Amerikanischer Rückzug aus Europa und Deutschland muss das Defizit schließen

US-Soldaten
soldiersmediacenter, Public domain, via Wikimedia Commons

Bis zu 40.000 US-Soldaten könnten Europa verlassen. Noch ist nichts definitiv, doch es zeigt, wie sich das transatlantische Verhältnis verändert und welche Pflichten auf Deutschland und Europa zukommt.

Die amerikanische Militärpräsenz in Europa ist ein Grundpfeiler der europäischen Sicherheit. Dieser Pfeiler könnte kleiner werden. Nach übereinstimmenden Berichten prüft das Pentagon eine Reduzierung der US-Truppen in Europa. Im Raum steht ein Abzug von mindestens 25.000 Soldaten, in einer weitergehenden Variante könnten es sogar bis zu 40.000 sein. Endgültig ist bislang nichts, doch die Pläne sind fortgeschritten: Das US-Europakommando soll dem Pentagon unterschiedliche Modelle vorlegen, über die anschließend entschieden werden soll.

Für Deutschland wäre es dramatisch. Ende 2025 waren nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums über 36.000 amerikanische Soldaten in Deutschland stationiert. Dazu kommen Einrichtungen wie Ramstein, das Hauptquartier des US-Europakommandos in Stuttgart, der Truppenübungsplatz Grafenwöhr und das amerikanische Militärkrankenhaus in Landstuhl. Deutschland ist ein logistischer und strategischer Knotenpunkt der US-Streitkräfte in Europa.

Noch ist es kein Abzug aber die Richtung ist eindeutig

Man sollte nicht so tun, als hätten die USA beschlossen, Europa den Rücken zu kehren. Das ist nicht der Fall. Im Pentagon liegen verschiedene Szenarien auf dem Tisch. Zudem hat der US-Kongress einem massiven Abbau Grenzen gesetzt: Nach geltendem Recht kann die Zahl der US-Soldaten in Europa nicht ohne weiteres unter 76.000 sinken. Ein größerer Abzug würde zusätzliche Begründungen und Konsultationen mit den NATO-Partnern in Washington erfordern.

In Washington redet man nicht davon, ob Europa Verantwortung für seine Verteidigung übernehmen soll, sondern wie viel die Europäer zukünftig übernehmen müssen. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat diese Neuverteilung zur strategischen Leitlinie gemacht. NATO-Generalsekretär Mark Rutte spricht ebenfalls von einer Neujustierung der transatlantischen Kooperation: Europa müsse Verpflichtungen für die konventionelle Verteidigung des Kontinents übernehmen, während die USA eine wichtige Präsenz und ihren nuklearen Schutzschirm bereitstellen sollen.

Das klingt nach einer vernünftigen Arbeitsteilung, mit einer Voraussetzung: Europa muss in der Lage sein, die Aufgaben zu übernehmen, die bis dato von den USA wahrgenommen wurden.

Deutschland soll mehr machen, aber was genau?

Die Bundesregierung hat ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöht. Mit dem Kauf von F-35-Kampfflugzeugen, der geplanten Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern geht es um die Landesverteidigung und einer Neuaufstellung, die Deutschland in die Lage versetzen soll, wichtige Elemente der Abschreckung zu tragen.

Erstaunlich, wie offen die Bundesregierung über die entstehende Leerstelle spricht. Als Washington im Frühjahr den Abzug von rund 5.000 Soldaten aus Deutschland ankündigte, erklärte die Bundesregierung, man müsse die daraus resultierende „Abschreckungslücke“ schließen. Es wurde betont, dass die europäischen Staaten ihre Kompetenzen im Bereich des Deep Strike ausbauen müssten. Vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung, Deutschland müsse enorme militärische Kapazitäten besitzen, kaum vorstellbar gewesen. Nun wird sie mit einer verschärften Sicherheitslage rechtfertigt.

Was Europa verlieren würde

Vornehmlich geht es um Aufklärung, Logistik, Lufttransport, Führung, Kommunikation, Luftverteidigung, Munition und daneben zusätzliche Kräfte über den Atlantik oder innerhalb Europas zu verlegen. Einiges lässt sich durch europäische Streitkräfte ersetzen. Manches müsste erst aufgebaut werden.

Deshalb wäre ein Abzug von 25.000 oder gar 40.000 Soldaten nicht mit der Formel „Europa muss mehr für seine Verteidigung ausgeben“ erledigt. Zusätzliches Geld kann Waffen und Soldaten finanzieren, aber nicht plötzlich über Nacht. Es braucht Infrastruktur, Personal, Ausbildung, Logistik, Munition, Führungsstrukturen und erst recht Zeit.

Zumal Europa keineswegs ein einheitlicher Akteur ist. Die europäischen NATO-Staaten haben reichlich wirtschaftliche und militärische Ressourcen, aber sie entscheiden national über ihre Streitkräfte. Trotzdem ist die Europäische Union keine Militärmacht mit einem einheitlichen Oberkommando. Der geplante Rückzug könnte Europa sowohl zu Autonomie zwingen als auch Abhängigkeiten innerhalb Europas schaffen.

Frankreich kommt ins Spiel

Interessant wird es bei der nuklearen Abschreckung. Wenn die konventionelle Bereitschaft schwindet, fragt man sich zwangsläufig, was mit dem amerikanischen nuklearen Schutzschirm geschieht.

NATO-Generalsekretär Rutte hat beteuert, dass eine europäische Sicherheit ohne die amerikanische nukleare Abschreckung vor Herausforderungen stehen würde. Frankreich hat seine Bereitschaft gesteigert, über eine europäische Dimension seiner nuklearen Abschreckung zu sprechen. Deutschland und Frankreich haben ihre Zusammenarbeit in der nuklearen Abschreckung vertieft, einschließlich eines hochrangigen Dialogs über französische Nuklearfähigkeiten und einer intensiveren deutschen Beteiligung an französischen Übungen.

Damit bildet sich keinesfalls eine gemeinsame europäische Atommacht. Frankreich behält die Kontrolle über seine Nuklearwaffen und eine europäische Nuklearstreitmacht existiert nicht. Je unsicherer die amerikanische Garantie erscheint, desto dringlicher die Frage, welchen Beitrag Frankreichs Atomstreitmacht zur europäischen Sicherheit leisten könnte.

Die neue europäische Aufrüstung

Europa befindet sich in einem kontinuierlichen Prozess. Im Juni erklärte NATO-Generalsekretär Rutte, dass die europäischen NATO-Staaten und Kanada ihre Verteidigungsausgaben extrem erhöht hätten. Dennoch heißt Eigenständigkeit nicht bloß höhere Verteidigungshaushalte. Sie bedeutet letztlich, darüber zu verfügen, was bisher durch die USA bereitgestellt wurde.

Deutschland vor einem strategischen Wendepunkt

Für Deutschland ist das eine schwierige Entwicklung. Die Bundesrepublik war fest in das amerikanische Sicherheitsversprechen eingebettet. Ramstein, Stuttgart, Grafenwöhr und weitere Standorte stehen für diese Einbindung. Ein großflächiger Rückzug würde eine Lücke auf einer Landkarte hinterlassen und die Infrastruktur verändern, auf der die europäische Sicherheitsarchitektur aufgebaut wurde. Folglich wächst die deutsche Rüstungsindustrie und die Bundeswehr soll leistungsfähiger werden. NATO-Generalsekretär Rutte bezeichnet Deutschland ausdrücklich als einen der zentralen Akteure beim Aufbau europäischer Verteidigung.

Ausschlaggebend ist, was mit dieser Aufrüstung erreicht werden soll. Soll Europa ein stärkerer europäischer Pfeiler in der NATO bleiben, wie es Washington und Rutte aktuell beschreiben? Oder entsteht eine autarke Militärmacht, die über eine eigene nukleare Abschreckung verfügen will? Der angekündigte Truppenabzug – sollte er in dieser Größenordnung kommen – könnte diesen Vorgang beschleunigen.

Vom Schutzschirm zur Eigenverantwortung

Beachtenswert ist, dass Washington und Europa gewissermaßen dasselbe Ziel verfolgen, aber nicht dieselbe Zukunft vor Augen haben. Die USA wollen, dass Europa Initiative übernimmt, damit Washington seine militärischen Ressourcen auf andere Regionen konzentrieren kann. Europa wiederum beginnt, diese Forderung ernst zu nehmen, weil es sich nicht darauf verlassen möchte, dass die amerikanische Sicherheitsgarantie konstant bleibt.

Dadurch entsteht eine Dynamik: Je stärker sich die USA zurückziehen, desto mehr muss Europa aufrüsten. Je stärker Europa aufrüstet, desto leichter kann Washington sich zurückziehen. Und je weiter dieser Verlauf voranschreitet, desto relevanter wird, ob Europa strategisch unabhängiger von den Vereinigten Staaten werden muss. Noch ist nicht beschlossen, ob 25.000 oder 40.000 Soldaten aus Europa abziehen. Jedoch ist das amerikanische Dasein, das als selbstverständlich galt, nicht länger selbstverständlich.

Für Deutschland ist das ein tiefgreifender Wandel. Die Bundesrepublik soll mehr Geld ausgeben, mehr Waffen beschaffen sowie mehr Truppen aufstellen. Weniger wird die Konsequenz thematisiert: Wer unabhängiger werden will, muss festlegen, wofür die Militärmacht eingesetzt werden soll und welche Funktion Deutschland und Europa weltweit haben wollen.

Julia Engels

Julia Engels ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Sicherheits- und Abrüstungspolitik und promoviert an der RWTH Aachen zur nuklearen Abschreckung in der Internationalen Politik. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge u. a. in Telepolis, Frankfurter Rundschau und der taz.
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3 Kommentare

  1. hm, was wäre daran so schlimm mehr oder besser tatsächlich Autonomie zu erlangen? Sich an ein Imperium im Niedergang zu hängen welches versucht sein Status durch Anwendung von Gewalt zu erhalten kann man machen muss man aber nicht. Ramstein, Landstuhl, Grafenwöhr das ist doch keine Infrastruktur zur Verteidigung Europas das ist Infrastruktur zur globalen Machtprojektion bis weit nach Afrika und Asien. Wer sollte denn Europa angreifen? Der Russe? Der Iraner? der Chinese? Ernsthaft? Unsinn! der Abzug bedeutet Ressourcen für den Pazifik ergo für die Eindämmung des Endgegners China frei zu machen. Aufrüstung in Europa und Deutschland bedeutet die Verantwortung für die Eindämmung Russlands zu übernehmen… Ja was bilden wir uns denn ein? Mit welchem Recht dämmen wir auf der ganzen Welt ein? mit dem Völkerrecht gewiss nicht… mit dem Recht des stärkeren… noch.

    LG BT

  2. Frau Engels geht das Problem vollkommen falsch an. Nicht ein angekündigter US-Rückzug ist das Problem, sondern die US-amerikanische „Sicherheitsordnung“ und die deutsche und europäische Unterwerfung darunter.

    Rückblick: Es waren die USA (auch mit ihren europäischen Helfern), die den Krieg in der Ukraine provozierten und ihn dann ihren europäischen Vasallen hinterließen. Das eigentliche Problem ist also, wie aus dem Vasallen-Verhältnis herauskommen, wenn doch die gesamte europäische Elite transatlantisch konditioniert ist?

    Da kann man eigentlich nur hoffen, dass der Widerspruch zwischen Elite und Volk irgendwann zu groß zum Weiterregieren wird.

  3. Aber was, wenn jetzt die Russen kommen? Und plötzlich am Rhein stehen? Und die USA haben nicht geholfen! Eine kolossale Schwächung, auch und gerade für die USA.
    Weiß Trump das nicht? Doch. Er will damit sagen, dass die Russen nicht kommen. Dass er sich von der Hysterie nicht anstecken lässt.
    Starke Performance.

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