Die Entweihung des 9. Mai

Tag des Sieges, Moskau
Kremlin.ru, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

Was bleibt von der Erinnerung an den Krieg, wenn neue Kriege jede Sprache des Humanismus zerstören? Eine persönliche Reflexion über Familiengedächtnis, den 9. Mai, den Donbass — und darüber, wie aus dem Gedenken an Opfer ein Kult neuer Opfer werden konnte.

Die Gegenwart beschmutzt die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg. Dieser Krieg hat natürlich alles verdorben, was sich nur verderben ließ.

Im vergangenen Jahr war ich am 9. Mai in Donezk. Meine Tante Galja lebte noch, und die Schweigeminute im Fernsehen fühlte sich noch vertraut an. Es war, als wären meine Mutter, meine Großmutter und mein Großvater ganz nah – jener Großvater, der offenbar 1941 gefallen ist. Galja erzählte wieder einmal – oder vielleicht erzählte inzwischen ich es ihr –, wie der Großvater meine kleine Mutter ein letztes Mal auf die Arme nahm, bevor es ihm nicht mehr gelang, sie nach Leningrad zu bringen, und er die Familie im Städtchen Puchowitschi zurückließ. Hier, in der Nähe von Marjina Gorka, wurden damals alle Juden der Umgebung ermordet. Sie erzählte, wie die Deutschen meine Großmutter dreimal als Frau eines Kommissars verhafteten und sie dreimal wie durch ein Wunder entkam – einmal dank fröhlicher italienischer Bewacher; wie der Leichnam eines aufgehängten Partisanen, eines Freundes meiner Großmutter, am Galgen hing; wie sie schon glaubten, alles sei vorbei, als in den Krater, in dem sich die Großmutter mit den Kindern versteckte, keine Mine flog, sondern eine verängstigte Ziege.

Heidnischer Kult der Menschenopfer

Der 9. Mai ist so etwas wie ein säkulares Osterfest — die Erinnerung an ein großes Opfer für das Leben.

Doch jetzt, da die letzten Älteren meiner Familie gegangen sind, ist das alles allein mit dem Staat und dem Fernsehen völlig unerträglich geworden. Dieses säkulare Osterfest haben sie in einen heidnischen Kult der Menschenopfer verwandelt. Selbst am Vorabend des Feiertages gab es Angriffe auf zivile Objekte, bei denen friedliche Menschen starben. Ich verstehe, dass so etwas in jedem Krieg und auf jeder Seite geschieht. Doch in diesem Krieg versucht man nicht einmal mehr ernsthaft, „Kollateralschäden“ zu vermeiden.

Das Verteidigungsministerium berichtet über die Zahl vernichteter gegnerischer Soldaten — als gäbe es eine Leistungskennzahl: möglichst viele „zermahlen“, statt Menschen zu retten oder überhaupt irgendein rationales Ziel zu erreichen. Treffer auf Zivilisten wurden kein einziges Mal eingeräumt – und folglich auch nie untersucht. Deshalb wird selbstverständlich niemand dafür verantwortlich gemacht, dass Ziele, gelinde gesagt, nicht immer präzise ausgewählt werden. Wozu auch in Aufklärung und Planung investieren? Niemand gibt doch zu, dass Zivilisten getroffen wurden – also kann man jede beliebige Geschichte erzählen.

Und all das geschieht vor dem Hintergrund des Verlustes jeglicher humanistischen Ziele, die es vor 2022 noch gab – zumindest eine Zeit lang –, bevor alles durch die Vorstellung ersetzt wurde: die Eigenen gegen die Fremden. Sie haben diesen Krieg seiner Bedeutung beraubt und ihn in ein tribalistisches Gemetzel verwandelt – einen Kampf der Unsrigen gegen die Nicht-Unsrigen – ohne jede sinnvolle Idee außer einer teuflisch verstandenen Geopolitik, einem nackten staatlichen Egoismus.

Wer wird sich dann noch erinnern?

Durch diese Optik betrachtet ist auch der Große Vaterländische Krieg weder groß noch vaterländisch, sondern bloß ein gewöhnlicher imperialer Krieg, in dem alle einander wert sind und es keine Wahrheit mehr gibt. Wo kein Humanismus ist, gibt es keine Wahrheit – nur Angst und Hass. Dass eine so einfache These heute wieder bewiesen werden muss, ist, als hätte es die schrecklichen Kriege des 20. Jahrhunderts nie gegeben.

Als wir 2014 in Lugansk und Slawjansk, wo Menschen starben, in Odessa und an anderen Orten des damals beginnenden Gemetzels an den 9. Mai erinnerten, lag darin noch Wahrheit – jedenfalls bei denen, die diese Erinnerung nicht für Hass benutzten, sondern aus Liebe zu den Menschen und als Erinnerung an den Humanismus. Doch nach 2022 wurde daraus eine schwarze Messe. Alles hat sich ins Gegenteil verkehrt: Statt eines Opfers für den Nächsten bringt man unschuldige Menschen als Opfer dar – als schamloses Prinzip.

Ich verstehe jene, die aufrichtig und ehrlich ihre Heimat verteidigt haben und verteidigen, darunter auch Freunde im Donbass; sie tragen all das noch im Herzen. Und übrigens bemühen sie sich, nicht sinnlos zu töten. Sie sind nicht stolz darauf, den Gegner „zu zermahlen“, und freuen sich nicht rachsüchtig über Einschläge irgendwo in Kiew oder Dnipro. Solche Menschen gibt es zum Glück noch. Doch der offizielle Kult ist schrecklich – in seiner Mischung aus Gleichgültigkeit gegenüber zivilen wie militärischen Opfern, auch den eigenen.

Dieser Krieg ist stumpf und sinnlos geworden. Man kann Menschen nicht mit ungelenkten Raketen retten. Man darf den Opfern nicht ihre Würde nehmen und ihren Tod nicht zu bloßem Material neuer Opfergeschichten machen. Doch genau das geschieht: Mit jeder Stunde gibt es neue Tote, neue trauernde Mütter, neue Bilder für das Fernsehen – und immer weniger Erinnerung daran, wofür Opfer einst überhaupt gebracht wurden.

Ich wünschte, dieser Krieg würde enden, bevor die Erinnerung an das große Opfer der Vergangenheit durch neue Opfer endgültig entweiht wird. Und wenn nicht – wer wird sich dann noch erinnern?

Vitaliy Leybin

Vitaliy Leybin ist russischer Journalist und Medienmanager. Geboren wurde er in Donezk. Er war früher Chefredakteur des populären Magazins Russki Reporter. Nach 2014 kritisierte er die ukrainische Regierung wegen des Krieges im Donbass; nach 2022 kritisiert er offen die russische Regierung für die Aggression gegen die Ukraine.
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