Warum die Luxusüberzeugungen der Eliten Kinder ruinieren

Troubled, Ron Henderson
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Manche Bücher können den Blickwinkel auf die Welt nachhaltig verändern. „Troubled“ von Rob Henderson ist so ein Buch. Es ist nicht nur in sich eine spannende Lektüre, die man kaum weglegen möchte, sondern regt auch auf vielen Ebenen dazu an, sich mit liebgewordenen Klischees auseinanderzusetzen.

„Troubled“ ist die Geschichte von Rob Henderson, der mit drei Jahren im amerikanischen Sozialsystem landet, weil sich seine drogenabhängige Mutter nicht mehr um ihn kümmern kann. Der von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht, schließlich von einer armen Familie adoptiert wird, die dann wieder zerbricht. Zeitweise erlebt er Stabilität, als seine Adoptivmutter in einer lesbischen Beziehung lebt, die dann aber wieder in die Brüche geht. Er stolpert durch das Schulsystem, schneidet im IQ-Test schlecht ab, versucht sich früh an Alkohol und anderem und findet dann letztlich in den gefängnisartigen Strukturen des US-Militärs die Chance, dem vorgezeichneten Pfad zu entkommen.

Das Bemerkenswerte an der Geschichte des Autors ist, dass aus ihm ein Elitestudent in Yale und nun ein weitbeachteter Soziologe wurde. Solche Memoiren verkaufen sich gut – vom Tellerwäscher zum Millionär: das sind Geschichten, die Menschen gerne lesen. Doch diese Geschichte ist weit mehr als ein Buch, das sich gut liest. Henderson schaut mit einer Klarheit auf die modernen Ansichten und gesellschaftlichen Strukturen der Eliten, die vielleicht nur dem möglich sind, der von außen kommt. Und selbst Opfer war dessen, was er „luxury beliefs“ (Luxusansichten) der Eliten nennt.

Wie J.D. Vance‘ Buch – nur anders

Auf den ersten Blick werden verblüffende Parallelen zu den Memoiren von Vizepräsident J.D. Vance sichtbar („Hillbilly Elegie“). Auch Vance kommt wie Henderson von ganz unten. Zum ersten Mal bekam er Cola in sein Babyfläschchen gefüllt, als er etwa acht Monate alt war. Er erfuhr etwas Stabilität bei seinen Großeltern als seine Mutter in die Drogensucht abrutschte. Auch er empfand das Militär als seine Rettung, auch er schaffte es nach Yale. Doch die beiden Bücher lesen sich völlig unterschiedlich. Während Vance mehr oder weniger die Stationen seines Lebens aufzählt (was durchaus auch eine spannende Lektüre ist), schreibt Henderson viel mehr davon, wie er sich in den Situationen fühlt. Man taucht ganz anders ein in sein Leben, erfährt auch viel darüber, was aus seinen Freunden wurde (wenig Erfreuliches). Das ist der eine große Unterschied.

Der andere liegt auf der Meta-Ebene. Während Vance Jurist, Private-Equity-Manager und Politiker wurde und es in seiner Geschichte letztlich um seine Erfolgsstory geht, erzählt Henderson nach seiner Kindheit und seinen inneren Kämpfen beim Militär, wie befremdlich die schöne neue Welt in Yale für ihn war. Wie er den woken Ansichten der Eliten naiv und ungläubig gegenüberstand und wie seine Denkprozesse einsetzten.

Um den Vergleich weiterzuführen, hier vielleicht zwei Geschichten aus den beiden Memoiren von Vance und Henderson, die den Unterschied gut verdeutlichen. Vance wird während seines Studiums von Investment-Gurus zu einem großen Abendessen eingeladen. Dort bekommt er zum ersten Mal in seinem Leben Mineral- statt Leitungswasser eingeschenkt. Er ist empört und beschwert sich beim Kellner, dass mit diesem Wasser etwas nicht stimme. Das neu gebrachte Pellegrino schmeckt aber genauso sprudelig und er stellt fest, dass Eliten offenbar eine Sorte von Wasser trinken, von der er noch nie etwas gehört hat. Henderson wiederum zieht wenig Vergleiche über Lebensstile. Er berichtet davon, wie Studenten empörte Protestmärsche organisierten, weil eine Professorin vor Halloween eine E-Mail verschickt hatte. Für ihn war in keiner Weise ersichtlich, wo das Problem darin lag zu fordern, die Universität solle nicht zentral Kostüme vorgeben oder verbieten, sondern es den Studenten selbst überlassen, was sie anziehen wollten. Er war wirklich baff, dass kreischende Studenten ihre Entlassung forderten und behaupteten, sie sei eine cis-heteronormative Rassistin und sie würden sich mit ihr am Campus nicht mehr „sicher fühlen“. Auch dass die E-Mail bei Studenten angeblich „Schmerzen verursacht“ habe, fand er erstaunlich. „Warum?“ und „Was für Schmerzen denn?“, waren seine naiven Fragen und es überraschte ihn noch mehr, dass man ihm nahelegte, solch perfide Fragen nicht zu stellen.

Eliten aus guten Familien machen den Armen klar, dass Familie überflüssig ist

Rob Henderson fragte weiter. Mitstudenten, sich selbst, die Literatur und er entwickelte daraus verschiedene interessante soziologische Thesen. Die bekannteste davon ist die Idee der „Luxury Beliefs“. Hier geht es um Ansichten, die Eliten wie ein Statussymbol vor sich hertragen. Ihre Forderungen klingen nett und sozial, betreffen sie selbst wenig und richten bei den armen Schichten gigantischen Schaden an, so seine These. Ziel sei es dabei vornehmlich, gut dazustehen.

Beispiele nennt er viele. Familie ist eines, das ihm sehr wichtig ist. Er sieht es als eine Katastrophe an, dass er ohne Vater und Mutter aufwachsen musste. Er konnte auch sehen, wie schwer es alleinerziehende Mütter (unter anderem seine eigene Adoptivmutter) hatten und wie verheerend sich das auf die Kinder in seiner Nachbarschaft ausgewirkt hat. In Yale kamen praktisch alle Studenten aus intakten Familien, in seinem Psychologiekurs gab es nur einen weiteren Studenten, der nicht mit beiden Elternteilen aufgewachsen war. Befragte man die Studierenden einzeln, so wollten sie selbst ihre Kinder auch gerne in einer monogamen Beziehung großziehen. Aber dann kam gleich hastig der Nachsatz, dass natürlich jede Form der Kindererziehung gleich gut, dass Monogamie eine überholte Struktur sei, dass das jeder selbstverständlich machen könne, wie er wolle und zum Schluss eine totale Absage an Cis-Heteronormativität als Unterdrückungsmechanismus (das bezeichnet den Umstand, dass man davon ausgeht, dass Mädchen sich weiblich und Jungen sich männlich fühlen und beide in der Regel heterosexuell sind. Das Gegenbeispiel wäre, dass man abwartet, als was sich die Kinder selbst identifizieren – Mädchen/Junge/egal und zu wem und wie vielen sie sich sexuell hingezogen fühlen. Ersteres wird als Unterdrückung, letzteres als Vorbild gesehen).

Henderson stellte also fest, dass fast alle Elite-Studenten den Luxus hatten, mit zwei Elternteilen aufzuwachsen, dass sie für sich selbst gerne ihre Kinder in einer stabilen Partnerschaft großziehen wollten, aber gleichzeitig propagierten, Ehe und Familie seien überholte Konzepte. Obwohl sie selbst eine Ehe anstrebten, verspotteten sie eine Eheschließung als „nur ein Stück Papier“ (er hat allerdings nie jemanden sagen hören, das Abschlusszertifikat von Yale sei nur ein Stück Papier). Henderson vertritt die These, es sei fatal, wenn all die zukünftigen Politiker, oberen Richter, Journalisten, Netflix-Produzenten und so weiter den Massen erklärten, es brauche gar keine stabilen Familien mehr. Überholt, sinnlos, lächerlich. Denn diese Meinungen verbreiten sich nach unten. Er stellt fest, dass es heute eine Frage der sozialen Schicht ist, ob ein Kind mit beiden Elternteilen aufwächst. Je weiter oben man anlangt, desto mehr Kinder haben Mama und Papa zu Hause. In der Unterschicht ist Alleinerziehen mittlerweile die Norm, eine stabile Familie die Ausnahme. Je weniger Stabilität Kinder aber erfahren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später kriminell, drogenabhängig, arbeitslos oder Schulabbrecher werden. Die Eliten wollen also den eigenen Kindern optimale Bedingungen bieten und den weniger Informierten weismachen, das brauche es alles gar nicht.

Kinder brauchen Stabilität

Rob Henderson nimmt seine Kindheit und seinen grauenvollen Mangel an verlässlichen Erwachsenen als Ausgangspunkt um festzustellen, dass Instabilität Kindern schadet (übrigens viel mehr als Armut – Kinder aus stabilen armen Familien haben nach seinen Daten keine so schlechten Aussichten). Er nennt es eine Luxus-Ansicht, wenn Menschen in und aus stabilen Verhältnissen traditionelle Familienbilder für obsolet erklären. Und er vermutet dahinter den Wunsch, sich als progressiv und damit als zugehörig zur Elite zu zeigen. Wie sehr das in der Realität Kindern schade, darüber würden die Leute wenig nachdenken.

Beispiele, wie die der Familie, nennt Rob Henderson in seinen Memoiren noch viele. Die Idee, die Polizei als üble Burschen darzustellen, sei eine weitere. Die Polizei schütze überwiegend arme Leute vor Kriminalität. Wer fordere, die Polizei abzuschaffen, vertrete eine Meinung, die toll und progressiv klinge, ihn selbst wenig koste und die Armen in voller Wucht treffe. Oder Einwanderung. Oder Transgesetzgebung.

Im Wesentlichen bleibt er aber bei seinem Thema. Was brauchen Kinder in schwierigen Verhältnissen am nötigsten. Nicht unbedingt Bildung (obwohl die natürlich keinesfalls schadet), sondern Eltern, die die Kraft und Zeit haben, sich zu kümmern. Er glaubt, dass mehr Bildung, mehr lesen, schreiben, rechnen für seine Schulfreunde nicht das Wichtigste gewesen wäre. Sondern Stabilität. Dass Menschen auch mit einfachen Jobs glücklich werden können, wenn sie das Gefühl haben, ihre Familien anständig zu versorgen, in guter Nachbarschaft zu leben, ein wertvoller Teil ihrer Umgebung zu sein. Dass Noten ziemlich egal sind, wenn man es mit Drogenmissbrauch, Vernachlässigung und Kriminalität zu tun hat. Und dass es einen Wechsel in der Politik braucht. Weg von dem akademischen Fokus hin zu einem klaren Blick darauf, dass Kinder in erster Linie Liebe brauchen und ein verlässliches Umfeld.

Frische Gedanken

Seine Geschichte, die des elternlosen Kindes, das es bis ganz oben an die Eliteuniversität geschafft hat, sieht er nicht als das große Vorbild an. Geschafft hat er es nach seiner Meinung, wenn er es ganz ohne gute Vorbilder in seiner Kindheit trotzdem hinbekommt, eine feste Partnerschaft einzugehen und seinen Kindern ein zugewandter und anwesender Vater zu sein.

Insgesamt ist das Buch auf mehreren Ebenen lesenswert: Die Geschichte der Kindheit geht ans Herz, sein Kultur-Clash in Yale ist teilweise lustig, auf jeden Fall aber erhellend, seine Reflexionen sind spannend. Man hat Rob Henderson bedeutet, er brauche sich nicht um eine Professur zu bemühen. Mit seinen den Eliten gegenüber so kritischen Ansichten habe er da keine Chancen. Er solle seinen brillanten Geist doch auf etwas weniger Kontroverses richten, wenn er eine akademische Karriere anstrebe. Jetzt lebt er als unabhängiger Soziologe, der forscht, denkt und schreibt, was ihm wichtig erscheint. Er finanziert sich über seinen Substack und natürlich auch über seine Memoiren.

Daher enthält das Buch etwas, das man nicht so oft zu lesen bekommt: Frische Gedanken. Jenseits von irgendwelchen Lagern. Unbedingte Leseempfehlung. Bislang gibt es das Buch allerdings nur auf Englisch.

Anne Burger

Anne Burger ist Hochschullehrerin für Mathematik und Logik. Sie lebt mit Mann und Kindern in Süddeutschland.
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9 Kommentare

  1. Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass allgemein das Gefühl dafür schwindet (oder längst weg ist), was man beurteilen kann und was nicht.
    Meiner Erfahrung nach ist (und bleibt!) niemand so dumm wie der, dem man pausenlos erzählt hat, wie schlau er doch ist.
    Dass Eliten auch in dieser Hinsicht fortlaufend Zucker in den Arsch geblasen kriegen, dürfte auf der Hand liegen.
    Aber „so hoch“ muss man nicht mal gehen: Schon bei der (höchst feierlichen) Abiturzeugnisvergabe meiner Tochter musste ich entsetzt feststellen, dass den Abiturienten etwa drei Stunden lang gepredigt wurde, wie überirdisch schlau sie nun wären und wie sehr ein begehrter Teil der Elite. Das ist Jahre her, und schon damals brachten diese Abiturienten nur sehr kurze Sätze fehlerfrei zuwege (die der Lehrer durften nicht viel länger sein).

    1. „Das Hauptproblem scheint mir zu sein, dass allgemein das Gefühl dafür schwindet (oder längst weg ist), was man beurteilen kann und was nicht.“

      Ich behaupte, dass es auf jedem Intelligenz-Niveau den Dunning-Kruger-Effekt gibt, nicht nur bei den dümmsten.
      Öfters auch hier zu beobachten.

        1. Nein, das meine ich nicht. Während der Dunning-Kruger-Effekt eigentlich ein kognitives Phänomen beschreibt, bei dem Menschen mit geringer Kompetenz dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen, weil ihnen das nötige Wissen fehlt, um ihre eigenen Fehler zu erkennen, bin ich der Meinung, dass dies eben auch bei intelligenten Menschen der Fall sein kann. Das steht im Gegensatz zu der Lehrmeinung, dass es bei intelligenten Menschen nur einen „umgekehrten“ Dunning-Kruger-Effekt gibt d.h. die eigene Fähigkeit wird unterschätzt. Gerade Kommentarbereiche bestätigen aber durchaus auch meine Theorie.

    2. Die langen Sätze unserer Politiker belegen die Intelligenz? Und warum hatten deutsche Spitzenwissenschaftler eine Lese-und Rechtschreibschwäche? Hätten das ABI niemals bestanden. Das Reden von langen Sätzen ist kein Merkmal von Klugheit und Phantasie. Nur Phantasie bringt die Menschheit weiter, langes Geschwafel nicht.

  2. OT, da es anderer Stelle nicht geht :
    Warum lässt man zur Bekanntmachung des Todes Von Herrn Bülow keine Kommentare zu ?
    Aus Angst vor pietätlosen Kommentaren ? Die wird man eh nicht verhindern können.
    Aber es gibt sicher einige, die seinen Einsatz und seine Arbeit zu schätzen wussten. Und bei „langer, schwerer Krankheit“ gehe ich von irgendeiner Form von Krebs aus. Das mag zwar jetzt pure Spekulation sein, aber es würde mich nicht wundern, wenn Herr Bülow zu jenen Menschen gehört hätte, die das Leben in den letzten Jahren und in dieser Gesellschaft langfristig innerlich einfach kaputtgemacht haben. Ähnlich, wie es wahrscheinlich bei Frau Bruder-Bezzel der Fall war (es gab vor kurzem einen Artikel bei manova darüber). Und ich weiß, was gerade die letzten Jahre an seelischen Verwüstungen bei mir hinterlassen haben…
    Schade um diesen Menschen.

    1. es würde mich nicht wundern, wenn Herr Bülow zu jenen Menschen gehört hätte, die das Leben in den letzten Jahren und in dieser Gesellschaft langfristig innerlich einfach kaputtgemacht haben.

      „… hat“. Sonst sagen Sie genau das Gegenteil von dem, was Sie sagen wollten.

      Und ich weiß, was gerade die letzten Jahre an seelischen Verwüstungen bei mir hinterlassen haben…

      Ja, bei mir auch. Und in meinem Umfeld.

      Schade um diesen Menschen.

      Das Irre ist, dass die Leute gar nicht mehr erst sterben müssen, damit es schade um sie ist. Zerstört sind sie vorher schon. Und dieser Schrecken ohne Ende … sagen wir, ich bin sehr froh, dass wir nicht unsterblich sind.

    2. „Warum lässt man zur Bekanntmachung des Todes Von Herrn Bülow keine Kommentare zu ?
      Aus Angst vor pietätlosen Kommentaren ?
      Die wird man eh nicht verhindern können.“

      Ich denke schon, habe noch keine lesen müssen.

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