden, Diplomatie, Interessenausgleich, ….. zusammen hängen. Man könnte es auch Neusprech nennen, frei nach Orwell!

  10. «Ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag, der jede spätere NATO-Erweiterung Osteuropas untersagte, entstand daraus nicht […] Nur sollte man deswegen nicht so tun, als hätte es diese Gespräche und Sicherheitszusicherungen nie gegeben.»

    Doch, Herr Froschauer, es gibt einen extrem klaren, völkerrechtlich bindenden und von allen Parteien (inklusive Moskau) ratifizierten Vertrag: den Zwei-plus-Vier-Vertrag vom September 1990. In Artikel 5 Abs. 3 ist der militärische Beschränkungsbereich schwarz auf weiß festgelegt: das Gebiet der ehemaligen DDR. Das war der „Osten“, über den verhandelt wurde. Mikhail Gorbatschow selbst hat Ihre Legende vor laufenden Kameras (u.a. im ZDF-Interview 2014) demontiert: Das Thema einer NATO-Osterweiterung stand 1990 überhaupt nicht auf der Tagesordnung.

    Lernt man denn heutzutage im Studium der Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie, unverbindliches Vorgeplänkel über den am Ende unterschriebenen und ratifizierten Vertrag zu stellen?

    «Vertrauen zwischen Staaten entsteht schließlich nicht erst mit der Unterschrift unter einem Vertrag […] Wer sich später darauf zurückzieht, dass diese nicht rechtsverbindlich festgeschrieben worden seien […] zerstört Vertrauen.»

    Ahh… Haben Sie eigentlich schon einmal etwas vom Frieden von Tilsit 1807 gehört?

    Oder wie sieht es mit dem Pariser Frieden 1856, dem Vertrag von Brest-Litowsk oder dem Hitler-Stalin-Pakt aus? Aber lassen wir die tiefere Geschichte beiseite – schauen wir auf die jüngere Vergangenheit: das Belawescha-Abkommen, das Budapester Memorandum (1994), der Russisch-Ukrainische Freundschaftsvertrag (1997), der Vertrag über die Teilung der Schwarzmeerflotte (1997) und der Vertrag über die russisch-ukrainische Staatsgrenze von 2003 (den Putin persönlich unterzeichnet hat).

    Es ist ausgerechnet Russland, das systematisch und regelmäßig Verträge gebrochen hat – schriftliche, völkerrechtlich bindende, von Staatsoberhäuptern ratifizierte Verträge. Aber wozu das Ganze? Skeptiker wie Sie lassen sich von Dutzenden gebrochener schriftlicher Verträge oder Putins gebrochenen Worten ohnehin nicht beirren. Sie werden schlicht weiter behaupten, dass Sie besser als Gorbatschow selbst wissen, was ihm damals angeblich versprochen wurde.

    «Gemeint waren die Ukraine und Georgien. Das war kein russisches Propagandamärchen. Es steht bis heute in der offiziellen Gipfelerklärung der NATO. Auch später hielt das Bündnis am grundsätzlichen Ziel einer ukrainischen NATO-Mitgliedschaft fest. Man muss Wladimir Putin nicht mögen, um zu verstehen, dass eine mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine aus russischer Sicht eine rote Linie darstellen konnte.»

    Dass Russland 1997 die NATO-Russland-Grundakte unterzeichnete, 2002 den NATO-Russland-Rat gründete, dem Programm „Partnerschaft für den Frieden“ beitrat und gemeinsame Militärmanöver durchführte – das ist ebenfalls keine NATO-Propaganda, Herr Froschauer.
    Bis 2013 betrieb Russland in Uljanowsk sogar eine offizielle Transitbasis für NATO-Militärgut nach Afghanistan. Putin selbst gab öffentlich zu, dass er Bill Clinton 1999 persönlich den NATO-Beitritt Russlands vorgeschlagen hatte. Und nach der NATO-Osterweiterung 2004 erklärte Putin auf einer Pressekonferenz klipp und klar, dass ihn die NATO-Mitgliedschaft der baltischen Staaten im Kontext der russischen Sicherheit überhaupt nicht besorge. Das ist keine NATO-Propaganda – das steht bis heute exakt so auf der offiziellen Website des Kremls (kremlin.ru/events/president/news/30679)!

