Subversionierte Kunst

Theatervorhang
Theater am Meer, Wilhelmshaven, CC0, via Wikimedia Commons

Subversion gehört längst zum guten Ton des Kulturbetriebs. Was einst verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern sollte, ist heute häufig selbst institutionalisierte Routine.

Ein Auszug aus dem Buch »Die Herrschaft der extremen Mitte«.

Einige Künstler wie Dries Verhoeven klagen darüber, dass die Institutionalisierung der Kunst in der jüngeren Geschichte doch so manchen den Mut verlieren ließ, subversiv tätig zu sein. Ihre Werke würden eine Standardisierung erfahren, um den Erwartungen von Kultusministerien, Museen und verschiedenen Akademien zu genügen. Seine Theaterperformance mit dem Titel Ceci n’est pas …, die er für zehn Tage im Frühjahr 2015 in Montréal mitten im Stadtzentrum gezeigt hat, versuchte, dem entgegenzuwirken. Die Aufführung schockierte. In einem Glaskäfig von gerade einmal zwei Quadratmeter Grundfläche vermochte eine Performance, die täglich variieren sollte, die Aufmerksamkeit jedes dahergelaufenen Schaulustigen auf sich zu ziehen. Über Stunden sah man einen Soldaten, der immer wieder seine Trommel zerstörte, einen schwarzen Hockeyspieler, der wie ein Zirkustier an einem Fuß angekettet war, eine aufreizend gekleidete kleinwüchsige Frau, die in einer Bar flirtete, ein fast nackter Vater, der seiner Tochter, die in Unterwäsche auf seinem Schoß saß, Märchen vorlas, eine Teenie-Mutter, ein im Süden arbeitender kanadischer Bergmann … Der Käfig ist durchsichtig und ist es doch wieder nicht. Denn in ihm treten immer noch Menschen auf. Es ist von Belang, dass man hier Menschen in einem Käfig sieht. Einen Menschen in einem Käfig zu sehen setzt nämlich voraus, dass man letzteren in die Vorstellung einbezieht.

Die üblichen Tabus werden durchgespielt

Was sich darin abspielt, läuft nicht so ab, wie es der gewöhnliche Anschein der dargestellten Szenen will. Man sieht den Soldaten, den Schwarzen, die Kleinwüchsige, das Mädchen, die Teenie-Mutter, den Bergmann nicht anders als im Käfig, trotzt der Bestrebung, wie in den meisten Tableaux vivants, eine »vierte Wand« (oder vier »vierte Wände«?) zu errichten. Das ist subversiv. Aufgepasst, hier wird schockiert! Am ersten Tag steht das sogar auf einem Schildchen, das als Legende dient. Doch es gibt hier ein Paradox. Dieses Revival von Kunst, die schockiert, um Formen der Institutionalisierung von Kunst zu subversiv anzugreifen, wird selbst subventioniert. Produziert im Rahmen des Festivals TransAmériques (FTA), das von Ministerien, Regierungsagenturen, Hotelunternehmen und Großmedien finanziert wurde, wird dieses offiziell als subversiv anerkannte Kunstwerk hier sehr ernst genommen und namentlich genannt. Man wollte subversiv vorgehen, doch innerhalb der von den Institutionen zur Kunst­för­derung vorgegebenen Parameter. Der »subversive« Akt lässt sich erkennen, gewiss, doch alles scheint, als hätte man den Funktionären irgendeines Kultusministeriums, die mit der angemessenen Kategorisierung des Stücks betraut waren, nach dem Mund geredet. Das ist Institutionalisierung in Reinform. Verhoevens Werk läuft darauf hinaus, Szenen von Judith Malina und Julien Beck, die zu einer Zeit provozierten, als das Living Theater die New Yorker in Verlegenheit brachte, noch einmal vorzuspielen. Diese Allgemeinplätze institutionalisierter Störung kennt man genauso gut wie Duchamps Fontaine.

