Helmut Schelsky – Der Mann, der den Marxismus überlebte

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Warum „Die Arbeit tun die anderen“ zu den erstaunlichsten Büchern der Bundesrepublik gehört.

Es gehört zu den Ironien der aktuellen Geistesgeschichte, dass ausgerechnet ein Buch von 1975 die Gegenwart präziser beschreibt als viele Gesellschaftsanalysen der vergangenen 20 Jahre. Helmut Schelskys „Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ erschien in einer Zeit, in der die Bundesrepublik noch ganz im Schatten von 1968 stand. Der Marxismus hatte die Universitäten erobert, die Frankfurter Schule prägte den Ton der akademischen Debatten, und der Begriff des Klassenkampfes galt weiten Teilen der Intelligenz als nahezu selbstverständlicher Schlüssel zum Verständnis moderner Gesellschaften. Wer die Welt erklären wollte, begann mit Marx.

Heute hat sich das Bild grundlegend verändert. Der Ostblock ist verschwunden, die kommunistischen Experimente des 20. Jahrhunderts sind historisch gescheitert, und selbst dort, wo sich politische Bewegungen weiterhin auf Marx berufen, geschieht dies meist nur noch in stark veränderter Form. Überraschend ist jedoch nicht, dass der Marxismus an Einfluss verloren hat. Nein, überraschend ist vielmehr, dass ausgerechnet Helmut Schelsky dabei an Aktualität gewonnen hat.

Schelsky typisch für die Siebziger

Das ist keineswegs selbstverständlich. Viele konservative Antworten auf den Marxismus wirken heute selbst wie historische Dokumente. Sie waren an den Gegner ihrer Zeit gebunden und verloren mit ihm ihre Relevanz. Bei Schelsky hingegen geschieht das Gegenteil. Seine Gegner verschwinden – doch seine Fragestellung bleibt.

Der Grund liegt darin, dass Schelsky den Marxismus an einer anderen Stelle kritisiert als die meisten seiner Zeitgenossen. Er versucht nicht nachzuweisen, dass Märkte effizienter funktionieren oder Planwirtschaften scheitern müssen. Er argumentiert auch nicht moralisch gegen den Sozialismus. Sein Interesse gilt vielmehr einer grundlegenderen Frage: Wo entsteht in modernen Gesellschaften eigentlich Macht? Diese Verschiebung des Blicks macht den Reiz seines Buches aus.

Der Marxismus verstand Macht primär ökonomisch. Wer über Produktionsmittel verfügt, verfügt über Herrschaft. Eigentum schafft Abhängigkeit, Abhängigkeit erzeugt Klassen, Klassen produzieren Geschichte. Diese Analyse besaß für das Industriezeitalter eine enorme Plausibilität. Fabrikbesitzer, Arbeiter, Gewerkschaften, Kapital und Lohnarbeit bildeten die sichtbaren Gegensätze einer Epoche, deren soziale Konflikte tatsächlich stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt waren.

Schelsky erkennt jedoch bereits Mitte der Siebzigerjahre, dass sich westliche Gesellschaften verändern. Nicht Fabriken, sondern Universitäten wachsen. Nicht Industriearbeiter bestimmen zunehmend das öffentliche Selbstverständnis, sondern Akademiker. Nicht die Produktion materieller Güter steht im Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern ihre Interpretation. Während Marx die Produktionsverhältnisse analysiert, beginnt Schelsky die Produktionsbedingungen gesellschaftlicher Wirklichkeit zu untersuchen.

Kampf um Begriffe

An dieser Schnittstelle entsteht seine berühmte Formel von der „Priesterherrschaft der Intellektuellen“. Der Begriff ist häufig missverstanden worden. Schelsky behauptet keineswegs, Intellektuelle bildeten eine verschwörerische Elite. Er beschreibt vielmehr eine strukturelle Verschiebung. Wie im Mittelalter Priester über die Deutung der göttlichen Ordnung wachten, so entsteht in modernen Gesellschaften eine Schicht von Menschen, deren Einfluss nicht auf Eigentum, sondern auf Interpretation beruht. Sie formulieren Begriffe, entwickeln moralische Maßstäbe, bestimmen den öffentlichen Sprachgebrauch und prägen die Kategorien, in denen Gesellschaft über sich selbst nachdenkt.

Heute würden wir vielleicht von Definitionsmacht sprechen.

Blickt man auf die großen Konflikte der Gegenwart, dann fällt auf, wie selten sie sich noch unmittelbar um Eigentum oder Produktionsmittel drehen. Gestritten wird über Sprache, über kulturelle Symbole, über Identität, über historische Erinnerung, über moralische Legitimität, über Wissenschaft, Medien und Bildung. Der Besitz von Fabriken erklärt diese Konflikte nur noch am Rande. Viel wichtiger ist die Frage geworden, wer festlegt, welche Begriffe verwendet werden dürfen, welche Deutungen als legitim gelten und welche moralischen Erwartungen eine Gesellschaft an ihre Mitglieder richtet.

Hier wirkt Schelsky nicht wie ein Autor der Siebzigerjahre. Er wirkt wie ein Beobachter der Gegenwart. Aus diesem Grundlohnt es sich, sein Buch heute noch einmal zur Hand zu nehmen.

Von der Klassenmacht zur Deutungsmacht

Vielleicht erklärt gerade diese anthropologische Schwäche des Marxismus, weshalb Helmut Schelsky einen Wandel erkannte, den viele seiner Zeitgenossen übersahen.

Während die akademische Linke der Siebzigerjahre weiterhin nahezu alle gesellschaftlichen Konflikte durch die Kategorien von Kapital, Klasse und Eigentum interpretierte, richtete Schelsky den Blick bereits auf eine andere Form von Macht. Nicht mehr die Verfügung über Produktionsmittel schien ihm die entscheidende Frage zu sein, sondern die Verfügung über Begriffe. Wer bestimmt, wie Wirklichkeit beschrieben wird, verfügt über eine Macht, die langfristig oft größer ist als wirtschaftlicher Einfluss.

Diese Einsicht wirkt heute beinahe selbstverständlich. 1975 war sie revolutionär.

Damals stand noch die Industriegesellschaft im Mittelpunkt. Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Parteien galten als die eigentlichen Träger gesellschaftlicher Macht. Schelsky hingegen beobachtete das rasche Wachstum einer neuen gesellschaftlichen Schicht: Universitäten expandierten, öffentliche Verwaltungen wurden größer, die Zahl wissenschaftlicher Institute nahm zu, das Bildungswesen entwickelte sich zu einem der größten Bereiche staatlicher Tätigkeit. Parallel dazu entstanden neue Milieus aus Sozialwissenschaftlern, Pädagogen, Journalisten, Kulturfunktionären und Planern, deren Einfluss sich nicht aus Eigentum, sondern aus Interpretation speiste.

Rückblickend erscheint der Begriff der „Priesterherrschaft der Intellektuellen“, der bei Schelsky an dieser Stelle ansetzt, erklärungsbedürftig. Denn blickt man auf die Gegenwart, stellt sich eine merkwürdige Frage: Wo sind diese Intellektuellen eigentlich geblieben? Und: Wer waren die prägenden linken Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Marx ohnehin. Dann Lukács. Gramsci. Sartre. Adorno. Horkheimer. Marcuse. Althusser. Foucault. Bourdieu. Habermas.

Über ihre politischen Urteile kann man streiten. Über ihre intellektuelle Bedeutung kaum. Sie entwickelten Begriffe, entwarfen Theorien, schrieben Bücher, die ganze Generationen beschäftigten. Man konnte sie bewundern oder ablehnen; ignorieren ließ sich ihr Werk jedoch nicht. Vergleicht man damit die Gegenwart, fällt etwas Bemerkenswertes auf.

Institutionen argumentieren seltener als einzelne Autoren

Deutschland verfügt zweifellos über kluge Soziologen, Philosophen und Politikwissenschaftler. Es gibt renommierte Forschungszentren, ausgezeichnete Fachzeitschriften und hoch spezialisierte wissenschaftliche Debatten. Was jedoch auffällt, ist das weitgehende Fehlen jener öffentlichen Intellektuellen, die mit einem originären theoretischen Entwurf das Selbstverständnis einer Epoche verändern.

Wahrscheinlich ist das die eigentliche Veränderung: Die Theorieproduktion hat sich institutionell verteilt.

Wo einst einzelne Denker Begriffe prägten, entstehen heute Leitbilder häufig kollektiv. Nicht mehr das große philosophische Werk strukturiert die öffentliche Debatte, sondern Forschungsverbünde, Kommissionen, Expertenräte, Stiftungen, internationale Organisationen, Universitäten und große Medienhäuser. Die intellektuelle Autorität hat sich gleichsam entpersonalisiert.

