Chaos um die Corona-Politik

Corona-Test-Station in China.
VOA Chinese, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Kurzzeitig schien es so, als würde die chinesische Regierung ihre Corona-Politik lockern. Lange hielt diese Bereitschaft nicht. Nun regt sich Widerwille.

Viele hatten auf eine Lockerung der Null-Fälle-Politik nach dem 20. Parteitag Ende Oktober gehofft. Doch das Gegenteil ist geschehen. Die lokalen Kader wetteiferten mit den strengsten Maßnahmen, um ihre Treue zum großen Vorsitzenden Xi zu zeigen. Ideologie geht über die Wirtschaft. Die Kulturrevolution 2.0 ist auf dem Vormarsch.

Am 11. November gab die chinesische Regierung 20 neue Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie bekannt. Darin enthalten sind Lockerungen im Umgang mit dem Ausland, beispielsweise ist die Quarantänezeit von sieben auf fünf Tage verkürzt worden – wenn man aus dem Ausland einreist; und es wird kein Flug mehr gestrichen, wenn in der Maschine davor mehr als zwei Prozent der Passagiere nach der Ankunft in China positiv getestet werden. Vor allem wird die lokale Praxis der Überstrenge (层层加码, jede Ebene legt eine Schippe drauf) kritisiert. Schulschließungen ohne triftige Gründe werden verboten.

Endlich Lockerungen?

Daraufhin ging ein neues Wettrennen los, wer die Corona-Maßnahmen am schnellsten und weitesten lockert. Shijiazhuang, Hauptstadt der Provinz Hebei, gab den Startschuss. Trotz dreistelliger Infektionszahl (für chinesische Verhältnisse sehr, sehr hoch) wurden Schulen wieder geöffnet und vielerorts musste auch nicht mehr der grüne Code des Health Kit gezeigt werden. Corona-Teststellen wurden reihenweise geschlossen.

Im Brief der Stadtregierung an die Bürger ließ ein Satz aufhorchen: “Die Verantwortung für die eigene Gesundheit trägt in erster Linie jeder für sich.” Dann ist das Unglaubliche passiert: Jetzt, da die Freiheit zum Greifen nahe war, zeigte die jahrelange Propaganda rund um das Thema Corona Wirkung. Viele Bürger verstanden den oben zitierten Satz der Stadtregierung so, dass der Staat nun die Bürger im Stich lässt und sie dem frei zirkulierenden Virus aussetzt. In WeChat kursierten Gesprächsverläufe der Eltern der Stadt Shijiazhuang, in denen sie ihre Kinder bei den Lehrern entschuldigen: “Mein Kind hat Zahnschmerzen und kann nicht zur Schule”, oder “Mein Kind hat sich den Fuß verstaucht und muss zu Hause bleiben.” Die Stadt knickte ein und kehrte wieder zum Quasi-Lockdown zurück.

Gesichtsverlust für die Zentralregierung

Angesichts der stetig steigenden Infektionszahl, die in den letzten Novembertagen im fünfstelligen Bereich verharrt, ist die Null-Fälle-Politik nicht mehr zu halten. Sie offiziell aufzugeben, wäre ein viel zu großer Gesichtsverlust für die Zentralregierung. Deswegen versucht sie mehrgleisig zu fahren: Im Stillen werden auf Tempo Fangcang-Krankenhäuser (eigens für die Corona-Infizierten eingerichteten Aufenthaltsorte) gebaut; die Impfkampagne läuft auf Hochtouren; Mediziner dürfen die Omikron-Variante für relativ harmlos erklären, bei der der Verlauf dem einer Grippe ähnelt und die nur bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen zum Tode führen kann. Gleichzeitig bleibt die Praxis der rigorosen Schließung ganzer Wohnhäuser bestehen, in der Hoffnung, das Virusgeschehen irgendwie unter Kontrolle zu halten.

In China wird der Corona-Test in Zehner-Gruppen durchgeführt. Wenn in einer Gruppe ein positiver Fall auftaucht, werden erst alle zehn Wohnhäuser gesperrt. Dann werden alle zehn Personen einzeln getestet. Das “schwarze Schaf” wird zu einem Fangsang-Krankenhaus gebracht. Dessen Wohnhaus wird für fünf Tage (früher 14 Tage) abgeriegelt. Alle anderen neun Wohnhäuser werden entsperrt. Dabei wird der harte Lockdown in Shanghai im Frühjahr gemieden. Online-Bestellungen werden entgegengenommen. Keiner muss Hunger leiden.

Die absurde Realität mutet wie Witz an. So wurde ein alter Mann, der seit 20 Jahren gelähmt zu Hause liegt, von den Dabais (Freiwillige in weißer Schutzkleidung) zu einer Corona-Teststelle transportiert und dabei infiziert. Ein anderer alter Mann erhielt einen Anruf vom Straßenkomitee mit der Aussage, er sei positiv getestet worden und werde gleich abgeholt. Er hielt den Anrufer für einen Betrüger, ging zur Polizei und legte die halbe Station durch Omikron lahm.

