
Die digitale Revolution hat den Zugang zu Informationen demokratisiert. Zugleich könnte sie eine Voraussetzung politischer Öffentlichkeit beschädigen, die lange für selbstverständlich gehalten wurde: dass eine Gesellschaft bei allem Streit wenigstens noch darüber übereinkommt, was geschehen ist.
Der amerikanische National Intelligence Council warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung.
Vom Streit über die Wirklichkeit zum Streit um die Wirklichkeit
Eine Gesellschaft muss sich nicht darüber einig sein, ob eine Regierung gute Politik macht, ein Krieg gerechtfertigt ist oder eine wirtschaftspolitische Entscheidung richtig war. Solcher Streit gehört zur Politik. Er setzt jedoch etwas voraus, das leicht übersehen wird: Die Streitenden müssen wenigstens eine hinreichend große gemeinsame Tatsachenbasis besitzen. Sie können dasselbe Ereignis unterschiedlich bewerten. Schwieriger wird es, wenn sie sich schon darüber nicht mehr verständigen können, ob dieses Ereignis überhaupt stattgefunden hat, wer daran beteiligt war oder ob die Bilder davon echt sind.
Genau diese Verschiebung beschäftigte bereits 2017 den National Intelligence Council (NIC), das strategische Analyseorgan der amerikanischen Intelligence Community. In seinem Bericht Global Trends: Paradox of Progress findet sich eine bemerkenswerte Diagnose. Die Informationsumwelt fragmentiere die Öffentlichkeit in „countless perceived realities“ – zahllose wahrgenommene Wirklichkeiten. Dadurch gingen gemeinsame Vorstellungen von Weltereignissen verloren, die zuvor politische und internationale Verständigung erleichtert hätten. Der Bericht stellte diesen Vorgang schon damals in den Zusammenhang einer „post-truth“ oder „post-factual politics“.
Das Problem besteht nicht einfach darin, dass im Internet Unwahrheiten verbreitet werden. Lügen, Propaganda und Gerüchte sind so alt wie die Politik. Neu ist die Struktur, in der Informationen erzeugt, ausgewählt und verbreitet werden.
Die klassische massenmediale Öffentlichkeit hatte erhebliche Schwächen. Wenige Zeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsender besaßen große Macht darüber, was überhaupt zum öffentlichen Thema wurde. Dennoch entstand dadurch etwas, dessen Bedeutung erst jetzt richtig sichtbar wird: Millionen Menschen sahen dieselben Bilder und kannten dieselben Nachrichten. Sie mochten vollkommen verschiedener Meinung darüber sein, was daraus folgte. Aber ihr Streit bezog sich häufig auf denselben Gegenstand.
Die digitale Öffentlichkeit beseitigt diese Knappheit. Jeder kann publizieren, jeder kann kommentieren, jede politische Gruppe kann ihre eigene Gegenöffentlichkeit schaffen. Das ist zunächst ein Gewinn an Freiheit. Es bedeutet aber zugleich, dass die gemeinsame Informationsgrundlage schmaler werden kann.
Der NIC hat diesen Gedanken in Global Trends 2040: A More Contested World von 2021 weitergeführt. Das entsprechende Kapitel trägt die Überschrift „Information Environment: Connecting, Confusing, and Dividing“. Soziale Medien erleichterten es Menschen, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden. In solchen Räumen zirkulierten bevorzugt Informationen, die vorhandene Weltbilder bestätigten. Andere Perspektiven würden weniger wahrgenommen. Als Folge erwartet der NIC eine Verfestigung konkurrierender Sichtweisen und geringere Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Kompromiss.
Entscheidend ist, dass dabei nicht nur verschiedene Meinungen entstehen. Allmählich können verschiedene Informationsbestände entstehen.
Zwei Menschen verfolgen dasselbe politische Ereignis. Der eine bekommt bestimmte Ausschnitte, Zeugenaussagen und Kommentare zu sehen. Der andere sieht andere Bilder, hört andere Experten und erfährt von Vorgängen, von denen der Erste niemals etwas hört. Nach einigen Monaten oder Jahren besitzen beide Hunderte vermeintlicher Belege für ihre jeweilige Sicht der Welt. Der Andersdenkende erscheint dann nicht mehr als jemand, der dieselben Tatsachen anders bewertet. Er muss entweder schlecht informiert, verblendet oder böswillig sein.
Aus politischem Dissens wird epistemischer Dissens.
Die neue Macht liegt in der Auswahl
Damit verändert sich auch die Frage nach der Macht über Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahrhundert lautete sie vor allem: Wer darf veröffentlichen? Wer besitzt Zeitung, Sender oder Verlag?
