Vom guten Leben

Picknick in den Dreißigerjahren.
Willem van de Poll, CC0, via Wikimedia Commons

Warum wir nicht aus der Spirale des »Immer Mehr« herausfinden – warum wir es aber sollten.

Verzicht, daran kann kein Zweifel bestehen, ist das Gebot der Stunde. »Immer weniger«, so scheint es, lautet die Devise nicht nur unserer, sondern auch kommender Tage. Das gibt uns die Politik seit Wochen und Monaten zu verstehen. Verzichten gilt nicht nur als Notmaßnahme gegen die Energiekrise, es steht sogar moralisch hoch im Kurs, denn es darf als selbstlose Maßnahme gegen den Klimawandel und sozusagen als patriotischer Akt gewertet werden im Kampf gegen Putin.

Innovativer Senf: Ein Klimaretter?

Ungeklärt ist dabei die Frage, wie eine Gesellschaft verzichten, mit immer weniger auskommen soll, die seit Generationen nur ein »immer mehr« gekannt hat, die persönliche Zufriedenheit und Erfolg mit materiellem Reichtum gleichsetzt, die zum Verschwenden erzogen worden ist und in der die Erinnerung an die Entbehrungen und praktischen kleinen Lösungen der Nachkriegszeit längst verweht ist? Eine Gesellschaft, der jedes Referenzmodell für ein weniger ressourcenzerstörendes Leben abhandengekommen ist, die, mit anderen Worten, nichts Anderes kann als Wohlstand?

Man sieht es ja an den ersten Reaktionen auf die Krise. Die Autobahnen in diesem Sommer waren voll wie eh und je, die Urlaubshotels ebenso. El País in Spanien meldet: »Mallorca kann nicht mehr«. Die Menschen tun, was sie immer getan haben: Sie kaufen. Geschäftemacher haben das längst erkannt, wie man aus den Massen nutzlosen Tands ablesen kann, der einem täglich in der Instagram-Timeline und in Google-Ads feilgeboten wird. Wem es an Zuversicht mangelt, bucht einen Mutmacher-Workshop oder sieht sich auf Focus Online Bastelanleitungen für Teelichtöfen an. Wer sich als Klimaretter fühlen will, kauft eine innovative Senfsorte, die auf der Packung verspricht, dass sie klimaneutral hergestellt sei, was auch immer das heißen soll. Wer Gas sparen will, greift zu Patent-Heizlüftern zum Einstöpseln in die Steckdose, kauft Stofftiere zum Erwärmen in der Mikrowelle oder nutzlose Notstromversorgungen, die hübsch trendig aussehen. Zeugs, dessen Herstellung und Verteilung nur den Energieverbrauch weiter in die Höhe treibt und die Armen ärmer macht, weil sie kaufen, auf was sie besser verzichtet hätten.

Protest gegen sich selbst

Krise ist eben ein Konjunkturmotor, sie treibt zu höherer Produktivität an, was ja auch gegen das Frieren helfen könnte. Wir glauben auch in der Krise hingebungsvoll an die grüne Lüge, wonach wir nicht weniger, sondern nur anders einkaufen sollen, dann werde alles gut. Verzicht üben allenfalls die, die es müssen; die anderen fliegen dann eben über sie im Winter hinweg in wärmere Regionen und verbrauchen dabei ein Vielfaches der Energie, als die unten jemals durch den Verzicht aufs Heizen einsparen könnten.

Dies alles überrascht nicht weiter, denn es folgt der marktwirtschaftlichen Logik, die seit jeher lautet: Du hast ein Problem? Dann brauchst Du ein Produkt! Den Grund, warum wir dieser Logik folgen, hat einer der letzten lebenden Kapitalismuskritiker, der Philosoph Slavoj Žižek, mal so formuliert, als er über den Kapitalismus schrieb: »Der irre Tanz seiner bedingungslosen Produktivitätsspirale ist letztlich nichts anderes als eine verzweifelte Flucht nach vorn, um dem lähmenden inhärenten Widerspruch zu entkommen.« Soll heißen: Jeder Kauf verstärkt zwar das Gefühl, irgendwie in der falschen Richtung unterwegs zu sein – das dann mit noch mehr Kaufen beruhigt werden soll. In der Psychologie spricht man bei solch ambivalentem Verhalten von einer Dissonanz, die als schwer auszuhalten gilt und Psychiatern und Therapeuten viel Arbeit macht – derzeit mehr denn je.

