
Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Gewalttäter zu Vorbildern erhebt? Über den Kult um nationalistische Helden, die Einschüchterung seiner Landsleute und das Wegsehen der europäischen Geldgeber.
In meinem letzten Artikel über den Nazismus in der Ukraine ist offenbar nicht allen Lesern klar geworden, warum ich geschrieben habe, dass es dort keinen Nazismus gebe. Ich möchte deshalb ausführlicher erläutern, was ich damit meine.
Der Rückgriff auf den Nazismus und die Verherrlichung historischer Antihelden haben meist weniger mit ideologischer Überzeugung als mit politischem Kalkül zu tun. Es geht vor allem darum, Russland zu provozieren und zugleich Geld aus Europa zu erhalten. Ein Beispiel: 1991 erschien in Toronto Kupjaks Buch »Erinnerungen eines Nicht-Erschossenen«. Bereits 1993 wurde es im Lwiwer Verlag Kamenjar neu aufgelegt. Trotz seiner Verbrechen lieferte Kanada diesen Mann weder an die Sowjetunion noch an Polen aus. Seine ehemalige Funkerin gab in einer Zeugenaussage folgende Worte von ihm wieder: »Je mehr Morde es geben wird, desto unterwürfiger wird die Bevölkerung sein. Eine unabhängige Ukraine kann man nur mit der Methode des Terrors erobern.« Als seine Mitstreiter vor Gericht standen, erklärten sie übereinstimmend, dass es ihnen weniger um einen ideologischen Kampf als um Bereicherung und die Ausplünderung ihrer Opfer gegangen sei. Kupjak soll Menschen eigenhändig erschossen haben, nur um ihnen die Stiefel abzunehmen. Seiner Gruppe werden Morde und Raubüberfälle in Adamy, Pobużany und Jabłonówka zugeschrieben.
Kinder orientieren sich an präsentierten Helden
Menschen zu entführen, auszurauben und zu ermorden, wenn sie Polen oder Juden waren, gehörte zum Vorgehen der UPA (Ukrajinska powstanska armija, Ukrainische Aufstandsarmee). Kürzlich veröffentlichte der russische Inlandsgeheimdienst FSB Archivdokumente über Verbrechen ukrainischer Nationalisten während des Zweiten Weltkrieges. Aber schenken wir der russischen Propaganda keinen Glauben. Wenden wir uns stattdessen der polnischen Website »Zbrodnia Wołyńska« zu, die sich mit den damaligen Ereignissen beschäftigt. Ein Land, das der EU und der NATO angehört, wird doch wohl keine Propaganda betreiben oder Dokumente fälschen.
Dort sind zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen UPA-Mitglieder Menschen entführten, folterten und töteten. Im Juni 1943 wurde Edward Makrocki geschlagen und an einen unbekannten Ort verschleppt. Im August wurden acht Männer aus der Kolonie Truskoty entführt. Keiner der Entführten überlebte. Das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) rief sogar öffentlich dazu auf, dass sich Zeugen und Überlebende des »Völkermords, der in den Jahren 1939 bist 1945 von Mitgliedern der OUN-UPA begangen wurde«, melden sollten.
Seit drei Jahrzehnten werden solche »Helden« ukrainischen Schulkindern als Vorbilder präsentiert – zunächst nur im Westen des Landes, seit 2014 in der gesamten Ukraine. Wer Kindern solche Menschen als Vorbilder vor Augen stellt, muss sich nicht wundern, wenn sie sich später an deren Handeln orientieren. Entführungen zur Erpressung von Lösegeld und Morde sind zur Normalität geworden.
Kürzlich musste sich Stanislaw Lutschanow, der Kommandeur der 155. selbstständigen mechanisierten Brigade, vor Gericht verantworten. Seine Frau hatte sich über Jugendliche im Dorf Kalinowka bei Kiew geärgert. Laute Musik und das Dröhnen eines Motorrads sollen den Anlass für eine Strafaktion gegeben haben, die sich gegen das ganze Dorf richtete und in einem zweifachen Mord endete. Lutschanow soll seinen Soldaten befohlen haben, jene Menschen zu bestrafen, die seine Frau auf eine schwarze Liste gesetzt hatte. Mehrere Tage lang sollen sie die Gegend ausgekundschaftet und ihre Opfer ausgewählt haben. Am 28. Juni stürmten sie demnach das Haus der Brüder Mossejtschuk. Die Brüder sollen geschlagen, gefoltert und anschließend in einen benachbarten Ort gebracht worden sein, wo sie erschossen und verscharrt wurden.
Vor seiner Ernennung zum Kommandeur der 155. Brigade war Lutschanow Stabschef des 425. Sturmregiments »Skala«. Dieses Regiment ist besonders für Berichte über Misshandlungen und Folter an eingezogenen Soldaten bekannt. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein neues Video auftaucht, das solche Übergriffe zeigen soll.
