Die jähe Demaskierung eines Rechtspopulisten

Nigel Farage
Gage Skidmore, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Nigel Farage gewinnt die von ihm provozierte Nachwahl in seinem Wahlkreis Clacton mit 63% der abgegebenen Stimmen gegen 27% für seinen schärfsten Konkurrenten: eine wandelnde Mülltonne. Ein Sieg für ihn ist das aber absolut nicht.

Mitunter schien es ja so, als sei der Aufstieg (und letztendlich die Machtübernahme) der rechtspopulistischen Parteien in den wichtigsten westlichen bürgerlichen Demokratien überhaupt nicht mehr aufzuhalten: Zu der einschlägigen Riege der so gepolten amtierenden Staats- und Regierungschefs aus Donald Trump und Georgia Meloni plus der neuen japanischen Ministerpräsidentin Sanae Takaichi könnten sich in den nächsten paar Jahren Marine Le Pen gesellen, Alice Weidel – und Nigel Farage, seit langem das enfant terrible der britischen Politik, dessen „Reform UK“-Partei seit rund einem Jahr in der Regel die Meinungsumfragen anführt. Doch unversehens geriet Farage in den letzten Wochen ins Stolpern – und verantwortlich hierfür waren in erster Linie sein übergroßes Ego und die taktische Cleverness seiner politischen Gegner.

Der Finanzskandal, den er an der Backe hat (ein in Thailand lebender britischer Krypto-Milliardär bedachte ihn mit einem „Geschenk“ in Höhe von fünf Millionen Pfund, und entgegen dem Ehrenkodex des britischen Unterhauses gab Farage diese Zahlung gegenüber dem Speaker des Parlaments nicht an) ist dabei gar nicht einmal sein Hauptproblem – sondern sein ziemlich durchsichtiges Ablenkungsmanöver, sein Parlamentsmandat zurückzugeben und eine Nachwahl zu provozieren, bei der er selbstverständlich wieder anzutreten gedachte. Mit der Hoffnung, fulminant wiedergewählt zu werden, als Alternativkandidat zu dem in weiten Teilen Großbritanniens mittlerweile regelrecht verhassten Parteien-Establishment in London. Doch seine politischen Kontrahenten machten ihm einen Strich durch die Rechnung: Allesamt erklärten sie, für diese überflüssige und kostspielige Nachwahl auf eine Kandidatur zu verzichten. Und einer der vielen joke candidates, die im Vereinigten Königreich traditionell regelmäßig präsent sind, ergriff die unverhoffte Gelegenheit beim Schopf, sich zu profilieren.(1)

Graf Mülleimergesicht

„Count Binface“ („Graf Mülleimergesicht“) nennt sich der Mann (der in Wirklichkeit Jonathan David Harvey heißt), er tritt stets in einem Science-Fiction-Alien-Outfit auf, mit einer Mülltonne aus Metall auf dem Kopf. Und er drehte den Spieß einfach um: Er sei nämlich, so verkündete er, der Gegenkandidat zum Establishment – und Nigel Farage lediglich ein weiterer (und noch dazu ziemlich korrupter) Vertreter desselben. Und schlagartig stand der berühmteste Rechtspopulist des Landes auf einmal sozusagen nackt da. Ein „Präsent“ von fünf Millionen britische Pfund anzunehmen und sich gleichzeitig als der wahre Vertreter der Interessen der „kleinen Leute“ und der Arbeiterklasse zu präsentieren – dieser Widerspruch wurde urplötzlich für jedermann sichtbar, und das mühsam konstruierte quasi-proletarische Image von Farage (am liebsten lässt er sich in einem gewöhnlichen Pub photographieren, an der Theke stehend, im Gespräch mit den Malochern, ein gefülltes Pint Bier in der Hand) brach krachend in sich zusammen. Und „Count Binface“ ging noch weiter. Zu einer bizarren Karikatur einer Art „Volksfront“ lud er ein: Zu einer Sammlung aller AntiFarageKräfte hinter seiner Kandidatur (und ließ sich schon einmal siegesgewiss und publikumswirksam vor dem beeindruckenden Gebäudekomplex der Houses of Parliament in London ablichten, selbstverständlich in voller Alien-Montur, die Mülltonne über den Kopf gestülpt).(2)