Selbst einer der eifrigsten Verteidiger des Neoliberalismus, Francis Fukuyama, hat kürzlich zugegeben, der Kapitalismus habe es möglicherweise etwas übertrieben nach seinem großen Sieg 1989. Die Geschichte war damals jedenfalls nicht zu Ende, anders als von Fukuyama behauptet, man hat derzeit eher den Eindruck, es wird Geschichte gemacht wie lange nicht. Verklungen sind längst die letzten großen Proteste gegen die Exzesse des Kapitalismus, die Mitte der Zehnerjahre stattfanden. Das mag unter anderem daran liegen, dass dieser von den Menschen längst als systemisch betrachtet werde, wie Žižek schrieb, man könnte auch sagen: als alternativlos. Und wo sollten Kinder auch das Protestieren gelernt haben, die bereits als Kaufhauskunden zur Welt gekommen seien, wie der spanische Romancier Rafael Chirbes mal sarkastisch anmerkte. Wer heute gegen den Kapitalismus protestiert, protestiert genau genommen gegen sich selbst.

Arbeit und Produktivität statt Gott

Subjekt- und Objektebene überlagern sich, der alte Gegensatz ausgebeutete Klassen gegen Schlotbarone existiert nicht mehr. Wir produzieren und vertreiben unaufhaltsam und in »einsichtiger Hinnahme der Marktgesetze«, wie es Michel Houellebecq ironisch ausdrückte, jeder von uns ist selbst Teil der nie stillstehenden Vermehrungsmaschine, deren Auswüchse wir beklagen. »Der Ausbeutende ist gleichzeitig der Ausgebeutete«, schrieb der deutsch-koreanische Soziologe Byung Chul-Han, »Täter und Opfer sind nicht mehr unterscheidbar.«

Aber ist die Lehre des »Immer mehr« wirklich so alternativlos, gehört kapitalistische Gier zum Menschen dazu, wie die neoliberalen Think Tanks der Ära Thatcher/Reagan behaupteten? Historisch gesehen eigentlich nicht. Das Gebot der maßlosen Anhäufung ist in dieser Form – genau wie der Nationalismus – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Die Aufklärung hatte kurz zuvor Gott zu einer Erfindung des Menschen erklärt, der Kapitalismus stellte Arbeit und Produktivität an seine Stelle. Max Weber war es, der behauptete, wir würden deshalb mit so religiöser Inbrunst schuften.

Man muss tief in die Geschichte hinabtauchen, um Modelle zu finden, die beweisen, dass es nicht immer so gewesen ist. Die vorkapitalistischen Stände- und Gildegesellschaften etwa kannten das heutige erbarmungslose Konkurrenzprinzip nicht, man produzierte und arbeitete zunächst nur so viel, wie man zum Leben brauchte. Das »Immer mehr« war noch nicht zum Selbstzweck geworden. Reste dieser Auffassung sind in mediterranen Gesellschaften zu finden. Der Süden setze »dem mechanisierten Denken des Nordens eine poetisch-ganzheitliche Sichtweise entgegen, die die dem Leben innewohnenden Qualitäten stärker betone als der Quantifizierungsanspruch des Nordens«, schrieb der französische Philosoph Edgar Morin in den Nullerjahren. Spätestens seit der Eurokrise gilt dieses Denken in der EU aber als nicht mehr salonfähig.

Gutes Leben vor besserem Leben

Um noch Gesellschaften zu finden, die nicht nach dem linearen Prinzip der zwanghaften Vermehrung von Waren und Dienstleistungen leben, muss man schon hinaufsteigen in die entlegensten Täler der Anden. Dort gilt die Devise sumak kawsay, wonach das »gute Leben« wertvoller sei als das »bessere Leben«. In Ecuador hat sumak kawsay sogar als Staatsziel Verfassungsrang. Es folgt der Vorstellung von einem zirkulären Dasein, in dem alles zu einem Ursprung zurückkehrt, es also nicht viel Sinn macht, stets nach Optimierung zu streben. Konquistadoren, Missionare und Entwicklungshelfer haben seit Jahrhunderten versucht, den Völkern der Quechua und Aymara diese Lebensweise auszutreiben, ohne großen Erfolg. Deshalb gelten diese Regionen als bodenlos rückständig, resignativ und unrettbar verloren für das »normative Projekt des Westens« (Heinrich-August Winkler).

