Lanz‘ heißer Stuhl

YouTube-Screenshot, »Explosiv – Der heiße Stuhl«

Eine Talkshow, in der sich alle, Gäste wie Moderator, gegen einen anderen Gast richten: Das hat es vor jener »Markus Lanz«-Ausgabe vom 2. Juni 2022 noch nicht gegeben? Doch, hat es. Und der ZDF-Moderator stammt aus jenem Stall, wo ein solches Konfrontationsformat entstand.

Kurz bevor Lanz bei RTL anfing, wurde dort eine heute fast legendäre Talkshow eingestellt, die dem heutigen Sendeformat, das seinen Namen trägt, gar nicht so unähnlich war. Wie jenes aktuelle ZDF-Format war die Sendung seinerzeit nicht rein politisch gebunden, widmete sich auch gesellschaftlichen Themen – und lebte in erster Linie vom regelmäßigen Eklat.

Der damalige Moderator hat sichtlich auf Lanz abgefärbt. Sein ganzer Stil ist von diesem Großmeister der Provo-Moderation geprägt. Er hat Lanz offensichtlich geprägt und war scheinbar – und etwas übertrieben gesagt – so eine Art Mentor für ihn. Olaf Kracht hieß der Mann und seine Sendung wurde als »Explosiv – Der heiße Stuhl« bekannt.

Studiogast seiner eigenen Sendung

Tatsächlich erinnert Lanz‘ Frage- und überhaupt sein gesamter Moderationsstil erstaunlich an jenen Herrn Kracht. Auch dann, wenn er nicht gerade unliebsame Studiogäste penetriert. Das strikte Dazwischenreden ist auch dann der Fall, wenn er nicht »auf Touren kommt«. Zwischenfragen, bevor der Sprechende fertig ist mit seinen Ausführungen, müssen jene Gäste, mit denen er die Meinung nicht teilt, immer wieder ertragen. Das gehört zu seinem Stil.

Ebenso der Umstand, die Rolle als Moderator zu verlassen, um wie seine Gäste agieren zu können. Sich gewissermaßen zum Studiogast seiner eigenen Sendung zu verwandeln: Das ist gelebte »Heiße Stuhl«-Renaissance.

Was Olaf Kracht zwischen 1989 und 1994 sich da leistete, war ja keine Moderation. Nicht im klassischen und auch nicht im modernen Sinne. Denn moderat, zwischen Gesprächsteilnehmern vermittelnd also, trat er nicht auf. Sein Ziel war es, die Diskussion immer wieder auf die Spitze zu treiben, Streit zu entfachen und »es laut werden zu lassen«. Der Erkenntnisgewinn war dabei eher zweitranging. Primär ging es darum, dass sich die Teilnehmer fetzten und dass das Publikum an den Bildschirmen in eine emotionale Achterbahnfahrt aus Wut, Spott und Überlegenheitsgefühl geriet. Und wenn am Folgetag auch noch die Bildzeitung davon berichtete, waren alle Ziele erreicht.

Confrontainment: Spotten, abwerten, Wort abschneiden

Um das Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu generieren, musste der Leiter der Sendung auch Mittel anwenden, die eben nicht im Sinne einer so genannten Moderation anzusehen sind. Der Medienwissenschaftler Michael Klemm wies in einer Arbeit über »Der heiße Stuhl« und »Einspruch!« (Anm.: Eine weitere RTL-Sendung von dieser Krawall-Güte) darauf hin, dass die Strategie der Moderatoren darauf abziele, das »Image des Gastes anzugreifen […] Indem er über dessen Arbeit spottet […] und sie abwertet […], dessen Glaubwürdigkeit und Integrität anzweifelt.«

Klemm sieht diese »positive Selbstdarstellung des Moderators« als wesentlichen Bestandteil jenes Konzeptes an, das man als Confrontainment bezeichnen könnte. Kracht hat in seiner Sendung unterschwellig und »stets in ironischem Ton« angedeutet, dass bestimmte Gäste in ihrem Lebenswandel unsolide seien. Das erreichte er mit provokanten Zwischenrufen und Unterbrechungen – und damit, den Gesprächspartner gar nicht richtig argumentieren zu lassen. Kracht sah sich als Provokateur, der die Diskussion als eine Art advocatus diaboli führe und so den Streit nähre.

Man hätte sich das neulich ausgestrahlte »Gespräch« zwischen Markus Lanz, Ulrike Guérot, Frederik Pleitgen und Marie-Agnes Strack-Zimmermann auch in die Szenerie von »Der heiße Stuhl« vorstellen können. Lanz als Kracht, Guérot als Person auf dem Stuhl – und beiden anderen als aggressive Anheizer. Einen Einzelkämpfer gegen eine Phalanx aus gleichdenkenden Gästen zu stellen: Laut Albrecht Müller ist das ohnehin eine der bewährtesten Methoden der Manipulation. Und zwar schon dann, wenn man diesen Kniff nicht im brüllenden Modus anwendet.

Das waren die Neunziger, Baby!

Spekulieren wir doch mal darüber, wie gierig der junge Lanz ins Fernsehen wollte und wie er sich bei den Trendsettern jener Dekade abschaute, wie man polarisiert und wie man »neu und modern talkt«. Das musste man können, wollte man für das private TV interessant sein. Dieser unflätige und freche »Moderationsstil«, der ins Wort fiel und seine Gäste lächerlich machte, der spekulative Behauptungen aufstellte und die Zornesröte in den Gesichtern der Gesprächsteilnehmer als höchste Auszeichnung für sich in Anspruch nahm und der seine vollendete Perversion in »Der heiße Stuhl« gefunden hatte, beeinflusste Lanz mit ziemlicher Offensichtlichkeit.

Wer es zu was bringen wollte – zumal bei RTL -, der musste frech und arrogant sein, durfte nicht an all den überkommenen Anstandsregeln im zwischenmenschlichen Dialog kranken. Förderlicher war da ein ausgeprägter Narzissmus, den man mit unverschämter Überheblichkeit paaren können sollte. Das waren schließlich die Neunziger, Baby! Da war man wer, wenn man sich nur so benahm, als ob man wer war. Es war schließlich geil ein Arschloch zu sein, wie am Ausgang des Jahrzehnts dann auch ein Reality-Sternchen sprechsang. Mit dieser Attitüde kam man ins Fernsehen. Man kalkulierte den zwischenmenschlichen Tabubruch.

Wie gesagt, das ist freilich alles nur Spekulation. Aber wenn jeder Kind seiner Zeit ist, geprägt wird durch die Medienwelt seiner frühen Sozialisationsphase, so gilt das eben auch für den heutigen ZDF-Frontkämpfer.

Ein Krawallmacher alter RTL-Schule

Lanz steckt so gesehen immer noch in dieser Krawallkultur der Neunzigerjahre fest, für die RTL von jeher eine Art rot-gelb-blaues Konservenglas war. Er pflegt einen Stil, der dem Zeitgeist entstammt, in dem er noch ein Twen war. Ja, er ist ein Confrontainer alter Schule. Natürlich nicht mehr ganz so direkt und durchschaubar wie die Meister der Gilde damals. Heute tarnt man diesen Stil in journalistischen Formaten – etwas, was man damals der RTL-Sendung nie und nimmer zusprach. Aber wie damals sind Gesprächsteilnehmer wieder als Rüpel eingeplant, die man aus Gründen höheren Anspruches als Experten vorstellt.

Als Lanz bei RTL anheuerte, so viel Ehrlichkeit muss schon sein, war Krachts Format schon wieder aus dem Programm verschwunden. Aber dieser Stil aus ruppigen Zynismus, provokanter Arroganz und yuppiesken Zügen hat das Klima (und das Ansehen) jenes Senders auf viele Jahre geprägt.

Als Markus Lanz beim ZDF landete, da geriet auch »Der heiße Stuhl «und sein Vermächtnis, diese vermeintliche Moderation auf Grundlage der Provokation und Eskalation, in den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ein Versehen sind die Pranger, die uns dieser Markus Lanz da als Talkshow andrehen will, allerdings nicht. Eher ein Bekenntnis zu einer Diskussionsunkultur, die er sich seinerzeit abgeschaut hat. Der Mann steckt noch immer in den ach so coolen und fetzigen Neunzigern fest, in denen man über alles laut und krachend talken wollte. Man könnte sagen: Er ist ein Ewiggestriger.

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5 Kommentare

  1. Mit Vernunft kommt kaum einer mehr zur Vernunft – denn vergessen ist das, was der 17. Juni 1953 noch war.

    Damit sowas nicht wieder passiert wurde u.a. der Artikel 5 des Grundgesetzes schon mal für obsolet eingestuft.
    Falls das Volk trotzdem doch aufsässig werden sollte, wird vorsorglich bis zum 1. Oktober das sgn. territoriale Führungskommando der Bundeswehr für Inlandseinsätze mit allem Drum und Dran komplett aufgestellt sein.

    Es werden heute keine T34 mehr benötigt, sondern nur eine genügende Menge von den gepanzerten Wildkatzen.

  2. Ja, mir kam das auch schon in den Sinn. Mich verwundert das Lanz ist in seinem Podcast mit Precht so verständnisvoll und intelligent ist. Gar nicht mal so 100 % transatlantisch und sagen wir mal Mainstream.

    Aus diesem Kontrast zu seinem Wesen habe ich drei Thesen entwickelt:

    1. Entweder macht er das, wie im Artikel beschrieben, aus reinem Entertainment. Er weiß, was uns aufregt und polarisiert. Mit Absicht treibt er die Themen auf die Spitze. Aber mit den Mitteln von 2022. Was in den 90ern noch recht holzschnittartig präsentiert werden musste, braucht diese vereinfachte Darstellung heute nicht mehr. Und trotzdem funktionieren die Talks nach einem ähnlichen Prinzip.

    2. Oder Marcus Lanz ist in Wirklichkeit eigentlich ein U-Boot, ein Kriegsgegner, ein Corona-Kritiker. Weiß aber über das empörte und biss-hafte Narrativ. Er lädt Frau Wagenknecht, Alice Sophie etc. ein. Und bietet deren Positionen eine Bühne. Viele Menschen leben heutzutage in ihrer Blase und schalten sofort auf Durchzug, wenn ihnen jemand widerspricht. Nur mithilfe des „Heißen Stuhls“ hören sich diese Leute überhaupt noch andere Positionen an. Und auch wenn Lanz und Co. kräftig Kontra geben, bleibt trotzdem etwas hängen.

    3. Es könnte aber auch sein, dass Lanz die Position des demokratischen Inquisitors einnimmt. „Ja, wir dürfen alles sagen, aber dann müssen wir auch mit Gegenwind rechnen“. Eine Meinung wird über alle Medien gesetzt und dann nach einer gewissen Zeit kommen Gegenstimmen auf bzw. sie werden zugelassen. Aber eigentlich nur, um der Öffentlichkeit zu zeigen, was die Mehrheitsmeinung und was die Minderheitsmeinung ist. Seine Sendung veranschaulicht dieses Missverhältnis und ist einer der Mittel in unserem „Diskussionsraum“.

  3. Ich habe die Sendung 3 Min. geschaut, bin von diesem Format im alg. nicht so angetan. Nach den 3 Minuten, habe ich für mich gedacht: Es ist kein Wunder, wie es in unserem Land aussieht, wenn solche Dinge in den öffentlichen abgespielt werden, es war schon während der Seuche so, das eigentlich nur Gäste zugegen waren, immer die gleichen, durchgetauscht von Will, Maischberger und Lanz, die keinesfalls irgendetwas konstruktives vermeldeten, es wurde meistens nur Dinge kritisiert. Nun bei Lanz am 2.6. war es der Hammer, Strack-Zimmermann (Wahlkreis im Rheinmetall Headquarter Gebiet)“ Gehen Sie doch mal Abends in Park“ was schon die Qualität spiegelt (unserer Abgeordneten) und dann Lanz, wirklich kein Benimm, Anstand oder sonstige Achtung gegenüber der Dame mit der, noch nichtmal anderen Meinung, aber eben Gedanken die über das was uns geboten wird, hinausgingen, so niedergesabbelt. Erbärmliches Format

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