    Wenn Russland so panische Angst vor der Annäherung an die NATO hatte, hätte es sich logischerweise zuerst selbst bombardieren müssen – schließlich lag Moskau bei der Kooperation mit dem Bündnis jahrelang meilenweit vor der Ukraine.

    Und die Gipfelerklärung von 2008? Das war das geopolitische Äquivalent zu einem verlogenen „Wir melden uns bei Ihnen“ nach einem Bewerbungsgespräch. Putins Verbündete in der NATO (Merkel und Sarkozy) haben konkrete Verhandlungen auf unbestimmte Zeit blockiert. Erst als Russland 2014 die Krim annektierte, begann überhaupt eine ernsthafte Kooperation der Ukraine mit der NATO. Und die ersten NATO-Waffen erhielt Kiew erst im Sommer 2022. Die zuvor 2018 gelieferten Javelins und Stinger waren an die strikte Auflage gebunden, niemals im Donbass eingesetzt zu werden – sie waren als reine Waffe des letzten Auswegs für den Fall einer Vollinvasion gedacht.

    «Seit diesem Zeitpunkt fällt es mir schwer, die NATO schlicht als reines Verteidigungsbündnis zu bezeichnen. […] Ihre Geschichte nach dem Kalten Krieg zeigt, dass sie militärische Gewalt auch jenseits der unmittelbaren Verteidigung des eigenen Bündnisgebietes eingesetzt hat. In diesem Sinne spreche ich von einem Angriffsbündnis. Und dieses Bündnis erhält nun einen Friedenspreis. Realsatire.»

    Das ist vielleicht die bequeme Perspektive aus dem tiefen Frieden Westdeutschlands, Herr Froschauer. Die östlichen Nachbarn Russlands brauchten den Kosovo-Krieg von 1999 jedenfalls nicht, um zu verstehen, wovor sie sich schützen mussten.
    Jahre vor den NATO-Einsätzen auf dem Balkan hat Russland bereits 1991 und 1993 militärische Interventionen in Moldau und Georgien durchgeführt, Teile dieser souveränen Staaten dauerhaft besetzt und die ersten „separatistischen Regionen“ installiert.

    Schaut man sich die Akteure dieser angeblich „lokalen Aufstände“ an, wird die systematische Regie Moskaus überdeutlich: Der erste „Präsident“ der moldauischen Abbruchregion Transnistrien, Igor Smirnow, war ein Russe von der Halbinsel Kamtschatka. Der heutige Statthalter Transnistriens, Wadim Krasnoselski, wurde ebenfalls in Sibirien geboren. Für den inneren Terror und die Repressionen in Transnistrien war über Jahrzehnte Viktor Antjufejew verantwortlich – derselbe sibirische Offizier, der in den letzten Tagen der UdSSR die antisowjetischen Proteste in Riga blutig niederschlagen ließ, später Transnistrien unterdrückte und 2014 wie durch Zauberei als „Sicherheitsminister“ im angeblich „aufständischen Donbass“ auftauchte. Ein Mann aus Sibirien, der ohne jeden persönlichen Bezug nacheinander in Lettland, Moldau und der Ukraine russische Marionettenregimes installiert und absichert, zeigt kein organisches Streben nach Selbstbestimmung, sondern systematische imperiale Landnahme.

    Zudem hat die russische Innen- und Machtpolitik – von der blutigen Niederschlagung des eigenen Parlaments mit Panzern 1993 bis hin zu den verheerenden Tschetschenienkriegen – den Nachbarstaaten eindringlich demonstriert, wie schwach das Versprechen vom „Ende des Imperialismus“ in Moskau verankert war. Genau dieses berechtigte Misstrauen war der eigentliche Treibstoff für den Wunsch nach dem Schutzschirm der NATO.

    «Stellen Sie sich nur vor, Russland oder China würden in Mexiko oder Kanada ein Militärbündnis etablieren […] Würde Washington sagen: Kein Problem, souveräne Entscheidung Mexikos?»
    Probieren wir ein viel realeres Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie würden in Russland leben und genau so einen kritischen, spöttischen Artikel gegen das russische Verteidigungsministerium und Wladimir Putin veröffentlichen. Wir wissen exakt, wie das ausgehen würde: mit Flucht, 15 Jahren Straflager, Novitschok, zwei Kugeln im Rücken oder einem Sturz aus dem Fenster.