Fragen über Fragen

Der dieser Tage fast durch alle WeChat-Gruppen gereichte Text, der inzwischen von der Netzpolizei gelöscht worden ist, trägt den Titel: “Zehn Fragen”. Der Autor dieses Textes hat die Fragen aus weiser Voraussicht abfotografiert. Die Fragen sind an das Gesundheitskomitee gerichtet. Jede Frage enthält mehrere Unterfragen:

“Frage 1: Sind Sie für das Zusammentragen der mit Corona in Verbindung stehenden Zahlen zuständig? Ich vermisse die Sterberate der an Omikron Infizierten. Halten Sie den monatelangen Lockdown in Xinjiang und Tibet für angemessen?

Frage 2: Sind die Grippeviren in der Menschheitsgeschichte jemals vernichtet worden? Wenn nicht, mit welchen Mitteln wollen wir das Corona-Virus aus der Welt schaffen? Wenn wir es nicht vernichten können, warum versuchen wir um jeden Preis die Infektionsfälle durch ein unsichtbares Virus auf Null zu fahren? Wie viel bringen die unendlichen Testrunden?

Frage 3: Die meisten sind dreimal geimpft. Warum werden die Fälle immer mehr? Was ist der Nutzen der Impfstoffe?

Frage 4: Fällt die Sterberate durch Omikron im Vergleich zu anderen Viren höher oder niedriger aus? Wie viele sind durch Omikron gestorben?

Frage 5: Was sind die Kriterien für eine Lockerung der Maßnahmen? Wenn wissenschaftsbasierte Kriterien fehlen, werden wir die Maßnahmen für alle Ewigkeit durchführen?

Frage 6: Bei den drei neuen Todesfällen in Peking handelt es sich um alte bettlägerige Menschen. Wie haben sie sich infiziert? Ist das Testergebnis bei einer Grippe positiv? Wenn es so ist, worin liegt der Sinn eines Corona-Tests?

Frage 7: Worauf basiert unsere Corona-Politik? Daten oder Vermutungen? Bekannte Mediziner haben Omikron eine niedrige Gefährlichkeit attestiert. Warum bekämpfen wir ein nicht lebensbedrohliches Virus?

Frage 8: Aufgrund unterschiedlicher Systeme wurden in Hongkong nie flächendeckende Corona-Tests durchgeführt. Dort wurde die Coronapolitik vor Monaten aufgelockert. Im Moment scheint dort alles in Ordnung zu sein. Sind die medizinischen Ressourcen knapp geworden? Wenn nicht, warum befürchten wir einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems auf dem Festland? Leben in Hongkong keine Alten und Kinder?

Frage 9: In über 120 Ländern dieser Welt spielt Corona keine Rolle mehr. Ist die Gesundheit der Menschen in diesen Ländern massiv beschädigt worden? Warum können sie freier leben als wir Chinesen? Die WM in Katar ist eröffnet. Weit und breit sind keine Zuschauer mit Maske zu sehen. Niemand muss sich einem Corona-Test unterziehen. Leben wir nicht auf demselben Planeten? Macht das Virus einen Bogen um die Menschen aus anderen Ländern?

Frage 10: Indien hat eine ähnliche Bevölkerungszahl wie wir. Die Bodenfläche ist nicht halb so groß wie bei uns. Wie sieht es in Indien aus? Die Corona-Bekämpfung in Nigeria soll sehr erfolgreich sein. Warum vergleichen wir uns nicht mit Indien und lernen von Nigeria, sondern berichten täglich über die Horrorzahlen in den USA? Bringt uns das irgendwie weiter?

Ich bitte Sie, sich die Zeit zu nehmen, um diese Fragen zu beantworten, und dann eine sinnvolle Politik zu überlegen. Das ist nicht zu viel verlangt, oder?”

Diese Fragen haben sicherlich Hunderte Millionen von Chinesen im Stillen oder im Freundeskreis auch gestellt. Denen ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Hauptstadt Peking, die inzwischen zum Hochrisikogebiet mutiert ist, lässt wieder alle Schulen und Restaurants schließen.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

3 Kommentare

  1. Hallo Xin,
    danke für den Bericht.
    Schön zu lesen, dass sich in China auch was bewegt.
    Ich verstehe nicht, was die chinesische Regierung im Sinn hat mit der Pandemie.
    Dennoch lehne ich ab, dass die Europäer den Chinesen sagen wollen, wie sie ihre Probleme lösen sollen. Als hätte die Europäer keine Probleme, die sie nicht gelöst bekommen.

