Wie kann ich meinen kleinen Jungen von Oppenheimers tödlichem Spielzeug retten?

Russen, Moskau, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Unsere schönsten Antikriegslieder. Heute: Russians.

Der Song erschien 1985, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Die atomare Aufrüstung zwischen den USA und der Sowjetunion ließ die Angst vor einem nuklearen Konflikt wachsen. Ronald Reagan sprach vom Reich des Bösen, in Europa demonstrierte die Friedensbewegung gegen Raketenstationierungen und atomare Abschreckung. Der Künstler Sting griff diese Stimmung mit Russians auf. Sein Song ist kein Friedensappell. Er ist eine nüchterne Beschreibung gegenseitiger Angst.

Im Liedtext richtet Sting den Blick auf die gemeinsame Menschlichkeit. Und er formuliert die beinahe erschreckend einfache Hoffnung, dass auch die Russen ihre Kinder lieben. We share the same biology, regardless of ideology. Gerade diese Schlichtheit macht das Lied so eindringlich. Russians handelt von der Erkenntnis, dass es keine Monster gibt, sondern nur verschiedene Seiten, auf denen Menschen handeln, die sich um ihre Liebsten fürchten. How can I save my little boy / From Oppenheimer’s deadly toy?

Die Uhr tickt

Russians beginnt mit einem Ticken. Mit einem mechanischen Geräusch, das anzeigen soll, wie dringlich die Lage ist. Danach setzt der Synthesizer ein, der eine kalte Stimmung erzeugt. Darüber legt sich Stings Stimme, sie wirkt gepresst.

Unter der grellen Oberfläche des MTV-Zeitalters lag die permanente Angst vor dem atomaren Schlag. Der Kalte Krieg war Alltag. Der Russe galt für die Popkultur über Jahrzehnte als Bösewicht. Und mitten hinein in dieses Klima singt Sting diese fast verstörend einfache Zeile: I hope the Russians love their children too.

Mehr Pathos erlaubt sich das Lied nicht. Es gibt keine Helden und keine Parolen, auch keine Friedensromantik. Stattdessen beschreibt Sting eine Welt, die sich an die Möglichkeit ihrer eigenen Vernichtung gewöhnt hat. Und er erteilt den Staatsleuten, allen voran Ronald Reagan, der den Amerikaner erklärte, dass sie sicher seien, eine Abfuhr. Sting erwidert nur: I don’t subscribe to this point of view.

Die Angst ist zurückgekehrt

Das eigentlich Beklemmende an Russians ist, wie aktuell das Lied heute wieder klingt. Der Kalte Krieg ist zurück. Die Rhetorik von damals hat sogar noch mehr als eine Spur zugelegt. Sind Russen noch Menschen? Erneut sprechen Politiker über Abschreckung, rote Linien und atomare Drohungen. Und Experten erklären, welche Eskalation noch kontrollierbar ist und wie einfach man sich schützen kann vor der Bestie. Schon 1985 kannte Sting eine ganz einfache Wahrheit: There is no such thing as a winnable war.

Das Lied richtet sich dabei nicht nur gegen die Sowjetunion oder die USA, sondern gegen die Vorstellung, man könne das Ende der Welt mit rationaler Herangehensweise verwalten. Es erteilt den Strategen eine Abfuhr und erklärt, dass uns alle eines verbindet: die Menschlichkeit.

Vielleicht wirkt Russians deshalb bis heute so unheimlich, weil der Song keine Lösungen kennt. Es formuliert nur die Hoffnung, dass Menschen ihre Kinder am Ende mehr lieben als ihre Ideologien. 2022 spielte Sting den Song erneut ein. Fast 40 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung. Er wollte es eigentlich nie mehr singen müssen. Es ist leider zum Evergreen des Vernichtungswillens geworden.

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Knut Weil

Knut Weil summt passioniert Lieder und legt Wert auf Taktgefühl. Dass er auf Antikriegslieder steht, versteckt er heutzutage lieber, um nicht staatsanwaltlich belästigt zu werden.
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3 Kommentare

    1. Nicht satisfaktionsfähig!
      Bitte zurück treten von der Bahnsteigkante bzw nicht so ernst nehmen, wie es der Eumel gern hätte.

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