Der feuchte Traum der Eurokraten vom Weltmacht-Status

Kanada- und EU-Flagge
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Kanada soll assoziiertes Mitglied der EU werden. Und selbst auf die andere Seite der Weltkugel werfen die Größenwahnsinnigen in Brüssel begehrliche Blicke.

Es soll zusammenwachsen, was angeblich zusammengehört. Anlässlich des Besuchs des kanadischen Premierministers Mark Carney im hochtrabend so genannten „Europäischen Parlament“ – das beileibe nicht den ganzen Kontinent repräsentiert und schon gar nicht auf lupenrein demokratische Art und Weise (1) – bot EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihrem Gast ein besonderes Begrüßungspräsent an: das Projekt einer zukünftigen „assoziierten Mitgliedschaft“ seines riesigen Landes in der Europäischen Union. „Gemeinsame Werte“ würden beide Weltregionen miteinander teilen, postulierte sie, und Carney, ein kosmopolitisch gepolter, beinharter neoliberaler Politiker, der bizarrerweise in Abgrenzung zu den durchgeknallten Visionen von US-Präsident Donald Trump („Kanada muss 51. Staat der USA werden!“) zum nationalen Superhelden des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Erde aufgestiegen ist, erwiderte Uschis Zuneigungsgesten mit nur mühsam durch Höflichkeit gebremstem Enthusiasmus.

Angeblich unterstützt (laut Umfragen) eine große Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier das Projekt – Zweifel daran sind durchaus angebracht (2). Und wie sich die Bewohner des nördlichen Nachbarns der USA bei einer eventuellen Volksabstimmung über diese Frage entscheiden würden, steht durchaus völlig in den Sternen. Ein solches Referendum würde es wohl im Ernstfall auch geben, denn Kanadas politisches Institutionensystem ist ungleich demokratischer aufgebaut als das des „Vereinigten Europas“. Im Moment jedenfalls hat Kanada ohnehin ganz andere Sorgen. Das Land droht auseinanderzubrechen: In der bevölkerungsmäßig zweitgrößten Provinz, im französischsprachigen Québec, siegte bei den regionalen Wahlen vom 5. Oktober der separatistisch orientierte „Parti Québecois“, der eine Löslosung des Landesteils aus dem kanadischen Staatsverband anvisiert (3). Und obwohl eine gleichermaßen separatistisch ausgerichtete Bewegung in der Prärieprovinz Alberta ein für den 19. Oktober anberaumtes Referendum über die Frage, ob auch diese Region die kanadische Föderation verlassen soll, wohl verlieren wird (4), sind die Autonomiebestrebungen auch in diesem Teil des Landes relativ stark – und werden immer stärker.

Und dann gibt es ja auch noch den Fall Island. Erst vor kurzem lehnten die Einwohner dieses kleinen nordischen Landes es in einer Volksabstimmung ab, überhaupt Verhandlungen mit der EU über einen eventuellen Beitritt aufzunehmen – eine böse Klatsche für die Eurokraten in Brüssel. (5) Doch was ist schon das kleine Island gegen das riesige Kanada mit seinen gewaltigen Rohstoffvorkommen? Und dass die territorialen Begehrlichkeiten der EU-Spitze nicht zuletzt den Zugriff auf diese zum Ziel haben, kann getrost angenommen werden. Klar: Wenn Donald Trump sich die Schätze dieser Welt aneignen will, ist das böser, verachtenswerter Neo-Imperialismus – wenn Uschi und ihre Brüsseler Truppe dasselbe wollen, ist das natürlich nur im Sinne der globalen Ausbreitung humaner, fortschrittlicher, „europäischer“ Werte.

Ein „Platz an der Sonne“

Apropos „global“: Als weitere potenzielle Kandidaten für eine „assoziierte EU-Mitgliedschaft“ haben die Eurokraten um UvdL sich Neuseeland und Australien ausgesucht, letzteres Land ebenfalls ein wahrer Rohstoffgigant. (6) Die beiden umworbenen potenziellen Bräute reagierten auf diese Avancen allerdings relativ kühl: Die Beziehungen Australiens zur EU seinen bereits sehr partnerschaftlich, betonte Canberras Außenministerin Penny Wong und ließ durchblicken, dass diese deshalb eigentlich keiner institutionellen Vertiefung bedürften. Eine Sprecherin des neuseeländischen Außenministeriums erklärte, es gäbe keine Gespräche mit Brüssel über dieses Thema – und dass der derzeitige Außenminister des Inselstaates im Pazifik, Winston Peters von der rechtspopulistischen „New Zealand First“-Partei, der EU ziemlich skeptisch gegenübersteht, ist schließlich bekannt: Vor zehn Jahren begrüßte er den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union… (7)

Geschichtsbewusste Zeitgenossen haben hier ja ohnehin eine Art Déja–vu-Erlebnis: Als sich die europäischen Kolonialmächte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Welt aufteilten, preschte Deutschland als Nachzügler auf einmal vor und reklamierte ebenfalls einen „Platz an der Sonne“ (so Kaiser Wilhelm II.) für sich. Teile des heutigen Staates Papua-Neuguinea wurden deutsche Kolonie, eine Inselgruppe im Pazifik avancierte gar zum „Bismarck-Archipel“. Die desaströsen Folgen des (letztendlich vergeblichen) Versuchs Deutschlands, sich als Weltmacht zu etablieren, in Rivalität vor allem mit Großbritannien und Frankreich, sind bekannt: zwei Weltkriege, der zweite noch katastrophaler als der erste. Gelernt hat die – deutsch dominierte – EU-Spitze aber offenbar nichts aus dieser historischen Erfahrung: Mit aller Gewalt will sie „Europa“ zu einer globalen Macht machen, einem „global player“, der es mit den Supermächten USA, China und Russland aufnehmen kann.

800 Milliarden Euro für „Kriegstüchtigkeit“

Und zwar nicht zuletzt zu einer militärischen Macht. Die gigantische Summe von 800 Miliarden Euro will die EU in den nächsten Jahren in Rüstungsanstrengungen stecken (8); aus Brüssel, Berlin, Paris und etlichen anderen EU-Hauptstädten ist seit Jahren nur noch Kriegsgeschrei zu hören. Finanziert werden soll diese Kraftanstrengung durch die systematische Aushungerung der (ohnehin nach 40 Jahren neoliberaler „Haushaltskonsolidierung“ nur noch kläglichen) Überreste des Sozialstaates in den einzelnen Mitgliedsländern. Und der Ukraine-Krieg, im Vorfeld intensiv provoziert und anschließend befeuert durch die EU, ist schon seit langem ein Fass ohne Boden; der Großteil der ukrainischen Staatsausgaben wird mittlerweile von der Europäischen Union bezahlt. (9) Ohne die massive militärische Hilfe vor allem aus Deutschland, Frankreich, Spanien und Polen könnte die ukrainische Armee wohl keine einzige Woche mehr durchhalten, allen patriotischen Volkssturm-Parolen des – seit 2024 verfassungsrechtlich gesehen überhaupt nicht mehr legitimen (10) – Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zum Trotz.

Der Größenwahn und die Hybris der derzeitigen Machthaber in Brüssel zeigt sich in vielen Politikbereichen: in der Klimapolitik, in der Wirtschaftspolitik und in der zunehmenden Repression gegen unliebsame Meinungen; der ehemalige Schweizer Offizier und heutige Buchautor Jacques Baud und der deutsche Journalist Hüseyin Dogru können hiervon ein Lied singen. Am gefährlichsten ist diese Entwicklung jedoch in der Außen- und Sicherheitspolitik: Allen Ernstes scheint die EU-Spitze den Showdown mit Russland zu suchen, dem Land mit dem größten Atomwaffenarsenal der Welt. Selbst US-Präsident Donald Trump, im Gegensatz zu seiner eigenen Einschätzung alles andere als ein „Friedensfürst“, plädiert für eine Verständigung mit der russischen Regierung, für eine diplomatische Lösung des Ukraine-Konflikts. Die EU-Elite hingegen setzt konsequent auf Krieg, im trauten Verein mit dem Ex-EU-Mitglied Großbritannien, dem lautstärksten war monger überhaupt (von den Regierungen der baltischen Staaten einmal abgesehen).

Ein neuer transatlantischer Block?

Ob die Bevölkerung Kanadas, die durch ihre – sowohl privaten als auch öffentlich-rechtlichen – Medien über die Entwicklungen in Europa im Unterschied zu ihren US-amerikanischen Nachbarn verhältnismäßig gut informiert wird, sich für das Projekt der Schaffung eines neuen, transatlantischen EU-Kanada-Blocks wird erwärmen lassen, ist momentan überhaupt noch nicht absehbar. Die derzeitige US-Regierung zumindest signalisierte schon einmal vorsorglich Feindseligkeit: Sollte dies alles sich gegen sein Land richten, werde er drastische Strafmaßnahmen sowohl gegen Kanada wie auch gegen die EU verhängen, drohte Donald Trump kurz nach den Reden von Mark Carney und Ursula von der Leyen im EU-Parlament. (11) Die Spaltung der „goldenen Milliarde“, der so genannten „westlichen Welt“, schreitet mit Riesenschritten voran, und weder in Brüssel, Berlin, Paris, London und Ottawa noch in Washington scheint es relevante politische Kräfte zu geben, die dem entgegensteuern wollen. Wladimir Putin, Xi Jinping und wohl auch etliche politische Entscheidungsträger im „globalen Süden“ werden diese Entwicklung sicherlich mit großem Amüsement verfolgen.

 

Fußnoten

1) Norbert Faulhaber, „Die größte aller Fake-Demokratien“, Overton, 13. August 2025

2) Nick Murray, „More than two in three Canadians back EU associated membership: poll“, CityNews Everywhere, 24. September 2026. Besonders zuverlässig sind Umfragen in Bezug auf Referenden in Kanada allerdings nicht – und die Volatilität der Wähler ist, verglichen mit europäischen Staaten, relativ hoch.

3) „Parti Québecois to form minority government“, CBC News, 6. Oktober 2026

4) „Alberta Separatism remains a Minority View“, www.338canada.ca

5) „Isländer stimmen gegen WU-Beitrittsgespräche“, ZDF heute, 30. August 2026

6) „Rohstoffreichtum ohne Ende?“, FWU Mediathek (2013)

7) „Australia-EU relationship ‚fit for purpose‘, Penny Wong says“, The Australian, 21. September 2026; „New Zealand says it has not held talks with EU about becoming a member“, Reuters, 18. September 2026; „Winston Peters backs Brexit: ‚Be bold, ditch the EU‘“, Stuff, 13. Mai 2016

8) „Gipfel in Brüssel: EU will bis 2030 massiv aufrüsten“, www.tagesschau.de (20. März 2025)

9) „33,7 Milliarden Euro für 2026: EU sichert Ukraine-Haushalt“, Upday News, 2. Oktober 2026

10) Die Amtszeit Selenskyjs, die laut Artikel 103 der ukranischen Verfassung fünf Jahre beträgt, ist 2024 abgelaufen. Laut Artikel 112 übernimmt bei einer Vakanz der Parlamentspräsident so lange das Amt, bis eine Neuwahl stattgefunden hat: Constitution of Ukraine, http://unece.org

11) „Trump threatens to stop trading with EU over ‚laughable‘ membership offer to Canada“, Guardian, 17. September 2026

Norbert Faulhaber

Norbert Faulhaber fing nach einem Studium der Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Soziologie 1991 bei der Konstanzer Tageszeitung „Südkurier“ an: als freier Mitarbeiter für TV- und Filmkritik, Konzertberichte und CD-Besprechungen. Ab 1998 arbeitete er auch als Vertretung des TV-Redakteurs, von 2004 bis 2006 als Verantwortlicher für die tägliche TV-Programmseite. Von 2006 bis März 2023 arbeitete er als Redakteur am NewsDesk See-West in Konstanz.
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2 Kommentare

  1. „Der Größenwahn und die Hybris der Machthaber in Brüssel.“
    .
    >Die aggressive Handels- und Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump hat das eigentlich enge Verhältnis der USA zu Kanada schwer belastet. Das nordamerikanische Land ist deshalb auf der Suche nach neuen, verlässlichen Partnern – und könnte in Europa fündig werden. Zwischen der Europäischen Union und Kanada bahnt sich eine deutlich engere Zusammenarbeit an.
    .
    Das wurde heute beim Auftritt des kanadischen Premierministers Mark Carney im EU-Parlament deutlich. In einer Rede vor den Parlamentariern machte Carney deutlich, dass sein Land offen ist für die Idee einer Art EU-Sondermitgliedschaft. „Wir begrüßen diesen Vorstoß“, sagte er. Umfragen zeigten, dass eine überwältigende Mehrheit der Kanadierinnen und Kanadier deutlich engere Beziehungen unterstützen würde, so Carney.<

  2. Die Eurokraten in Brüssel haben sich ja nicht umsonst mit Russland angelegt. Nach der Devise „Es kann nur einen geben“, versuchen sie, die Großmacht Russland „strategisch zu besiegen“ und dessen Rolle einzunehmen. Aber offenbar scheint ihnen das nicht zu gelingen. Mit der absehbaren Niederlage des westlichen Proxys Ukraine kommt auch für die EU die Stunde der Wahrheit. Und die wird wohl zum Zerfall dieses Gebildes führen. Eine nach diesem verlorenen Krieg notwendige Reform der EU ist meines Erachtens nicht mehr möglich. Dazu wurde es aus Selbstüberschätzung heraus versäumt, einen „Plan B“ zu entwickeln und die dafür notwendigen politischen Werkzeuge zu schaffen…
    Wenn jetzt zwanghaft versucht wird, das transatlantische Imperium, ohne die USA, unter Führung Brüssels, zu bewahren, wird das trotzdem scheitern.
    Die EU hat zwar einen hinreichend großen Binnenmarkt, mit dem Euro auch eine Handelswährung, aber keine gesicherte Kontrolle über Basisressourcen und Technologien, insbesondere für die digitale Transformation der Wirtschaft. Vor Allem fehlt es an Energie! Und mit der Russophobie( Gefahr aus Russland) können die „Eliten“ zwar zeitweilig das Gebilde EU zusammenhalten. Aber das ist keine tragfähige Dauerlösung für die zunehmenden Konflikte innerhalb der EU. Auch die Ideologie der „moralischen Überlegenheit“ über die „Barbaren“ nicht….
    Die EU wird wohl zerfallen…

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