Der doppelte Selbstmordkurs: Die Enthüllungsfalle

Gaza
Jaber Jehad Badwan creator QS:P170,Q132188370, A large plume of smoke rises between civilian buildings in Gaza during Israeli airstrikes in the morning, CC BY-SA 4.0

Warum ein Personalwechsel das System nicht saniert und wie der Lernprozess beginnen muss.

Zweiter Teil. Der erste Teil erschien vor einigen Tagen.

Netanyahus Likud-Partei hat in den Wahlen vom 27. Oktober nur wenige, aber entscheidende Parlamentssitze verloren. Selbst wenn er die beiden streng religiösen Parteien Schas und United Torah Judaism wieder für seine pseudopatriotische Koalition gewinnen könnte, würde es nicht mehr wie zuvor zur Regierungsmehrheit reichen. Vier Parteien haben eine Koalitionsbeteiligung ausgeschlossen. Zwar hat auch der aussichtsreichste Kandidat für den Posten des Premierministers, Gadi Eizenkot ad hoc noch keine komplette Koalition beisammen, doch im Gegensatz zu Netanyahu würde ihm eine Beteiligung der beiden streng religiösen Parteien die nötige Regierungsmehrheit sichern.

Die voraussichtliche Ablösung Netanyahus durch den Ex-General kann leicht über das Wesentliche hinwegtäuschen. Zwar kann von einem Gewinn an persönlicher Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit ausgegangen werden, an der es Netanyahu hatte fehlen lassen. Aber die dringend gebotene grundlegende Änderung des politischen Kurses ist nicht in Sicht.

Allzu leicht lenkt der personelle Austausch vom Scheitern des gesamten Sicherheitssystems ab. Außer der selbstbeschädigenden Dahiya-Doktrin betrifft das einen ineffektiven Militärapparat, der sich weit vom besonnenen, strategisch brillanten Vorgehen in den Kriegen von 1967 und 1973 entfernt hat. In absurder Kopie des krachend gescheiterten amerikanischen Vorbildes von Vietnam bis Afghanistan ist auch das israelische Militär auf dem Weg, sich zu einem Ressourcen verschlingenden, kontraproduktiven Staat im Staate zu entwickeln, der die Interessen von Kriegsprofiteuren bedient.

Die Illusion der Alternativen: Eizenkot und die Sackgasse der Härte

General Eizenkot präsentiert sich als besonnener Technokrat, steht aber operativ für die Dahiya-Doktrin, die den Gazastreifen militärisch erfolglos in Trümmer gelegt hat. Zwar vermeidet er die explizite Aussiedlungsrhetorik der Netanyahu-Regierung, doch droht Eizenkots militärische Methodik unverändert dieselben Fluchtbewegungen gen Westen auszulösen, mit denen der weltweite palästinensische Expansionsmotor am Laufen gehalten wird.

Eine ursachenorientierte Konfliktlösung würde dagegen bei der Selbstverantwortung der Palästinenser ansetzen, von der sie UNRWA und Hamas entfremdet haben. Selbstverantwortung ist die unverzichtbare Voraussetzung für souveräne Selbstbestimmung in einem eigenen Staat, auf den die Palästinenser zustreben. Die von einigen Ländern voreilig ausgesprochene staatliche Anerkennung der autokratischen Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah bildet die traurige Fortsetzung einer kontraproduktiven Appeasementpolitik.

Stattdessen gilt es die von der UNO grob fahrlässig verursachte Spirale aus Abhängigkeit, Armut und Radikalisierung zu verlassen. Das Motto könnte lauten, Gaza von einer Hochburg des Judenhasses, des Terrorismus und des arabischen Revanchismus in ein zweites Singapur zu verwandeln, ein Zentrum des Fortschritts und der sozialen Harmonie.

Ein solches Programm ist überfällig, denn inzwischen sind (Pseudo-)Globalisten und andere Konfliktprofiteure und Feinde einer freiheitlichen und harmonischen Welt dabei, Singapur zu einem zweiten Gaza zu entwickeln, wieder mit den Mechanismen forcierter Migration, islamischer Expansion und auch in diesem Fall gestützt von unkritischen, in ihrer Funktion als Wächter über Freiheit und Rechtsstaatlichkeit versagenden Mainstream-Medien.

Politische Emanzipation und Bildungsoffensive

Die Bürger Israels und generell des Westens stehen vor einer gewaltigen historischen Herausforderung.