Wie viele Schläferagenten gibt es in der EU?
Derzeit wird auch der Mord an Beresowskaja vor Gericht verhandelt (Attentäterin von Monaco wurde in Kiew von einem Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes ermordet). Sie soll zuvor einen Anschlag auf einen ukrainischen Geschäftsmann in Monaco verübt haben. Die Angeklagten Reut und Schikowitsch geben an, im Auftrag des ukrainischen Geheimdienstes SBU gehandelt zu haben. Der Journalist Schari schreibt unter Berufung auf die Ermittlungsakten, sowohl Beresowskaja als auch die beiden Angeklagten hätten einer Gruppe von Auftragsmördern des ukrainischen Militärgeheimdienstes angehört. Ganz im Geiste der »ruhmreichen Vorfahren«.
Vor dem mutmaßlichen Mordversuch in Monaco lebte Beresowskaja mehrere Jahre in Deutschland, bezog Sozialleistungen und zog ein Kind groß. Vor dem Krieg hatte sie offiziell für den SBU gearbeitet und sogar Auszeichnungen erhalten. Ich frage mich, wie viele solcher Schläferagenten sich inzwischen in der EU aufhalten.
Nach dem Maidan wurde 2014 die Website »Mirotworez« eingerichtet. Dort landeten Menschen, die der neuen Führung unerwünscht waren oder ihr widersprachen. Mitunter wird die Seite als Erschießungsliste der ukrainischen Machthaber bezeichnet. Viele der dort aufgeführten Personen mussten nach Drohungen und Verfolgung das Land verlassen; andere wurden getötet.
Das Auswärtige Amt hat wiederholt die Schließung der Website gefordert. Kürzlich bezeichnete der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko von der Partei BSW »Mirotworez« als ein »Instrument der Einschüchterung des ukrainischen Volkes«. Er richtete eine Anfrage an die Regierung Merz, woraufhin das Auswärtige Amt erneut die Abschaltung der Seite verlangte. Doch ein solches Instrument des Terrors gibt man offenbar nicht aus der Hand. Stattdessen wurde inzwischen auch Danny Dayan, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in die Datenbank aufgenommen.
Am 2. November ereignete sich im Kiewer Stadtteil Borschtschagowka ein erschütternder Vorfall. Anwohner entdeckten ein geheimes Gefängnis eines ukrainischen Bataillons. Eine Menschenmenge umstellte das Gebäude und verlangte die Freilassung aller Gefangenen. Auf oppositionellen Internetseiten verbreiteten sich Aufnahmen der Befreiten. Sie sollen dort ohne Gerichtsverfahren festgehalten, gefoltert und erniedrigt worden sein. Besonders verstörend war das Video eines 14-jährigen Jungen, dem mehrfach mit einer Schaufel auf den Kopf geschlagen worden sein soll (Aufruhr vor einem inoffiziellen „Gefängnis“ der Nationalgarde).
Krisenkommunikation
Als Budanow, der Leiter des Präsidialamts, vor Ort eintraf, erklärte er sogar, es gebe sehr viele solcher Einrichtungen, in denen Menschen festgehalten würden. Nach seinem Weggang erschienen Unbekannte in Militäruniform und eröffneten das Feuer. Die Menschenmenge floh.
Dann begann das, was man beschönigend »Krisenkommunikation« nennt. Regierungsnahe Fernsehsender zeigten Aufnahmen, die belegen sollten, dass die Festgehaltenen dort ordentlich untergebracht gewesen seien: Es habe Licht gegeben, einen Tisch zum Essen und Betten. Zu sehen waren allerdings nur eine Lampe, ein Tisch für zwei Personen statt eines Speiseraums für die rund vierzig Festgehaltenen und Betten ohne Matratzen. Ganz zu schweigen davon, dass für die Inhaftierungen keine Gerichtsbeschlüsse vorlagen.
Anschließend erschien ein Video, in dem die Festgehaltenen erklärten, sie seien zufrieden und hätten keine Beschwerden. Selbst der Jugendliche sagte nun, er sei nur zufällig dort gewesen und mit Freunden vorbeigekommen. Ich kann ihnen diese Aussagen nicht verdenken: Sie fürchten um ihr Leben. Der Journalist Maxim Rawreba, der viele Jahre als Moderator beim wichtigsten ukrainischen Fernsehsender gearbeitet hatte, erinnerte daran, dass der Vater eines Freundes in einem ähnlichen »Gefängnis« in Mariupol ums Leben gekommen sei.
Folter, Mord und Entführung – jedes Mittel scheint recht, wenn es darum geht, die Gesellschaft unter Kontrolle zu halten und sich zu bereichern. Müssen dafür selbst Nazis zu Vorbildern für Kinder erklärt werden, nimmt man auch das in Kauf. Hauptsache, das Geld aus den großzügigen Händen Europas fließt weiter.