Die üblichen Tabus werden durchgespielt, und keines darf fehlen. Der kleine Arbeiter-Soldat, der seine Trommel in der Art von Maschinenstürmern zerstört, die in sportlichen Zirkusspielen vorgeführten Schwarzen, die an die Kolonialausstellungen erinnern, der Vater und das sehr junge Mädchen, die fast nackt ein Märchen zusammen lesen und sich in einem gesunden psychischen, jedoch um Haaresbreite vom Inzest entfernten Gleichgewicht befinden, die Kleinwüchsige, die als aufreizender Single inmitten einer Kneipenkulisse erscheint, um von der Geschichte der Diskriminierung ihrer Sexualität zu handeln … Die »Subversion« stellt Hinweisschilder auf, und wenn unverständlich bleibt, was lang und breit kritisiert wird, dann hilft eine erklärende Legende oder ein informatives Lied: der Kampf gegen den Rassismus, die Kritik der kanadischen Außenpolitik, die Notwendigkeit körperlicher Kontakte zwischen Vater und Tochter, das Recht auf Unterschied im Kontext von Verführung … Man verharrt in den Grenzen dessen, was »subversionierte« Kunst beinhalten und leisten kann, eine Reihe von Plattitüden nämlich, die man jeden Tag in den großen Zeitungen, in von Regierungsstellen beauftragten Veröffentlichungen oder Unterhaltungssendungen im Fernsehen zu lesen und zu sehen bekommt.

Die Freilegung des Unbehagen

Subversionierte Kunst schockiert in der Tat. Doch sie hat, indem sie es tut, keine subversive Wirkung auf das Publikum. Es sind der schlechte Geschmack, die Überheblichkeit, die Provokation oder die Beleidigung, die uns hier zu schaffen machen. Im Grunde aber wird unsere Intelligenz scharf angegangen: Es ist nur schwer zu glauben, dass ein Künstler uns mit dermaßen überholtem Kram schockieren zu können hofft. Was in diesem Glaskäfig zu sehen ist, ist die platte Wiederholung einer ausgelutschten Geste. Ein Zeuge dieses Theaters rief von der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteigs aus: »Das Museum für zeitgenössische Kunst ist hier gleich um die Ecke, und weil ich mir gedacht habe, das wäre ›zeitgenössische Kunst‹, habe ich gar nicht richtig hingeschaut.« Das Lied kennt man.

Derlei Stereotype ferngesteuerter Subversion sind uns noch viel tiefgreifender zuwider. Sie ekeln uns an, ohne dass wir sofort verstünden, warum. Ist es, weil sie wie ein schlechter Schülerwitz klingen? Ist es der mangelnde Mut des Schöpfers? Das Gefühl, alles schon einmal gesehen zu haben? Die Antwort liegt wahrscheinlich in der gefährlichen Nachbarschaft der Begriffe Subversion und Perversion begründet, die der der Philosoph Mikel Dufrenne in seinem 1977 erschienenen Buch beschreibt, dessen Titel beide Ausdrücke auf brillante Weise nebeneinanderstellt. Bei der kleinsten Entgleisung geht man von der einen zur anderen über, und im Namen der »Subversion« kommt unverblümt eine perverse Lust zum Ausdruck, die man geflissentlich, jedoch nur oberflächlich, kritisiert. Wie vor einem Fernseher, der uns das einprägsame Bild eines schrecklichen Mords oder eines entwürdigenden Schlagabtauschs immer wieder vor Augen führt, während er die ganze Zeit vorgibt, die Sache anzuprangern.

Diese Szenen, die uns mitten im Stadtzentrum ins Gesicht geschleudert werden, um uns mit unseren vermeintlichen »Tabus« zu konfrontieren, indem Schauspieler und Schauspielerinnen in einen Glaskasten gesetzt werden – insbesondere ein junges Mädchen in BH, das in ihrem Alter bestimmt nicht an der Performance mitwirken darf und den ganzen Tag über von dummen Fußgängern gefilmt wird, das immer weniger eine Rolle spielt, je mehr sie durch die Schreie von Frauen, die ihre Teilnahme an dieser Aktion anprangern, abgelenkt wird –, diese Szenen erschaffen also vollends ein perverses Momentum. Pädophilie ausstellen, einen Schwarzen auf ein Zirkustier reduzieren, eine Kleinwüchsige in einer Aufmachung vorführen, die sein soll, was sich normale Frauen angeblich wünschen, auch wenn die feministische Bewegung derlei Reduktion bereits seit Jahrzehnten kritisiert, eine junge schwangere Frau stigmatisieren – das alles zu zeigen, darin gefällt sich das Werk, unter dem Vorwand, es lege ein Unbehagen frei, dessen sich das unglückselige Publikum schuldig fühlen sollte.

All das im Namen einer Überwindung von Kulturinstitutionen, wenngleich sie es sind, mehr als denn je, die mit diesem zwingenden Schritt ihre Fahrlässigkeit unter Beweis stellen.

Alain Deneault, »Die Herrschaft der extremen Mitte«, Westend Verlag, 192 Seiten

Alain Deneault

Alain Deneault, geboren 1970 in Kanada, ist ein französisch-kanadischer Schriftsteller und Philosoph und promovierte 2004 an der Universität Paris VIII. Derzeit ist er Programmdirektor am Collége international de philosophie in Paris und Professor für Soziologie an der Université du Québec in Montréal.
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19 Kommentare

  1. Subversiv ist nur, wer auch wirklich sabotiert.
    Nur, die echte Aktion wird uns noch helfen.
    Die Kulturszene ist dermaßen entfremdet und eingehegt, das sowieso niemand mehr darauf achtet, respektive versteht

  2. „Was einst verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern sollte, ist heute häufig selbst institutionalisierte Routine“

    Tja liebe Künstler, wenn ihr tatsächlich mal wieder „verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern wollt“, dann fangt doch endlich mal an damit.

    1. Tja liebe Künstler, wenn ihr tatsächlich mal wieder „verstören, provozieren und gesellschaftliche Gewissheiten erschüttern wollt“, dann fangt doch endlich mal an damit.

      Was bedeutet denn in deiner Sichtweise „fangt doch endlich mal an damit“?

      Ich mache das im Bezug zur Kunstform Musik schon eine gute Weile. Wenn ich mich recht zurück erinnere, sind es schon knapp und rund 2 Jahrzehnte, mit 3 verschiedenen Musikprojekten. Eines davon will ich kurz benennen und zwar ist es das Projekt ‚Grapplers Of Subconsciousness‘ das 2005 und genau aus diesem Grund entstand: ‚[…]Für das Projekt sind alle Stile der Elektronik (die mir gefallen) angedacht, jedoch sollen die Titel mit dem Sound und / oder den Texten den Zuhörer aufwühlen, verstören oder zum Nachdenken bewegen.‘
      Wenn Du (oder jemand anderes) willst, dann stelle ich Dir gerne eine kleine Liste mit Titeln zusammen, die genau in diese Richtung gehen, aber dann fragt/e bitte danach, dann Werbung läuft mir extrem zuwider und es soll auch nicht so aussehen, als ob ich hier für meine Kunst Werbung machen wollte – ich fühle mich hier aber direkt, oder indirekt angesprochen und deshalb schreibe ich das nun, ansonsten würde ich das gar nicht machen. Für den Anfang habe ich im Namen oben einen Track verlinkt, der eine Rede von Louis Farrakhan vor Mainstream-Medienvertretern aufgreift, ein Mann der die Cancel-Culture nicht nur einmal bei Youtube zu spüren bekam.

      Aber weist Du, um erfolgreich zu sein (was auch immer in den Begriff hinein interpretiert wird), insbesondere in einem Musikbereich, bzw. Musikgenre das dafür überhaupt nicht geeignet zu sein scheint / geeignet ist, aber auch darüber hinaus, muss man, gerade auch heut‘ zu Tage in der AI/KI-Ära, aber auch schon zuvor, enorme Anstrengungen machen um überhaupt gehört und wahrgenommen zu werden.
      Z.B. muss man, am besten überall bei den versch., so genannten Social-Media-Plattformen, wie Youtube, Soundcloud, Instagram, TikTok, usw. usf. präsent sein und sich permanent self-promoten, in dem man u.A. dem, mehr oder weniger gierigen Konsumenten neuen Stoff liefert.
      Was damit alles zusammenhängt, will und kann ich jetzt und hier gar nicht alles an- und aufführen, würde aber für mich als einzelner Mensch gut und gerne (etwas zugespitzt) einen Zeitaufwand von 24/7 bedeuten und mich auch kaum noch zum kreativen Schaffen kommen lassen.
      Ja, ich bin mittlerweile wirklich alleine aus verschiedenen Gründen. Zum einen habe ich nicht die finanziellen Mittel um z.B. einen Social-Media-Agenten für diese Sache der Promotion anzustellen, geschweige denn ein eigenes Lable zu gründen und zum anderen ist durch die innere Arbeit an mir selbst und meiner Psyche (andere nennen es gerne Geist, aber das ist ein anderes langes Thema), mein Ego, vielleicht das so genannte Künstlerego, in Bezug zu meinem Schaffen so gut wie verschwunden.
      Hinzu kommt, dass es so gut wie Sinnlos ist (das hören zartbesaitete Künstleregos gar nicht gerne), da echte, wirkliche Veränderung über Generationen dauert bzw. geschieht und gerade in einer geförderten Kultur der Ausgrenzung, nicht nur seit Corona, aber seither massiv intensiviert, wird es fasst unmöglich Gehör zu finden, bevor man nicht schon gecancelt und geshaddowbaned wurde.

      Ein gutes Beispiel für den Musikbereich in dem ich mich verorte ist dieser Doktor Motte mit seiner Frau, die angeblich den Weltfrieden mit ihrem Schaffen herbeiführen wollen, aber sich komplett dem Mainstream und dem vorgegebenen Meinungskorridor unterworfen haben und somit sich von allem distanzieren, was das Bewusstsein wirklich etwas erhellen könnte, wenn es sich nicht um Partydrogen handelt.
      Es gibt eine Dokumentation in der ARD-Mediathek mit dem Titel: „Love is Stronger – Von Loveparade zu Rave The Planet“[1] worin das was ich eben beschrieben habe zum Ausdruck kommt, und zwar ungefähr bei Zeitmarker 01:26:11. Ich werde später noch den besagten Abschnitt herausschneiden und ihn (vielleicht bei mir, aber vielleicht auch wo anders, wegen Urhebberechtstrolling /-zensur) zum anschauen hochladen, aber man kann es in der Mediathek (MediathekView .de ist ein sehr gutes und nützliches Programm dazu) an besagter Stelle anschauen und versteht sofort um was es geht.

      Beste Grüße!

      [1] duckduckgo .com/?q=ARD-Doku+Love+is+Stronger+-+Von+Loveparade+zu+Rave+The+Planet&ia=web

      1. „Was bedeutet denn in deiner Sichtweise „fangt doch endlich mal an damit“?

        Mir fallen da nur Beispiele aus der Vergangenheit ein, etwa die Situationisten Guy Debord und der leider kürzlich verstorbene Raoul Vaneigem, oder etwa auch der längst verstorbene Filmemacher J. L. Goddard ein.
        Was das ganze „Technouniversum“ angeht, da rennst du allerdings nur gegen verrammelte Türen und Ohren an. „Techno“ macht mich echt fertig und ich meide das wie ein Konzert von beispielweise Helene Fischer, Florian Silbereisen oder die „Toten Hosen“.

        1. Da siehst Du mal, die von dir genannten Namen kannte ich gar nicht, bzw. sagten mir nicht das geringste, aber danke dafür. Ich werde sie im Hinterkopf behalten und ggf. das eine oder andere von ihnen ansehen bzw. anhören, wenn ich etwas entdecke.
          Vermutlich sagt Dir der Name Georg Kreisler auch etwas.

          Ich will mich hier nun nicht über Geschmäcker streiten, denn das führt zu nichts, aber was Du da wegen Techno anführst, das habe ich nicht zum ersten mal vernehmen müssen. Das geht bis hin zur (angeblichen) „Marschmusik der Technokratie bzw. des Transhumanismus“ und ich selbst benenne die Auswüchse des Techno (auch das der Berliner Clique rund um ‚Low Spirit Recordings'[1]) als eine Art von radikalem Hedonismus, obwohl die Ursprünge des Techno in Detroit doch gerade die Systemkritik, maßgeblich die von Alvin Toffler, zur Inspiration nahm um diesen Stil der elektronischen Tanzmusik hervorzubringen.

          Eine lange Geschichte über die man Bücher verfassen könnte, aber kurzum.
          Die Kommerzmaschine (nicht nur diese, auch dieser Dr. Motte mit seiner Frau, die neuerdings die Kommerzfreiheit, mMn nach, als PR-Instrument und teilweise auch zur Kosten- und Verantwortlickeitsreduzierung / -vermeidung, entdeckt haben) hat sich sehr erfolgreich den Umstand zu nutze gemacht, dass der Mensch schon von jeher, also schon von den frühen Anfängen an, sehr gerne tanzt.
          Der Tanz zieht sich durch die Geschichte der Menschheit, wie ein roter Faden, in vielerlei Formen und Ausprägungen, sei es Tanz zu spirituellen und soziokulturellen Praktiken, oder als Therapieform, mit Entspannungs- und Selbstfindungspraktiken, sowie als Musikpädagogik, im Konkurenzkampf wie Sport und einiges mehr, u.A. eben auch zum Geld scheffeln.
          Der Mensch bewegt sich schlicht und einfach gern zur rhythmischen Musik und das aus gutem Grund.
          Die Liebesparaden eines Dr. Motte sind dabei nichts weiter als Ablenkungen vom wesentlichen, wie man es zur genüge schon lange kennt, wie z.B. das „Brot und Spiele“ der frühen Römerzeit, und ändern an den herrschenden Umständen genau gar nichts. Nicht dass ich den Leuten das nicht gönnen würde, zu feiern, aber es ist für mich einfach lächerlich zu glauben, man könne damit und ohne umfangreiche Aufklärung (gerade der jungen Menschen) den Weltfrieden herbeiführen *TRIPPLEFACEPALM*.

          Ich wünsche Dir trotz alledem eine schöne Zeit und habe Spaß.

          q:D

          [1]

          Feiern wie vor 30 Jahren
          […]
          [1]
          Wie man auf einem Planeten, auf dem im absurden Ausmaß Leid, Hunger, Mord und Krieg herrscht überhaupt auf die Idee kommt, von einem Zeitalter der Liebe zu halluzinieren, das geht doch nur mit einer starken kognitiven Verzerrung der Realität, bzw. mit Drogen und vor allem eben durch die übliche Ablenkung von der Realität (in der eigenen Filterblase / privilegierten Gesellschaft) u.A. durch die Entertainmentbranche und dem Showbiz – mit echter Kunst hat das ganze nur noch entfernt etwas zu tun.
          […]

          1. Was du über den Tanz schreibst und generell das emotionale und physische Bedürfnis der Bewegung, das sehe ich sehr ähnlich.

            Danke für die freundlichen Wünsche und bevorzugt den letzten verlinkten Beitrag.
            Nicht nur Wortschöpfung „Covid1984“, sehr schön.

        2. Ja, über die Situationisten hört man erstaunlich wenig. Auch im etablierten Kunstbetrieb, der immer noch und immer wieder gerne DADA und Surrealismus wiederkäut, scheint man die Situationisten auszublenden.
          Das „Technouniversum“ war und ist aufmarschkompatibles affirmatives Freizeitgeräusch, Hintergrund-„Musik“ für drogeninduzierte einsam-narzisstische Posen kreuzbraver Werktags-Malocher. Pure Kompensation und Notdurft. Dr. Motte und Co waren und sind Absahner, die die Dummheit im Pop etablieren halfen und dessen Poesie für mindestens eine Generation verschüttete und unzugänglich (hilflos gehauchte Singer-Songwriter Versuche als vermeintliche Gegenposition eingeschlossen) machte.

  3. Die Kunst hat, genau wie das Entertainment, jegliche Glaubwürdigkeit verloren mit der Unterwerfung nach 2020.
    Alle unseren Helden, aus Hollywood nicht, und von den Bands nicht, haben ihre gepredigten Ideale wirklich gelebt. Nur so ein einzelner Tennisspieler, Novak Đokovic, ist aufgestanden und hat „Nein“ gesagt.
    Aus der Welt der Kunst ist mir kein einziger bekannt, der das auch getan hätte.

    1. Es waren und sind schon noch ein paar mehr. Eines der bekannteren Bsp.:

      Corona
      Störversuche gegen den Ausnahmezustand

      Die Empörung war deutlich: Vor einem Jahr haben 52 Schauspieler satirische Videos mit dem Hashtag „#allesdichtmachen“ ins Netz gestellt. Sie wollten damit auf die Widersprüche der Corona-Politik und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft hinweisen. Schon kurz darauf verschwanden einige der Videos wieder aus dem Netz. Einige Protagonisten konnten den Medialen Shitstorm nicht aushalten – aus unterschiedlichen Gründen. Ein Jahr nach der Aktion ist ein Sammelband erschienen, der die Aktion wissenschaftlich untersucht. Bei uns lesen Sie Auszüge aus dem Buch.

      Von REDAKTION | Veröffentlicht am 28.04.2022

      https://www.hintergrund.de/politik/inland/stoerversuche-gegen-den-ausnahmezustand/

      Opportunerweise sind einstweilen mehrere Schießkriegsschauplätze aufgetaucht die so ganz und gar ins Konzept passen und so ging der an Schwung und Breite gewinnende Elan schnell wieder flöten.

      1. Kann ich keider nicht gelten lassen. #Allesdichtmachen hat nur die Lockdownpolitik kritisiert, aber nicht das eigentliche ungeheuerliche Verbrechen dahinter. Da war nur dieser Tennisspieler, und sonst niemand.

    2. Oder Das hier das, wie ich finde, etwas satirisch und selbstkritisch daher kommt:

      Alligatoah – Musik ist keine Lösung (Official Audio)
      https://www.youtube.com/watch?v=tMbSAxcTbUc

      In den Kommentaren zum Lied schrieb mal jemand:

      Mit Musik erreichst du nur die, die sie hören wollen und nicht die, die sie hören sollten.

      und ich denke, da ist durchaus etwas wahres dran und nicht völlig von der Hand zu weisen.

      Cheers

      1. Ich finde es ganz prima, dass Musikhören (noch) eine freiwillige Veranstaltung ist. Nachbarn mit Sendungsbewusstsein, die wahrscheinlich meinen, andere s o l l t e n bestimmte Musik, oder was sie dafür halten, hören, sind mir ein Gräuel.

  4. Subversion […] ist heute häufig selbst institutionalisierte Routine.

    Tja, so wird sich halt der Wirkung, bzw. Durchschlagskraft der »Subversion« entledigt. Man könnte auch sagen, die subversive Kunst ist in ihrer abschließenden Ankunft versandet. Kann man sich drüber wundern, kann man auch beklagen, wie es der Autor vorführt, doch sei die Frage gestellt, ob die »Subversion« denn das Ziel oder die Absicht von Kunst sein soll, oder ob die »Subversion« ggf. nur ein Nebenprodukt von Kunst sein kann, jedoch nicht zwingend sein muss?

    Sog. »subversive Kunst«, auch die nicht subventionierte und institutionalisierte, ist doch größtenteils unangenehm bis peinlich, weil bemüht und – gerade heraus – langweilig weil nervend. Das geläufigste Beispiel ist da Graffiti und die dazugehörige Subkultur. Es erinnert an Autotuner, die ihre materialisierte Selbstdarstellung als einzige Existenzberechtigung am Wochenende auf selektierten Dorfplätzen (da wird dann auch die Großstadt zum mentalen Dorf) jedem ins Bewusstsein popeln müssen, wenn sie wie in einem Karussell um den Brunnen brüllen.

    Man könnte auch sagen, wer Subversion in der Kunst fordert, wurde von der Herrschaft bereits völlig eingehegt, denn die Notwendigkeit von oder das Bedürfnis nach Subversion ist hier zum Spektakel externalisiert.

    1. Das genau ist die Strategie der neoliberalen Tyrannei: alles integrieren, abschleifen, umdeuten, umdrehen, im eigenen Sinne kapitalistisch vermarkten und gegen Andersdenkende in Stellung bringen. Das ist im übrigen dem ideologischen Eklektizismus des NS nicht unähnlich. Kunst ist nur dann subversiv, wenn die Herrschenden versuchen, sie zu verbieten.

    2. Da widerspreche ich. Kunst trägt die Subversion in sich, wie eine Wolke den Regen (oder der Kapitalismus den Krieg).
      Dass die im doppelten Sinne gewollte (sowohl herbeigekrampft, als auch subventioniert) Subversion als Gummizelle, in der mit allzu rohen Prügeln gefahrlos und ohne Konsequenzen auf „tote Pferde“ eingedroschen wird, eines der Mittel ist den Leuten (zum Zuschauer verdammt) autoritär die Kreativität, ihre Sprache und ihr Ausdruck auszutreiben, sie passiv einem bloß behaupteten und inzwischen ungemein dumm gewordenen Künstlertum auszusetzen, ist offensichtlich. Dermaßen offensichtlich, dass das Kalkül nur Bestand hat, wenn die Regression des Publikums schneller als die der Kunst voranschreitet.

      1. Sie widersprechen nicht, Sie ergänzen. Nicht aus jeder Wolke fällt Regen. Kunst ist erstmal das Ergebnis eines Schaffensprozesses, dessen Anfang ein „Etwas muss raus“ war. Über das „Was“ und „Woher“ erzählt dann das Kunstwerk.

        1. Ach ja, falls ich mich zu abstrakt ausgedrückt habe: Die (oder der Impuls zur) Subversion liegt nicht im Kunstwerk, sondern in der Rezeption oder in der Reaktion des Rezipienten. Was wird also gemacht, wenn Kunst als subversiv bezeichnet wird? Es wird von der Notwendigkeit der Subversion abgelenkt.

          Oder ich bin der Künstler und schmücke mich mit fremden zukünftigen Federn.

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