  2. Und wieder mal der anonyme Kümmerer… mit den ultraliberalen Tendenzen, der Querschläger mit chinesischen Wurzeln. „Ideologie geht über die Wirtschaft.“ Ein Sakrileg, man sollte doch Gott Ökonomos uneingeschränkt anbeten! Was sind schon ein paar Millionen Menschenleben, wenn der Gewinn vieler Konzerne auf dem Spiel steht?

    Niemand wird behaupten, dass China im Umgang mit der Pandemie das Ei des Kolumbus gefunden hat. Da lief und läuft viel auch schief. Aber die westliche Dienstverweigerung, die massgeblich dazu beigetragen hat, dass wir nun durchs dritte Jahr seuchen, schätzungsweise 15 bis 30 Millionen Menschen gestorben sind und ein x-faches davon sich mit Long-Covid abquält, die Impfungen vom Virus ausmutiert worden sind und jederzeit mit einer neuen, besonders unangenehmen Rekombination gerechnet werden muss, als Vorbild hinzustellen, mutet schon reichlich dummdreist an.

    Natürlich kann man die paar Zehntausend Fälle in China noch einfangen, wenn man denn will. Und was die ominöse ‚Freiheit‘ anbelangt – bis vor Kurzem jedenfalls hatte die Mehrheit der Chinesen noch keinen einzigen Lockdown erlebt. Und wenn sich das jetzt ändern sollte, hängt es mit der westlichen Indolenz zusammen, die lieber über Leichenberge geht – wie es Boris J. einmal ziemlich wörtlich formulierte -, als ihren Götzen, den Welthalndel zu beeinträchtigen.

    Wie schon oft ausgeführt, die entscheidenden Fehler wurden ganz zu Anfang begangen, als man es dem Virus schon fast mutwillig ermöglichte, sich global zu verbreiten. Eine vergleichsweise kurzzeitige ‚Überreaktion‘ hätte praktisch das ganze Elend verhindern können. Aber nein, so ein bornierter Nobelpreisträger wie Krugman z. B. ist auch noch explizit stolz auf offiziell knapp 1,1 Millionen tote u.s.-Amerikaner. Es ist zu befürchten, dass auch beim nächsten Mal dieselben Fehler wiederholt werden. Die westliche Menschheit ist lernresistent. Nicht einmal die rückläufige Lebenserwartung – nicht in China – mag beeindrucken.

  3. Die Auswahl aus Wechat-Gruppen scheint etwas mit Gerüchlein behaftet zu sein, da sie sich ähnlich in westlichen Mainstreampublikationen findet. Liest der Autor/die Autorin (?) wirklich im chinesischen Internet? Ist ihm/ihr aufgefallen, wie dort die skandalösen Experiment in Boston, das Virus tödlicher zu machen, wahrgenommen und diskutiert werden?

    Nach meinem Eindruck sind bis zu 90% der Chinesen überzeugt bis mehr oder minder sicher, dass SARS-Cov-2 von den USA als Biowaffe gegen China entwickelt oder als Laborunfall bei Entwicklung einer solchen entstanden ist. Gleichzeitig versuchen Medien und Politik krampfhaft, den Chinesen die „fortschrittliche mRNA-Impfung“ aufzuschwatzen. Hierzu xttps://www.querschuesse.de/wp-content/uploads/2022/09/u2005.webp

    Zu Indien und Hongkong: In HK sind über 10,000 Menschen an (oder mit, aber eher an, da die britische Zählmethode verwendet wird, nicht die deutsche?) Covid gestorben sind. Das wären auf China übertragen knapp 2 Millionen. Aber Hongkong ist eine Grossstadtregion mit dichter und gut erreichbarer medizinischer Infrastruktur, was für gut die Hälfte Chinas nicht und für den Rest bedingt zutrifft. Das betonen auch chinesische Stellen und Netizens.
    In Indien ist offiziell „nur“ eine halbe Million Menschen umgekommen. Indische Demographen, die Übersterblichkeitsdaten auswerten, kommen auf 5-12 Millionen, autsch. Die meisten Chinesen möchten das nicht. Das zeigen auch die Reaktionen in und um Shíjiāzhuāng.

    Es wäre gut gewesen, wenn etwa die Proteste in Zhèngzhōu etwas mehr beleuchtet worden wären. Hier ging es vordringlich um einen Sozial- und Arbeitskonflikt mit dem Foxconn-Management, unter anderem um Lohnzahlungen bei Lockdown-bedingten Ausfällen, und um das rücksichtslose Hin- und Herschicken der Belegschaft.

    Sachlichere Information wäre wünschenswert. Auch David Goldman in der Asia Times berichtet zumindest teilweise erheblich differenzierter (auch wenn er dem mRNA-Wahn anhängt).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert