Netflix sehen und sterben

Paar guckt Netflix, schaut aber nicht hin.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Es gibt jetzt Filme, die sind nicht zum Anschauen gemacht. Wie Streaming das Wesen des Filmes verändert.

Zum dritten Mal wiederholt ein Protagonist in einer neuen Produktion eines großen Streamingdienstes, was sich vorher gut sichtbar für den Zuschauer ereignete. Immer wieder kreisen die Geschehnisse im Verlauf des Filmes um einen Gegenstand, der nun schon mehrfach angesprochen wurde. Halten Netflix, Amazon Prime und wie sie alle heißen ihr Publikum für dumm? Nicht direkt. Denn die Streamingdienste revolutionieren gerade die Art, wie Filme gemacht werden. Sie fokussieren sich auf Produktionen, die für ein Publikum gemacht werden, das gar nicht richtig hinschaut.

Beiläufiges Schauen

Matt Damon und Ben Affleck sprachen nach ihrer letzten Netflix-Produktion The Rip sehr offen an, was sich viele schon dachten. Streamingdienste lassen Filme auf eine Weise produzieren, die für Zuschauer gedacht ist, die Filme nicht mehr aus cineastischen Gründen betrachten oder die sich einfach nur für zwei Stunden aus ihrer Wirklichkeit verabschieden wollen, um in ein Abenteuer abzutauchen. Sie wollen das Publikum im Stream halten, das nebenher noch Instagram-Reels guckt oder TikTok-Video anschaut. Würde man einen Film nach klassischer Methode drehen, kämen diese Leute nicht mehr mit. Und es sind wohl eine Menge Konsumenten, die parallel in verschiedenen Medienangeboten feststecken.

Casual Viewing heißt das neue Stichwort. Beiläufiges Schauen. Fragt man bei den Streamingkonzernen an, sprechen sie von Zuschauerorientierung oder Nutzererlebnis. Für die Filmschaffenden von Regisseuren; Drehbuchautoren, Kameraleute bis hin zu Schnittmeistern, bedeutet diese neue Art Filme zu machen, dass auch sie sich dem neuen Modus anpassen müssen. Viel künstlerische Freiheit bleibt da nicht, der Algorithmus gibt vor, was gerade noch künstlerisch zugelassen werden kann, ohne am Publikum zu scheitern.

So sind die Streamingdienste zu der Erkenntnis gelangt, dass man die Zuschauer nicht mehr lange auf einen Höhepunkt zulaufen lassen kann. Mittlerweile kommt es häufig vor, dass das filmische Highlight gleich anfangs platziert wird, um dann eine Begleitgeschichte um dieses Ereignis zu stricken. Würde man heute Titanic nochmals verfilmen, ginge das Schiff schon in den ersten fünf Minuten unter. Dabei würde man den Untergang aus verschiedenen Perspektiven drehen und dasselbe Ereignis nur aus einem anderen Blickwinkel immer wieder zeigen. Mitten im Film bekäme der Zuschauer immer wieder Sequenzen des Unterganges gezeigt, eingebettet in einer gestrafften Vorgeschichte. Außerdem hätte ständig wieder jemand vom Untergang gesprochen und beschrieben, was geschehen ist. Das soll die Zuschauer, die mit dem Display ihres Mobiltelefons beschäftigt sind, bei der Geschichte halten.

Die Wiederholung von Informationen ist ein zentraler Punkt des Casual Viewing. Beispiel: Ein Paar auf einem Paris-Ausflug öffnet das Fenster der kleinen Pension im Dachgeschoss und sie schreit entzückt auf, dass dieser Blick über das sommerliche Paris einfach herrlich sei. Die Kamera hält drauf und zeigt das, was die Frau ausschreit. Da sich alle Produktionen an ein internationales Publikum richten, versuchen die Streamingdienste auch, das lokale Flair aus Produktionen zu tilgen. Südkoreanische Filmmacher haben das schon lange für sich entdeckt. Ihre Filme wirken seit langem so, als sei Südkorea ein amerikanischer Bundesstaat. Die handelnden Personen sind international adaptierbar, nationale Eigenheiten werden unterlassen. Daher wirken internationale Produktionen mittlerweile beliebig.

Mit ein Grund für den Qualitätsverlust

Längst bekannt ist, dass die Streamingdienste kundenspezifische Trailer für neue Produktionen anbieten. Der Algorithmus ordnet die Zuschauer in verschiedene Kategorien. Je nachdem wo der Kunde landet, setzt man ihn einen auf ihn zugeschnittenen Trailer für eine Neuproduktion vor. Außerdem werden Produktionen für das Streamen greller ausgeleuchtet, um es für Displays besser darstellbar zu machen. Auf kleinen Geräten kommen größere Close-ups, Frontaufnahmen des Darstellergesichtes, besser an. Also findet man auch von diesen Einstellungen mehr in neuen Film als zuvor. Außerdem meidet man dunkle Szenerien, weil die beim HDR-Streaming schlechter erkennbar waren.

Um den Zuschauer, der nebenbei mit anderen Dingen betraut ist, nicht zu überfordern, bieten Streamingdienste nur sehr ungerne Produktionen an, die einem Mischgenre entspringen. Klare Genreabgrenzungen sind die Folge. Und damit auch Langeweile und Qualitätsverluste.

Die Reduktion auf klar vermarktbare Genres folgt keiner ästhetischen Überzeugung, sondern einer statistischen Logik. Der Algorithmus liebt Eindeutigkeit. Er arbeitet mit Schubladen. Eine romantische Komödie mit politischem Subtext irritiert das Empfehlungssystem und verwirrt so das Publikum. Filme wie Pulp Fiction oder Apocalypto würden von Netflix, Amazon Prime und Co. nicht finanziert. Also stampft man die Ambivalenz ein und setzt auf Eindeutigkeit. Produktionen gleichen sich folglich an, weil sie in Kategorien passen müssen. Die Gefahr, dass ein Werk schwer einzuordnen ist, gilt als wirtschaftliches Risiko. So entsteht eine kalkulierte Vorhersehbarkeit, in der Überraschungen und künstlerische Freiheit immer öfter als Störfaktor angesehen werden.

Streaming ist eben kein Kino

Das Kino war vor allem stets ein sozialer Raum. Man verabredete sich, ging to the movies, unterhielt sich vorher, aß vielleicht was. Dann setzte man sich in den dunklen Saal, schwieg und glotzte, war aber nicht alleine, sondern im stillen Betrachten vereint. Beherztes Lachen während einer Komödie in einem vollen Kinosaal war ein einzigartiges Erlebnis. Der Kinobesuch war ein Moment des bewussten Schweigens und Abtauchens. Gute Filme saugten ihr Publikum auf und spuckten es mit dem Abspann wieder aus. Als Streaming nach Deutschland kam, sprach man vom neuen Heimkino. Aber die Aufmerksamkeit schwand schnell. Plötzlich schaltete man Netflix ein wie das Radio. Statt Musik ließ man sich mit dem Content des Dienstes berieseln. Streaming ist kein Ereignis mehr.

Eine bewusste Hinwendung gibt es nicht mehr. Viele Nutzer berichten, dass sie mehr Zeit mit der Suche nach Inhalten verbringen, statt diese Inhalte zu schauen. Das Kino versprach nur eine kleine Auswahl, ging man in einen Film, lieferte man sich aus. Dort etablierte sich im Laufe von Jahrzehnten eine sorgfältige Bildkomposition, man setzte Licht und Schatten ein, der Tonschnitt wurde verbessert und zu einem Kinoerlebnis. Streaming ist ein ästhetischer Rückschritt. Der Mut zur visuellen Komplexität, den das Kino aufbrachte, ist beim Streamen so klein und beschränkt wie das Display, für das es gemacht ist.

Schließlich verschiebt Streaming auch das Zeitgefühl. Im Kino ist der Film abgeschlossen, wenn der Abspann läuft. Zu Hause startet die nächste Episode oder der nächste Film automatisch. Wie oft saß man im Kino, der Abspann lief und man konnte sich nicht lösen, blieb verstört, berührt oder verängstigt zurück? Netflix und Co. lassen das nicht zu. Immer wartet schon der nächste Film, der Abspann wird abgebrochen, damit ein neuer Content starten kann. Das ist auch respektlos gegenüber denen, die den Film herstellten und nun im Abspann genannt werden. Streaming verändert die Art wie Filme gemacht und angesehen werden. Manchmal spürt man das bereits im Kino, wo der Streaming Chic auch schon zu bewundern ist. Netflix, Amazon Prime und wie sie alle heißen, sind dabei die Filmbranche zu einem Einheitsbrei zu formen. Im Moment streiken die Synchronsprecher, weil Netflix per Vertrag sicherstellen will, dass die Stimmen der Synchronsprecher zum Training einer Synchronisierungs-KI verwendet werden dürfen. Bald schon klingt der Einheitsbrei dann auch noch wie aus einem Guss.

Henryk Gondorff

Henryk Gondorff
Cineast der ersten und letzten Stunde. Viel gesehen und viel sehr schnell wieder vergessen. Wer wissen will woran eine Gesellschaft krankt, geht in deren Kinos. Dort erhält man die Diagnose.
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31 Kommentare

  1. Wer seine Lebenszeit mit dieser Art Müll verplempert, muss sich nicht wundern das wenig aufregendes noch in seinem Leben geschieht ..
    Ich muss immer feixen wenn Anbieter dieser Art DRM Mechenismen so rigeros durchsetzten , Linux zb kein HD , weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, das jemand solch Geistigen Dünnschi*** sich kopieren möchte o(
    Neu ist das aber nicht, lediglich Konkurenz zu RTL & Co ..
    Kannte eine DKP Frau die mit Begeisterung RTL & Co sich jeden Tag rein zog. Auf meine Anfrage hin, wie sich das mit höheren intellektuellen Ansprüchen vereinbaren lässt kam spontan die Antwort Sie “ Ich bin ideologisch gefestigt“
    Das aber die Menschen um Sie herum diese Scheißen sich damit jeden Tag reinziehen mussten, was nur über Eigentumsrecht Sie umsetzten konnte die weniger ideologisch gefestigt waren, hatte Sie keine Bedeutung ..
    das zum Thema Ideologie und Intellekt ..

  2. Was mir am meisten bei diesen Streamingdiensten gefällt, sind Preiserhöhungen und Leistungsreduzierungen. Schöner kann man dem dummen Abo-Nutzvieh gar nicht ins Gesicht spucken.
    Gleiches gilt für die Unsitte der „subscriptions“, bei etlichen Apps bzw. Programmen. Aktuelle Grüsse an 1Password-Nutzer: fast 40% mehr in Europa.

  3. …und nun noch das hier in den „Qualitätsmedien“ obwohl Frau Merkel nicht anwesend war 🙂
    Ist das die Qualitätsoffensive bei ARD und ZDF für 8 Milliarden Euro?
    https://www.berliner-zeitung.de/news/ard-muss-beitrag-zum-cdu-parteitag-korrigieren-klatschende-merkel-nach-wahl-von-merz-li.10020694

    Baerbock: Grönland gehört zur EU, da wird es selbst dem Mainstream-Spiegel schummerig.
    Strack-Zimmermann toppt Baerbock noch, sie soll bei Servus-TV gesagt haben: „Putin hat hunderte Millionen Menschen beseitigt“ und „Die Ukraine versorgt 80 Milliarden Menschen mit Lebensmitteln“
    Leider kann ich nicht sehen ob das stimmt, bekomme kein Servus-TV

    1. Die meisten Servus TV Sendungen kann man auch ueber deren Mediathek anschauen…
      Die Dinge hat Strack wirklich gesag, BTW. Natuerlich ignoriert von den „Faktencheckern“

  4. Ja, so ähnlich hatte ich mir das schon vorgestellt – mangels auch nur einer Minute des Konsums.
    Die Rückschlüsse auf Publikum und Konsumenten stimmen mit dem was man sonst so beobachtet überein:
    Der intellektuelle Niedergang ist transatlantisch, betrifft breite Gesellschaftsschichten und ist in vollem Gange.

  5. Ich lebe scheinbar noch in der Steinzeit, denn derartige Dienste habe ich noch nie in Anspruch genommen. Ich weiß deshalb nicht mal, wovon der gute Mann da überhaupt redet. Ich denke, ich komme auch weiterhin mit dieser „Bildungslücke“ gut durchs Leben.
    Zumindest lasse ich es drauf ankommen.

      1. Game of Thrones.

        Mit dem logischen Serienende wie es war.

