Intellektuelle Wüste im NS-Dokumentationszentrum

NS-Dokumentationszentrum München
Burkhard Mücke, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Im Münchner NS-Dokumentationszentrum warnen zwei renommierte Historiker vor dem Untergang der Demokratie. Doch statt historischer Analyse gibt es moralische Selbstvergewisserung und altbekannte Feindbilder. Ein Abend, der mehr über die geistige Verfassung des linksliberalen Milieus verrät als über die Gefahren für die Demokratie.

Ein Westerndorf, mitten in der Wüste. Es mangelt an Nahrung, Wasser, Infrastruktur. In einer letzten Bastion der Zivilisation, aus einigen Bretterbuden bestehend, weht ein heißer Ostwind einen Heuballen durch die Straßen. Der aufgewirbelte Staub verflüchtigt sich ins Nichts. Die Stille, sie drückt. Nichts regt sich.

Diese Szene könnte aus einem Westernfilm mit Clint Eastwood stammen, kurz vor dem großen Showdown. Übertragen wir sie in das Jahr 2026, in intellektuell-politisches Terrain. So erhalten wir eine Vorstellung von der geistigen Ödnis, die hier bisweilen in tonangebenden, sich als gebildet und aufgeklärt dünkenden linksliberalen Milieus herrscht. Wir befinden uns im Vortragssaal des NS-Dokumentationszentrums am Münchner Königsplatz. Auf einer Bühne nehmen zwei freundliche ältere Herren Platz. Moshe Zimmermann, emeritierter Geschichtsprofessor an der Hebräischen Universität Jerusalem, stellt sein jüngstes Buch vor. „People gone mad. Wie die Demokratie sich selbst zerstört“ heißt es. Sein Gesprächspartner ist der Historikerkollege Norbert Frei, Verfasser des Standardwerkes „Der Führerstaat“ (2013). Der Saal ist voll besetzt, etwa 300 Personen dürften anwesend sein. Dem Augenschein nach handelt es sich zumeist um etwas betagtere Abgesandte jenes Juste Milieu, das man mit der „Süddeutschen“ oder der „Zeit“ unter dem Arm auch in den subventionierten Münchner Theatern antrifft.

People statt Volk

Ab der ersten Sekunde der Veranstaltung sah man sich versetzt in eine intellektuelle Einöde, mit Einsprengseln des Grotesken und Absurden, gewissermaßen in eine Melange aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit einem Hauch David Lynch und Samuel Beckett. Dass nicht die gedankliche Herausforderung, sondern vielmehr die Bestätigung des allseits Durchgekauten der Sinn des Abends sein würde, machte bereits die Einleitung der habilitierten Historikerin Mirjam Zadoff, die Leiterin des NS-Dokumentationszentrums, deutlich. Zadoff erwähnte die Demokratiegefährdung, der man sich gegenwärtig ausgesetzt sehe, was das Buch von Zimmermann so wichtig werden lasse. Damit war der Ton des Abends gesetzt, und so mäanderte er in altbekannten Pfaden neunzig Minuten durch die Köpfe der Zuhörer: Die AfD ist eine Gefährdung für Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat, und genau das hören wir heute Abend noch einmal aus berufenem Munde.

Zimmermann und Frei, 1943 und 1955 geboren, trugen zwar nicht den Talar des Professors, aber den „Muff“ brachten sie mit. Freis erste Frage an Zimmermann hatte es in sich: Warum er einen englischen Haupttitel für sein Buch gewählt habe. Man höre und staune: Weil die Übersetzung von „people“ doch das deutsche Wort „Volk“ gewesen wäre. Und „Volk“ erinnere schließlich an den Nationalsozialismus oder sei, so suggerierte Zimmermann, durch die Schreckensherrschaft der Jahre 1933 bis 1945 kontaminiert. Diese englisch-deutsche Wortmagie – „People“ ist ok, aber „Volk“ ist böse – war eine Steilvorlage für Frei, der sogleich das eingeschliffene Muster im Kampf gegen rechts-Bingo auf vorhersehbare Weise fortspann: Zwar stehe auf dem Reichstagsgebäude in Berlin „Dem deutschen Volke“, aber schließlich sei es doch so, dass ein AfD-Funktionär das Wort „völkisch“ hätte rehabilitieren wollen. Man spürte, wie das das Publikum spätestens jetzt in den verführerischen Bann des Altbekannten gezogen wurde. Die Ironie, dass die pauschale Unterstellung des Verrücktseins bereits jenen Keim der Entmenschlichung in sich barg, der dem „Populismus“ als angebliche Vorstufe einer „Zustimmungsdiktatur“ so oft unterstellt wird, schien denn auch nirgendwo an dem Abend auf.

Als intellektuelles Armutszeugnis mutet es an, dass sich zwei Historiker mit einem Verweis auf das „Verrückte“ ausgerechnet dem entzogen, was eigentlich die Aufgabe ihrer Zunft ist: das Verstehen von Akteuren, Prozessen, Konstellationen. Der Verweis auf die „Verrücktheit“, die Zimmermann der nationalistischen Mobilisierung im Frankreich der 1880er Jahre, der Weimarer Republik, der Kommunistenhatz in den USA der 1950er Jahre, der israelischen Politik unter Netanjahu und den USA unter Trump attestierte, fungierte als mentale Generalklausel, um den Populismus als angebliche Vorstufe des Faschismus auch moralisch-politisch unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Ein Impuls zur moralischen Selbstvergewisserung

Historische Trennschärfe? Gott bewahre. Die Frage nach Gründen, Motiven und Ursachen? Wo sie vorkam, wurden sie sogleich zugekleistert von der richtigen Gesinnung. Wird „Verrücktheit“ zum Zentrum eines Erklärungsmodells, so können auch keine „Kipppunkte“ mehr bestimmt werden, solange ungeklärt bleibt, worin das Verrückte eigentlich besteht. Die moralische Wertung, die der Begriff der „Verrücktheit“ beinhaltet, beraubt ihn seines analytischen Potentials. Der wissenschaftliche Anspruch wird der politisch-moralischen Gesinnung geopfert. Und so schwebte über dem Gespräch fortwährend die Annahme, dass die AfD ‚irgendwie‘ in der Nachfolge des NS-Regimes stehe und die Demokratie abschaffen wolle. Auch hier: keine Konkretisierung, kein Beleg, noch nicht einmal ein großer Zitatschlager à la „Denkmal der Schande“ tauchte auf, um dem Vorwurf der Demokratiefeindlichkeit Substanz zu verleihen.

Aus der sozialen Logik des Gesprächs vor gewogenem Publikum heraus war das allerdings konsequent; es handelte sich schließlich nicht um ein Seminar, sondern um einen Impuls zur moralischen Selbstvergewisserung derjenigen, die sich auf der richtigen Seite der Geschichte sehen. Bei der kleinsten Nuancierung wäre sofort die gesamte, sorgsam aufgebaute moralische Überlegenheit kollabiert, die die beiden Historiker und ihr Publikum durchwirkte. Denn wie ist es angesichts der Suggestion, NSDAP und AfD seien wahlverwandt, zu erklären sein, dass die AfD Volksentscheide nach Schweizer Vorbild fordert; dass die AfD im Gegensatz zur NSDAP keine Strategie politisch organisierter Gewalt erkennen lässt; dass die NSDAP einen aggressiven Expansionismus verfolgte, während die AfD auf nationale Souveränität setzt, in der Ukraine-Frage zur Friedens-Fraktion gehört und eine Reform der europäischen Ordnung hin zu einem „Europa der Vaterländer“ anstrebt; dass die AfD mehr Meinungsfreiheit, offene Diskursräume und politisch-mediale Pluralität einfordert, während die NSDAP jene Prinzipien der freiheitlichen Ordnung bekämpfte? Noch weniger hätte man Tobias Rausch, den jüngst gewählten sachsen-anhaltinischen Landtagspräsidenten aus seiner Antrittsrede zitieren können: „Politische Härte in der Sache und persönlicher Respekt schließen sich nicht aus. Man hat manchmal den Eindruck, dass die Gesellschaft und Teile der Repräsentanten verlernt haben, dass man anderer politischer Meinung sein kann und trotzdem normal und fair miteinander umgehen kann.“ Frei und Zimmermann reproduzierten somit auf kleiner Flamme exakt jenes Problem, das sie anprangerten: Die Dämonisierung des politischen Gegners unter Zuhilfenahme einfach gestrickter kognitiver Schablonen.

Die AfD von ihrer angeblichen NS-Nähe zu entlasten, bedeutet freilich nicht, ihre Programmatik der Debatte zu entziehen. Man kann selbstverständlich eine Politik ablehnen, die sich an national-kulturellen Identitätsvorstellungen ausrichtet. Jeder Aspekt der AfD-Programmatik – wirtschafts-, außen- oder migrationspolitisch – ist diskutabel. Aber die Programmatik der AfD in eine Beziehung zur biologischen Rassenlehre, einer gewaltsam organisierten Machtergreifung, der Abschaffung von Grundrechten und der Verfolgung politischer Gegner und Minderheiten zu setzen, läuft nicht auf eine seriöse Warnung vor dem Potential hinaus, dass Demokratien den Keim ihrer Zerstörung in sich bergen. Es ist vielmehr eine schlichte Verharmlosung des Nationalsozialismus, weil man durch die Nonchalance des Vergleichs jene Kategorien einebnet, die das historisch Spezifische und singulär Böse der nationalsozialistischen Mordmaschinerie in den Blick bekommen.

Ein neues 1933?

Eine Ursache für den Aufstieg der Rechtspopulisten wurde immerhin von Frei auf Nachfrage hin benannt. Die sozialen Medien sollen es gewesen sein, die die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihren „Qualitätsmedien“ zerstörten und so den angeblichen Demagogen den Weg bereitet haben. Man stelle sich einmal vor, so flocht Frei an einer anderen Stelle ein, dass Goebbels über Social Media verfügt hätte? Derartige rhetorische Überwältigungsmanöver – die Auffassung, Social Media könnte ‚irgendwas‘ mit Goebbels zu tun haben – zeigen, dass bestimmte Milieus mit jener Pluralität hadern, deren Infragestellung sie pauschal den Rechtspopulisten attestieren.

Zimmermann brachte die von ihm diagnostizierte Demokratiegefährdung auf die Formel, „Vernunft“ würde durch „Emotion“ ersetzt. Als sei Emotionalität als solche bereits ein Indikator für die von ihm konstatierte „Verrücktheit“. Der Emotionalität entkommen ironischerweise die Populismus-Warner am wenigsten. Das Gefühl der Angst vor einem neuen 1933 durch die AfD gilt ihnen jedoch offenbar als eine berechtigte Emotion – und genau diese Sorge bediente der Abend mit Frei und Zimmermann. Demgegenüber werden die Befürchtungen vor illegaler Massenmigration, Messerdelikten, Gruppenvergewaltigungen, Religionskriegen an deutschen Schulen und Heimatverlust durch Multikulti gemeinhin im linksschiefen Medien- und Wissenschaftsmainstream als irrationale Fake News abgetan. Dabei läuft der vermeintliche Gegensatz von Vernunft versus Emotion – der in der Psychologie ohnehin überholt ist – diskurspolitisch in die Leere. Denn ob eine Befürchtung berechtigt ist, entscheidet sich nicht daran, wer sie äußert und wie emotional sie vorgetragen wird. Es entscheidet sich an der Prüfung ihrer Gründe – und daran, ihren Befürchtungen rationale Substanz zu verleihen, sind Frei und Zimmermann an jenem Abend kläglich gescheitert.

Der Abend war denn auch kein Lehrstück für das Potential, dass die historische Analyse für das Verständnis gesellschaftlicher Eskalationsdynamiken in der Gegenwart in vielerlei Hinsicht fraglos bedeutet. Es war vielmehr ein Lehrstück über einen verfestigten Groupthink: der Tendenz, dass Mitglieder homogener Gruppen unter Konformitätsdruck zu einer immer höheren Meinungshomogenität tendieren und Auffassungen, die ihrer eigenen widersprechen, systematisch ausblenden oder vor Widerlegung abschirmen. Längst hat dieser Groupthink eine tiefe institutionelle Verankerung – im linkslastigen NGO-Komplex, gefördert von einem Programm, das sich ausgerechnet „Demokratie leben!“ nennt, aber auch in Einrichtungen wie dem NS-Dokumentationszentrum, das sich in einer Stadt befindet, in der sogar eine im Rathaus angesiedelte „Fachstelle für Demokratie“ den Münchner Bürgern die korrekte Demokratie von oben herab vermittelt – wodurch die Demokratie, in der Legitimationsketten ja stets vom Volk zur Regierung und nicht umgekehrt verlaufen, selbst ad absurdum geführt wird.

Schade um das Steuergeld

Aufschlussreich ist ein Blick auf die von dem Mitarbeiter Jonas Peter verantworteten Veranstaltungen des Hauses. Deren Programmatik baut auf dem Phrasenkatalog unserer Demokratie auf, und dazu gehört der Vergleich mit dem Nationalsozialismus mitsamt der bewährten Ausschlusswirkung. So wird etwa die „sprachliche Desensibilisierung in der Aufstiegsphase des Nationalsozialismus“ mit „heutigen rechtspopulistischen Tendenzen“ in einem Atemzug genannt. „Ausgrenzung und Verfolgung“ ist der semantische Rahmen des Vergleichs. Zugleich wird mit Blick auf die „Mehrheitsgesellschaft“ diskutiert, inwieweit der angebliche Rechtsextremismus in der „gesellschaftlichen Mitte anschlussfähig geworden“ sei. Auch die Semantik der „Desinformation“ findet sich in den Veranstaltungen der kommunal finanzierten Einrichtung. Unter dem Titel „Propaganda und Desinformation in der NS-Zeit und heute“ werden in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk Webtalks und Workshops für Schulklassen angeboten. Propaganda und Desinformation seien, so heißt es in der Veranstaltungsankündigung, „spätestens seit der US-Präsidentschaft von Donald Trump und der Staatspropaganda des russischen Präsidenten Wladimir Putin ein brisantes Thema. Auch in Deutschland kursieren zahlreiche Verschwörungstheorien und sogenannte Fake News sei es in Wahlkämpfen, während der Coronapandemie oder zum Ukrainekrieg. Schon Jugendliche sollten lernen, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Dabei hilft auch ein Blick in die Zeit des Nationalsozialismus, in der ein eigenes Propagandaministerium sich auf allen Ebenen bemühte, die öffentliche Meinung zu steuern.“ Ausgerechnet im NS-Dokumentationszentrum pflegt man also die wohl raffinierteste Form der Propaganda: Propaganda, die im Gewand von Propaganda-Warnung auftritt. Dieser Texttyp aus den ideologischen Untiefen ‚unserer Demokratie‘ funktioniert nach einem festen Schema: die historischen Assoziationen stellen bereits den Ersatz für die unvoreingenommene Prüfung der These dar. Genauso gingen auch Zimmermann und Frei in ihrem Gespräch vor, unter Ausblendung von Standards der Geschichtsschreibung als akademischer Disziplin.

Sogar der Einlassvorbehalt im NS-Dokumentationszentrum – das im Jahr 2025 über ein Budget in Höhe von 6,1 Millionen verfügte – hat entsprechende Schlagseite. Es gilt für „Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind.“ Linksextremisten oder Islamisten werden nicht erwähnt. In der Gesamtschau ergibt sich somit das Bild, dass im NS-Dokumentationszentrum staatliche Gelder auch zur Förderung einer partikularen politischen Programmatik eingesetzt werden.

Wie sehr dies bisweilen auf Kosten jeglicher Differenzierung geht, dafür legte der Abend mit Moshe Zimmermann und Norbert Frei ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Schade um das schöne Steuergeld. Es ist höchste Zeit, etwas Grün zu pflanzen – insbesondere in die bisweilen postapokalyptisch anmutenden Geisteswüsten der Gegenwart.

Christian J. Zeller

Christian J. Zeller ist promovierter Soziologe und politischer Publizist. Die freie und offene Debatte, auch zu kontroversen Themen, ist aus seiner Sicht der Sauerstoff für eine funktionierende liberale Demokratie. Lagerdenken und Kontaktschuld hingegen zerstören die freiheitliche Ordnung. Er ist Mitglied im Komitee von Bündnis Redefreiheit.
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Ein Kommentar

  1. Mit der Selbstbeweihräucherung der links-liberalen Szene ist es wie mit der Brandmauer, es hilft letztlich nur der AfD und die amtlichen Demokratie-Verteidiger isolieren sich selbst – vom Volk.

    Als letztes Mittel bleibt ihnen dann nur noch das Verbot.

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