Wer sind die Jungs – und wer die Luschen?

Zerrissene UdSSR-Fahne
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Eine russische Serie über Jugendbanden elektrisiert die postsowjetische Welt – und wirft ein grelles Licht auf politische Mentalitäten der Gegenwart.

Ende 2023 erschien in Russland die Fernsehserie „Das Wort des Jungen“ („Slowo pazana“) und wurde sofort zu einem der wichtigsten kulturellen Ereignisse in allen Ländern der ehemaligen UdSSR. Zu diesem Zeitpunkt dauerte der Krieg in der Ukraine bereits anderthalb Jahre, und viele Politiker in der Werchowna Rada zitierten öffentlich aus dieser Serie. Der Soundtrack belegte sowohl in Russland als auch in der Ukraine die Spitzenplätze bei Shazam und Spotify. Trotz des offiziellen Verbots russischer Filme und Musik konsumieren viele Ukrainer weiterhin russische Produktionen – nicht zuletzt, weil Piraterie-Dienste und Torrent-Technologien dort faktisch kaum verfolgt werden.

Die Serie erzählt von halbkriminellen Jugendbanden in einer sowjetischen Stadt in der Spätphase der UdSSR. Die Schüler teilen sich in zwei Gruppen: die „Jungs“ (Pazany) und die „Luschen“ (Chuschpany). Auch in meiner Heimatstadt in der Ukraine gab es in den 1990er-Jahren ähnliche Einteilungen, wenn auch unter anderen Bezeichnungen. Die Serie wurde so populär, weil sie viele Männer an ihre eigene Jugend erinnerte – an die Erfahrungen, die sie gemacht haben, und an die Härten, die ihren Charakter prägten. Viele dieser „Jungs“ gründeten in den 1990er-Jahren Banden, plünderten ehemalige sowjetische Betriebe oder neu entstandene Unternehmen. Es kam zu zahlreichen Schießereien zwischen rivalisierenden Gruppen, und einige der Überlebenden wurden später Oligarchen oder Politiker.

Je ne loch

Die Jugend von Selenskyj und seinem Umfeld fiel genau in diese Zeit. Im Grunde gehört er zu jener Generation, die die Begriffe und Codes dieser Epoche verinnerlicht hat – auch wenn er selbst nicht mehr an der großen Aufteilung des sowjetischen Erbes beteiligt war. Manche Handlungen seines Umfelds erscheinen verständlicher, wenn man die Ethik dieser Banden kennt.

Ein „Junge“ (Pazan) muss sein Wort halten, wenn er es einem anderen „Jungen“ gegeben hat. Doch ein Versprechen gegenüber einer „Lusche“ (Chuschan – der Präsident selbst benutzte einmal das Wort „Loch“, im Sinne von Verlierer oder Opfer) gilt als wertlos. Berühmt wurde der Wortwechsel zwischen Selenskyj und einem Soldaten im Donbass – noch vor der großangelegten Invasion –, in dem er sagte: „Ich bin kein Looser“ („ja ne loch“). Dieser Satz wurde später zu einem populären Meme.

Die häufigen Versprechungen des Präsidenten, die objektiv kaum zu erfüllen sind, werden aus dieser Perspektive als Ausdruck einer Haltung interpretiert, in der die eigene Bevölkerung von manchen Politikern als „Looser“ betrachtet wird. So kann man die Abschaffung der Nebenkosten (Strom, Wasser etc.) für Bürger über 80 versprechen, Millionen Griwna für Familien gefallener Soldaten, den Sieg im Krieg inklusive milliardenschwerer Reparationen oder einen baldigen EU-Beitritt. Aus diesem Milieu stammen auch zynische Sprichwörter wie: „Ohne Looser ist das Leben schlecht“ oder „Der Looser ist kein Mammut – er stirbt nicht aus.“ Gemeint ist: Für einen „Jungen“ gibt es nichts Wichtigeres, als einen „Looser“ zu übervorteilen und ihm Geld abzunehmen.

In der Serie gibt es eine Szene, in der ein „Junge“ auf einen Mitschüler zugeht, den er für eine „Lusche“ hält, und fragt: „Hast du Geld? Nein? Und wenn ich welches finde?“ Danach wird der Schüler kopfüber gehalten und geschüttelt, bis das Kleingeld aus seinen Taschen fällt. Wenn er lügt, gibt es zusätzlich Schläge. Am nächsten Tag muss er sein Essensgeld erneut abgeben.

Trump bewundert den Geschäftsmann Selenskyj

Diese Szene erinnert mich an ukrainische Delegationen bei internationalen Treffen, bei denen man immer wieder Forderungen nach finanzieller Unterstützung hört. Trump war in den 1990er-Jahren geschäftlich in Russland und der Ukraine tätig und sponserte sogar einen damals populären Film. Einige meiner Lehrer arbeiteten im Filmteam. Er erkannte sofort die dort übliche Art zu sprechen und Geschäfte zu machen. Deshalb äußerte er sich bewundernd über Selenskyj als Geschäftsmann, dem es gelungen sei, von Biden Milliarden für den Krieg zu erhalten. Wenn ich sehe, wie europäische Politiker erneut Geldtransfers und Kredite bewilligen, frage ich mich unweigerlich, wer in dieser Logik die „Jungs“ und wer die „Luschen“ sind.

Zum Thema Kredite: In der ukrainischen politischen Tradition gilt es nicht als selbstverständlich, Schulden zurückzuzahlen. Anders als in „Game of Thrones“ – „A Lannister always pays his debts“ – scheint hier oft das Gegenteil zu gelten. Schulden werden entweder beglichen, um neue, noch größere Kredite zu erhalten, oder nur teilweise und unter intransparenten Bedingungen. Ukrainische Politiker haben wiederholt Kredite aus Russland oder China aufgenommen und Wege gefunden, die Rückzahlung hinauszuzögern oder zu umgehen. Man denke etwa an den chinesischen Kredit zur Zeit von Präsident Janukowitsch oder an den Verkauf des Werks „Motor Sich“.

In den 1990er-Jahren war es populär, sogenannte „Krisenmanager“ einzusetzen – ein Prinzip, das auch heute noch Anwendung findet. Wenn ein Geschäftsmann ein Werk oder andere Vermögenswerte günstig erwerben will, sorgt er mithilfe korrupter Netzwerke dafür, dass ein Vertrauter in die Unternehmensleitung berufen wird. Dieser beginnt mit „Reformen“: Er nimmt Kredite auf, treibt Betriebsteile in den Bankrott und baut Personal ab. Um Proteste von Gewerkschaften und Belegschaft zu verhindern, wird ein äußerer Feind oder ein anderer ablenkender Konflikt konstruiert.

Wen sehen die Jungs als Luschen?

Auf staatlicher Ebene kann ein Premierminister oder Präsident Sozialleistungen kürzen, ganze Branchen schwächen und Militärausgaben erhöhen – unter dem Vorwand, sich gegen einen äußeren Feind verteidigen zu müssen. Sollte das manche Beobachter an andere Regierungen erinnern, so hoffe ich, dass es sich lediglich um einen Zufall handelt.

Am Ende sinkt der Wert des Unternehmens nahezu auf null – und der Geschäftsmann tritt als Retter auf, indem er es billig übernimmt. Auf diese Weise wurden zahlreiche Betriebe verkauft. So steht etwa der ehemalige Bürgermeister von Odessa wegen eines Betrugsfalles im Zusammenhang mit dem Werk „Krajan“ vor Gericht. Die Fabrik war einst ein bedeutender Betrieb, der mit dem Schweizer Konzern Liebherr konkurrierte und später mit ihm kooperierte. Nach dem beschriebenen Schema wurde das bankrotte Werk von einer privaten Firma günstig aufgekauft und anschließend mit einem Aufschlag von mehr als dem Zehnfachen an die Stadt weiterverkauft. Als die Ermittlungen begannen, einigten sich die Verdächtigen auf einen Vergleich und verpflichteten sich, einen Teil der Summe zurückzuzahlen.

Abschließend schlage ich vor, die laufenden Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den USA zu betrachten – und sich zu fragen, mit wem die „Jungs“ tatsächlich verhandeln, wen sie als „Luschen“ ansehen, wem sie Frieden und Investitionen versprechen und wen sie nicht einmal an den Tisch eingeladen haben.

Maksim Korsun

Maksim Korsun ist Ukrainer und wohnt jetzt in Brandenburg. Früher hat er in der Ukraine, Russland und Moldawien gewohnt. Als der Krieg in seiner Heimat begann, meldete er sich freiwillig für die Lebensmittelversorgung. Er kam 2024 nach Deutschland.
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13 Kommentare

    1. Sind Sie auch Ukrainer, dass Sie vorgeben, es besser zu wissen?
      Was ist denn falsch an dieser Darstellung? Was sehen oder besser noch: Was wissen Sie besser? Also wirkliches Wissen, aus eigenem Erleben, nicht Annahmen und Vermutungen, nicht der Widerspruch, weil einem die Darstellungen nicht passen oder dem eigenen Weltbild widersprechen! Also richtiges Wissen, nicht Besserwisserei!
      Oder wissen Sie es besser, weil Sie aus dem Westen kommen? Denn die aus dem Westen wissen immer besser, wie es ist bzw wie es sein müsste.

      1. Die „aus dem Westen“ sind meist derart erfolgreich Gehirngewaschen, das sie es erst begreifen, wenn sie mit der Fresse im Dreck liegen…

  1. „In der Serie gibt es eine Szene, in der ein „Junge“ auf einen Mitschüler zugeht, den er für eine „Lusche“ hält, und fragt: „Hast du Geld? Nein? Und wenn ich welches finde?“ Danach wird der Schüler kopfüber gehalten und geschüttelt, bis das Kleingeld aus seinen Taschen fällt. Wenn er lügt, gibt es zusätzlich Schläge. Am nächsten Tag muss er sein Essensgeld erneut abgeben“

    Haargenau die selbe Szene spielte sich an „meiner“ Schule in einer norddeutschen Großstadt Mitte der 70er Jahre ab.
    Und das nicht nur einmal.
    .

  2. Ich weiss ich bin ein Korinthenkacker, aber es heisst „Loser“.

    Die erwähnte Szene mit Selensky war lange vor 2023 und dieser TV-Serie (wobei es natürlich gut möglich ist, dass die Dichotomie Jungs/Lusche schon vorher bekannt war). Die „Jungs“ der USA, der Bandera-Saalschutz, wiesen die „Lusche“ Selensky danach auf die realen Machtverhältnisse hin.

    Solange er tut was die Faschisten von ihm verlangen ist er seither als „Junge“ akzeptiert und darf die „Luschen“, die ihn gewählt haben um Frieden zu schaffen, bekanntlich oft gewaltsam entführen (Bussifizierung) und en masse an der Front verheizen. Er wird dabei von europäischen „Luschen“ flankiert, welche die ukrainischen „Jungs“ regelrecht anhimmlern.

  3. Tja, wer die „Jungs“ sind, dürfte klar sein: Putin und Trump, der rechtzeitig begriffen hat, wie das „Spiel“ geht. Die „Loser“ sind auch klar. Nur Selensky will nicht dazu gehören. Er strampelt noch, kann das Ergebnis aber nicht ändern. Und die EU versteht gar nichts und ist damit automatisch der „Superloser“…

  4. In der Ukraine werden unsere Werte verteidigt, versteht das endlich und meldet euch für die Litauentruppe, oder wollt ihr als Schwächlinge gelten? Der HDI ist im Steilflug abwärts, frohe Zukunft.

  5. „Für einen „Jungen“ gibt es nichts Wichtigeres, als einen „Looser“ zu übervorteilen und ihm Geld abzunehmen.

    In der ukrainischen politischen Tradition gilt es nicht als selbstverständlich, Schulden zurückzuzahlen.“

    Diese „Traditionen“ sind nicht auf die Ukraine/Russland, resp. Post-Sowjetunion zu begrenzen. Jenseits der Weichsel ist es Ausdruck von Rafinesse, jemanden zu übervorteilen. Wenn man das weiß, kann man überleben.
    Interessant beschreibt Distojewski zahlreich, die moralische Rechtfertigung nicht nur der Täter, sondern auch das Verständnis der Opfer, dass ein Betrug, Raub, gar Mord, unvermeidlich war und der Täter eigentlich ein bedauernswerter Mensch sei.

    Das macht Russland/Ukraine so interessant für den Westen. Er is sich nur der Gefahr nicht bewusst und zahlt immmer noch Lehrgeld. Aber das ist ja nur das Geld der Steuerzahler.

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