        Was mich damals schockiert hat: Die negativen Kritiken zu dem Schluß der Serie. Sprich, die meisten „Fans“ und „Jubler“ haben gar nicht kapiert WAS sie da gesehen haben und „WEM“ sie da zugejubelt haben. Obwohl sehr deutlich wurde , wie sich Faschismus aufbaut, und auch welcher Faschismus (unter der verführerischen Maske „des Guten + Schönen“) dargestellt wurde. Für mich eine Meisterleistung !

  6. Und da wundern sich manche Menschen noch über die erschreckende Zunahme von „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)“ in unserer modernen Zeit dank Netflix, Smartphone & Co. ?!?!

    Danke für den sehr aufschlußreichen Artikel 😉

    Gruß
    Bernie

    1. @Bernie
      Die anderen Sender verbreiten doch auch nur Mist, siehe Dschungelcamp , Kochsendungen in Masse, der Tatort als Propagandamedium gegen die „pösen“ Russen, usw., usf..
      Jeden Morgen noch die Bildzeitung die unser Bäcker als Rentnerporno bezeichnet, dann ist der Tag in DE perfect
      So ,das war jetzt etwas zum Rentnerfernsehen und so

      Die Jugend wandert zu TikTok ab, ob das besser oder schlechter ist kann ich nicht sagen.

      1. @Otto0815

        Stimme Ihnen in beinahe allem zu, aber im Artikel von Herrn Henryk Gondorff geht es um etwas was jeder kennt, der sich mit der Diagnose ADHS auch nur ansatzweise beschäftigt hat, oder gar selber die Diagnose ADHS gestellt bekommen hat.

        Im übrigen gibt es mittlerweile auch die Diagnose „ADHS für Erwachsene“ – nur um das zu erklären.

        Nix nur Kinder, und Jugendliche mit ADHS. Das ist schon lange her.

        Ergänzend gibt es nun eben seit einigen Jahren „die ADHS für Erwachsene Diagnose“ hinzu.

        Tja, wie bereits erwähnt beim Durchlesen des Artikels von Herrn Henryk Gondorff ist dies mir ja jetzt viel weniger verwunderlich als zuvor. ☺️😉

        Mitleser streiche das „H“ bei ADHS und die Sache lässt sich beinahe 1:1 auf die erwähnte Artikelaussagen von Herrn Henryk Gondorff übertragen ☺️😉

        Gruß
        Bernie

  7. Danke. Interessanter Beitrag.
    Nutze selber keine „Streamingdienste“, auch kein digitales Überwachungs- und Kontrollinstrument („Smartphones“).
    Schaue aber gerne mal eine gute Serie von Netflix und Co.

    1. Wie Sie diesen Spagat zwischen »Nutze selber keine „Streamingdienste“« und »Schaue aber gerne mal eine gute Serie von Netflix und Co.« hinbekommen, erzählen Sie aber lieber nicht, dann wären Sie ein Tor… 😉

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      Btw. ist das OS von Murena ziemlich hilfreich gegen Schnüffelei.

  8. Das ist aber eine ziemlich einseitige Betrachtungsweise von Netflix & Co.
    Wirklich gute Serien mit stroy arc wie True Detectiv (Staffel 1) oder Breaking Bad wurden von Streming Diensten produziert.
    Streaming bietet auch die Möglichkeit zum genauen Gegenteil zu dem im Artikel beschriebenen, nämlich für komplexe Handlungen mit character development der Figuren.

  9. Serien
    Immer noch Fantasy: * Game of Thrones * allein schon, weil es in diesem Genre sowieso nichts vergleichbares gibt.
    Sci-Fi : * The Expanse * damals noch von Fefe empfohlen. viele interessante politische Fraktionen und Protagonisten mit den unterschiedlichsten Intentionen, mehrere gleichzeitige Handlungsstränge, die sich über die gesamte Serie 6 Staffeln hinzieht.
    Ich hab´s nicht bereut und sogar ganz außergewöhnlich für mich, selbst auch die Bücher dazu gelesen.
    Wenn ihr mal was deutsches, komplexes und intellektuell Anspruchsvolles sehen wollt und nichts für nebenbei dann empfehle ich euch * Dark *.
    Und ganz aktuell schaue ich das hier: * The Beauty * very strange, surreal, verstörend und so wunderschön schräg, ganz wie ich es mag.
    Film
    Gerade erst * Bugonia * einfach herrlich, auch schön schräg mit einem völlig unerwartetem Ende.
    So wie * Poor Things * vom selben Regisseur ein Meisterwerk… einfach anschauen… ✌

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