Aber vielleicht können solche renitenten Gesellschaften immerhin als anthropologische Vergleichs-Testgruppe dienen, die beweist: es geht auch anders. Das Prinzip des »Immer mehr« wäre demnach kein Naturgesetz, sondern menschengemacht und einer bestimmten Weltgegend zugeordnet, den Industriestaaten nämlich, die seit zweihundert Jahren den Marschrhythmus der Welt bestimmen und dabei unaufhaltsam auf eine Wand zusteuern, wie wir wissen.

Was also tun? In andinen Lehmhütten leben? Nun, dort wissen die Menschen immerhin, wie man auf 3.500 Metern Höhe ohne Heizung und fließend Wasser überlebt, könnte man zynisch hinzufügen. Vielleicht aber gibt es ja ein paar Dinge, auf die man leichter verzichten kann als auf warme Füße im Winter. Kurzfristig könnte eine Rückbesinnung auf einen kulturell auch bei uns verankerten Produkt-Konservatismus helfen, den die Nachkriegsgeneration noch beherrschte: Man muss ja nicht gleich die Hemdkragen flicken. Aber vielleicht könnte man auf ein bis zwei Smartphone-Generationen verzichten, weniger streamen, heimische Äpfel statt die aus Neuseeland kaufen. Man könnte das alte, analoge Fahrrad benutzen anstatt als Add-on im Fuhrpark ein E-Bike zu kaufen, das den Stromverbrauch weiter in die Höhe treibt. Man könnte in der Heimat Urlaub machen anstatt wegzufliegen und Wandern gehen anstatt wie der eigene Avatar aufs Smartphone zu starren, wo die perfekte Landschaft simuliert wird, die draußen längst durch Energieerzeugungsmaschinen zugestellt ist. Oder vielleicht sogar die alte Gasheizung reparieren, anstatt pseudo-ökologisch auf Stromheizung umzustellen. Vor allem aber: man könnte darauf verzichten, sich vorzumachen, dass ein Problem, welches durch Maßlosigkeit entstanden ist, sich durch Maßlosigkeit beheben ließe.

Ähnliche Beiträge:

Sei der erste, der diesen Beitrag teilt:

5 Kommentare

  1. Das Luxusauto auf dem Titelbild ist vermutlich schon längst verrostet – genau so wie ein „Eiserner Wille“ zur Bescheidenheit auch sehr rostanfällig ist.

  2. Das Versprechen an die Arbeiter und Angestellte diente doch damals und heute vor allem den Aspekt, dass das dumme Volk nicht auf dumme Gedanken kommt und den Kapitalismus hinterfragt.

    Mal sehen, wie es ohne diesen BlingBling in der nächsten Zeit weiter gehen wird?

    1. So,so…Du bist also einer vom schlauen Volk !?

      Wie es weitergeht ?

      Die Nachfrage nach Bling-Bling ist gesättigt. Alle haben es.
      Die Bling-Bling-Anbieter brechen einen Krieg vom Zaun damit altes Bling-Bling zerstört wird und sie neues Bling-Bling verkaufen können. Krieg kurbelt die Nachfrage an.

      Dumm an diesem Krieg ist, dass die Bling-Bling-Nachfrager auch alle zerstört werden.

      Früher war alles anders.

  3. Immer wieder ein kleines Wunder der Ignoranz, dass Fragen beantwortet werden, die Marx schon viel besser beantwortet hat – bis heute unwiderlegt. Typisches Merkmal dieser Systemkritiker von heute: sie moralisieren, wo es zu analysieren gilt.

    Dabei ist doch schon alles erkannt. Zur Profitoptimierung gehört die Kostensenkung. Eine Methode dafür ist die Massenproduktion. Das braucht aber einen Massenkonsum. „Autos kaufen keine Autos“. Somit ist klar, dass nicht WIR über die Verhältnisse leben, sondern dass Kapitalismus nur leben kann, wenn er maßlos sein kann. Krebswachstum als Gesellschaftskonzept. Aber wer braucht schon Kapitalismus? Doch nur die Kapitalisten. Bist du einer? Na also.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert