
Cinema Paradiso erzählt von einer vergangenen Welt. Die Nostalgie zeigt sich dort nicht als Flucht vor der Gegenwart, sondern als Erinnerung daran, dass Fortschritt ein Prozess des Verlustes ist.
Die Geschichte des Films Cinema Paradiso aus dem Jahr 1988 ist leicht erzählt: Der kleine Salvatore, genannt Toto, wächst in einem sizilianischen Dorf auf. Schon jung verliebt er sich in das Kino. Er freundet sich mit dem Filmvorführer Alfredo an und zieht schließlich als junger Erwachsener fort, in die italienische Hauptstadt, um etwas aus seinem Leben zu machen. Jahrzehnte später kehrt er zurück, denn Alfredo ist gestorben. Das Kino, zentraler Angelpunkt im Film wie im Leben Totos, wird abgerissen. Die Welt seiner Kindheit existiert nicht mehr. Geblieben sind ihm die Erinnerungen. Regisseur Giuseppe Tornatore, der auch das Drehbuch schrieb, stellt eine Frage in den Raum, die uns gerade im zeitgenössischen Kulturkampf antreibt: Muss eigentlich alles, was verschwindet, schon deshalb schlecht gewesen sein, weil es alt war?
Flucht aus der Enge
Die Nostalgie hat einen schlechten Ruf. Nostalgiker gelten als Gegenwartsfeinde. Nicht im Sinne der gegenwärtigen Zeit zu denken und zu fühlen, wird heute als Absage an die Segnungen gegenwärtiger Erkenntnisstände betrachtet. Wer nostalgisch zurückblickt, wünscht sich angeblich das Unrecht und die Fehler von damals zurück. Der Befund lautet zusammengefasst also: Rückwärtsgewandtheit, reaktionär, nicht bereit, Veränderungen zu akzeptieren. Tornatore hat seinen Toto nicht als bekennenden Nostalgiker geschrieben. Eigentlich wollte er seine Herkunft und seine Vergangenheit vergessen. Die Provinz, die ihn als Kind prägte, sollte ihm nicht mehr zu nahe kommen. Den alten Stallgeruch hat er längst abgelegt, als ihn die Nachricht von Alfredos Tod erreicht. Doch die Erinnerungen kehren zurück und seine Rückkehr nach Reims, um es mit Didier Eribon zu sagen, gerät zu einem nostalgischen Rückblick. Toto spürt, dass er etwas verloren hat.
Cinema Paradiso führt dem Zuschauer ein sizilianisches Dorf nach Nachkriegszeit vor, das keineswegs paradiesisch wäre. Es ist arm, eng, frömmlerisch und häufig auch rückständig. So lässt der Pfarrer Liebesszenen aus Filmen schneiden. Der Filmvorführer Alfredo verstümmelt die Filmrollen in seinem stickigen Vorführraum, nimmt die pornographischen Szenen heraus. Die herausgeschnittenen Küsse und Umarmungen bewahrt Alfredo, der übrigens von einem Philippe Noiret in Bestform verkörpert wird, in einer Kiste auf. Die Kinozuschauer nölen lauthals, wenn sie sich um ein bisschen Liebe auf der Leinwand betrogen fühlen. Aber den Schäfchen ist zu viel Körperlichkeit nicht zuzumuten.
Alfredo weiß, dass der talentierte Toto hinaus in die Welt muss, in der Provinz vergeudet er bloß sein Leben und seine Talente. Toto geht, er wird im Laufe der Jahrzehnte ein bekannter Regisseur. Die Liebe zum Film ließ ihn nie los. Seine Herkunft versuchte er abzustreifen, nie wieder ging er zurück in seine sizilianische Heimat. Nicht mal zu Besuch. Seine Mutter mied er, sie galt ihm als provinzielles Relikt, das er längst abgestreift hat.
Als ihn die Nachricht vom Tod seines Mentors Alfredo erreicht, wird er zurückgeworfen in Erinnerungen an damals. Seine Flucht von seiner Herkunft ist beendet, der Zuschauer erinnert sich zusammen mit Toto. Das Kino war in seinen Kinderjahren mehr als ein Lichtspielhaus. Es war ein zentraler Sammelpunkt der dörflichen Gesellschaft. Alle strömten hier zusammen, um gemeinsam ein Abenteuer zu erleben. Für einige Stunden teilten alle denselben Raum und dieselbe Geschichte. Katholiken und Kommunisten ließen sich in die Geschichten auf der Leinwand gleichermaßen ziehen. Sie lachten und weinten zusammen, überbrückten die alltäglichen Animositäten und die gegenseitige Ablehnung durch ein kulturelles Ereignis. Durch das kulturelle Ereignis, denn mehr Kulturbetrieb bot das Dorf nicht an. Das Kino bedeutete Zusammenhalt.
Analoge Treffpunkte
Toto wird in der Nacht der Übermittlung von Alfredos Tod bewusst, dass das Früher, von dem er flüchtete, nicht nur dunkle Seiten aufwies. Es gab etwas, was der Toto der Gegenwart nicht mehr kennt: Gemeinsinn. Ein zentrales Lagerfeuer, das er in Rom nicht hat. Sinnbildlich steht dieser Toto als zweifelnder Kulturkritiker der zeitgenössischen Gesellschaft. Sie mag die Räume geöffnet, Liberalisierungen begünstigt haben. Kussszenen werden nicht mehr aus Filmen geschnitten, alles ist möglich, auch sexuell. Aber sie hat große Vereinsamung begünstigt. In den letzten Jahren weit mehr noch als zu der Zeit, als Cinema Paradiso als Film über die Kraft des Kinos selbst im Kino lief. Der Fortschritt hat den Menschen als soziales Wesen ausgestochen. Er will ihn als Einzelgänger. Als Toto nachts wachliegt und sich zurückerinnert, schläft neben ihn eine Frau, die er nicht an seinen Gedanken teilhaben lässt. Sie fragt auch nicht nach. Er ist zweisam allein. Toto entschließt sich, zur Beerdigung Alfredos in sein Heimatdorf zurückzukehren.
Die zentralen Orte, an denen Gesellschaft möglich und lebbar wird, werden seltener. Essen lässt man sich liefern, das Gastlokal sucht man seltener auf. Man streamt, geht weniger ins Kino. Statt Marktplätze aufzusuchen, sucht man Netzwerke auf. Die Orte, an denen Menschen aufeinandertreffen, die anderer Ansichten sind, werden weniger. In Tornatores Film gibt es einen Ort, an dem Katholiken und Kommunisten zusammenkommen und die politische Realität gemeinsam hinter sich lassen können. Wie würde es heute sein, gäbe es in Italien diesen Dualismus noch? Vielleicht ist auch darin die Zersplitterung der europäischen Gesellschaften zu suchen. Sie richten sich digitale Orte ein und meiden den analogen Raum immer häufiger. Wenn man den Andersdenkenden nicht live sieht, fällt es leichter, ihn zu verachten und zu hassen.
Herkunft ist etwas, das man überwinden muss, um zu werden, was man sein könnte: Das ist eine beliebte Erzählung der Postmoderne. Übersetzt ins Politische drückt man es folgendermaßen aus: Modernisierung heißt Bewegung. Alles soll deswegen mobiler und flexibler werden. Beliebiger ebenfalls. Unverbindlicher. Die Vergangenheit degradiert man zu einem Ort, den man zum Glück hinter sich lassen darf. Die Verluste durch den Fortschritt werden marginalisiert und ins Lächerliche gezogen. Der Nostalgiker gilt daher auch als lebensfremder Träumer, als wenig alltagstauglicher Zeitgenosse.
Eine andere Art von Hölle
Eine Gesellschaft, die demokratisch sein möchte, braucht Orte und Vorstellungen, an denen die Unterschiede überhaupt noch aufeinandertreffen können. Digital ist das weiterhin möglich. Aber analog sind diese Plätze rar gesät. Heute wird in Paralleluniversen gelebt, zentrale Lagerfeuer gibt es nicht mehr. Vor zwei Jahrzehnten endete langsam die Ära der großen Samstagsabendshows. Sie hatten sich überlebt. Aber über Generationen versammelten sich Familien generationsübergreifend vor dem TV-Gerät. Montagmorgens hatten fast alle dasselbe gesehen. Auch wenn man sich in vielen Themen fremd war, gab es doch ein gemeinsames Gesprächsthema. Heute hat das Überangebot an Unterhaltung dafür gesorgt, dass jeder in einem eigenen Unterhaltungskosmos unterwegs sein kann. Es ist schön, dass es ein reichhaltiges Angebot gibt. Aber damit verbunden ist ein Verlust einer gemeinsamen Basis. Lagerfeuer brennen nur noch selten.
Im Cinema Paradiso konnte man sich dem anderen nicht wegfiltern. Er saß zwei Reihen weiter und lachte an der falschen Stelle. Das war lästig, aber auch zwischenmenschlich. Heute reicht es, einmal zu klicken, um den lästigen Anderen nicht mehr aushalten zu müssen. Der Andere ist die Hölle, wie der Existenzialist Sartre es mal nannte. Aber die Vereinzelung, die stattfand, ist deswegen längst kein Himmel. Es ist eine andere Art von Hölle, die das Zusammenleben in Gesellschaften wirklich erschwert. Oder vielleicht auch unmöglich macht. Nostalgie ist also immer auch damit verbunden, die Hölle, die man kannte, mit der neuen Unterwelt zu vergleichen.
Am Ende des Filmes begutachtet Toto das, was Alfredo ihm hinterlassen hat. Eine Filmrolle, auf der sich all jene Küsse und Umarmungen finden, die der Dorfpfarrer Jahrzehnte zuvor aus den Filmen schneiden ließ. Der erwachsene Toto, mittlerweile renommierter Regisseur, sitzt im Dunkeln und sieht sich diese aneinandergereihten Schnipsel an. Er weint um Alfredo und um sich, um die Zeit, der er verloren hat und die Orte, die es nicht mehr gibt. Eine Rückkehr ist nicht möglich. Toto konnte in das Dorf zurückkehren, aber nicht in die Zeit, die ihm jetzt fehlt, die erklärt, wer er ist und was er wurde. Das Kino wird schließlich gesprengt. Das versammelte Dorf, Männer und Frauen, die Toto früher als Kinobesucher kannte, stehen davor und sehen dabei zu. Der Fortschritt braucht Bauland, ein neues Grundstück. Was war, ist verloren. Es bleibt nur, sich daran zu erinnern.
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Ich kann mich gut an den Film erinnern, ich habe e HT geheult, weil das so berührend war. Obwohl ich nie dies so erlebt habe. Für mich war Kino eben ein Ort, wo man bestenfalls in Gruppen hinging. Aber ich habe diese Art von Hemeinsamkeit dort erlebt, wo ich nur im Urlaub war, in Thüringen, bei meinen Verwandten. Gemeinsame Schlachtenfeste, Zigarren drehen in der Küche, Ferienlager… Dabei komme ich aus dem Westen, also halt nur Urlaubserlebnisse. Aber das fehlt unserer immer mehr vereinzelten Gesellschaft. Diese Gemeinsamkeit. Früher war nicht alles besser, es war anders. Und dieses Anders ist weg. Für immer, dessen bin ich mir sicher. Denn diese Gesellschaft hier will diese Gemeinschaft nicht. Sie will nur vereinzelte Menschen, die man uneingeschränkt manipulieren und lenken kann. Sie will in Grunde nur Konsumroboter.
Um welchen „Cinema Paradiso“ handelt es sich? es gibt davon zwei Verfilmungen (die ich kenne, eventuell noch eine Dritte):
Beide mit Philippe Noiret, „Cinema Paradiso“ und „Nuovo Cinema Paradiso“ (ich habe den ital. Director’s cut).
der von Giuseppe Tornatore: Cinema Paradiso- den habe ich dreimal gesehen, die Aufnahme wo er die Filmvorführung auf die Fassade eines Hauses am Dorfplatz richtet damit alle mal kostenlos den Film sehen können… das ist heute unvorstellbar.
Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, fällt mir da immer wieder ein, wenn ich diese Zeilen lese.