Heute kommt eine andere Frage hinzu: Wer entscheidet, was gesehen wird?
Der NIC misst dieser Veränderung große Bedeutung bei. Algorithmen müssen aus einer praktisch unbegrenzten Menge von Informationen auswählen. Damit gewinnen nicht nur diejenigen Macht, die Inhalte produzieren, sondern auch diejenigen, die darüber bestimmen, wem diese Inhalte angezeigt werden. Der Bericht von 2021 formuliert es ausgesprochen deutlich: Macht werde zunehmend sowohl von den Erzeugern von Inhalten als auch von den Instanzen ausgeübt, die entscheiden, wer sie zu sehen bekommt.
Das ist eine andere Form von Informationsmacht als die klassische Zensur. Ein Beitrag muss nicht verboten werden, um wirkungslos zu bleiben. Es kann genügen, dass er kaum verbreitet wird. Umgekehrt kann ein Inhalt, der früher ein Randphänomen geblieben wäre, durch algorithmische Verstärkung innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen erreichen.
Die Freiheit, etwas sagen zu dürfen, beantwortet deshalb noch nicht die Frage, welche Rolle eine Aussage in der digitalen Öffentlichkeit spielt.
Wahrheit wird zur Gruppenfrage
Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus. Menschen suchen in einer unübersichtlichen Welt Orientierung bei Personen und Gruppen, denen sie vertrauen. Das ist zunächst selbstverständlich. Doch politische, kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit kann damit zum Filter für die Beurteilung von Tatsachen werden.
Global Trends 2040 spricht von einem „siloed information environment“, einer in abgeschlossene Bereiche aufgeteilten Informationsumwelt. Sie treffe auf eine wachsende Bedeutung von Gruppenidentitäten. Beides zusammen könne gesellschaftliche Bruchlinien vertiefen und die politische Instabilität erhöhen. Der NIC beschreibt eine „cacophony of competing visions, goals, and beliefs“.
Dann bedeutet „Ich halte X für wahr“ irgendwann auch: Menschen wie wir halten X für wahr.
Eine Korrektur wird unter solchen Bedingungen schwieriger. Wer eine Überzeugung aufgibt, ändert möglicherweise nicht nur seine Meinung, sondern entfernt sich von seiner Gruppe. Der Bericht von 2017 verwies bereits auf Untersuchungen, nach denen Informationen, die bestehenden Überzeugungen widersprechen, keineswegs zwangsläufig zur Korrektur führen. Sie können vielmehr die Auffassung verstärken, die Quelle selbst sei parteiisch oder feindlich.
Hier liegt ein Grund dafür, weshalb die schlichte Forderung nach mehr Information das Problem nicht löst.
Wir verfügen heute über mehr Informationen als jede Generation vor uns. Aber mehr Information bedeutet nicht mehr gemeinsame Information.
Künstliche Intelligenz verschärft das Problem
Seit den NIC-Berichten von 2017 und 2021 ist eine weitere Entwicklung hinzugekommen. Generative KI senkt die Kosten für die Herstellung überzeugender Texte, Stimmen, Bilder und Videos dramatisch. Der Bericht von 2021 sah bereits voraus, dass Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen das öffentliche Vertrauen weiter schwächen könnten, weil es schwieriger werde, zwischen Realität, Gerücht und Manipulation zu unterscheiden.
Inzwischen zeigt sich eine zusätzliche Gefahr. Wenn täuschend echte Fälschungen möglich sind, wächst nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Falsches für wahr halten. Auch Wahres kann leichter als Fälschung zurückgewiesen werden.
Das verändert die Beweislast öffentlicher Kommunikation. Ein kompromittierender Mitschnitt, ein Foto oder eine Tonaufnahme besaßen früher einen erheblichen Evidenzwert. In einer Welt synthetischer Medien kann der Betroffene erklären, das Material sei künstlich erzeugt worden. Selbst wenn dies nicht stimmt, ist Zweifel gesät.
Die Krise besteht dann nicht mehr darin, dass Menschen einer falschen Information glauben. Sie reicht tiefer: Es wird schwieriger, sich auf die Verfahren zu einigen, mit denen Wahrheit überhaupt festgestellt werden soll.
Wer entscheidet, was wahr ist?
Die scheinbar naheliegende Antwort erzeugt ein neues Problem. Wenn die Öffentlichkeit Wahrheit und Fälschung nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann, könnten Institutionen diese Aufgabe übernehmen. Plattformen kennzeichnen Inhalte, Faktenchecker überprüfen Aussagen, Medien verifizieren Bilder, staatliche Stellen bekämpfen Desinformation.
