Der neue Kalte Krieg

USA und China kämpfen um die Weltmacht.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

In Trumps zweiter Amtszeit kämpft Washington um die Dominanz im 21. Jahrhundert. Sieben Schauplätze zeichnen die Spuren im Konflikt mit China nach.  

Seit Jahrtausenden erzählen wir uns Geschichten, und ob wir sie glauben, hängt meist davon ab, ob sie in unser Weltbild passen. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist komplex geworden; an vielen Orten ereignen sich gleichzeitig viele wichtige Dinge. Dieser Text versucht, einige dieser Ereignisse in einen Zusammenhang zu stellen — nicht damit sie singulär bleiben, sondern damit sie in einem größeren Ganzen Sinn ergeben und plausibel werden.

Wer den Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China heute noch als Handelsstreit beschreibt, sieht nur einen kleinen Teil des Bildes. Was im Frühjahr 2026 sichtbar wird, ist kein Zoll-Schlagabtausch und keine vorübergehende Eintrübung bilateraler Beziehungen. Es ist die Architektur einer langfristigen Auseinandersetzung — geführt nicht nur mit Truppen und Raketen, sondern hauptsächlich mit Lieferketten, Engpässen, Halbleiter-Vorprodukten und Finanzkanälen. Es ist ein neuer Kalter Krieg.

Was diesen Konflikt vom alten Kalten Krieg unterscheidet

Der heutige Konflikt folgt einer anderen Mechanik als der damalige. Die amerikanische Wirtschaft ist mit der chinesischen so eng verzahnt, dass eine vollständige Trennung kaum möglich ist. Apple lässt seine Geräte zu großen Teilen in China fertigen, Tesla wurde in Shanghai groß, Boeing braucht den chinesischen Markt. Umgekehrt hängen die Vereinigten Staaten bei Seltenen Erden, Batterien, Vorprodukten und Teilen industrieller Lieferketten weiter an China. Niemand kann hier einen neuen Eisernen Vorhang ziehen, ohne sich selbst zu verletzen.

Der neue Konflikt ist deshalb keine einfache Trennungsübung, sondern ein Ringen um Engpässe. Wer kann wen über welche schmale Stelle unter Druck setzen, ohne das eigene Geschäftsmodell zu zerstören? Wer kontrolliert die kritischen Knoten einer globalen Versorgungsarchitektur, die unter der Annahme dauerhaften Friedens gebaut wurde?

Die eigentliche Frage hinter all dem ist eine größere. Wer wird in der Mitte des 21. Jahrhunderts die führende Macht der Welt sein? Es geht um Ressourcen, Industriegüter, Daten und Künstliche Intelligenz. Wer diese vier Felder kontrolliert, kontrolliert die kommenden Jahrzehnte.

Der Plan auf dem Papier

Die intellektuelle Grundlage dieses Konflikts wurde lange vor Trumps zweiter Amtszeit gelegt. Den Auftakt machten Robert Blackwill und Ashley Tellis im März 2015 mit dem Council Special Report „Revising U.S. Grand Strategy Toward China“. Ihre Diagnose markierte den Bruch mit drei Jahrzehnten amerikanischer China-Politik: Die Strategie, China durch wirtschaftliche Integration in die liberale Weltordnung einzubinden, sei gescheitert. Sie habe nicht einen verantwortlichen Partner geschaffen, sondern eine geo-ökonomische und militärische Macht, die die amerikanische Vormachtstellung in Asien bedrohe. Washington brauche eine neue „Grand Strategy“, die den Aufstieg Chinas balanciere, statt ihn weiter zu fördern. Aus dieser einen Studie entwickelte sich über mehr als ein Jahrzehnt ein dichtes Netz strategischer Folgepapiere.

Diese Haltung reicht quer durch das politische Spektrum. Die konservative Heritage Foundation hat 2023 mit ihrem Strategieentwurf „Winning the New Cold War“ den Begriff Cold War wieder hoffähig gemacht und eine republikanische China-Politik vorgezeichnet. Das Council on Foreign Relations und das Carnegie-Institut haben in den weiteren Arbeiten die geopolitische Architektur der notwendigen Neuausrichtung vertieft. Die RAND Corporation hat in mehreren Studien militärische und ökonomische Szenarien einer Sino-amerikanischen Konfrontation durchgespielt — vom „Thinking Through the Unthinkable“ einer Kriegssimulation bis zur jüngsten Studie zur ökonomischen Abschreckung im Taiwan-Konflikt. CSBA, CNAS, CSIS und etliche weitere Häuser haben mit eigenen Akzenten dieselbe Stoßrichtung gestützt. Sie unterscheiden sich in Ton — von konservativ-evangelikal bis liberal-interventionistisch — und in ihren bevorzugten Hebeln. Sie stimmen aber darin überein, dass eine harte China-Politik nicht nur möglich, sondern notwendig sei.

Wer den roten Faden hinter dem Handeln der Trump-2.0-Administration sucht, findet ihre Antworten in genau diesem Diskursfeld. Die Strategiepapiere sind keine Schreibtischprodukte ohne Wirkung. Sie sind das intellektuelle Fundament der laufenden Politik. Was Trump heute tut, hatten die Denkfabriken jahrelang vorgedacht.

Wie eng diese Studien mit der laufenden Regierung verbunden sind, zeigt sich an den Personen. Elbridge Colby, Mitgründer der Marathon Initiative und einer der prominentesten Vertreter einer Priorisierung der Großmachtkonkurrenz gegenüber China, wurde im April 2025 Pentagon-Chefstratege als Under Secretary of Defense for Policy, dem dritthöchsten Posten im Pentagon. Alexander Velez-Green, Co-Autor der zweiten Heritage-Strategiestudie „The Prioritization Imperative“ aus dem Jahr 2024, wurde sein Senior Advisor. Russell Vought, einer der Architekten von Heritage’s „Project 2025″, leitet das Office of Management and Budget. Mehr als zwei Dutzend weitere Beitragende der Strategiepapiere haben Schlüsselpositionen in Pentagon, Weißem Haus und nachgeordneten Behörden übernommen.

Die Druckspuren im Überblick

Dieser Text soll eine Übersicht über die verschiedenen Schauplätze dieser Auseinandersetzung geben und die einzelnen Druckspuren des Konflikts in eigenen Texten mit Daten und Quellen vertiefen.

Der Weg zur Vormachtstellung in der Mitte des 21. Jahrhunderts verläuft auf mehreren Spuren parallel. Sieben davon bilden den Kern der Auseinandersetzung.

Die Energie-Spur verläuft durch die Straße von Hormuz und macht aus jeder Krise im Persischen Golf eine doppelte Bewegung: eine Marktverschiebung zugunsten amerikanischer Energieexporte und eine Rohstoffverknappung für China. Die Vereinigten Staaten sind heute der größte Flüssigerdgas-Exporteur der Welt und zugleich ein großer Ölproduzent. Diese Spur ist im Beitrag zum Hormuz-Geschäftsmodell ausführlich beschrieben.

Die Halbleiter-Spur läuft über Helium. Ein Drittel der globalen Heliumproduktion stammt aus der Hormuz-Region und versorgt vor allem Asien. Ohne Helium funktioniert die Lithografie nicht, mit der moderne Mikrochips hergestellt werden — und Mikrochips wiederum sind die Grundlage jeder zukünftigen KI-Entwicklung. Wenn die Versorgung stockt, treffen die Folgen vor allem Taiwan, Südkorea, Japan — aber auch China. Die Vereinigten Staaten haben eigene Heliumförderung und können den Engpass besser puffern. Trump nutzte diese Asymmetrie unmittelbar nach dem Beijing-Gipfel: Die Chipfertigung solle aus Taiwan in die USA verlagert werden. Eine solche Verlagerung würde zudem einen wichtigen amerikanischen Druckpunkt entfernen — Taiwan müsste mit seiner Halbleitertechnologie nicht mehr geschützt werden. Die Spur ist im erschienenen Beitrag zu Hormuz, Helium und Halbleitern entfaltet.

Die Finanz- und Sanktionsspur ist der Punkt, an dem der Energieengpass in ein globales Compliance-Risiko übersetzt wird. Mit der Sanktionierung der Hengli-Raffinerie am 24. April zielte Washington nicht mehr nur auf iranische Verkäufer oder anonyme Schattenflotten, sondern auf einen großen chinesischen Käufer iranischen Öls. Die OFAC-Warnung vom 1. Mai weitete diesen Druck auf Zahlungen für eine „sichere“ Hormuz-Passage aus: Nicht nur Reedereien, sondern auch Banken, Versicherer, Händler und Dienstleister außerhalb der USA geraten damit in ein Sekundärsanktionsrisiko. China antwortete am 2. Mai mit der Aktivierung seiner Blocking Rules gegen die US-Sanktionen — ein juristischer Gegenschirm, der die eigenen Unternehmen schützen soll. Doch genau darin liegt die Brisanz: Peking kann seine Ausweichkanäle über RMB-Abrechnung, CIPS und spezialisierte Finanzinstitute nutzen, aber nur begrenzt offen verteidigen. Je sichtbarer diese Kanäle werden, desto eher geraten sie selbst in den Fokus amerikanischer Gegenmaßnahmen. Die USA greifen damit nicht nur einzelne Zahlungen an, sondern testen, wie weit Chinas parallele Finanzarchitektur trägt, bevor sie selbst sanktionsreif wird. Dieser Pfad ist noch offen, besitzt aber erhebliches Konflikt- und Eskalationspotenzial.