  11. Genau so ist es, Herr Froschauer!
    Die Realsatire, die uns jeden Tag in unseren Hofschranzen-Medien aus Berlin und Brüssel serviert wird, ist derart gut, dass selbst der Film „Idiocracy“ dagegen bierernst wirkt! 😉

  12. Diese Posse ist kein Ausnahmefall in der Friedenspreisphilophie des politischen Westens. Die Liste der unverdienten Friedenspreisträger ist lang. Der Niedergang zeichnet sich dadurch aus, dass die Dinge ihre Bedeutung verlieren.

  13. „Und wer glaubt, Frieden entstehe dadurch, dass immer mehr Waffen produziert, immer mehr Milliarden in Rüstung gesteckt und immer neue militärische Drohkulissen aufgebaut werden, verwechselt Frieden mit Abschreckung.“

    Die massive Aufrüstung, welche zur Zeit in Europa betrieben wird, dient keineswegs der bloßen Abschreckung. Denn für diese genügt bereits das vorhandene militärische Potential über das die Europäer auch ohne die USA verfügen. Das beweist alleine schon ein Vergleich der europäischen Rüstungsausgaben mit den russischen während der vergangenen zwei Jahrzehnten. Erst recht gilt dies für die jeweilige Personalstärke.

    Von daher ist ein anderer Schluss aus dieser enormen Aufrüstung zu ziehen und dieser deckt sich zum einen mit der ungezügelten Kriegsrhetorik der europäischen Politiker gegenüber Russland und zum anderen mit deren Weigerung auf diplomatischen Wege eine Friedenslösung anzustreben: Die europäischen Nato-Staaten beabsichtigen Russland militärisch in die Knie zu zwingen. Vorerst indem sie sich der Ukraine bedienen. Sollte dies nicht gelingen, wovon auszugehen ist, dann steht die unmittelbare militärische Konfrontation mit Russland auf dem Programm. Das ist es, wofür Deutschland kriegstüchtig werden soll Ein Anlass, den man als russischen Angriff ausgeben kann, wird sich immer finden lassen und dass ein solcher droht, verkünden Merz, Pistorius, Wadepuhl & Co. nahezu jeden Tag.

    Soviel steht jedenfalls fest: Die Europäer haben sich dermaßen massiv auf der Seite der Ukraine engagiert, dass eine Niederlage von dieser ebenso eine Niederlage der Europäer wäre. Eine solche ist bereits dann gegeben, wenn ein Friedensabkommen den Verlust des Donbass und der Krim beinhalten würde. Weshalb sowohl die Ukraine wie auch deren europäischen Verbündeten darauf beharren, dass ein solches Abkommen den Bestand der ukrainischen Vorkriegsgrenzen garantieren müsse. Was wiederum eine Niederlage Russlands bedeuten würde. Da man weiß, dass Russland sich niemals darauf einlassen wird, wird der Krieg, in der Hoffnung Russland doch noch in die Knie zwingen zu können, weiter geführt und weiter eskaliert. Mit der eigenen massiven Aufrüstung macht man sich fit, notfalls die Eskalation bis zu einer direkten Konfrontation mit Russland hochschrauben zu können.

    Bei einer solchen direkten Konfrontation geht es dann nicht mehr bloß um die Vermeidung einer Niederlage der Ukraine und damit der eigenen, sondern um die Durchsetzung dessen, was von Anfang an der eigentliche Beweggrund für deren Unterstützung war: Mit einer Niederlage Russlands dieses als konkurrierende Großmacht auf dem europäischen Kontinent auszuschalten. Russland allenfalls, gemäß Obamas Ausspruch, auf eine Regionalmacht zu reduzieren.
    Was natürlich nur gelingen kann, wenn Russland in so einem Fall auf den Einsatz seines atomaren Waffenpotentials verzichtet. Eine völlig irrationale Annahme. Was Putin schon mehrfach klargestellt hat. Aber wie die Geschichte mehrfach gezeigt hat, sind machtgeile Politiker zu allem fähig.

  14. Jetzt regen sich wieder Alle darüber auf, dass ein Friedenspreis an die „Falschen“ geht.

    Nehmt es doch mal so, wie es gedacht ist! Der Preisverleiher ehrt den Preisempfänger für das, was er tut, weil das in seinem Sinne geschieht. Das ist eine Aussage über den „Frieden“, der herrschen soll, und keine Verfehlung, weil die NATO nicht für die Sorte Frieden steht, die ihr im Sinn habt.

    „Frieden ja, aber zu unseren Bedingungen!“ Das, was man einen Diktatfrieden nennt, wenn ihn die falsche Seite erzwingt ist das Kriegsziel. Der Sieg über den Feind ist der Frieden, den man anstrebt. In Russland ebenso wie hier. Insofern steht die NATO zurecht für „Frieden“, weil sie mit maßlos überlegener Gewalt die Sorte Ordnung durchsetzt, die als „regelbasierte“ die Interessen schützt, auf die es ankommt.
    Wie sonst sollte Frieden denn auch aussehen, wenn höchste Gewalten aufeinander treffen?

    1. „Der Sieg über den Feind ist der Frieden, den man anstrebt. In Russland ebenso wie hier“ Insofern steht die NATO zurecht für „Frieden“, weil sie mit maßlos überlegener Gewalt die Sorte Ordnung durchsetzt, die…die Interessen schützt, auf die es ankommt.
      Wie sonst sollte Frieden denn auch aussehen, wenn höchste Gewalten aufeinander treffen?“

      Demnach hätte dein Friedens-Dogma (grundsätzliche Nicht-Parteinahme) wohl auch gegenüber den „höchsten Gewalten“ Priorität haben müssen, die am 24 Juni 1941 in Europa „aufeinander trafen“.

      1. Überlege dir, was du am Frieden schätzt. Und dann frage dich, ob das auch das ist, was Staaten am Frieden schätzen.
        Oder andersrum, frag dich, warum ein Kriegsbündnis wie die NATO einen Friedenspreis bekommt. Was schätzen die Preisverleiher an der NATO? Offensichtlich das, was du oder Froschauer an der NATO kritisieren.

        Ihr tut immer so, als hättet ihr da mitzureden, als ging es letztlich um dieselbe Sache, die man will. Nur so kommt man darauf, die Preisträger für unwürdig zu befinden.
        Die Preisverleihung sagt nichts anders, als dass man das Kriegsbündnis dafür schätzt, dass es die eigenen Interessen effektiv durchsetzt. So buchstabiert sich Frieden. Für die Preisverleiher und alle diejenigen, die diese Preisverleihung goutieren – also im Prinzip die ganze Führungsriege der westlichen Staaten.

          1. Was verstehst du nicht an meinen Ausführungen, so dass du die als „blablabla“ empfindest?

            Die NATO sorgt für genau den Frieden, den man sich in den Regierungen Europas wünscht. Punkt! Die Politik lässt keinen Zweifel daran, dass unterhalb einer Kapitulation Russlands kein Frienden zu haben ist. Kaum, dass ein Politiker aus dem Westen nach Moskau reist, wird das gleich als möglicher Landesverrat begutachtet.
            Kurz: die Politik lässt keinerlei Zweifel daran, was sie anstrebt. Und der Autor des Artikels hält das für Realsatire, wenn diese Politik mit dem Friedenspreis geehrt wird.

            Hier sind lauter linke Gutmenschen unterwegs, die sich offenbar partout nicht vorstellen mögen, dass all die von ihnen so geschätzten Werte bloße Ideologien zu einer knallharten Realität sind. Eigentlich müsste die Politik doch nach Frieden streben, für Völkerfreundschaft usw. eintreten.
            Und je mehr diese Vorstellungen von der Realität blamiert werden, desto verbissener werden sie verteidigt.

            Und jetzt beantworte mir eine Frage: für wen und warum sollte ich Partei ergreifen? Siehst du da irgendein Interesse am Werk, dass du teilen könntest? Ich nicht!

            1. Frieden ist die Abwesenheit von Krieg, was ist daran schwer zu verstehen? Die Menschen wünschen sich die Abwesenheit von Krieg und seufzen auf wenn die Kriegsbetreiber sich einen Friedenpreis verleihen. Du vermanscht alles zu einem Brei aus Krieg=Frieden und hälst dich für den grössten Dialektiker, besonderer Witz noch du agitierst hier gegen die NATO mit deinem „Realismus“, so als wäre das nötig. Mach was Gescheites mit deinem Leben.

    2. Ihre Analyse passt wie die Faust aufs Auge, schließlich wurde der Westfälische Friede ja auch erst geschlossen, als Westeuropa wirtschaftlich völlig am Boden lag – das schafft die NATO diesmal vielleicht sogar in unter 30 Jahren!

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