Doch diese Lösung setzt voraus, dass den prüfenden Institutionen vertraut wird. Genau dieses Vertrauen sieht der NIC schwinden. Global Trends 2040 beschreibt große Bevölkerungsgruppen als unsicher hinsichtlich ihrer Zukunft und misstrauisch gegenüber Regierungen und Institutionen, die sie für ineffektiv oder interessengeleitet halten.
Damit entsteht ein schwer aufzulösender Kreislauf. Misstrauen begünstigt alternative Informationsräume. Dort verstärkt sich das Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen. Versuchen diese Institutionen anschließend, verbindlich zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, kann gerade dieser Eingriff als weiterer Beweis ihrer Parteilichkeit verstanden werden.
Das Problem lässt sich deshalb nicht einfach durch eine zentrale Wahrheitsinstanz lösen. Der Bericht von 2017 warnt sogar vor der Versuchung, die entstehende Unordnung autoritär beherrschen zu wollen. Eine solche Durchsetzung von Ordnung würde im Inneren letztlich Demokratie durch Autoritarismus oder Instabilität ersetzen.
Hier liegt die politische Brisanz der Entwicklung. Demokratie braucht keine einheitliche Meinung. Sie braucht auch keine widerspruchsfreie Gesellschaft. Aber sie benötigt vermutlich etwas, das der digitalen Moderne abhandenzukommen droht: eine hinreichend große gemeinsame Welt, über die gestritten werden kann.
Wenn diese Grundlage verschwindet, verändert sich die Natur des politischen Konflikts. Dann streiten Bürger nicht mehr darüber, was aus einem Ereignis folgt. Sie streiten darüber, welches Ereignis stattgefunden hat. Aus unterschiedlichen Deutungen derselben Wirklichkeit werden konkurrierende Wirklichkeiten.
Der National Intelligence Council gab dem gesellschaftlichen Kapitel seines Berichts von 2021 eine bemerkenswert knappe Überschrift: „Disillusioned, Informed, and Divided“ – desillusioniert, informiert und gespalten.
Vielleicht liegt gerade darin das Paradox der digitalen Öffentlichkeit. Ihr Problem könnte am Ende nicht sein, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass jeder etwas anderes weiß.
Quellen
National Intelligence Council (Hrsg.): Global Trends: Paradox of Progress. Washington, D. C., Januar 2017.
National Intelligence Council (Hrsg.): Global Trends 2040: A More Contested World. Washington, D. C., März 2021.
Office of the Director of National Intelligence / National Intelligence Council: Global Trends 2040, insbesondere „Emerging Dynamics – Societal Dynamics“.




Handelt es sich hier denn wirklich um Information und nicht eigentlich um Erzählungen? Wenn jemand auf x etwas von sich gibt, dann ist die einzige Information, dass er etwas gesagt hat, aber der Inhalt ist eine Erzählung, unabhängig vom Wahrheitsgehalt.
Das ist doch ein wesentlicher Unterschied, der im Artikel nicht berücksichtigt wird. Einer Information unterstelle ich einen Wahrheitsgehalt, einer Erzählung (oder neudeutsch Narrativ) keineswegs.
Information ist zunächst einfach eine Mitteilung. Deren Inhalt muss nicht wahr sein, um als Information zu gelten. Eine Erzählung ist auch eine Information.
Also wenn der amerikanische National Intelligence Council seit Jahren vor dieser Entwicklung warnt, kann diese nicht wirklich schlecht sein…
Am geilsten sind die Putinisten die uns verklickern wollen das Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine in Wahrheit US-Interessen vertritt, also Putin in Wirklichkeit ein Agent der CIA ist.
Die tauchen hier auch immer wieder auf.
Ein Agent der CIA ist Putin nicht, aber ein Agent des neoliberalen Kapitalismus schon. Allerdings nicht in der US-amerikanischen Version, was ihn zum Feind der Transatlantiker macht.
Clemens Varro: „Vielleicht liegt gerade darin das Paradox der digitalen Öffentlichkeit. Ihr Problem könnte am Ende nicht sein, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass jeder etwas anderes weiß.“
Dieses Problem dürfte sich entschärfen durch das leibhaftige Zusammenkommen von BürgerInnen in geloste Versammlungen um gemeinsam Politik im Sinne des Gemeinwohls zu machen. Das bedarf einer Verfassungsreform, die „allen politische Machtgleichheit“ ermöglicht und politische Parteien überflüssig werden läßt. Letzere sind mit verantwortlich für gesellschaftliche Spaltungen, die sie , systemisch bedingt, benötigen zum eigenen Machterhalt.
Schauen sie doch mal hier rein: https://losdemokratie.info/