Die westliche Hemisphäre ist ein weiterer Schauplatz. Während des letzten Jahres hat die Trump-Administration im eigenen Hinterhof eine Reihe von Operationen durchgeführt. Die Maduro-Operation vom 3. Januar 2026 — eine Delta-Force-Einheit, die USS Iwo Jima, die Festnahme des venezolanischen Präsidenten in Caracas und seine Verbringung nach New York — war eine ausgeführte Regime-Change-Aktion gegen einen souveränen Staat. Dazu gehören auch der Druck auf Grönland, die Forderung nach Kontrolle über den Panama-Kanal, die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin und die Isolation Kubas. Diese Hemisphäre-Politik hat neben der Machtkonsolidierung auf dem eigenen Kontinent einen klaren Adressaten: China, dessen Investitionen in Lateinamerika in den letzten Jahren stark gewachsen waren.

Die Lastenverteilung an die Verbündeten ist die fünfte Spur. Laut den Strategiepapieren kann die USA nur noch einen großen Konflikt zur gleichen Zeit führen die „One War Plus Burden Shifting“-Doktrin. Daraus folgt: Die Verbündeten müssen die Kosten der sekundären Konflikte tragen. Europa soll in der Ukraine die Kosten gegenüber Russland übernehmen, Südkorea soll sich um Nordkorea kümmern, und der Nahe Osten zahlt im Konflikt mit Teheran — mittelbar werden durch die dabei erzeugte Rohstoffverknappung auch die Kosten für China erhöht. Auch dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Der Weltraum ist die öffentlich am wenigsten diskutierte Druckspur. Trump kündigte im Januar 2025 das Golden-Dome-Programm an — 25 Milliarden Dollar Anschubfinanzierung, davon 20 Milliarden für weltraumgestützte Systeme, bis zu 7.800 Weltraum-Abfangraketen in der Vollausbaustufe. Parallel beobachten amerikanische Geheimdienste eine Verdreifachung chinesischer Aufklärungssatelliten zwischen 2018 und 2024, die Wiederbelebung des chinesischen FOBS-Systems, die Stationierung eines Alibaba-Sprachmodells im Orbit. Hier entscheidet sich, wer die nächste Generation kommerzieller Infrastruktur kontrolliert.

Der Cyberspace ist die zweite unsichtbare Front, neben dem Weltraum. Anders als bei Energie oder Finanzen läuft die Auseinandersetzung hier schon seit Jahren. Chinesische Akteure haben sich seit 2021 unter dem Codenamen Volt Typhoon in amerikanischen Wasser-, Energie- und Transportnetzen festgesetzt. Sie haben dort fünf Jahre lang nichts getan. Genau das ist der Punkt: Sie haben sich positioniert — für den Fall, dass es zu einem Konflikt über Taiwan kommt. Eine zweite Gruppe namens Salt Typhoon hat amerikanische Telekommunikationsunternehmen wie Verizon, AT&T und T-Mobile infiltriert. Im Dezember 2024 hat China bei einem Genfer Treffen die Volt-Typhoon-Angriffe gegenüber Washington intern eingeräumt. Die Trump-Administration hat am 04. Juli 2025 eine Cyber-Initiative im Umfang von einer Milliarde Dollar verabschiedet und vollzieht einen Schwenk vom defensiven zum offensiven Cyberparadigma. US Cyber Command hat in 30 Ländern über 80 sogenannte Hunt-Forward-Operationen durchgeführt und dabei chinesische Schadsoftware in lateinamerikanischen Partnernetzwerken aufgedeckt. Dieser Pfad wird zur dauerhaften Niedrigintensitäts-Front: Eskalation ohne sichtbaren Kampf.

Hinzu kommen geostrategische Punkte, die es lohnt im Blick zu behalten. Die Straße von Malakka, durch die ein Großteil des chinesischen Außenhandels läuft, und die alternativen Ausweichrouten Chinas. Der pakistanische Hafen Gwadar als Endpunkt des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors. Die nördliche Seeroute durch die Arktis, deren Eis schmilzt und deren strategische Bedeutung wächst. Der Panama-Kanal, der schon im Visier Trumps steht. An jedem dieser Orte ereignen sich derzeit kleine Bewegungen — eine Sanktion, eine Investition, ein Aufmarsch, ein Vorfall. Noch sind die Signale zu schwach, um daraus einen größeren Plan oder eine klare Absicht abzulesen. Aber gerade in solchen Engpässen entscheidet sich oft, wer in zwei Jahren die Karten in der Hand hält.

Die Verhandlungsmethode ist der Querschnitt, der alle anderen Spuren verbindet. Wie nutzt Trump diese Hebel überhaupt? Mit welchen Drohungen, welchen Zugeständnissen, welchen rhetorischen Schritten? Diese Frage ist im bereits erschienenen Beitrag zur Trump-Verhandlungstaktik behandelt — und sie ist der methodische Rahmen, in dem alle anderen Spuren stehen.

Wo der Plan abweicht

Doch zwischen Strategiepapier und Regierungshandeln klafft eine Lücke. Die deutlichste Abweichung liegt in der Taiwan-Frage. Die Strategiepapiere forderten eine massive Bewaffnung Taiwans. Die Trump-Administration hat ein vierzehn Milliarden Dollar schweres Waffenpaket „in abeyance“ gestellt — verschoben — und es laut Trumps eigenen Worten als „very good negotiating chip“ gegenüber Peking eingesetzt. Trumps Forderung, die Halbleiterproduktion solle aus Taiwan in die USA verlagert werden, läuft einer harten Schutzgarantie für Taipeh diametral entgegen.

Die Administration nutzt die intellektuelle Vorlage der Denkfabriken selektiv. Die wirtschaftliche Schwächung Chinas wird hart vorangetrieben. Ein militärischer Ausbau in Regionen, die schwer zu halten oder zu verteidigen wären, wird vermieden — diese Last sollen die Verbündeten übernehmen. Die eigentliche Konzentration liegt auf den USA selbst: auf Reindustrialisierung, auf der Kontrolle der kritischen Engpässe, auf der Repatriierung industrieller Kapazität. Das berühmte Konzept der „Perlenkette“ — chinesischer Häfen entlang der asiatischen Seerouten — wird in der Trump-Lesart nicht durch eine westliche Gegenkette beantwortet, sondern durch industrielle Repatriierung. Statt Häfen zu kaufen, will Trump Fabriken zurückholen.

Das ist ein Bruch mit der klassischen Containment-Doktrin. Die alten Strategiepapiere setzten auf militärische Präsenz und ein dichtes Netz von Verbündeten. Trump setzt auf industrielle Macht und auf Deals, die Verbündete zu Abhängigen machen. Statt der Region zu helfen, sich gegen China zu wappnen, macht er sie sich selbst untertan. Das ist eine eigene Logik. Sie verdient eine eigene Analyse.

Was bleibt — und was kommen wird

Der Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das, was als Handelsstreit erscheint, in Wahrheit eine umfassende strategische Auseinandersetzung ist. Das Ziel ist, diese Mittel sichtbar zu machen, ihre Logik zu beschreiben und das Gesamtbild als das zu lesen, was es ist: ein Kalter Krieg in neuem Format. Der Plan ist zu jedem Schauplatz einen eigenen Artikel zu schreiben, um die Themen möglichst umfassend darzustellen.

Ich bin natürlich nicht der erste, der diese Sachlage so darstellt und neben einem tagesaktuellen KI-gestützten Recherchesystem haben mir auch Artikel von Michael Hollister und Richard Medhurst geholfen.

Boris Bayer

Boris Bayer, 1980 geboren, hat Philosophie und Mathematik in Berlin studiert. Er lebt mit seiner Familie im ländlichen Raum in Franken.
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2 Kommentare

  1. Was mir fehlt ist eine andere Druckspur, die hoffentlich den Chinesen in die Hände spielt. Es wäre folgerichtig die Druckspur der menschlichen Natur zu nennen.
    Nach wie vor gehe ich davon aus, dass der überwiegende Teil der Menschheit frei sein möchte. Frei von Erpressung, Sklaverei und himmelschreiender Ungerechtigkeit. So gesehen, habe ich die Hoffnung dass der Rest der Menschheit sich mittelfristig von den US-Mafiosi abwenden und dem WinWin der Chinesen zuwenden wird.
    Das Gemetzel in Gaza könnte das natürlich unterstützen. Und überhaupt: die Masken sind gefallen, für jeden, der es sehen möchte.

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