Die Entwicklungen in Europa und Nordamerika haben schon längst eine Verschmelzung des selbstzerstörerischen Appeasements mit dem ebenso selbstzerstörerischen blindwütigen Militarismus hervorgebracht. Zur destabilisierenden Politik der offenen Grenzen, namentlich seit Angela Merkel trat im Ukrainekonflikt eine solche der Unausgewogenheit, der Eskalation und der provokanten Expansion des Krieges auf russisches Territorium. Wir erleben eine Neuauflage des Krimkrieges von 1853-1856, dieses Mal unter dem falschen Etikett der europäischen Solidarität, während Europas Zukunft in Wahrheit zu Grabe getragen wird.

Nach Jahrzehnten der Desorientierung unter dem Einfluss polarisierender Politik und Medienberichterstattung ist eine Emanzipation der Bürger fällig – eine demokratische Selbstbefreiung im gemeinsamen gesellschaftlichen Lernprozess. Diese umfasst den gesamten Westen:

Personalkarussell von Systemänderungen unterscheiden : Sich nicht durch den Austausch einzelner Personen – wie jetzt den wahrscheinlichen Amtsantritt Eizenkots anstelle Netanyahus – vorgaukeln lassen, dass damit die strukturellen Systemfehler behoben sind.

Den doppelten Selbstmordkurs beenden: Schluss mit der Kombination aus naivem Appeasement gegenüber dem politischen Islam einerseits und kontraproduktivem Flächenmilitarismus andererseits!

Rückbesinnung auf Tikkun Olam (frei übersetzt Soft Power): Das spirituelle (!) Israel muss sich wieder als Zentrum der Innovation, der demokratisch-rechtsstaatlichen Exzellenz und der Prinzipienklarheit definieren – als Vorbild bei der Wiederbelebung der demokratischen Idee in unserer Zivilisation.

Gesellschaftlichen Grundkonsens wiederherstellen: Die Zukunftsfähigkeit des Westens hat die Überwindung seiner gesellschaftlichen Spaltung zur Voraussetzung – zwischen Linken und Rechten, Säkularen und Religiösen, Juden und Nichtjuden.

Sicherheit durch Schulterschluss: Der Erhalt Israels als moderner, wehrhafter Staat und der dauerhafte Schutz westlicher Freiheit sind untrennbare Ziele. Beide werden von Islamisten und ihren Unterstützern im Westen bedroht.

Der Sieg der Wahrheit: Die Wurzeln der heutigen Sicherheitskrise liegen im fundamentalen Konflikt zwischen Gut und Böse. Es gilt, der Wahrheit den Sieg über die (v. a. mediale) Verbiegung zu verschaffen, den verbrieften Rechten über revanchistische Ansprüche, der freien Entfaltung über (hinter Tabus versteckter) Unterdrückung, der Aufrichtigkeit über die (politische) Vertuschung. Namentlich gebührt der Sieg auch dem fairen Ausgleich, und zwar gleichermaßen über die physische Gewalt der Pseudopatrioten, als auch über das Appeasement der Rückgratlosen.

Ein Personalwechsel an der Spitze ist kein Systemwechsel. Solange der Westen und Israel Personalaustausch mit strategischer Neuausrichtung verwechseln, bleibt der Machtwechsel ein Theaterstück auf einer sinkenden Titanic. Die Siegerstraße betreten wir erst wieder, wenn wir aufhören, Zerstörung mit Sicherheit und Appeasement mit Frieden zu verwechseln.

Christian Hamann

Christian Hamann wurde 1949 in Berlin geboren und lebt seit einigen Jahren abwechselnd in Deutschland und Südamerika (Uruguay, Paraguay). In den Jahren 1968 bis 1973 hat er Geographie und Biologie in Hannover und Mainz studiert und danach bis zu seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer gearbeitet. Er hat sich zeitlebens selbständig weitergebildet, insbesondere auf den Gebieten Geschichte, Politik einschließlich Soziologie, Wirtschaft und Psychologie.
Mehr Beiträge von Christian Hamann →

Ähnliche Beiträge:

7 Kommentare

  1. Zitat „Der Erhalt Israels als moderner, wehrhafter Staat und der dauerhafte Schutz westlicher Freiheit sind untrennbare Ziele. Beide werden von Islamisten und ihren Unterstützern im Westen bedroht.“

    Wenn man so einen Satz schreibt, aber vorher: “ Die Zukunftsfähigkeit des Westens hat die Überwindung seiner gesellschaftlichen Spaltung zur Voraussetzung – zwischen Linken und Rechten, Säkularen und Religiösen, Juden und Nichtjuden.“

    übersieht man, worum es geopolitisch im Gaza geht, oder man will es nicht sehen und betreibt die „gesellschaftliche Spaltung“, die man angeblich kritisiert. Oder habe ich da etwas falsch verstanden? Dann bitte ich um säkulare Aufklärung. Ich strebe nicht nach Milliardengewinnen an der Börse, sondern nach Erkenntnis.

