Wer versteht eigentlich noch den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Cosmo, WDR, Logo
Westdeutscher Rundfunk (WDR), Public domain, via Wikimedia Commons

Die geplante Umwandlung von Cosmo ist mehr als eine Programmreform. Sie wirft die Frage auf, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch seinem Auftrag folgt – oder zunehmend der Logik von Reichweite und Zielgruppen.

Ich gehöre nicht zur Kernzielgruppe von des WDR-Radiosenders „Cosmo“. Weder einen habe ich Migrationshintergrund, noch bin ich besonders jung. Deshalb bestürzt mich die geplante Umwandlung des Senders, der seit Jahren Musik, Perspektiven und Sprachprogramme für Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen bietet und in dieser Form im deutschen Radio nahezu einzigartig ist.

Besonders eine Sendung ist mir dabei in Erinnerung geblieben.

„Ein Service für alle Menschen, die Russisch verstehen und in Deutschland leben.“

So oder so ähnlich beginnt regelmäßig das russischsprachige Programm von Cosmo.

Cosmo schuf Orientierung in einem neuen Land

Mein Russisch reicht gerade aus, um vieles zu verstehen. Ich habe die Sprache an der Universität gelernt. Und doch hat diese Stimme für mich etwas fast Tröstliches.

Denn sie richtet sich gleichzeitig an ukrainische Flüchtlinge (deren Muttersprache häufig russisch ist), an Russlanddeutsche, an Menschen aus Kasachstan, Belarus oder dem Baltikum. Sie erklärt ganz praktische Dinge des Alltags, spricht über Politik, über Behörden, über das Leben in Deutschland. Ganz unabhängig von der Nationalität.

Und genau deshalb wirkt diese Stimme (die Cosmo in ähnlicher Form auch auf Türkisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch, Italienisch, Polnisch, Arabisch, Kurdisch, Griechisch, Spanisch anbietet) auf mich so versöhnlich.

Während Politiker über Integration diskutieren und Talkshows Identitäten gegeneinanderstellen, passiert hier etwas viel Unspektakuläreres und gerade deshalb Wertvolleres: Menschen finden Orientierung in einem neuen Land.

Vielleicht muss ich deshalb manchmal an den deutschsprachigen Service der BBC zur Zeit des Zweiten Weltkriegs denken.

An die berühmten Worte: „Hier spricht London.“ Für viele Deutsche waren diese Worte während der NS-Zeit weit mehr als eine Radioansage. Sie standen für Glaubwürdigkeit, Orientierung und die Gewissheit, dass es jenseits von Propaganda noch eine andere Stimme gab.

Natürlich ist Cosmo nicht die BBC.

Veränderte Seh- und Hörgewohnheiten?

Aber wenn heute ein ukrainischer Flüchtling in Deutschland „Cosmo po-russki“ hört, dann erfüllt dieses Programm möglicherweise einen ähnlichen Zweck. Es schafft ein demokratisches Leitbild und stiftet Zugehörigkeit.

Der Sender spielt aber auch Musik, die sonst kaum läuft. Er berichtet über Themen, die andere übersehen. Manchmal wundere ich mich über einzelne Diskussionen. Muss man wirklich darüber sprechen, warum Pflegeprodukte für Männer oder Frauen in bestimmten Regalen stehen? Aber selbst bei diesen Themen spürt man etwas, das im deutschen Rundfunk selten geworden ist: Leidenschaft.

Gleichzeitig erleben wir eine Debatte, die sich durch den gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunk zieht.

Immer wieder wird die Einstellung von Nischenformaten damit begründet, dass andere Formate jüngere Zuschauer erreichten, höhere Einschaltquoten erzielten und auf YouTube erfolgreicher seien. Die Umwandlung von Cosmo begründet der WDR nun damit, man wolle die Programme stärker „vom Publikum her denken“ und Menschen unter 30 besser erreichen. Aus Cosmo soll „1LIVE Street“ werden – mit Hip-Hop als „weltweit größter und verbindender Jugendkultur“.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Seit wann besteht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eigentlich darin, veränderten Hör- und Sehgewohnheiten hinterherzulaufen?

Wer den Medienstaatsvertrag liest, findet dort eine ganz andere Sprache. Dort ist von Meinungsvielfalt die Rede, von freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung, von Information, Bildung und Kultur. Von Reichweiten steht dort erstaunlich wenig. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll sich eben nicht primär an Nachfrage ausrichten. Dafür gibt es private Medien. Er soll sich am Gemeinwohl orientieren und nicht zuletzt Angebote schaffen, die sonst verschwinden würden.

ÖRR-Anstalten im Ausland

Andre europäische Rundfunkanstalten zeigen da oft ein bemerkenswert anderes Selbstverständnis.

In der Schweiz sendet das öffentlich-rechtliche Fernsehen täglich im ersten Programm Nachrichten auf Rätoromanisch – obwohl nur rund 0,5 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprechen. Niemand würde dort ernsthaft argumentieren, ein solches Angebot müsse sich zuerst über Reichweite rechtfertigen.

Die BBC produziert bis heute Astronomiesendungen, akademische Diskussionsrunden oder Programme in Walisisch und Schottisch-Gälisch. Nicht weil damit die höchsten Marktanteile erzielt werden. Sondern weil man sie als Teil des öffentlichen Auftrags versteht.

Und in Italien ist das Sanremo-Festival gerade deshalb zu einer nationalen Institution geworden, weil dort nicht jede Entscheidung der Logik von Zielgruppenanalysen folgt. Dort kann etwa der Regisseur und Komiker Roberto Benigni (wie 2023 geschehen) zur besten Sendezeit minutenlang eine Liebeserklärung an die italienische Verfassung halten – vor einem Millionenpublikum. Nicht trotz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, sondern wegen ihm.

Natürlich gibt es auch im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor hervorragende Spartenprogramme. Deutschlandfunk, Phoenix oder Arte zeigen jeden Tag, wie wertvoll öffentlich-rechtliches Programm sein kann. Gerade deshalb wirkt es so befremdlich, dass der Rotstift immer wieder dort angesetzt wird, wo der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinem Auftrag am sichtbarsten nachkommt: bei Kultur, Bildung, Sprachen und gesellschaftlicher Verständigung. Bei Unterhaltung aus der Konserve oder Verwaltungsstrukturen, die selbst viele Befürworter des Systems für überdimensioniert halten, scheint die Sparbereitschaft dagegen deutlich geringer ausgeprägt zu sein.

Vielleicht braucht auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland wieder weniger Zielgruppenmanagement und stattdessen mehr Vertrauen in die eigene Idee.

Denn seine Zukunft sollte nicht darin liegen, immer stärker wie private Medien zu werden. Sondern darin, wieder konsequent das anzubieten, was private Medien niemals leisten können: Qualität, Rückgrat und demokratische Prinzipientreue, die sich nicht in Einschaltquoten messen lässt.

David Fleschen

David Fleschen, geb. 1982, lebt in Wuppertal. Er studierte European Studies in Maastricht, Salamanca, Magdeburg und St. Petersburg und beschäftigt sich mit gesellschaftlichem Wandel, Medien und Europa. Seit rund zwanzig Jahren veröffentlicht er journalistische Beiträge in regionalen, überregionalen und internationalen Medien. Seine Texte verbinden persönliche Beobachtung mit historischem Bewusstsein und einer europäischen Perspektive.
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4 Kommentare

  1. DLF , Phönix und Arte sind zu reinen Regierungs- Propaganda- Institutionen verkommen. Die heute als Vorbild hinzustellen, das hat schon was. Lange Zeit hatte ich die Illusion, der ÖRR sei zu reformieren.
    Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, das das nicht mehr möglich ist. Die einzige Möglichkeit sehe ich in der völligen Zerschlagung des ÖRR. Und im Neuaufbau eines Bürgerrundfunks von der Basis her. Unter konsequentem Ausschluss der politischen Parteien und ihrer Vorfeldorganisationen…

  2. Zitat:
    „Deutschlandfunk, Phoenix oder Arte zeigen jeden Tag, wie wertvoll öffentlich-rechtliches Programm sein kann.“
    Zeigen sie das? Wenn, dann trotzdem gefiltert und weich gewaschen.
    Die Sender zeigen bei gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, machtpolitischen, EU-politischen und militärischen Themen die gleiche manipulative und einseitige Propaganda, wie alle anderen ÖR Programme auch.
    Dass auf Arte auch noch weitere Aspekte einen Sendeplatz finden, dürfte an den zu 40% von Arte France zugelieferten Sendungen liegen. Um das Niveau zu sichern, kann Arte Deutschland nicht einfach jede ARD Schmonzette übernehmen.

  3. Das Genick hat der WDR sich selber gebrochen mit der Abschaffung von funkhauseuropa.
    Cosmo sollte die Nachfolge sein: abends vielleicht wie vorher mit fremdsprachigen Beiträgen – OK.
    Tagsüber mit eingängigem incl mainstream-hits verwässertem Musikangebot. (Nur schwache background Infos zu einzelnen Gruppen – funkhauseuropa war denen vom WDR anscheinend zu tiefgründig intellektüll…)
    Ausserdem: was soll so teuer an Cosmo sein. Wenn ich von RLP nach NRW fahre, höre ich den Sender im Auto. Wenn ich nach zwei Stunden Aufenthalt zurückfahre, höre ich dieselben Beiträge wieder.
    Sprich: da arbeiten Leute für 3-4 Stunden und dann gehen die Beiträge im loop wieder von vorne los.
    So kann man auch Geld an Mitarbeitern sparen.
    (Nicht zu sprechen von diesen unsäglich flachen „woken“ Beiträgen zwischen der Mucke.)

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