Wenn die gemeinsame Wirklichkeit zerfällt

Tastatur, Social Media
Today Testing (For derivative), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die digitale Revolution hat den Zugang zu Informationen demokratisiert. Zugleich könnte sie eine Voraussetzung politischer Öffentlichkeit beschädigen, die lange für selbstverständlich gehalten wurde: dass eine Gesellschaft bei allem Streit wenigstens noch darüber übereinkommt, was geschehen ist.

Der amerikanische National Intelligence Council warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung.

Vom Streit über die Wirklichkeit zum Streit um die Wirklichkeit

Eine Gesellschaft muss sich nicht darüber einig sein, ob eine Regierung gute Politik macht, ein Krieg gerechtfertigt ist oder eine wirtschaftspolitische Entscheidung richtig war. Solcher Streit gehört zur Politik. Er setzt jedoch etwas voraus, das leicht übersehen wird: Die Streitenden müssen wenigstens eine hinreichend große gemeinsame Tatsachenbasis besitzen. Sie können dasselbe Ereignis unterschiedlich bewerten. Schwieriger wird es, wenn sie sich schon darüber nicht mehr verständigen können, ob dieses Ereignis überhaupt stattgefunden hat, wer daran beteiligt war oder ob die Bilder davon echt sind.

Genau diese Verschiebung beschäftigte bereits 2017 den National Intelligence Council (NIC), das strategische Analyseorgan der amerikanischen Intelligence Community. In seinem Bericht Global Trends: Paradox of Progress findet sich eine bemerkenswerte Diagnose. Die Informationsumwelt fragmentiere die Öffentlichkeit in „countless perceived realities“ – zahllose wahrgenommene Wirklichkeiten. Dadurch gingen gemeinsame Vorstellungen von Weltereignissen verloren, die zuvor politische und internationale Verständigung erleichtert hätten. Der Bericht stellte diesen Vorgang schon damals in den Zusammenhang einer „post-truth“ oder „post-factual politics“.

Das Problem besteht nicht einfach darin, dass im Internet Unwahrheiten verbreitet werden. Lügen, Propaganda und Gerüchte sind so alt wie die Politik. Neu ist die Struktur, in der Informationen erzeugt, ausgewählt und verbreitet werden.

Die klassische massenmediale Öffentlichkeit hatte erhebliche Schwächen. Wenige Zeitungen, Rundfunkanstalten und Fernsehsender besaßen große Macht darüber, was überhaupt zum öffentlichen Thema wurde. Dennoch entstand dadurch etwas, dessen Bedeutung erst jetzt richtig sichtbar wird: Millionen Menschen sahen dieselben Bilder und kannten dieselben Nachrichten. Sie mochten vollkommen verschiedener Meinung darüber sein, was daraus folgte. Aber ihr Streit bezog sich häufig auf denselben Gegenstand.

Die digitale Öffentlichkeit beseitigt diese Knappheit. Jeder kann publizieren, jeder kann kommentieren, jede politische Gruppe kann ihre eigene Gegenöffentlichkeit schaffen. Das ist zunächst ein Gewinn an Freiheit. Es bedeutet aber zugleich, dass die gemeinsame Informationsgrundlage schmaler werden kann.

Der NIC hat diesen Gedanken in Global Trends 2040: A More Contested World von 2021 weitergeführt. Das entsprechende Kapitel trägt die Überschrift „Information Environment: Connecting, Confusing, and Dividing“. Soziale Medien erleichterten es Menschen, sich mit Gleichgesinnten zusammenzufinden. In solchen Räumen zirkulierten bevorzugt Informationen, die vorhandene Weltbilder bestätigten. Andere Perspektiven würden weniger wahrgenommen. Als Folge erwartet der NIC eine Verfestigung konkurrierender Sichtweisen und geringere Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Kompromiss.

Entscheidend ist, dass dabei nicht nur verschiedene Meinungen entstehen. Allmählich können verschiedene Informationsbestände entstehen.

Zwei Menschen verfolgen dasselbe politische Ereignis. Der eine bekommt bestimmte Ausschnitte, Zeugenaussagen und Kommentare zu sehen. Der andere sieht andere Bilder, hört andere Experten und erfährt von Vorgängen, von denen der Erste niemals etwas hört. Nach einigen Monaten oder Jahren besitzen beide Hunderte vermeintlicher Belege für ihre jeweilige Sicht der Welt. Der Andersdenkende erscheint dann nicht mehr als jemand, der dieselben Tatsachen anders bewertet. Er muss entweder schlecht informiert, verblendet oder böswillig sein.

Aus politischem Dissens wird epistemischer Dissens.

Die neue Macht liegt in der Auswahl

Damit verändert sich auch die Frage nach der Macht über Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahrhundert lautete sie vor allem: Wer darf veröffentlichen? Wer besitzt Zeitung, Sender oder Verlag?

Heute kommt eine andere Frage hinzu: Wer entscheidet, was gesehen wird?

Der NIC misst dieser Veränderung große Bedeutung bei. Algorithmen müssen aus einer praktisch unbegrenzten Menge von Informationen auswählen. Damit gewinnen nicht nur diejenigen Macht, die Inhalte produzieren, sondern auch diejenigen, die darüber bestimmen, wem diese Inhalte angezeigt werden. Der Bericht von 2021 formuliert es ausgesprochen deutlich: Macht werde zunehmend sowohl von den Erzeugern von Inhalten als auch von den Instanzen ausgeübt, die entscheiden, wer sie zu sehen bekommt.

Das ist eine andere Form von Informationsmacht als die klassische Zensur. Ein Beitrag muss nicht verboten werden, um wirkungslos zu bleiben. Es kann genügen, dass er kaum verbreitet wird. Umgekehrt kann ein Inhalt, der früher ein Randphänomen geblieben wäre, durch algorithmische Verstärkung innerhalb weniger Stunden Millionen Menschen erreichen.

Die Freiheit, etwas sagen zu dürfen, beantwortet deshalb noch nicht die Frage, welche Rolle eine Aussage in der digitalen Öffentlichkeit spielt.