In dem Land, das einst (neben den USA) den provokativen Punk Rock erfand, kam das prompt sehr gut an. Eine landesweite Umfrage ergab, dass 33% der Wähler und Wählerinnen im Vereinigten Königreich sich einen Sieg von „Count Binface“ in Clacton wünschten, lediglich 21% einen von Nigel Farage. Und selbst seriöse Journalisten begannen, sich zu fragen: „Kann Count Binface vielleicht sogar gewinnen?“(3) Nun ist allerdings der Wahlkreis Clacton seit Jahren eine absolute Hochburg der Rechtspopulisten, eine Umfrage in dem Bezirk selbst prognostizierte denn auch eine satte Mehrheit für Farage – und so kam es dann auch.(4) Eine Rekordzahl von Kandidaten (insgesamt 34) bewarb sich dieses Mal um ein Parlamentsmandat – aber von Anfang an war es ein klares Duell zwischen Binface und Farage. Und die 27% für Ersteren sind weit mehr als nur ein Achtungserfolg. Sie signalisieren, dass ein beträchtlicher Teil der Wählerschaft dem bürgerlich-demokratischen Wahlprozess mittlerweile mit einer fundamentalen (und auch völlig nachvollziehbaren) Skepsis gegenübersteht – und lieber für einen Jux-Kandidaten stimmt (laut Wahlmanifest forderte Count Binface unter anderem die „Verstaatlichung“ der populären Sängerin Adele und den Bau eines Hauses mit bezahlbarer Miete) als für einen Politiker, der bei näherer Betrachtung mindestens genauso vertrauensunwürdig ist wie seine sattsam bekannten Kollegen aus den „Mainstream“-Parteien. Und das enfant terrible ist jetzt natürlich Binface – und Farage im Vergleich zu ihm nur noch ein weiterer „angry old man“; bezeichnenderweise reagierte Letzterer in dem gesamten Nachwahlkampf denn auch ziemlich unsouverän und defensiv auf die jäh aufgetauchte Herausforderung.

Umfragedelle bei Reform UK

Die plötzliche Verwundbarkeit von Farage offenbart eine Achillesferse vieler rechtspopulistischer Politiker: Dass sie trotz aller Bemühungen, sich volksnah und als der natürliche Interessenvertreter der „kleinen Leute“ zu geben, in Wirklichkeit meist selbst Teil des von ihnen gebrandmarkten Establishments sind (oder da, wo sie es noch nicht sind, im Begriff sind, es zu werden), und dass sie vor allem wirtschafts- und sozialpolitisch Konzeptionen vertreten, die sich kaum von denjenigen der ansonsten von ihnen eifrig verteufelten „Altparteien“ unterscheiden.(5) Beim „Reform UK“-Chef kommt noch hinzu, dass er nun schon seit vielen Jahren eine sehr präsente Figur auf der politischen Bühne Großbritanniens ist, und dass vor allem viele Jungwähler und -wählerinnen die etablierten Figuren, die Tag für Tag in den BBC-, ITV- oder Sky-News zu sehen sind, so langsam satthaben. Count Binface und die zahllosen joke candidates, die im Vereinigten Königreich seit langem bei jeder Haupt- und jeder Nachwahl antreten, machen sich das inzwischen sehr geschickt zunutze – und jenseits jeglicher seriösen politischen Argumentation kann dies eine höchst effektive Wirkung erzielen: „Wenn die Leute Dich niederbrüllen“, konstatierte ein kluger Beobachter im Vorfeld der Clacton-Nachwahl, „ist das schlecht für Dich – wenn sie Dich auslachen, ist das für Dich das Ende.“(6)

Es bleibt abzuwarten, ob die Umfragedelle, die „Reform UK“ in den letzten Wochen landesweit verzeichnete – von fast 30% sackte die Partei auf 22-23% ab – von Dauer sein wird; ein (recht bescheidener) Aufschwung für die Labour Party suggeriert momentan, dass die Strategie des neuen Premierministers Andy Burnham, sich mit öffentlichkeitswirksamen, aber eher symbolischen Aktionen in Szene zu setzen, nicht völlig ohne Erfolg bleibt. In manchen demoskopischen Erhebungen liegt seine Partei mittlerweile vor Farages Truppe, und da die Wahlgeographie Großbritanniens stets diejenige Partei bevorzugt, deren Wählerschaft über das gesamte Land breit verteilt ist, könnte sie sogar bei Neuwahlen „Reform UK“ auf die Plätze verweisen, selbst wenn sie weniger Stimmen erhalten würde.(7) Ob Burnham den Mut aufbringt, angesichts dieser Lage das Unterhaus doch vorzeitig auflösen zu lassen und sich einem Volksvotum zu stellen, darf allerdings getrost bezweifelt werden; die nächste reguläre Parlamentswahl ist erst für 2029 projektiert. Und die wird aller Voraussicht nach ohnehin exakt das werden, was angelsächsische Politologen eine „critical election“ nennen – und wird dann wohl (mal ganz davon abgesehen, wer letztendlich auf Platz eins liegen wird) die derzeitige beispiellose Fragmentierung des britischen Parteiensystems in aller Deutlichkeit dokumentieren.(8)

 

Fußnoten

1) Daniel Boffey, „‚He goes a bit funny if you use his real name‘: the unstoppable rise of Count Binface“, Guardian, 11. Juli 2026

2) Billy Stockwell, „Farage left fighting a trash can as the UK populist leader’s election gamble backfires“, CNN World, 9. Juli 2026; „‚Boy, they like him‘: Farage’s by-election win is guaranteed – but success is not“, The i Paper, 8. August 2026. Publizistische Unterstützung bekam Binface’s Aufruf zur Bildung einer „United Front“ durch den einflussreichen politischen Kommentator Will Dunn in dem der Labour Party nahestehenden New Statesman: „Britain must now unite behind Count Binface“ (8. Juli 2026)

3) Rebecca Whittaker, „Clacton by-election poll tracker: Who is set to win Nigel Farage’s seat as Count Binface plots upset?“, Independent, 8. August 2026; Paul Whiteley, „Could Count Binface actually win?“, The Conversation, 16. Juli 2026

4) „Nigel Farage wins Clacton by-election triggered by own resignation“, ITV News, 14. August 2026; „Farage beats Count Binface but skips result announcement“, Guardian, 14. August 2026

5) Und das wirkt sich natürlich auch auf die Regierungspraxis rechtspopulistischer Parteien aus – überall da, wo sie als Junior- oder gar als Seniorpartner an Kabinetten beteiligt sind, etwa in Finnland oder in Italien (bis vor kurzem auch in Holland und früher beispielsweise in Österreich): Thabo Huntgeburth, „Globaler Rechtsruck: Die faschistoide Seite des Neoliberalismus“, Surplus, 19. August 2025

6) Siehe Fußnote 1)

7) Verantwortlich ist hierfür das Phänomen des so genannten „accidential bias“ im britischen Mehrheitswahlrecht: Eine Partei, die ihre Stimmen gleichmäßig über alle Wahlkreise verteilt, kann unter Umständen mehr Mandate erzielen als eine, deren Wähler regional konzentriert sind. Ausführlich hierzu: Ferdinand A. Hermens, „Demokratie oder Anarchie – Untersuchung über die Verhältniswahl“, Westdeutscher Verlag Köln und Opladen, 2. Auflage 1968. Das letzte Mal trat dieser Effekt bei einer Parlamentswahl in Großbritannien 1974 auf: Die Labour Party errang mehr Sitze als die Konservative Partei, obwohl diese fast eine Viertelmillion Wählerstimmen mehr erhielt („February 1974 United Kingdom general election“ auf https://en.wikipedia.org)

8) Zum Begriff der „critical election“ siehe: Eric Schmidt, „Critical Elections, Partisan Realignment, and Long-Term Electoral Change in American Politics“, Indiana University Bloomington, 2018

Norbert Faulhaber

Norbert Faulhaber fing nach einem Studium der Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Soziologie 1991 bei der Konstanzer Tageszeitung „Südkurier“ an: als freier Mitarbeiter für TV- und Filmkritik, Konzertberichte und CD-Besprechungen. Ab 1998 arbeitete er auch als Vertretung des TV-Redakteurs, von 2004 bis 2006 als Verantwortlicher für die tägliche TV-Programmseite. Von 2006 bis März 2023 arbeitete er als Redakteur am NewsDesk See-West in Konstanz.
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2 Kommentare

  1. flood the zone with shit“ war die Devise
    eines Rechten Demagogen aus den usa .

    Diese Scheiße taucht jetzt auch im over-
    ton-magazin auf ?

  2. Der Artikel gehört nicht zu den anspruchsvollen und nüchternen Analyseartikeln wie man sie hier im Overton Magazin beispielsweise von den Herrn Burbach oder Silnizki kennt.

    Ein typisch parteiischer Meinungsartikel, wie man ihn ansonsten überall in der Mainstreampresse findet. Geschrieben für Leser, die ohnehin derselben Meinung sind wie der Autor.

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