Die Herausforderungen für den Westen

Katze im Schutt, Ukraine
Tatyana Tkachuk, War in Ukraine (34158203791), CC BY-SA 2.0

Die aktuelle Lage der Ukraine ist der Tatsache geschuldet, dass die westlichen Länder den Konflikt fundamental falsch verstehen. Emotionen bilden die Grundlage für Entscheidungen, Fakten werden entsprechend ausgewählt und interpretiert.

Jacques Bauds neues Buch!

Ein wichtiger Teil der Geschichte wurde schlicht verschwiegen zugunsten eines Narrativs, das uns in eine Sackgasse geführt hat, sagt Jacques Baud. Er bietet eine faktenbasierte Analyse der diplomatischen und politischen Dynamiken des Ukraine-Konflikts und befasst sich insbesondere mit der Entwicklung des Verhandlungsprozesses zwischen der Ukraine und Russland seit 2014. Das Buch beleuchtet die bisweilen angespannten Beziehungen zwischen den westlichen Ländern, die Rolle der Vereinigten Staaten, die Positionen der Protagonisten und ihre Interessen in diesem Konflikt. Werden Russen und Ukrainer eine Einigung erzielen können? Welche Faktoren werden eine politische Lösung bestimmen?

Im Jahr 2025 entwickelt sich die militärische Lage ganz klar zu Ungunsten der Ukraine, aber der westliche Diskurs verändert sich nur sehr leicht. Man weiß, dass sich die Ukraine in einer verzweifelten Lage befindet, weigert sich aber, dies öffentlich einzugestehen und damit das seit 2014 und bis 2022 vorherrschende Narrativ in Frage zu stellen.

Diese leichte Veränderung wird aber durch die Unnachgiebigkeit in Bezug auf Verhandlungen mit Russland im Keim erstickt. Vielleicht spielt auch Rachsucht eine Rolle. Die Europäer wissen, dass sie Selenskyj daran gehindert haben, ein Abkommen mit Russland zu unterzeichnen, das dem Land Frieden gebracht hätte. Dazu haben sie ihm Hilfe »so lange wie nötig« versprochen. Sie hatten aber nicht gedacht, dass es dermaßen lange dauern würde, und in ihren Ländern keine Maßnahmen für eine solche Situation getroffen. Die Europäer sind heute die Gefangenen ihrer eigenen Versprechungen, die gemacht wurden, ohne an die Folgen zu denken.

Kaja Kallas ist die Galionsfigur einer arroganten politischen Klasse

Dem Westen mangelt es nicht an Entschlossenheit, die Ukraine zu unterstützen, sondern an den Mitteln und an einem greifbaren Ziel. Diese Lage beginnt ihren Willen zu beeinträchtigen. Der Westen ist am Ende seiner Möglichkeiten angekommen. Die »großen« europäischen Länder sind in einer katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Lage. Ihre industriellen Kapazitäten können demzufolge den Bedarf der ukrainischen Armee nicht decken.

Und zu allem Überfluss hat sich die EU im Dezember 2024 eine Vertreterin für Äußere Angelegenheiten gegeben, die wahrscheinlich an Inkompetenz alle in den letzten Jahrzehnten übertrifft. Unfähig zu kritischem Abstand und besessen von Russland, besteht ihr persönliches Ziel in der Zerstückelung dieses Landes. Kaja Kallas ist die Galionsfigur einer oberflächlichen, ungebildeten und arroganten politischen Klasse.

Das Hauptproblem des Westens besteht darin, dass er kein wirkliches Ziel besitzt. Gewiss hatte Bruno Le Maire im Jahr 2022 er-klärt, es gehe darum, den Zusammenbruch Russlands herbeizuführen. Ein Ziel, das auf einer dramatischen Unterschätzung der russischen Wirtschaft gründete und sich offensichtlich seit 2023 außer Reichweite befindet. Seit 2023 ist es aber niemandem gelungen, ein neues, für die Ukraine erreichbares Ziel zu formulieren. Ein Sieg wird aber durch das Erreichen der formulierten Ziele bestimmt. Wenn man kein einziges Ziel klar benennen kann, dann wird es unmöglich zu bestimmen, was denn ein Sieg wäre.

Im November 2024 schreibt Megan K. Stack in der New York Times:

»Ich denke, es ist gerechtfertigt, den Ukrainekrieg als einen Stellvertreterkrieg zu bezeichnen. Denn man kann zu dem Schluss kommen, dass die Biden-Administration diesen Krieg nicht nur aus Achtung vor dem gerechten Willen der Ukrainer, die Russen abzuwehren, unterstützt hat. Sie tat es auch, weil dieser Krieg eine Gelegenheit darstellte, unseren Feind zu schwächen, ohne ihn direkt anzugehen.«

»Geschenk für den Kreml«

Sie tut hier nichts anderes, als ein Ziel wiederzugeben, das bereits vom Atlantic Council geäußert wurde6 und sich im Zentrum der westlichen und insbesondere der europäischen Politik befindet. Wie es Kaja Kallas am 20. November 2025 ausdrückte, zielt der Westen auf eine Schwächung Russlands. Für die Ukraine hat sie jedoch lediglich das Ziel, die Ukraine zu unterstützen, ohne bestimmen zu können, was genau ein Sieg für ebenjene sein könnte. Anders ausgedrückt hat Europa keine Strategie für einen ukrainischen Sieg, sondern nur für eine Schwächung Russlands.

Wenn sich also Donald Trump vom Konflikt zurückziehen will, dann tut er das in dem Wissen, dass die Vereinigten Staaten keinen Sieg erringen werden. Ihrerseits sind die Europäer nicht in der Lage, die Verantwortung für den Konflikt von den Amerikanern zu übernehmen. Ihre Strategie beschränkt sich darauf, die Amerikaner mit allen Mitteln in Europa zu halten. Die Herausforderung für die Europäer besteht im Bewahren der amerikanischen Unterstützung. Währenddessen sind sie durch das Fehlen eines klaren Ziels für die Ukraine zu einem endlosen Krieg verdammt.

Selbst wenn sie einen bescheidenen Eindruck macht, so befindet sich Russland doch auf der Erfolgsspur. Je mehr Sanktionen gegen Russland angehäuft werden, je mehr die Europäer ihre Abneigung gegen eine diplomatische Lösung zeigen, desto positiver wird der Moskauer Standpunkt in Russland aufgenommen und mobilisiert die Menschen. Kaja Kallas ist sprichwörtlich zu einem »Geschenk für den Kreml« geworden. Man hat es in Brüssel eindeutig mit einem großen Defizit an strategischem Denken zu tun.

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4 Kommentare

  1. Gut, mal wieder was von Jaques Baud zu lesen!
    Das wir es mit einem Defizit im strategischen Denken zu tun haben, wundert nicht!
    Seid langem schon denken Politiker nur von Wahl zu Wahl, zumindest ab einem Jahr davor.
    Also in Vier-Jahres-Zeiträumen!
    Strategisches Denken erfordert langfristige Planung, daran scheint es zu fehlen.
    Dazu kommen die Medien mit ihrer Sensationsgier, die jede Woche eine neue Sau durchs Dorf treiben.
    Der Politiker soll Stellung nehmen, nimmt er auch, denn sein Gesicht medial zu präsentieren fördert das, was der Politiker seine Karriere nennt.
    Gleichzeitig wird dann unmittelbar „die Maßnahme“ gefordert, die das aktuelle Pseudo-Problem lösen soll.
    Der ganze ständig aufs Neue stattfindende Zirkus ist strategischem Denken natürlich nicht förderlich.
    Das was unsere Hochmögenden unter „Strategie“ verstehen, ist i.a.R. noch nicht einmal Taktik.
    Minsk II beispielsweise war von Merkel/Hollande-Seite aus auch keine Taktik, sondern schlicht Betrug.
    Die denken nicht von hier bis zur Tür, wie wir im Pott sagen.
    Aber selbst, wenn strategisch gedacht und gehandelt würde, würden uns unsere Oligarchen bei ihrem Bütteltum dem Kapital gegenüber, genau so in den Orkus expedieren, wie sie es jetzt zu tun scheinen!

  2. Wie es Kaja Kallas am 20. November 2025 ausdrückte, zielt der Westen auf eine Schwächung Russlands.

    kann man das überhaupt als ein Ziel definieren? Ich meine Ziele müssen ja ansich irgendwie quantifizierbar bzw. messbar sein. Oder anders gefragt, ab wann hat man Russland nun hinreichend geschwächt? Man muss doch anhand von irgendwas klar trennen können, hier ist das Ziel noch nicht erreicht – und hier ist das Ziel nun erreicht. Bei der Zielsetzung „Schwächung Russlands“ ist es doch aber ziemlich schwammig. An was will man denn den Ausmaß dieser Schwächung überhaupt festmachen? Versuchen wir mal diesen Knoten zu lösen.

    Schwach ist – weniger stark.
    Ist Russland nun weniger stark als vorher?

    Nun was die militärische Stärke angeht kann man das nun wirklich nicht sagen. Das russische Militär ist größer geworden. Trotz der Verluste, die Gesamtstärke ist dennoch größer geworden. Es hat auch sehr viel Kampferfahrung angesammelt und daraus gelernt und Stärke bezogen. Es ist auch umfassend modernisiert worden. Sowohl technisch wie auch organisatorisch. Was das militärisch industrielle Komplex angeht sucht man eine Schwäcung auch vergeblich. Russland stellt heute um ein vielfaches mehr an Kriegsmitteln her als vorher. Im Grunde kann man zurecht sagen, dass Russland heute über eine der stärksten und darüber hinaus kampferfahrensdste Armee der Welt verfügt. Und es sieht auch nicht danach aus, als ob Russland was militärische Stärke angeht in absehbarer Zeit zu schwächeln beginnen könnte.

    Also wenn man meint, dass man Russland durch Verlängerung des Krieges in der Ukraine militärisch schwächen würde, dann ist das schon ein wenig dumm. Das ist so wie wenn man denken würde eine Fussballmannschaft würde durch Fussballspielen schlechter werden.

  3. Strategie heisst zunächst, überhaupt ein erstrebenswertes und realistisches Ziel zu haben. Es mangelt bereits daran. Bisher hat man vor allem sich selbst geschadet. Tolle Umsetzung von „Strategie“. Man sollte sie Knieschuss-Strategie nennen.

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