Wahrheit wird zur Gruppenfrage

Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus. Menschen suchen in einer unübersichtlichen Welt Orientierung bei Personen und Gruppen, denen sie vertrauen. Das ist zunächst selbstverständlich. Doch politische, kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit kann damit zum Filter für die Beurteilung von Tatsachen werden.

Global Trends 2040 spricht von einem „siloed information environment“, einer in abgeschlossene Bereiche aufgeteilten Informationsumwelt. Sie treffe auf eine wachsende Bedeutung von Gruppenidentitäten. Beides zusammen könne gesellschaftliche Bruchlinien vertiefen und die politische Instabilität erhöhen. Der NIC beschreibt eine „cacophony of competing visions, goals, and beliefs“.

Dann bedeutet „Ich halte X für wahr“ irgendwann auch: Menschen wie wir halten X für wahr.

Eine Korrektur wird unter solchen Bedingungen schwieriger. Wer eine Überzeugung aufgibt, ändert möglicherweise nicht nur seine Meinung, sondern entfernt sich von seiner Gruppe. Der Bericht von 2017 verwies bereits auf Untersuchungen, nach denen Informationen, die bestehenden Überzeugungen widersprechen, keineswegs zwangsläufig zur Korrektur führen. Sie können vielmehr die Auffassung verstärken, die Quelle selbst sei parteiisch oder feindlich.

Hier liegt ein Grund dafür, weshalb die schlichte Forderung nach mehr Information das Problem nicht löst.

Wir verfügen heute über mehr Informationen als jede Generation vor uns. Aber mehr Information bedeutet nicht mehr gemeinsame Information.

Künstliche Intelligenz verschärft das Problem

Seit den NIC-Berichten von 2017 und 2021 ist eine weitere Entwicklung hinzugekommen. Generative KI senkt die Kosten für die Herstellung überzeugender Texte, Stimmen, Bilder und Videos dramatisch. Der Bericht von 2021 sah bereits voraus, dass Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen das öffentliche Vertrauen weiter schwächen könnten, weil es schwieriger werde, zwischen Realität, Gerücht und Manipulation zu unterscheiden.

Inzwischen zeigt sich eine zusätzliche Gefahr. Wenn täuschend echte Fälschungen möglich sind, wächst nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Falsches für wahr halten. Auch Wahres kann leichter als Fälschung zurückgewiesen werden.

Das verändert die Beweislast öffentlicher Kommunikation. Ein kompromittierender Mitschnitt, ein Foto oder eine Tonaufnahme besaßen früher einen erheblichen Evidenzwert. In einer Welt synthetischer Medien kann der Betroffene erklären, das Material sei künstlich erzeugt worden. Selbst wenn dies nicht stimmt, ist Zweifel gesät.

Die Krise besteht dann nicht mehr darin, dass Menschen einer falschen Information glauben. Sie reicht tiefer: Es wird schwieriger, sich auf die Verfahren zu einigen, mit denen Wahrheit überhaupt festgestellt werden soll.

Wer entscheidet, was wahr ist?

Die scheinbar naheliegende Antwort erzeugt ein neues Problem. Wenn die Öffentlichkeit Wahrheit und Fälschung nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann, könnten Institutionen diese Aufgabe übernehmen. Plattformen kennzeichnen Inhalte, Faktenchecker überprüfen Aussagen, Medien verifizieren Bilder, staatliche Stellen bekämpfen Desinformation.

Doch diese Lösung setzt voraus, dass den prüfenden Institutionen vertraut wird. Genau dieses Vertrauen sieht der NIC schwinden. Global Trends 2040 beschreibt große Bevölkerungsgruppen als unsicher hinsichtlich ihrer Zukunft und misstrauisch gegenüber Regierungen und Institutionen, die sie für ineffektiv oder interessengeleitet halten.

Damit entsteht ein schwer aufzulösender Kreislauf. Misstrauen begünstigt alternative Informationsräume. Dort verstärkt sich das Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen. Versuchen diese Institutionen anschließend, verbindlich zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, kann gerade dieser Eingriff als weiterer Beweis ihrer Parteilichkeit verstanden werden.

Das Problem lässt sich deshalb nicht einfach durch eine zentrale Wahrheitsinstanz lösen. Der Bericht von 2017 warnt sogar vor der Versuchung, die entstehende Unordnung autoritär beherrschen zu wollen. Eine solche Durchsetzung von Ordnung würde im Inneren letztlich Demokratie durch Autoritarismus oder Instabilität ersetzen.

Hier liegt die politische Brisanz der Entwicklung. Demokratie braucht keine einheitliche Meinung. Sie braucht auch keine widerspruchsfreie Gesellschaft. Aber sie benötigt vermutlich etwas, das der digitalen Moderne abhandenzukommen droht: eine hinreichend große gemeinsame Welt, über die gestritten werden kann.

Wenn diese Grundlage verschwindet, verändert sich die Natur des politischen Konflikts. Dann streiten Bürger nicht mehr darüber, was aus einem Ereignis folgt. Sie streiten darüber, welches Ereignis stattgefunden hat. Aus unterschiedlichen Deutungen derselben Wirklichkeit werden konkurrierende Wirklichkeiten.

Der National Intelligence Council gab dem gesellschaftlichen Kapitel seines Berichts von 2021 eine bemerkenswert knappe Überschrift: „Disillusioned, Informed, and Divided“ – desillusioniert, informiert und gespalten.

Vielleicht liegt gerade darin das Paradox der digitalen Öffentlichkeit. Ihr Problem könnte am Ende nicht sein, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass jeder etwas anderes weiß.

Quellen

National Intelligence Council (Hrsg.): Global Trends: Paradox of Progress. Washington, D. C., Januar 2017.

National Intelligence Council (Hrsg.): Global Trends 2040: A More Contested World. Washington, D. C., März 2021.

Office of the Director of National Intelligence / National Intelligence Council: Global Trends 2040, insbesondere „Emerging Dynamics – Societal Dynamics“.

Clemens Varro

Clemens Varro lebt in Rom und schreibt dort für La Repubblica. Gelegentlich veröffentlicht er unter Pseudonym bei anderen Medien.
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44 Kommentare

  1. Handelt es sich hier denn wirklich um Information und nicht eigentlich um Erzählungen? Wenn jemand auf x etwas von sich gibt, dann ist die einzige Information, dass er etwas gesagt hat, aber der Inhalt ist eine Erzählung, unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

    Das ist doch ein wesentlicher Unterschied, der im Artikel nicht berücksichtigt wird. Einer Information unterstelle ich einen Wahrheitsgehalt, einer Erzählung (oder neudeutsch Narrativ) keineswegs.

    1. Information ist zunächst einfach eine Mitteilung. Deren Inhalt muss nicht wahr sein, um als Information zu gelten. Eine Erzählung ist auch eine Information.

  2. Das kommt aber eben nicht wegen de Internets, sondern, weil wir seit dem 2.Weltkrieg konsequent immer nur angelogen wurden.
    Die gesamte westliche Erzählung, auch hinsichtlich weiter zurückreichende geschichtliche Ereignisse wie Mutter Theresa, 9/11, Tonkin, Massenvernichtungswaffen von Hussein, Herrhausen, die Klimalüge, Corona, sind ja schon fast alle anzuzweifeln, und vieles davon hat mit dem Internet so gar nichts am Hut

  3. Also wenn der amerikanische National Intelligence Council seit Jahren vor dieser Entwicklung warnt, kann diese nicht wirklich schlecht sein…

  4. Am geilsten sind die Putinisten die uns verklickern wollen das Putin mit seinem Überfall auf die Ukraine in Wahrheit US-Interessen vertritt, also Putin in Wirklichkeit ein Agent der CIA ist.

    Die tauchen hier auch immer wieder auf.

    1. Ein Agent der CIA ist Putin nicht, aber ein Agent des neoliberalen Kapitalismus schon. Allerdings nicht in der US-amerikanischen Version, was ihn zum Feind der Transatlantiker macht.

        1. Ja, das war aber eine „Information“ vom CIA – muss also nicht wahr sein. Informationen müssen keinen Wahrheitsgehalt haben, das ist einfach nur Geschwätz (oder auch Propaganda).

          1. Aber dein Sermon ist natürlich die absolute Wahrheit.
            Putin als „Neoliberalisten“ zu bezeichnen ist schon eine echte Leugnung der wahren Verhältnisse,
            Schließlich sind die Russen, zusammen mit den Chinesen, mit die einzigen Länder, die tatsächlich etwas für ihr Volk tun, während sich der Lebensstandart so wie mittlerweile auch das Durchschnittsalter der westlicher Zivilisationen ständig am abnehmen ist.

  5. Clemens Varro: „Vielleicht liegt gerade darin das Paradox der digitalen Öffentlichkeit. Ihr Problem könnte am Ende nicht sein, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass jeder etwas anderes weiß.“

    Dieses Problem dürfte sich entschärfen durch das leibhaftige Zusammenkommen von BürgerInnen in geloste Versammlungen um gemeinsam Politik im Sinne des Gemeinwohls zu machen. Das bedarf einer Verfassungsreform, die „allen politische Machtgleichheit“ ermöglicht und politische Parteien überflüssig werden läßt. Letzere sind mit verantwortlich für gesellschaftliche Spaltungen, die sie , systemisch bedingt, benötigen zum eigenen Machterhalt.
    Schauen sie doch mal hier rein: https://losdemokratie.info/

    1. Das ist auch nur eine Aristokratie. Die Aristokratie der Loser. Die Aristokratie der Erwählten- Die Aristokratie der Wahlmänner. Die Aristokratie der Parteien. Die Aristokratie des Zentralkomitees. Eine Gruppe Auserwählte bestimmt. Der Modus der Auswahl spielt keine Rolle. Gemeinwohl und Auserwählte sind ein Gegensatz.
      Was alle angeht, muss von allen entscheiden werden. Das ist die res publica.

    2. Also wenn ich mir das vorgeschlagene Vorgehen auf der genannten Webseite so ansehe, kommen mir doch massive Zweifel, ob dies der Weg sein soll. Nach der Zufallsauswahl kommt dann die Phase „Expertenwissen“. Aber wer entscheidet, wer da Experte ist. Wenn ich mir vorstelle, die Experten heißen Drosten, Lauterbach oder Rahmstorf, Schellnhuber, dann kann ich mir schon vorstellen, was bei einer Debatte um Corona oder Klima so herauskommt. Dazu stellt sich die Frage, wer moderiert? Wenn die Profis von der Amadeu Antonio Stiftung die Moderation übernehmen, dann ist ebenso alles klar. Dann das Prinzip: „Entschieden wird, was den geringsten Widerspruch findet“. Wer entscheidet, was der geringste Widerspruch ist? Also unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen kann ich in diesen Gremien nur einen Hort der Demagogie und Manipulation vorstellen. Das Konzept ist lieb blauäugig. Die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse der antikalen Polis sind Geschichte.

  6. Der NIC macht sich Sorgen: „Sie können dasselbe Ereignis unterschiedlich bewerten. Schwieriger wird es, wenn sie sich schon darüber nicht mehr verständigen können, ob dieses Ereignis überhaupt stattgefunden hat, wer daran beteiligt war oder ob die Bilder davon echt sind.“

    Ja aber dies genau wurde uns doch als die eigentliche Macht der US-Amerikaner und ihrer Geheimdienste dargestellt. Sie schaffen doch eine (künstliche) Wirklichkeit und während wir uns noch mit dieser zuerst geschaffenen Wirklichkeit herumplagen, schaffen sie bereits eine neue Wirklichkeit. Was soll die gespielte Verzweiflung?

  7. Es ist schon ein Drama. Man muss nicht mehr alles glauben, was heimische Zeitungen, Radio und Fernsehen einem Vorsetzen. Man kann tatsächlich auch die Verlautbarungen „gegnerischer“ Regierungen und kritischer Medien zu Rate ziehen. Und Medien von RT bis Presstv-ir verbieten bringt auch nichts.

    Sehr unangenehm sowas. Immerhin, die Mehrheit ist noch nicht soweit…

  8. „Vielleicht liegt gerade darin das Paradox der digitalen Öffentlichkeit. Ihr Problem könnte am Ende nicht sein, dass wir zu wenig wissen. Sondern dass jeder etwas anderes weiß.“
    ist doch sowieso schon so: bild-zeitungsleser.innen wissen (und meinen) etwas anderes als die leser.innen der faz, taz und waz. und im tv so ähnlich: weltsicht entspricht dem lieblingsprogramm. böhmi vs report, sport vs kultur, krimi vs doku, usw. die sicht auf die realität und das daraus resultierende weltbild ist eine frage des inputs. objektivität ist illusion. und nicht nur in der digitalen öffentlichkeit. sondern ganz konkret auch im supermarkt und bei der interaktion mit anderen teilnehmern an öffentlichkeit. nein, solipsismus meint etwas anderes. oder doch nicht?

  9. Ich denke nicht, dass das ein neues Problem ist. Menschen haben schon immer in ihren eigenen Wirklichkeiten gelebt und diese innerhalb der Gruppe, in der sie leben, untereinander abgeglichen.
    In einer Zeit, in der es keine Fotografien, Videos oder TV gab….war wahr, was man mit den eigenen Augen gesehen hat. Den Rest konnte man glauben, oder nicht.
    Das ist heute wieder so, da man den Bildmedien nicht trauen kann.
    Bleibt also nur der Glaube, daran, dass die Informationsquellen, die man nutzt, seriös sind.
    Da der größte Teil unserer Weltbilder auf Lügen beruht, ist der denkende Mensch ohnehin die meiste Zeit damit beschäftigt, herauszufinden, also wissenschaftlich zu eruieren, was an dem Rahmen, in dem man denken darf, richtig ist …
    Im Internetzeitalter von einer Demokratisierung der Information zu sprechen, diskreditiert denjenigen, der so etwas behauptet …
    es bleibt das Fazit, dass auch dieser Artikel nur verunsichern möchte …
    da hätte er auch gleich Uschi zitieren können: „Vertrauen Sie nur den offiziellen Stellen … blablabla.“

    1. „In einer Zeit, in der es keine Fotografien, Videos oder TV gab….war wahr, was man mit den eigenen Augen gesehen hat. Den Rest konnte man glauben, oder nicht.“

      In diesen Zeiten wurden Hexen verbrannt.

    2. nein – der Rahmen des Denkens ist familiär-gesellschaftlich abgesteckt,
      der auch alle notwendgen Illusionen enthält um sich zu verstecken.
      Den Rahmen zu verlassen ist möglich wenn man sich in die Wüste
      zu leben gewöhnt hat. Da ist man nämlich allein.

  10. Eine „gemeinsame Wirklichkeit“ gab es m.E. zu keiner Zeit
    zwischen den verschiedenen politischen Lagern.

    Neu ist, dass mit dem Internet und den zahlreichen politischen Blogs und Magazinen, über
    die Ereignisse sehr viel vielschichtiger, kleinteiliger und aus verschiedenen Richtungen berichtet wird.
    Davor war es einfacher möglich, ein unerwünschtes Ereignis „unter Verschluß“ zu halten, so
    daß das dann gar nicht an die Öffentlichkeit kam.
    Als Ausweg blieb danach nur, alle Informationen, die nicht dem staatlichern Narrativ entsprachen, als „Verschwörungstheorien“ abzustempeln, ohne daß dabei irgendetwas widerlegt werden musste.

    Man erlebt es dennoch immer noch, dass manches rundweg bestritten wird.
    Z.B. sagen viele, in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine habe es gar keine Referenden gegeben.
    Das trotz der Tatsache, dass bundesdeutsche Journalisten, die zu der Zeit dort hingefahren waren, von unserer Justitz vorgehalten bekamen, sie hätten dort als Beobachter der Referenden fungiert und so den „russischen Angriffskrieg“ unterstützt.

    Jedes Lager sucht sich aus den Wirklichkeits-Ereignissen einfach diejenigen aus, die den eigenen Standpunkt stützen. Alles andere wird abgestritten Konfrontiert man die Leute mit dem Teil der Wirklichkeit, den sie leugnen, dann kommen keine Gegenargumente, dann kommen Angriffe „ad personam“. Als ich einem Kollegen gegenüber einfach nur die Ereignisse auflistete, die in der Ukraine zum Krieg führten, angefangen mit der westlichen Unterstützung des Maidan-Putsches und der militärsichen Angriffe der Nach-Putsch Regieungen in Kiew gegen die Putsch-Gegner im Donbass, bis zur westlichen Sabotage der Friedensverhandlungen in Istanbul im Frühjahr 2022, dann wurde darauf in keiner Weise eingegange, stattdessen kam der Vporwurf: „Es ist für mich schwer auszuhalten, dass Du auf der Seite des Agressors stehst“.
    Die richtige Moral hierzulande scheint es zu verlangen, dass man es untestützt, Hunderttausende ukrainische Soldaten zum Sterben in die Schützengräben zu schicken. Frieden durch Gebietsabtretungen zur Rettung von Menschenlebenscheint vollkommen unmoralisch zu sein.

    Der angepaßte clevere Bürger wusste früher, wie heute in Zeiten des Internets, dass es die sicherste und bequemste Art ist, sich nur von Regieungsseite und aus regierungstreuen Medien zu informieren UND SICH DEREN INTERPRETATIONEN UND MEINUNGEN ZU EIGEN ZU MACHEN. Und die öffentlichen Medien trichtern den Leuten tagtäglich ein, was die richtigen, die „erlaubten“ Meinungen sind. Damit eckt man nirgends an. Und wenn das System dann eines Tages zusammenbricht, dann kann man immer noch behaupten, man sei ja sooo entsetzlich getäuscht worden.

    Nichts gelernt aus der Geschichte, aber auch gar nichts.

    1. Das setzt aber voraus, daß die Regierung die Wahrheit kennt. Glaubst Du, daß das immer der Fall ist? Mein Eindruck ist oft, daß die nur das wissen, was ihnen ihre Chefs gesagt haben und sie zu ihrer Amtsführung brauchen.

  11. Die Wirklichkeit des subalternen Dienstvolkes ist und bleibt stets dieselbe. Es ist die Wirklichkeit in Schulen, Fabriken, Gewerbebetrieben, Werkstätten, Sweatshops, Arbeitskolonnen, Büros, Supermärkten, Märkten, auf den Straßen, in Bahnen und Bussen.
    Das ist allerdings nur teilweise die Wirklichkeit der höheren Stände und der Funktionseliten und um die ist es dem NIC zu tun!
    https://archive.dni.gov/files/documents/nic/GT-Full-Report.pdf

    Wie es dem NIC darum zu tun ist – und mit welchen Zielen und Zwecken – darüber weiß „Clemens Varro“ mit Gewißheit weit mehr und anderes, als er in diesem arg naiv erscheinenden Text thematisieren will, aber ich bin umgekehrt nicht so dummdreist, von ihm zu verlangen, mehr davon erkennen zu lassen und damit seine Repro zu riskieren.
    Will aber meinen thematischen Kommentar unter dem Titel Es gibt kein „falsches Bewußtsein“! bewerben, mit dem ich ziemlich zufrieden bin, damit der nicht augenblicklich untergeht. Zumal der einfacher zu begreifen ist – denke ich – als der NIC-Report.

    1. Es ist ein grober Fehler gewesen, hier die Behörden nicht zu erwähnen.

      Verblüffend am Kommentariat:
      Der Artikel läßt ja immerhin erkennen, worum es gehen soll:

      Das Problem lässt sich deshalb nicht einfach durch eine zentrale Wahrheitsinstanz lösen. Der Bericht von 2017 warnt sogar vor der Versuchung, die entstehende Unordnung autoritär beherrschen zu wollen. Eine solche Durchsetzung von Ordnung würde im Inneren letztlich Demokratie durch Autoritarismus oder Instabilität ersetzen.

      Da warnt eine US – Behörde(!), informationelle Dienstleistungen ließen sich nicht verlustfrei durch amtliche oder halbamtliche Verlautbarungen ersetzen.
      Wenn man dann noch weiß, offizieller, genereller Gegenstand des NIC, nachzulesen auch in den zahlreichen Vorwörtern des verlinkten Berichtes, ist die angemaßte, die ideelle Weltherrschaft der „westlichen“ und bes. amerikanischen Herrschaftskultur, dann ist das Konvolut des kleinen, fast nebensächlichen Berichtsausschnittes, an dem Varro merkwürdigerweise sein breites, neoakademisches Thema aufhängt, eine schauerliche Banalität.

      Was daran allerdings etwas weniger banal ist, ist zugleich „old news“, etwa 30 Jahre alt:
      Das NIC empfielt, die amerikanisch / transatlantische / globale Netzwerkarbeit thematischer Funktionseliten auszuweiten. Die Rede ist von all den „Alumnis“ und „Young Leaders“, die von den einschlägig dafür vorgesehenen Instituten für „Global Governance“ begeistert, vorbereitet, und mit ständischen Zertifikaten auf Karriereschienen gesetzt werden. In Deutschland zum Beispiel die gesamte Führungsriege der „Grünen“ mitsamt ihres vorgesehenen Nachwuchses, und natürlich auch die Führungsetagen der oligopolisierten westlichen Verlage. Und diese Leute, bzw. der vorbereitete Nachwuchs, soll nach Möglichkeit auch in Asien und Afrika „auf die Schiene gesetzt“ werden.

  12. Ein guter Untertan schaut abends die Tagesschau. Dann weiss er, was er ab heute zu glauben hat. Wichtig ist es, am Ball zu bleiben. Denn wir haben schliesslich schon immer Krieg gegen Ozeanien geführt. Das muss man ab heute wissen.

  13. Um sich dem im Artikel beschriebenen Problem zu nähern, bzw. es zu lösen, muss sich vorab einer Annahme entledigt werden: Es wird nie leichter, valide Informationen, ungefilterte Wirklichkeiten oder Orientierung zu finden, zu verteidigen oder zu vermitteln. Alles und jeder, der, die oder das verspricht, etwas würde substantiell leichter oder funktioniere schneller, unterliegt einem Irrtum oder schlimmerem.

    Früher lagen nahezu alle Informationen in Bibliotheken und Archiven, es gab und gibt eigentlich wenig Geheimwissen oder Herrschaftswissen, über fast alles wurde in Büchern geschrieben. Um brauchbare Informationen zu finden und einzuordnen, und anschließend etwas kondensieren, das vertrauenswürdig weiter gegeben werden konnte, war handwerkliches Denken und Geduld notwendig. Die wenigsten wurden mit dieser Kulturtechnik ausgestattet und werden es weiterhin nicht.

    Natürlich widerspricht das dem infantilen Bedürfnis des instant fulfillment, welches das Internet vorheuchelt, bei dem sich niemand mehr auch nur physisch bewegen muss. Es ist eine Illusion, Erkenntnis ohne diese Techniken gewinnen zu können: Aber sie steht ja da, sie liegt doch auf meiner Hand.

    Menschen suchen in einer unübersichtlichen Welt Orientierung bei Personen und Gruppen, denen sie vertrauen.

    Das ist dann der nächste Fehler. Bei der Vermittlung der Techniken zu Recherche und Analyse ist folgendes eine Grundregel: „Vertraue nichts und niemandem, nicht den Lexika oder dir selbst, überprüfe alles, von den Quellen bis zum eigenen Verständnis der Begriffe“. Wenn im Artikel mangelndes Vertrauen genannt wird, ist das eigentlich nichts neues, „Vertrauen“ wird hier irgendwie mit „Naivität“ gleichgesetzt. Aber Vertrauen ist etwas, das erarbeitet werden muss, immer wieder, auch Vertrauen in das eigene Denken, und das ist nicht „leicht und schnell“ zu haben.

    Aber sie benötigt vermutlich etwas, das der digitalen Moderne abhandenzukommen droht: eine hinreichend große gemeinsame Welt, über die gestritten werden kann.

    Nein. Das ist der gleiche Irrtum wie vor dem Internet. Es kann und darf nicht Ziel sein, einen vorausgesetzten oder abschließenden Konsens zu finden, denn genau das verhindert, die notwendige Systemfrage, die Herrschaft selbst infrage zu stellen. Stattdessen wird, wie der Artikel richtig sagt, das fabriziert:

    Aus unterschiedlichen Deutungen derselben Wirklichkeit werden konkurrierende Wirklichkeiten.

    Wir starren uns unüberzeugbar an, statt auf jene zu schauen, für die diese Unvereinbarkeit ein gewünschter Konsens ist. Fehlendes Vertrauen ist noch kein Misstrauen. Und das ist das eigentlich neue, dass inzwischen mehr Energie in wachsendes Misstrauen investiert wird (bspw. durch Derailing, Whataboutism) als in den Versuch, jemanden zu überzeugen.

    1. @ El-G:
      Ich stimme Dir zu, daß oft mehr der von Dir beschriebenen Einstellung hilfreich wäre, aber die Vollständigkeit der Anwendung, die Du forderst („Vertraue nichts, … überprüfe alles …“) scheint mir zu viel verlangt. Wenn es eine gute Idee sein soll, alles infrage zu stellen, dann natürlich auch die Sinnhaftigkeit dieser Idee, zumal sie uns schnurstracks in’s Münchhausen-Trilemma führt. Dann bleiben uns als Gewissheiten nur noch Tautologien. Die sind aber bloß noch „leere“ Beispiele [1] für die Anwendung logischer Schlussregeln. Wenn wir Letztere konsequenterweise auch noch hinterfragen, stehen wir vor dem Problem, daß ein Nachweis ihrer Gültigkeit, wenn er denn gelingen soll, eben gemäß dieser Regeln erfolgen müsste, und damit wird das Ganze zirkulär.
      Was ich damit sagen will ist: irgendwann ist mal Schluß mit dem aktiven Bezweifeln. Das ist aber denke ich solange kein Problem, als man sich genau das bewusst macht und seine (vermeintliche) Erkenntnis als vorläufig (i.e. bis zum besseren Nachweis etwas anderem) erachtet, bzw. die Prämissen seiner Folgerungen anführt.
      Ferner schreibst Du, es könne und dürfe nicht Ziel sein, einen vorausgesetzten oder abschließenden Konsens zu finden, … Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dich richtig verstehe: daß eine Voraussetzung gemeinsamen Handels ein wenn auch nur vorläufiger Konsens insbesondere über gemeinsame Interessen ist, scheint mir offensichtlich – ein Kollektiv von Emeriten kann es wohl nicht geben.

      Viele Grüße
      Pirx

      [1] wobei es da durchaus nichttriviale gibt, z.B. die Trinkerformel: https://en.wikipedia.org/wiki/Drinker_paradox

  14. Die einzige Wirklichkeit und Wahrheit ist der Fußball. Und Deutschland ist dabei wieder einmal sang und klanglos ausgeschieden.
    Aber wo ist die Demokratie von der der Autor spricht?

  15. Schräg, das „National Intelligence Council“ warnt davor? Aber das ist doch „by design“?

    We’re an empire now, and when we act, we create our own reality. And while you’re studying that reality — judiciously, as you will — we’ll act again, creating other new realities, which you can study too, and that’s how things will sort out. We’re history’s actors . . . and you, all of you, will be left to just study what we do.

    Karl Rove

    Und Rove war auch nur ein Schüler von Bernays et al.

    Unrecht haben sie ja nicht, Suchmaschinen sind längst zu Indoktrinationsmaschinen mutiert.

  16. Der heutige Jurnalismus hat das Wahrheitsproblem auf seine Art gelöst:

    Man schreibt nicht mehr, was gewesen sein könnte, sondern man schreibt, was darüber verlautbart wurde.

    Politiker-Rede, deren Worte, sind Tatsachen.

    WAS der Politiker sagt, und ob das was der sagt auch nur halbwegs realistisch ist, das spielt dann einfach keine Rolle. Gesagt wurde schließlich das Gesagte, meist sogar noch mit Ab- und Unterschrift verbürgt. Also: Wahrheitspflicht erfüllt für den Berichterstatter.

    Und dann sieht das für den gemeinen Leser oder Hörer so aus, wie wenn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit aus dem Äther strömt …

    1. Viele Leute dürften mental Einwände gegen diesen Kommentar erheben, aber da Ratzefatz sich wieder große Mühe gibt, möglichst viele „Vögel von den Bäumen zu schießen“ – falls diese Allegorie erlaubt sein sollte – und ich grad auf etwas warten muß, versuche ich die Kadaver mal zu sortieren.

      Politiker-Rede, deren Worte, sind Tatsachen.

      Ja, was denn sonst, bitte. Was Ratzefatz „eigentlich meinen“ will: Politikerworte würden zum Gesetz erhoben. Ist das falsch? Gewiß nicht, es ist nur unpräzise und überallgemein, aber vor allem: Diese Metamorphose ist eine Leistung der Rezipienten von Politikerworten und deren Multiplikatoren! Niemand anderes kann das tun, keine Polizei und keine Gerichte! Auch nicht die Inquisition der EU (Baud, Doğru), die kann nur über exemplarisch gewählte Zielpersonen das moderne Äquivalent von Festungshaft und/oder Verbannung verhängen.

      WAS der Politiker sagt, und ob das was der sagt auch nur halbwegs realistisch ist, das spielt dann einfach keine Rolle.

      Diese Aussage, man kann es schlecht anders aussprechen, stammt aus einem sehr privaten Paralleluniversum. Die Frage zu ventilieren, ob irgend welche An- und Aussagen bestallter Modelle oder Aspiranten der Macht „realistisch“ oder „unrealistisch“ sind, ist die buchstäblich optimale Form unterwürfigen Umgangs mit ihnen, denn das zu tun, zählt zu den Aufgaben der Legionen von Zuarbeitern der Amtsinhaber, die genau dafür bezahlt werden! Ob und inwieweit die Amtsinhaber an „Realismus“ überhaupt interessiert sind, ist eine andere, neue Frage! Ein Hauptinhalt untertäniger Berichterstattung über den Russlandkrieg, beispielsweise, besteht darin, die Rechtfertigungen der Amtsträger zu multiplizieren und zu bewerben, daß sie an „Realismus“ eben nicht interessiert sind und sich folglich jeder, der ihnen darin nicht folgt, einer ideellen Verdammnis und einem realen Bann aus der politischen Klasse und ihrem Umkreis (akademisch, journalistisch, kulturpolitisch) ausgesetzt werden wird. Das ist das Versprechen solcher Nach-Richten.

      Und schließlich:

      Man schreibt nicht mehr, was gewesen sein könnte, sondern man schreibt, was darüber verlautbart wurde.

      Das ist der fetteste Vogel, wie viele Leser bemerkt haben werden. Kein Mensch kann „schreiben, was gewesen ist“ und hypothetisches Gewese gehört ins Reich der Theologie und des Spiritismus. Allem Anschein nach hat „sich“ irgend etwas in Ratzefatz Geist gesträubt, zu formulieren: „… was geschehen ist“. Und das hätte zwar das spiritistische Reich umgangen, aber nur in völlig banalen Einzelfällen das Reich des Hypothetischen, wie jeder weiß, der mal einen halbwegs anständig geschriebenen Krimi konsumiert hat.

      Und das hat Ratzefatz gewißlich. Folglich kann man mit Fug vermuten, was Ratzefatz geleitet hat, ist das paradoxe Ideal, das George Orwell in seinem berüchtigten Roman aufgefaltet hat: Das Konzept eines säkularen Vatikans, noch wirksamer, noch umfassender, als das „Wahrheitsministerium“ eines Typen namens Goebbels, das es in der Tat unternommen hat, zu sagen und schreiben zu lassen, „was gewesen ist“. Gefunzt hat das nicht, aber wirksam war es sehr wohl …

    2. @ ratzefatz:
      Das ist doch nichts Schlechtes!?
      Wenn berichtet wird, die Herrschaften ließen verlauten: „Scheiß auf’s Völkerrecht,
      scheiß auf die Leute, wir kartätschen eine 2 Millionen Stadt in Grund und Boden,
      weil das ist nämlich unsere westewertlich regelbasierte Art zu leben“ oder was
      auch immer, dann kann sich jeder seinen Teil dazu denken!

  17. In der Tat, es ist ein nicht lösbares Problem.
    Und ganz gewiss bringen uns noch mehr Informationen NICHT einer Lösung näher.

    Vielleicht könnte man sagen, dass der technische Fortschritt und hier insbesondere die Digitalisierung dieses Problem vergrößert und verschärft hat.

    Wer weiß – vielleicht kommt man irgendwann noch einmal zu der Erkenntnis, dass der Manipulationsgrad in der vormodernen Zeit – etwa um 1600 oder 1700 – im Grunde sogar geringer war als heute?!
    Die Menschen orientierten sich damals an dem, was sie tatsächlich selbst erlebt hatten oder von glaubwürdigen Bekannten und Freunden erzählt bekommen hatten. Ob ein König die Steuern erhöhte oder ständig Kriege führte, das konnte jeder selbst merken. Da konnte ihnen niemand ein X für ein U vormachen.

    Heute sind wir belastet, gestresst und verwirrt von einer Unmenge von Informationen, die für uns oft eigentlich unwichtig sind und deren Wahrheitsgehalt überdies schwer nachprüfbar ist. Ein Analphabet hätte hier weniger Stress, doch will ich das keineswegs als Lösung empfehlen.

    Was wir lernen müssen, teils wieder lernen müssen, das ist das Abschalten angesichts der Erkenntnis, dass uns doch bloß ein schmuddeliger und erstickender Informationsdunst umgibt.

    Trauen wir unseren eigenen Sinnen und dem, was uns glaubwürdige Freunde berichtet. Und ob in China oder sonst wo ein Sack Reis umfällt oder nicht, das kann einem gewöhnlichen Mitmenschen doch heute herzlich egal sein.

    1. Also im „1600 oder 1700 – im Grunde sogar geringer war als heute?!“
      Da war die Hexenverbrennung auf ihrem Höhepunkt. Nur weil „alle“ den gleichen Mist glauben heißt das nicht das die Sache wahr ist. Schwachsinn war nur schlechter erkennbar als heute.
      Unten schreibe ich was über den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität. In der alltags Sprache machen wir uns das nicht bewusst. Es ist aber schon in der Sprache angelegt, weil man das schon früher als unlösbares Problem erkannt hat.

  18. Mein Kommentar zu Ratzefatz bemerkenswertem Kommentar fand keine Gnade. Gereinigte Version:

    Politiker-Rede, deren Worte, sind Tatsachen.

    Ja, was denn sonst? Was Ratzefatz wohl meinen will: Politikerworte würden zum Gesetz erhoben. Ist das falsch? Gewiß nicht, es ist überallgemein, aber vor allem: Diese Metamorphose ist eine Leistung der Rezipienten von Politikerworten und deren Multiplikatoren! Niemand anderes kann das tun, keine Polizei und keine Gerichte! Auch nicht die Inquisition der EU (Baud, Doğru), die kann nur über exemplarisch gewählte Zielpersonen das moderne Äquivalent von Festungshaft und/oder Verbannung verhängen.

    WAS der Politiker sagt, und ob das was der sagt auch nur halbwegs realistisch ist, das spielt dann einfach keine Rolle.

    Diese Aussage, man kann es schlecht anders aussprechen, stammt aus einer Art Paralleluniversum. Die Frage zu ventilieren, ob irgend welche An- und Aussagen bestallter Modelle oder Aspiranten der Macht „realistisch“ oder „unrealistisch“ sind, ist die buchstäblich optimale Form unterwürfigen Umgangs mit ihnen, denn das zu tun, zählt zu den Aufgaben der Legionen von Zuarbeitern der Amtsinhaber, die genau dafür bezahlt werden! Ob und inwieweit die Amtsinhaber an „Realismus“ überhaupt interessiert sind, ist eine andere, neue Frage! Ein Hauptinhalt untertäniger Berichterstattung über den Russlandkrieg, beispielsweise, besteht darin, die Rechtfertigungen der Amtsträger zu multiplizieren und zu bewerben, daß sie an „Realismus“ eben nicht interessiert sind und sich folglich jeder, der ihnen darin nicht folgt, einer ideellen Verdammnis und einem realen Bann aus der politischen Klasse und ihrem Umkreis (akademisch, journalistisch, kulturpolitisch) ausgesetzt werden wird. Das ist das Versprechen solcher Nach-Richten.

    Und schließlich:

    Man schreibt nicht mehr, was gewesen sein könnte, sondern man schreibt, was darüber verlautbart wurde.

    Kein Mensch kann „schreiben, was gewesen ist“ und hypothetisches Gewese gehört ins Reich der Theologie und des Spiritismus. Allem Anschein nach hat „sich“ irgend etwas in Ratzefatz Geist gesträubt, zu formulieren: „… was geschehen ist“. Das hätte das spiritistische Reich umgangen, aber nur in völlig banalen Einzelfällen das Reich des Hypothetischen, wie jemand weiß, der mal einen halbwegs anständig geschriebenen Krimi konsumiert hat.

    Und das hat Ratzefatz gewißlich. Folglich kann man mit Fug vermuten, was Ratzefatz geleitet hat, ist das paradoxe Ideal, das George Orwell in seinem berüchtigten Roman aufgefaltet hat: Das Konzept eines säkularen Vatikans, noch wirksamer, noch umfassender, als das „Wahrheitsministerium“ eines Typen, dessen Namen wohl nicht genannt werden darf, der es in der Tat unternommen hat, zu sagen und schreiben zu lassen, „was gewesen ist“. Gefunzt hat das nicht, aber wirksam war es …

  19. Guter Artikel, ich kann vielem beipflichten. Ich beobachte diese Entwicklung seit dem 11. September 2001.

    Wie wird sich das alles entwickeln? Die Bildung dieses Multiversums kann ja nicht immer so weitergehen. Sie wird irgendwann abgebrochen werden müssen wie der Turmbau zu Babel.

    Ich denke schon, dass die (westliche) Gesellschaft irgendwann wieder zu einem Grundkonsens gelangt, wo’s lang geht. Leider – da bin ich eher pessismistisch – wird das erst durch eine katastrophale Erschütterung ausgelöst werden, die die Deutungshoheiten gründlich aufmischt.

  20. Im Gegensatz zur englischen Sprache können wir im deutschen über Wirklichkeit und Realität sprechen. Die Wirklichkeit ist das was tatsächlich wirkt und die Realität findet nur im Kopf jedes einzelnen statt. Die Realität ist nur ein Modell der Wirklichkeit des Gehirns und muss keine Verbindung zur Wirklichkeit haben. Das kann man bei bestimmten psychischen Krankheiten oder unter Dogeneinfluss sehen, aber das gilt für jeden von uns. Und zwar immer!
    Das Phänomen ist also nicht neu sonst wäre es ja nicht in unserer Sprache verankert. Was neu ist ist lediglich das wir es im Alltag bemerken können, weil die Medien so frakmentiert sind wie sie nun mal sind.

    1. Im Gegensatz zur englischen Sprache können wir im deutschen über Wirklichkeit und Realität sprechen.
      Die Wirklichkeit ist das was tatsächlich wirkt und die Realität findet nur im Kopf jedes einzelnen statt.

      Was genau den unschätzbaren Vorteil bietet, sich selbst argumentativ in der Wirklichkeit, den anderen aber in dessen subjektiver Realität („Paralleluniversum“) zu verorten!

      1. Nein, man kann nach Verbindungen zur Wirklichkeit suchen. Wer sich selbst in der Wirklichkeit glaubt versteht das Problem gar nicht. Man kann sich der Problematik zumindest bewusst werden. Ich gehe in meiner „Realität“ immer davon aus das es Machtmissbrauch und Betrugsversuche zu meinem Nachteil gibt, ob das wirklich so ist weiß ich nicht. Mir hilft es allerdings vermeintliche Fehlentscheidungen zu vermeiden, das zeigt sich aber erst viel später. Sich nicht „Impfen zu lassen“ hat sich als Vorteil erwiesen (glaube ich). Ein guter Freund von mir erhält sein gesamtes Weltbild von der Tagesschau und Böhmermann. Der ist 5 mal geimpft, hat auch keine erkennbaren Schäden und denkt nicht im Traum daran sich bei overton oder wirklich investigativen Medien zu informieren.
        Klassischer Fall von unterschiedlichen Realitäten, was Kommunikation über vieles ausschließt, zu Glück gibt es andere Gemeinsamkeiten.

  21. Aus dem realen Leben kann ich als angehender ’60‘ ziger schreiben :
    Das witziger Weise die Jugend auf uns zu kommt, um ihren Nihilistischen Dasein, auf eine reale Ebene zu hieven.
    Hier liegt ein Phänomen vor, da der alte ‚Gedanke‘ ,immer in der neuen Doktrin hinterher hängt..
    Das bedeutet für die jüngeren Generationen, das eine 50% Lösung vor ihnen steht.
    Die heutige praktizierte Moral und Ethik, stösst vor allem bei den Jungen auf unmissverständnnis, weil die politische Landschaft, ihnen keine klare Ansagen liefert.
    Die politische Landschaft praktiziert das Gegenteil von Aufklärung, obwohl, diese politische Landschaft, das gerne möchte.
    Das Problem heutzutage besteht in der Kommunikation. Dieses Problem versuchen die politischen Akteure, dann auf die KI umzuwelzen, das bedeutet, daß bezahlte Sitzfurzer durch Steuern, ihre Verantwortung auf die KI ablegen.
    Diese heutige Welt der Psychopathen, betreibt ihr irreales System, indem diese ihre pseudo aktiven NGOs aktivieren, die übrigens vom Steuerzahler finanziert werden, um politische Veränderungen zu erhalten…
    Die Simulation lebt von der simulierten Welt, weil die Simulanten ihre zu simulierten Menschen dahin befördern, wo diese sie gerne sehen möchten.
    Diese Welt steht vor sehr grossen Herausforderungen, es liegt an jedem Individuen, was diese daraus gestalten.

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