    Beim Gaza-Krieg geht es nicht um den Erhalt und die Wehrhaftigkeit des israelischen Staates. Da geht es darum, dass die zionistischen israelischen Siedler den Gaza okkupieren wollen und die Palästinenser sich verdünnisieren und vom Acker machen sollen. Frage: Wer sperrt dort wen seit Jahren ein? Und die Antwort ist: Es ist die israelische Regierung, die die Palästinenser im Gaza einsperrt. Es sind nicht die Palästinenser, die die israelischen Bürger in Israel einsperren.

    Was hat das mit den Islamisten im Westen zu tun? Damit unterstützt man lediglich die Vorurteile und bedient die Argumente dieser extremistischen Religionsanhänger. Da schaut her: Die „Juden“ und die „Christen“ sind die Bösen. Wir sind auf der „richtigen“ Seite und die richtige Seite, das ist der Islam. Wir sind die „Guten“.

    Extremisten gibt es nicht nur beim Islam, die gab und gibt es auch bei den „Juden“ und den „Christen“.

  2. Also, da ist mir schon ein bißchen was unklar, z.B. die „Siegerstraße“, was immer das sein soll; mal abgesehen davon ist es für mich höchst zweifelhaft, das „wir“ jemals auf dieser fuhren.
    Die Forderungen kann ich unterschreiben, aber ohne mindestens Eingrenzung des Kapitals wird da nichts draus werden.
    Der entgrenzte Kapitalismus ist das ursächliche Problem aller im Artikel angesprochenen Probleme.
    Ich behaupte mal, das wir ohne radikalen Systemwechsel auf der Rutschbahn in den Orkus sind!

    1. „Ich behaupte mal, das wir ohne radikalen Systemwechsel auf der Rutschbahn in den Orkus sind!“

      Sie drücken auf den Systemwechselknopf, die Sonne am Ende des Tunnels geht auf und alle krempeln sich die Ärmel hoch. So, nä ?

      Orkus kommt, ob mit oder ohne Krieg.

  3. „Sicherheit durch Schulterschluss: Der Erhalt Israels als moderner, wehrhafter Staat und der dauerhafte Schutz westlicher Freiheit sind untrennbare Ziele. Beide werden von Islamisten und ihren Unterstützern im Westen bedroht.“
    Halte ich für überzogen!

    „Islamisten sind Anhänger des Islamismus, einer politisch-ideologischen Strömung, die den Islam als staatliche und gesellschaftliche Ordnung durchsetzen möchte“ schreibt die KI

    genau das möchte doch der Zionismus auch
    „Seit der Staatsgründung bezeichnet Zionismus insbesondere das Eintreten für die Existenz und Sicherheit Israels als jüdischen Staat.“ lese ich bei Wiki
    als „JÜDISCHEN Staat“ wohlgemerkt, nicht als einen wehrhaften, modernen, säkularen Staat Israel-Palästina oder Palästina-Israel.
    Bis heute haben die arabischen Israelis, also die Palästinenser in Israel nicht die gleichen Bürgerrechte wie jüdische Israelis.
    Die Chance, einen Staat für alle zu schaffen, wurde nicht ergriffen, weder von GB, noch vom Völkerbund und schon gar nicht von Herzl, Ben Gurion, Golda Meir und und und.

  4. Israel sollte sich erinnern, auf was dieser Staat seit 1948 beruht: Vertreibung, Enteignung, Besatzung und Apartheit. Bitte um Verzeihung und Versuch der Wiedergutmachung an den Nachbarn wäre überfällig. Ob jetzt ein paar Figuren ausgewechselt werden, ist belanglos, solange das Grundübel konsequent ignoriert wird!

  5. Israel sollte sich erinnern, auf was dieser Staat seit 1948 beruht: Vertreibung, Enteignung, Besatzung und Apartheit. Bitte um Verzeihung und Versuch der Wiedergutmachung an den Nachbarn wäre überfällig. Ob jetzt ein paar Figuren ausgewechselt werden, ist belanglos, solange das Grundübel konsequent ignoriert wird!

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen