
Subversion gehört längst zum guten Ton des Kulturbetriebs. Was einst verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern sollte, ist heute häufig selbst institutionalisierte Routine.
Ein Auszug aus dem Buch »Die Herrschaft der extremen Mitte«.
Einige Künstler wie Dries Verhoeven klagen darüber, dass die Institutionalisierung der Kunst in der jüngeren Geschichte doch so manchen den Mut verlieren ließ, subversiv tätig zu sein. Ihre Werke würden eine Standardisierung erfahren, um den Erwartungen von Kultusministerien, Museen und verschiedenen Akademien zu genügen. Seine Theaterperformance mit dem Titel Ceci n’est pas …, die er für zehn Tage im Frühjahr 2015 in Montréal mitten im Stadtzentrum gezeigt hat, versuchte, dem entgegenzuwirken. Die Aufführung schockierte. In einem Glaskäfig von gerade einmal zwei Quadratmeter Grundfläche vermochte eine Performance, die täglich variieren sollte, die Aufmerksamkeit jedes dahergelaufenen Schaulustigen auf sich zu ziehen. Über Stunden sah man einen Soldaten, der immer wieder seine Trommel zerstörte, einen schwarzen Hockeyspieler, der wie ein Zirkustier an einem Fuß angekettet war, eine aufreizend gekleidete kleinwüchsige Frau, die in einer Bar flirtete, ein fast nackter Vater, der seiner Tochter, die in Unterwäsche auf seinem Schoß saß, Märchen vorlas, eine Teenie-Mutter, ein im Süden arbeitender kanadischer Bergmann … Der Käfig ist durchsichtig und ist es doch wieder nicht. Denn in ihm treten immer noch Menschen auf. Es ist von Belang, dass man hier Menschen in einem Käfig sieht. Einen Menschen in einem Käfig zu sehen setzt nämlich voraus, dass man letzteren in die Vorstellung einbezieht.
Die üblichen Tabus werden durchgespielt
Was sich darin abspielt, läuft nicht so ab, wie es der gewöhnliche Anschein der dargestellten Szenen will. Man sieht den Soldaten, den Schwarzen, die Kleinwüchsige, das Mädchen, die Teenie-Mutter, den Bergmann nicht anders als im Käfig, trotzt der Bestrebung, wie in den meisten Tableaux vivants, eine »vierte Wand« (oder vier »vierte Wände«?) zu errichten. Das ist subversiv. Aufgepasst, hier wird schockiert! Am ersten Tag steht das sogar auf einem Schildchen, das als Legende dient. Doch es gibt hier ein Paradox. Dieses Revival von Kunst, die schockiert, um Formen der Institutionalisierung von Kunst zu subversiv anzugreifen, wird selbst subventioniert. Produziert im Rahmen des Festivals TransAmériques (FTA), das von Ministerien, Regierungsagenturen, Hotelunternehmen und Großmedien finanziert wurde, wird dieses offiziell als subversiv anerkannte Kunstwerk hier sehr ernst genommen und namentlich genannt. Man wollte subversiv vorgehen, doch innerhalb der von den Institutionen zur Kunstförderung vorgegebenen Parameter. Der »subversive« Akt lässt sich erkennen, gewiss, doch alles scheint, als hätte man den Funktionären irgendeines Kultusministeriums, die mit der angemessenen Kategorisierung des Stücks betraut waren, nach dem Mund geredet. Das ist Institutionalisierung in Reinform. Verhoevens Werk läuft darauf hinaus, Szenen von Judith Malina und Julien Beck, die zu einer Zeit provozierten, als das Living Theater die New Yorker in Verlegenheit brachte, noch einmal vorzuspielen. Diese Allgemeinplätze institutionalisierter Störung kennt man genauso gut wie Duchamps Fontaine.
Die üblichen Tabus werden durchgespielt, und keines darf fehlen. Der kleine Arbeiter-Soldat, der seine Trommel in der Art von Maschinenstürmern zerstört, die in sportlichen Zirkusspielen vorgeführten Schwarzen, die an die Kolonialausstellungen erinnern, der Vater und das sehr junge Mädchen, die fast nackt ein Märchen zusammen lesen und sich in einem gesunden psychischen, jedoch um Haaresbreite vom Inzest entfernten Gleichgewicht befinden, die Kleinwüchsige, die als aufreizender Single inmitten einer Kneipenkulisse erscheint, um von der Geschichte der Diskriminierung ihrer Sexualität zu handeln … Die »Subversion« stellt Hinweisschilder auf, und wenn unverständlich bleibt, was lang und breit kritisiert wird, dann hilft eine erklärende Legende oder ein informatives Lied: der Kampf gegen den Rassismus, die Kritik der kanadischen Außenpolitik, die Notwendigkeit körperlicher Kontakte zwischen Vater und Tochter, das Recht auf Unterschied im Kontext von Verführung … Man verharrt in den Grenzen dessen, was »subversionierte« Kunst beinhalten und leisten kann, eine Reihe von Plattitüden nämlich, die man jeden Tag in den großen Zeitungen, in von Regierungsstellen beauftragten Veröffentlichungen oder Unterhaltungssendungen im Fernsehen zu lesen und zu sehen bekommt.
Die Freilegung des Unbehagen
Subversionierte Kunst schockiert in der Tat. Doch sie hat, indem sie es tut, keine subversive Wirkung auf das Publikum. Es sind der schlechte Geschmack, die Überheblichkeit, die Provokation oder die Beleidigung, die uns hier zu schaffen machen. Im Grunde aber wird unsere Intelligenz scharf angegangen: Es ist nur schwer zu glauben, dass ein Künstler uns mit dermaßen überholtem Kram schockieren zu können hofft. Was in diesem Glaskäfig zu sehen ist, ist die platte Wiederholung einer ausgelutschten Geste. Ein Zeuge dieses Theaters rief von der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteigs aus: »Das Museum für zeitgenössische Kunst ist hier gleich um die Ecke, und weil ich mir gedacht habe, das wäre ›zeitgenössische Kunst‹, habe ich gar nicht richtig hingeschaut.« Das Lied kennt man.
Derlei Stereotype ferngesteuerter Subversion sind uns noch viel tiefgreifender zuwider. Sie ekeln uns an, ohne dass wir sofort verstünden, warum. Ist es, weil sie wie ein schlechter Schülerwitz klingen? Ist es der mangelnde Mut des Schöpfers? Das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben? Die Antwort liegt wahrscheinlich in der gefährlichen Nachbarschaft der Begriffe Subversion und Perversion begründet, die der der Philosoph Mikel Dufrenne in seinem 1977 erschienenen Buch beschreibt, dessen Titel beide Ausdrücke auf brillante Weise nebeneinanderstellt. Bei der kleinsten Entgleisung geht man von der einen zur anderen über, und im Namen der »Subversion« kommt unverblümt eine perverse Lust zum Ausdruck, die man geflissentlich, jedoch nur oberflächlich, kritisiert. Wie vor einem Fernseher, der uns das einprägsame Bild eines schrecklichen Mords oder eines entwürdigenden Schlagabtauschs immer wieder vor Augen führt, während er die ganze Zeit vorgibt, die Sache anzuprangern.
Diese Szenen, die uns mitten im Stadtzentrum ins Gesicht geschleudert werden, um uns mit unseren vermeintlichen »Tabus« zu konfrontieren, indem Schauspieler und Schauspielerinnen in einen Glaskasten gesetzt werden – insbesondere ein junges Mädchen in BH, das in ihrem Alter bestimmt nicht an der Performance mitwirken darf und den ganzen Tag über von dummen Fußgängern gefilmt wird, das immer weniger eine Rolle spielt, je mehr sie durch die Schreie von Frauen, die ihre Teilnahme an dieser Aktion anprangern, abgelenkt wird –, diese Szenen erschaffen also vollends ein perverses Momentum. Pädophilie ausstellen, einen Schwarzen auf ein Zirkustier reduzieren, eine Kleinwüchsige in einer Aufmachung vorführen, die sein soll, was sich normale Frauen angeblich wünschen, auch wenn die feministische Bewegung derlei Reduktion bereits seit Jahrzehnten kritisiert, eine junge schwangere Frau stigmatisieren – das alles zu zeigen, darin gefällt sich das Werk, unter dem Vorwand, es lege ein Unbehagen frei, dessen sich das unglückselige Publikum schuldig fühlen sollte.
All das im Namen einer Überwindung von Kulturinstitutionen, wenngleich sie es sind, mehr als denn je, die mit diesem zwingenden Schritt ihre Fahrlässigkeit unter Beweis stellen.
Alain Deneault, »Die Herrschaft der extremen Mitte«, Westend Verlag, 192 Seiten




Subversiv ist nur, wer auch wirklich sabotiert.
Nur, die echte Aktion wird uns noch helfen.
Die Kulturszene ist dermaßen entfremdet und eingehegt, das sowieso niemand mehr darauf achtet, respektive versteht
„Was einst verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern sollte, ist heute häufig selbst institutionalisierte Routine“
Tja liebe Künstler, wenn ihr tatsächlich mal wieder „verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern wollt“, dann fangt doch endlich mal an damit.
Was bedeutet denn in deiner Sichtweise „fangt doch endlich mal an damit“?
Ich mache das im Bezug zur Kunstform Musik schon eine gute Weile. Wenn ich mich recht zurück erinnere, sind es schon knapp und rund 2 Jahrzehnte, mit 3 verschiedenen Musikprojekten. Eines davon will ich kurz benennen und zwar ist es das Projekt ‚Grapplers Of Subconsciousness‘ das 2005 und genau aus diesem Grund entstand: ‚[…]Für das Projekt sind alle Stile der Elektronik (die mir gefallen) angedacht, jedoch sollen die Titel mit dem Sound und / oder den Texten den Zuhörer aufwühlen, verstören oder zum Nachdenken bewegen.‘
Wenn Du (oder jemand anderes) willst, dann stelle ich Dir gerne eine kleine Liste mit Titeln zusammen, die genau in diese Richtung gehen, aber dann fragt/e bitte danach, dann Werbung läuft mir extrem zuwider und es soll auch nicht so aussehen, als ob ich hier für meine Kunst Werbung machen wollte – ich fühle mich hier aber direkt, oder indirekt angesprochen und deshalb schreibe ich das nun, ansonsten würde ich das gar nicht machen. Für den Anfang habe ich im Namen oben einen Track verlinkt, der eine Rede von Louis Farrakhan vor Mainstream-Medienvertretern aufgreift, ein Mann der die Cancel-Culture nicht nur einmal bei Youtube zu spüren bekam.
Aber weist Du, um erfolgreich zu sein (was auch immer in den Begriff hinein interpretiert wird), insbesondere in einem Musikbereich, bzw. Musikgenre das dafür überhaupt nicht geeignet zu sein scheint / geeignet ist, aber auch darüber hinaus, muss man, gerade auch heut‘ zu Tage in der AI/KI-Ära, aber auch schon zuvor, enorme Anstrengungen machen um überhaupt gehört und wahrgenommen zu werden.
Z.B. muss man, am besten überall bei den versch., so genannten Social-Media-Plattformen, wie Youtube, Soundcloud, Instagram, TikTok, usw. usf. präsent sein und sich permanent self-promoten, in dem man u.A. dem, mehr oder weniger gierigen Konsumenten neuen Stoff liefert.
Was damit alles zusammenhängt, will und kann ich jetzt und hier gar nicht alles an- und aufführen, würde aber für mich als einzelner Mensch gut und gerne (etwas zugespitzt) einen Zeitaufwand von 24/7 bedeuten und mich auch kaum noch zum kreativen Schaffen kommen lassen.
Ja, ich bin mittlerweile wirklich alleine aus verschiedenen Gründen. Zum einen habe ich nicht die finanziellen Mittel um z.B. einen Social-Media-Agenten für diese Sache der Promotion anzustellen, geschweige denn ein eigenes Lable zu gründen und zum anderen ist durch die innere Arbeit an mir selbst und meiner Psyche (andere nennen es gerne Geist, aber das ist ein anderes langes Thema), mein Ego, vielleicht das so genannte Künstlerego, in Bezug zu meinem Schaffen so gut wie verschwunden.
Hinzu kommt, dass es so gut wie Sinnlos ist (das hören zartbesaitete Künstleregos gar nicht gerne), da echte, wirkliche Veränderung über Generationen dauert bzw. geschieht und gerade in einer geförderten Kultur der Ausgrenzung, nicht nur seit Corona, aber seither massiv intensiviert, wird es fasst unmöglich Gehör zu finden, bevor man nicht schon gecancelt und geshaddowbaned wurde.
Ein gutes Beispiel für den Musikbereich in dem ich mich verorte ist dieser Doktor Motte mit seiner Frau, die angeblich den Weltfrieden mit ihrem Schaffen herbeiführen wollen, aber sich komplett dem Mainstream und dem vorgegebenen Meinungskorridor unterworfen haben und somit sich von allem distanzieren, was das Bewusstsein wirklich etwas erhellen könnte, wenn es sich nicht um Partydrogen handelt.
Es gibt eine Dokumentation in der ARD-Mediathek mit dem Titel: „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet“[1] worin das was ich eben beschrieben habe zum Ausdruck kommt, und zwar ungefähr bei Zeitmarker 01:26:11. Ich werde später noch den besagten Abschnitt herausschneiden und ihn (vielleicht bei mir, aber vielleicht auch wo anders, wegen Urhebberechtstrolling /-zensur) zum anschauen hochladen, aber man kann es in der Mediathek (MediathekView .de ist ein sehr gutes und nützliches Programm dazu) an besagter Stelle anschauen und versteht sofort um was es geht.
Beste Grüße!
[1] duckduckgo .com/?q=ARD-Doku+Love+is+Stronger+-+Von+Loveparade+zu+Rave+The+Planet&ia=web
Hier ist der besagte Ausschnitt zum Streamen / anschauen:
Love.is.Stronger-Von.Loveparade.zu.Rave.The.Planet.Ausschnitt.mp4
https://voe.sx/05or9pmgkvuw
„Was bedeutet denn in deiner Sichtweise „fangt doch endlich mal an damit“?
Mir fallen da nur Beispiele aus der Vergangenheit ein, etwa die Situationisten Guy Debord und der leider kürzlich verstorbene Raoul Vaneigem, oder etwa auch der längst verstorbene Filmemacher J. L. Goddard ein.
Was das ganze „Technouniversum“ angeht, da rennst du allerdings nur gegen verrammelte Türen und Ohren an. „Techno“ macht mich echt fertig und ich meide das wie ein Konzert von beispielweise Helene Fischer, Florian Silbereisen oder die „Toten Hosen“.
Die Kunst hat, genau wie das Entertainment, jegliche Glaubwürdigkeit verloren mit der Unterwerfung nach 2020.
Alle unseren Helden, aus Hollywood nicht, und von den Bands nicht, haben ihre gepredigten Ideale wirklich gelebt. Nur so ein einzelner Tennisspieler, Novak Đokovic, ist aufgestanden und hat „Nein“ gesagt.
Aus der Welt der Kunst ist mir kein einziger bekannt, der das auch getan hätte.
Es waren und sind schon noch ein paar mehr. Eines der bekannteren Bsp.:
Corona
Störversuche gegen den Ausnahmezustand
Die Empörung war deutlich: Vor einem Jahr haben 52 Schauspieler satirische Videos mit dem Hashtag „#allesdichtmachen“ ins Netz gestellt. Sie wollten damit auf die Widersprüche der Corona-Politik und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft hinweisen. Schon kurz darauf verschwanden einige der Videos wieder aus dem Netz. Einige Protagonisten konnten den Medialen Shitstorm nicht aushalten – aus unterschiedlichen Gründen. Ein Jahr nach der Aktion ist ein Sammelband erschienen, der die Aktion wissenschaftlich untersucht. Bei uns lesen Sie Auszüge aus dem Buch.
Von REDAKTION | Veröffentlicht am 28.04.2022
https://www.hintergrund.de/politik/inland/stoerversuche-gegen-den-ausnahmezustand/
Opportunerweise sind einstweilen mehrere Schießkriegsschauplätze aufgetaucht die so ganz und gar ins Konzept passen und so ging der an Schwung und Breite gewinnende Elan schnell wieder flöten.
Dazu ein gut geeignetes Musikstück:
Five Times August – Ain’t No Rock and Roll (Lyric Video)
https://www.youtube.com/watch?v=Z42pqeCicIY
Cheers
Oder Das hier das, wie ich finde, etwas satirisch und selbstkritisch daher kommt:
Alligatoah – Musik ist keine Lösung (Official Audio)
https://www.youtube.com/watch?v=tMbSAxcTbUc
In den Kommentaren zum Lied schrieb mal jemand:
und ich denke, da ist durchaus etwas wahres dran und nicht völlig von der Hand zu weisen.
Cheers