Damit verändert sich zwangsläufig auch der Charakter öffentlicher Diskussionen.

Die großen Theoretiker des 20. Jahrhunderts irrten oft spektakulär. Gerade deshalb mussten sie argumentieren. Ihre Begriffe standen zur Debatte. Sie mussten sich der Kritik aussetzen, ihre Theorien verteidigen und ihre Voraussetzungen offenlegen.

Institutionen funktionieren anders. Sie argumentieren seltener als einzelne Autoren; sie formulieren Standards, Empfehlungen, Leitlinien oder wissenschaftliche Konsense. Ihre Autorität entsteht nicht primär aus der Originalität eines Gedankens, sondern aus ihrer Stellung innerhalb gesellschaftlicher Verfahren. Der Widerspruch richtet sich dadurch nicht mehr gegen einen Autor, sondern gegen ein ganzes institutionelles Gefüge.

Hierin liegt vermutlich die eigentliche Aktualisierung Schelskys. Er sprach von einer Priesterherrschaft der Intellektuellen. Heute erleben wir eher eine Priesterherrschaft der Institutionen.

Der klassische Marxismus verliert seine Erklärungskraft

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Universitäten, Medien oder wissenschaftliche Einrichtungen als geschlossener Block handeln oder zentral gesteuert würden. Eine solche Vorstellung wäre selbst eine unzulässige Vereinfachung. Wohl aber lässt sich beobachten, dass sich in komplexen Institutionen häufig ähnliche Denkstile, moralische Vorannahmen und sprachliche Konventionen herausbilden. Nicht weil sie verordnet würden, sondern weil Institutionen ihre eigene Kultur entwickeln.

Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten. Sie entsteht durch Bildung, wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit. Sie funktioniert nicht wie ökonomische Herrschaft, sondern wie kulturelle Selbstverständlichkeit.

Schelsky hat diese Verschiebung früher erkannt als viele seiner Zeitgenossen. Deshalb wirkt seine Analyse – wie eingangs erläutert – heute erstaunlich modern. Seine Schlussfolgerungen waren nicht allesamt richtig. Aber seine Fragestellung hat die eigentliche Entwicklung bereits vorweggenommen.

Wahrscheinlich liegt darin sogar eine der großen Ironien der deutschen Geistesgeschichte. Schelsky glaubte noch, seine eigentlichen Gegner seien die Intellektuellen. Tatsächlich sollten diese allmählich verschwinden. Geblieben sind ihre Institutionen. Aus diesem Grund beginnt die eigentliche Aktualität seines Buches nicht im Jahr 1975.

Sondern heute.

Clemens Varro

Clemens Varro lebt in Rom und schreibt dort für La Repubblica. Gelegentlich veröffentlicht er unter Pseudonym bei anderen Medien.
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31 Kommentare

  1. Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

    Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten. Sie entsteht durch Bildung, wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit. Sie funktioniert nicht wie ökonomische Herrschaft, sondern wie kulturelle Selbstverständlichkeit.

    Elfriede Springer ist da anderer Meinung. Der Autor behauptet, dass der Schwanz mit dem Hund wedele, den Nachweis bleibt er aber schuldig.

    1. „Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten“. Das kann man nur als derben Scherz nehmen, wenn man sich ein bischen im akademischen Milieu auskennt und weiß, wie dort „wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit“ bewirtschaftet werden. Ein Hecheln und Buckeln gegenüber Machthabern und Geldgebern, die es schon verstehen, die universitäre Welt auf die Bedürfnisse von Staat und Wirtschaft hin zu formatieren (Drittmittel!). Und ein Hauen und Stechen der Geistesarbeiter untereinander, das für sich genommen bereits ein schönes Bekenntnis zur Konkurrenzgesellschaft ist. Intellektuellen, deren ganzer Habitus ein einziges ‚Kauf mich, bitte, bitte, wo ich doch so konstruktiv und affirmativ denke‘, die kann man nicht kaufen??? Trefflicher Spaß!!!

  2. Marxismus nicht verstanden muss man leider dranschreiben.

    > Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

    Die Frage wem die Fabriken gehören ist die grundlgende Frage. Die hat Marx beantwortet.
    Die anthropologische Sicht ist eine sekundäre Sicht. Da kann man Marx vorwerfen die nicht angestellt zu haben, aber siehe weiter unten.

    Was man sagen könnte das er die Rolle des Menschen unterschätzt hat und ihm mehr Bedeutung hätte beimessen müssen. Allerdings hat Marx NIE den Sozialismus genau beschrieben. Es gibt dazu von ihm keine klare Vorlage! Das ist was viele nicht verstanden haben. Das kommunistische Manifest ist ein ganz dünnes Büchlein. Das hat er absichtlich seinen Nachfolgern überlassen. Insofern ist es eigentlich auch kein Versäumnis, da Absicht.

    Einen Marxismus gibts im übrigen nicht, was es gibt ist Sozialismus/Kommunismus.
    Ob der S/K funktionieren kann (oder zb immer eine Diktatur führt) ist auch nochmal eine andere Frage.
    Wie es auch eine weitere Frage ist ob eine Gesellschaftsordnung immer die maximale Entwicklungsgeschwindigkeit benötigt, was sie immer nachteilig zum Kapitalismus werden lässt, der allerdings auch über Leichen geht, wo dann die Frage ist was man will.

    1. Marxismus nicht verstanden muss man leider dranschreiben.

      > Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

      Die Frage wem die Fabriken gehören ist die grundlgende Frage. Die hat Marx beantwortet.

      Das ist jetzt aber auch nicht besser und lässt darauf schließen, dass du die Kritik von Marx ebenfalls nicht verstanden. hast.
      Wer bei Eigentum danach fragt, wem was gehört, fragt ja gar nicht nach dem gesellschaftlichen Verhältnis indem Kapital und Arbeit zueinander stehen. Der Witz am Kapitalismus ist der Bezug der Klassen aufeinander, und vor allem der Zweck dieser Produktionsweise.
      Das Verhältnis von Kapital und Arbeit würde übrigens auch weiter bestehen, selbst wenn man das Kapital anteilig an die Arbeiter ausschüttet. Die treten dann doppelt auf: als die Aktionäre, die einen Gewinn einfordern, und die Arbeiter, die diesen Gewinn zu erschaffen haben. Und da der Gewinn aus dem Mehrwert resultiert, wäre es ihre eigene unbezahlte Arbeit, die sie vermehrt einfordern.

      1. > Wer bei Eigentum danach fragt,

        Den Passus hatte ich schlicht aus dem Artikel entnommen. Denke rhetorisch durchaus sinnvoll wenn man Sachen kommentiert. 😉 Kein Grund zur Erbsenzählerei.

        > fragt ja gar nicht nach dem gesellschaftlichen Verhältnis indem Kapital und Arbeit zueinander stehen

        Das steckt letztlich dahinter. Marx hab ich gelesen, brauche da keine Nachhilfe.

        Mir gings um den durchaus wichtigen Punkt im Artikel inwieweit die anthropologische Sicht in Marx Thesen vorhanden ist oder berücksichtigt wurde. Wenn du mir antwortest dann bitte zu dem vorgebrachten Thema sonst wirds offtopic.

  3. Nun, der Autor (und Schelsky) stellt nicht die Frage, wer die ganzen Akademiker bezahlt. Das ist nicht nur der Staat, da sind auch die ganzen Kapital-Stiftungen (Rockefeller, Ford, Macy,…). Dann wären da noch Think Tanks (CFR etc.) und das GONGO-Universum. Und dahinter? Wer schreibt die Gesetze? Wer lobbyiert in der EU? Wo hat Merz vor seinem Wiedereinstieg in die Politik gerabeitet? Wo kommt all das Geld her? Wer bestimmt wie es (um-)verteilt wird? Nel Bonilla hat zur Elitenbildung im Westen einiges geschrieben (auf den Nachdenkseiten in deutsch nachzulesen). – Soziologie ist die «Humanwissenschaft» deren Aufgabe die Verschleierung der Herrschaftsverhältnisse ist.

    1. Weiter oben schreibt ein Kommentator, der Autor habe den Marxismus nicht verstanden. Nun, ich vermute mal, weil ich kann es nicht wissen, dass er jeden Tag mehr Marxismus vergessen kann, als die meisten von uns je wissen werden und noch immer mehr weiß. Vielleicht traf das auch für Schelzig zu.
      Ungeachtet dessen kommt man mit der Beantwortung deiner Frage – meiner Meinung nach – sehr viel weiter oder andersrum muss man sie stellen, um überhaupt etwas zu verstehen. Rektoren von Universitäten und Direktoren von Instituten berufen sich nicht selbst. Professoren werden von Ministers berufen und wenn du nicht in der Lage bist, „Drittmittel“ – wer die wohl zahlt?- zu beschaffen, bekommst du ein Problem.
      Ich finde auch, dass dann, wenn man diese schhöde, oft schmuddelige Realität analysiert, die im Text vorgestellte These nur schwer bestehen kann.
      Ob man dann mit Marx so weitermachen kann, wie man es seit mehr als hundert Jahren gewohnt ist, ist dann eine ganz andere Frage

  4. Schelsky hat Marx entweder nicht, oder mit einem Haufen interessierter Vorurteile gelesen.

    Der Marxismus verstand Macht primär ökonomisch.

    Das ist ein Irrtum, man kann es angesichts der zahlreichen popularisierten Schriften auch eine Lüge nennen.
    „Macht“ ist kein Gegenstand der „Politischen Ökonomie des Kapitalismus“, sie ist dieser Analyse und Darstellung schlicht voraus gesetzt!
    Schelsky hat, wie so viele seiner Zeitgenossen, die sich „Marxisten“ nannten, einschließlich des Personals der Legitimationswissenschaften des sogenannten „real existierenden Sozialismus“, die Differenz zwischen begrifflicher und historischer Gegenständlichkeit und Darstellung nicht verstanden und wohl nicht begreifen wollen.
    Was den Irrtum oder die Lüge so krass macht: Marx hat in zahlreichen Nebenbemerkungen seiner Schriften, sowie in einer brieflichen Verständigung mit Engels, für sich und seine Freunde klar gestellt, daß eine historische Darstellung des Kapitalismus und seiner Vorgeschichte eine Geschichte der Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu werden habe.
    Mittelbar steht das auch im „Kapital“, in zahlreichen Kapiteln.

    gehakt.

    1. Ich hab hier spontan als ein „Intellektueller“ reagiert und nehme jetzt den „Irrtum“ zurück. Die historische Rolle der Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit war allen revolutionären Theoretikern und Praktikern hoch bewußt, von Lenin, über Stalin, zu Mao, Che Guevara, Castro und – hört hört – Pol Pot und die Rolle der Volksbildung im „Realen Sozialismus“ namentlich in der SU und Kuba, kann Schelsky nicht entgangen sein.
      Einfach nur widerlich.

      1. Vorsätzliche Ignoranz in Verbindung mit krassen Verleumdungen sind überhaupt DAS bevorzugte Mittel der Konkurrenz der „gebildeten Stände“, ganz frisch und exemplarisch hier. Leider muß man sagen, daß sich „Marxisten“ und Leute, die von den Auseinandersetzungen um die „PolÖk“ zu profitieren trachteten, damit stets besonders hervor getan haben, das zählte auch zu Lenins Schwächen.

        Zu IVG bleibt nur zu sagen, sein „revolutionärer“ Gestus ist ein Etikettenschwindel.

        Dass sich jemand mal damit beschäftigt, sich näher anzuschauen, worauf der Bürger seinen freien Willen richtet, und was dann sein Handeln tatsächlich bestimmt, das kommt leider selten vor.

        Das muß niemand einem bürgerlichen Subjekt erzählen, bzw. kann es gar nicht tun, weil die Betreffenden das besser wissen, als irgend ein Dritter. Sie deuten dies Wissen ja um, während und indem sie die von Staat und Kapital verfassten Lebensbedingungen in ihre Lebens- und Willensprogramme aufnehmen, nämlich ideologisch und moralisch.
        IVG folgt demselben persönlichen Programm, wie Erdmann, er kleidet es nur anders ein.

      2. Den Unterschied zwischen Hand- und Kopfarbeit sehe ich primär nur in der Art des Produktes. Eigentums- und Profitverhältnisse sowie damit Ausbeutungsverhältnisse sind bei beiden analog (ich sag nicht identisch, weil Unterschiede aus Benennung und Strukturierung bestehen, die aber zweitrangig sind).
        Ob ein Proletarier den Armmuskel oder den Hirnmuskel betätigt, um das damit Produzierte an den Kapitalisten zu übergeben, der damit Profit schöpft, ist letztendlich unerheblich.
        Aber irgendwer hat den Hirnproletariern erfolgreich einpflanzen können, daß sie ja keine Proletarier seien, sondern was viel Besseres. Das Ziel der Spaltung ist erreicht.

        1. „Den Unterschied zwischen Hand- und Kopfarbeit sehe ich primär nur in der Art des Produktes.“

          Wieso sagst Du „primär“? Was soll es für einen anderen Unterschied geben?
          Die Rede war von „Trennung“ und eine Trennung konstituiert in einer arbeitsteiligen Gesellschaft einen Gegensatz.
          Welcher Art solche Gegensätze sind, läßt sich nicht allgemein beantworten, hängt halt von der Produktionsweise ab. Exemplarisch nenne ich den antiken Gegensatz zwischen Stadt und Land, der dadurch entsteht, daß die vom Landbau getrennten technologischen Kompetenzen der Bewässerung, der Lagerung, Verarbeitung und Verteilung zum Herrschaftsinstrument gegen die Landbevölkerung genommen wird. Ikonographisch das urbane (fürstliche / königliche) Vorrecht zum Mühlenbetrieb. Im Falle verschiedener Machtbereiche derselben Produktionsweise wird dann umgehend die Waffenherstellung zum urbanen Herrschaftsinstrument.
          Was die Spezifika der kapitalistischen Produktionsweise anbelangt, kann sich jeder eine Menge dazu überlegen, und wenn ihm das nicht reicht, liest er halt Marx und updated das für Moderne und Postmoderne.

  5. Ist das der?

    „in der er sich kritisch mit dem Kinsey-Report, Sexual Behavior in the Human Female, auseinandersetzte und „die homosexuelle Geschlechtsbeziehung“ als „abnormes Sexualverhalten“ bezeichnete. In diesem Sinne plädierte er 1957 als soziologischer Gutachter beim Bundesverfassungsgericht für die Beibehaltung der Strafbarkeit männlichen homosexuellen Verhaltens (§ 175 StGB).“

    oder das:

    „Vor dem Hintergrund der 68er-Bewegung entwickelte er sich zum konservativ-zeitdiagnostischen politischen Schriftsteller, der u. a. den „Radikalenerlass“ befürwortete, und bezeichnete sich schließlich als „Anti-Soziologe“. Seine bekannteste Schrift aus dieser Spätphase ist Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Schelsky

    Das klingt irgendwie ganz anders als der Autor es verkaufen möchte. Radikalenerlass und Verbot von Homosexuellen Beziehungen, das ist ja super gealtert. Da hat der Autor, der hier angepriesen wird, ja wirklich eine unglaubliche Weitsicht bewiesen. Aber immerhin laut diesem Autor hier, hat sich der Helmut im Bezug auf Marxisten nicht geirrt …

    Die Hauptthese (habe ich hoffentlich als Nicht-Marxist richtig verstanden) … die Macht hätte sich verschoben zu Deutungshochheit. So war das gemeint? Ach so echt? Kann man diese Deutungshochheit essen? Wie viel Macht haben denn die ganzen Akademiker in prekären Verhältnissen? Dann sind so Anti-Intellektuelle wie Elon Musk, Jeffrey Eppstein oder Peter Thiel total irrelevant? Und wen die sich aussuchen als Hofnarren, z.B. Noam Chomsky oder wenn sie so Phänomene wie das „intellectual dark web“ finanzieren und kreieren, für zumeist männliche Trottel mit Gottkomplex, die nicht genug Sonne abbekommen haben … nicht relevant.

    Gerade wenn es um Frankfurter Schule oder Französische Schule geht, was in deutschen Unis unterrichtet wird allgemein in Soziologe, könnte man dieses Buch zur Kenntnis nehmen:

    https://www.amazon.de/-/en/Who-Paid-Pipers-Western-Marxism/dp/1685901344

    Bisher nicht passiert bei Overton Magazin. Caitlin Johnson hätte noch mehr Munition für ihre Thesen, wenn sie das Buch eh nicht schon kennt. Aber vielleicht sagt er nicht das Richtige, wenn man doch eher auf Kubicki und Porsche-Poschi steht als Verlag? Ich stöbere immer mal wieder in deutschen Universitätsbibliotheken zu bestimmten politischen Themen. Seit einigen Jahren finde ich es immer sehr bemerkenswert, welche Bücher (Geistes- und Sozialwissenschaften) dort angeboten werden und welche nicht (nein, die Herren Schwurbler, wir reden von wissenschaftlichen Büchern, da habt ihr nichts zu sagen).
    Als Autor über dem Artikel könnte auch Peter Nowak stehen. Das gibt sich nichts.

    Mir scheint fast so, jemand will bei Overton endlich einen Teil des Publikums los werden, die z.B. RDL zu viel kritisieren oder nicht gut finden, wenn Porsche-Poschi sich als arme verfolgte Unschuld präsentiert oder die Schwester vom Tech-Bro, der angeblich 15 Mrd. $ verwaltet in seinem Fond.

  6. Kürzer gefaßt: Glaubt der Autor im ernst, daß Gates, Fink, Thiel, Musk & Co. im westlichen Herrschaftssystem die zweite Geige spielen und sich von Akademikern sagen lassen, was sie zu denken und zu tun haben – und nicht etwa umgekehrt?
    Ideologie ist – nach Marx – das notwendig falsche Bewußtsein. Bewußsein ist, was die Leute glauben, daß es der Fall ist. Die Analyse der wirklichen Machtverhältnisse erweist den Glauben als falsch. Notwendig ist die Falschheit, damit die Leute bei ihrer eigenen Unterdrückung mitmachen: «Freiwillige Knechtschaft» (La Boetie). Aufgabe der Akademiker ist die Ideologieproduktion, gerne finanziert direkt von den Kapitalherren, oder indirekt vom «Staat des Kapitals» (Agnoli, zeitgleich mit Schelsky). Erste Maßnahme: Entwickle eine Begrifflichkeit, in der Macht und Herrschaft nicht mehr vorkommen. Schelsky zum Beispiel.

    1. Vor ca. 10 Jahren war ich einmal zum Tag der offenen Tür beim Institut für Zeitgeschichte in Potsdam. Die Studenten stellten ihre Themen für wissenschaftliche Arbeiten vor. Ihr Prof. Moderierte das Ganze energisch. Es waren alles Themen die jegliche gesellschaftliche Alternative als untauglich beweisen sollten (wie sämtliche Räterepubliken in Bayern, Ungarn etc). Man merkte den Studenten bei ihren Vorträgen an das ihnen ihre Arbeitsthemen nicht so ganz freiwillig gekommen waren. Das ZFF ist eine Zweigstelle des Münchener ZFF…

  7. „Er (Schelski) versucht nicht nachzuweisen, dass Märkte effizienter funktionieren oder Planwirtschaften scheitern müssen. Er argumentiert auch nicht moralisch gegen den Sozialismus. Sein Interesse gilt vielmehr einer grundlegenderen Frage: Wo entsteht in modernen Gesellschaften eigentlich Macht?“

    Er erkannte den Einfluss der Meinungsindustrie (Politik, Medien und Kultur) auf die Macht-Verhältnisse. Vom Prinzip her eigentlich wie die Übertragung mittelalterlicher Glaubensdogmen in liberale Gesellschaften (nicht vom Inhalt her, sondern nach Form und Funktion). Die Menschen sollen an die von der herrschenden Elite gewünschten Ideologie glauben. Die angelsächsische Überfluss-Kultur erwies sich als Zugpferd dafür, da sie durch ihren monetären Reichtum viele Freiheiten ermöglichte. Westliche Liberale bezeichneten diese Handhabung angewendet im Kommunismus als Indoktrination.

    Aus Sicht von Marxisten gehört die Indoktrination, wie auch der gesamte Bereich der geistigen Beeinflussung, natürlich zum ideologischen Überbau, der einzig dazu dient die ökonomische Herrschaft zu sichern. Da muss das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden. Ideologie und Glauben dienen der materiellen Macht- und Herrschaftsabsicherung.

    Schelski irrt wenn er fragt, wo „entsteht“ Macht? Denn Macht ist im Kapitalismus bereits da, sie entsteht nicht neu, sie wird nur neu ideologisch (hier angelsächsisch) abgesichert.

  8. Macht entsteht durch nackte Gewalt, nichts anderes. Es ist der Polizei- und Unrechtsstaat, mit dem ich nie freiwillig einen Vertrag abgeschlossen habe, der mich auf Linie hält. Wenn ich ausbreche, verliere ich meine komplette Existenzgrundlage und lande auf der Straße oder dem Gefängnis. Das ist die Realität. Außerdem behält der Staat sich vor, mich oder meinen Sohn im unfreiwilligen und militärisch sinnlosem Kriegseinsatz zu verheizen, wenn es soweit ist. Die Ukrainisierung der EU ist bereits erfolgt.

    Akademiker und Medien erzeugen nur eine sehr laute Vordergrundkakophonie, um diese Tatsachen zu verschleiern. Wenn ich aber an meinen Ketten zerren, merke ich sehr schnell, wo die Gewalt herkommt.

  9. „Wo entsteht in modernen Gesellschaften eigentlich Macht.“

    Macht entsteht im Zirkulations- und Verwertungsprozess des Kapitals -in der Produktion. Macht ist ein anderer Begriff für den Mehrwert: kein Mehrwert – keine Macht, ganz viel Mehrwert – ganz viel Macht. Und der Mehrwert ist ein anderer Aggregatzustand von Arbeit -es ist die in der Vergangenheitsperiode getane Arbeit, die zum Mehrwert erstarrt. So ist Macht nichts anderes als die in der Vergangenheit getane Arbeit. Macht ist die tote Arbeit.

    Es sind die Arbeiter, die die sie knebelnde Macht im eigenen Verwertungsprozess im ersten Schritt generieren und im zweiten Schritt an der Wahlurne politisch legitimieren.

  10. Schelsky kannte damals den Terminus „Narrativ“ wahrscheinlich noch nicht, aber daß ein Gegenwartsautor statt von der institutionellen Produktion von Narrativen von einer „Theorieproduktion“ spricht, verwundert mich doch ganz ungemein. DEN Unterschied sollte man doch schon mal erfasst haben, wenn man soziologische Kenntnisse beanspruchen möchte.

    Tja, und heutzutage sind es keine politökonomischen Theorien mehr, die wie bei Marx empirisch belegt werden müssten, sondern es werden Narrative ohne Diskussion oder Beweispflicht in den Meinungsraum projiziert, mit dem Ziel eines Machterhalts.

    Übrigens hätte man durchaus einige Worte über die Rolle und Funktion der PMC verlieren können. Deren Beschreibung scheint mir das Phänomen der heutigen Kopfarbeiter viel besser zu erfassen als das Gemurmel von „Priesterherrschaft der Intellektuellen“. Meinungsherrschaft stützt nur die Kapitalherrschaft, der Schwanz wedelt nicht mit dem Hund, wie oben schon jemand schrieb. Klassenkampf zu leugnen, indem man einem von dessen Subjekten (nämlich dem Proletariat) die Existenz abspricht oder sein Verschwinden prophezeit, wird an den Verhältnissen eben nicht die notwendigen Veränderungen ermöglichen.
    Auch wenn das Baby für einen Moment aufhört vor Hunger zu schreien, wenn man ihm einen Schnuller in den Mund steckt – irgendwann reicht das nicht mehr, und es muss Futter her.
    Aber es soll ja Rabeneltern geben, die lieber das Baby abschaffen, als ihm Futter zu verschaffen… Wer soll nochmal in die Schützengräben? Wird es dann auch wieder Strafkompanien geben?

  11. Es würde dem Autor ganz bestimmt helfen, wenn er die Begriffe „Marx“ und „Marxismus“ näher definierte.
    Marxismus ist keinesfalls Marx identisch, sondern es gibt historisch einen Prozess, der letztendlich aus “ asiatischen despotischen Produktionsverhältnissen stammender Sozialismus “ (Engels) weltweit die kommunistische Bewegung, also nichtproletarisch, ausrichtete und dominierte.
    Das Marx anzukreiden, ist billig. Der kann sich ja nicht mehr wehren. Und die Masse derer, die zu Marx schreiben, verfügt ja auch nur über übernommene Kritikansichten aus dritter Hand und ist leicht dahingehend zu manipulierten und tatsächlich manipuliert..
    Marx ‚ größte Leistung ist die rein ökonomische Analyse der Warenproduktion und dabei die Aufdeckung der Rolle des Wertes, jenseits von technischen und historischen Faktoren. Durch Abstraktion davon kommt er auf die innersten Verhältnisse. Es ihm nachträglich zum Vorwurf zu machen, ist geradezu lächerlich, denn ohne diesen Schritt wäre er nicht zum Ergebnis gekommen. Dieser Wert bestimmt logisch alle weiteren gesellschaftlichen Verhältnisse, weil diese darin ihre Existenzgrundlage erhalten.
    Aber, immer weiter mit der Kritik an Marx. Irgendwann wird er dann vergessen sein, aber auch die Einsicht in die tatsächlichen Zusammenhänge

  12. Ich bin ja nur ein einfacher Mensch und kein Intellektueller. Und erst recht kein Herr Professor, also ein staatlich bestellter und bezahlter Intellektueller. Aber mir fiel schon nach ein paar Sätzen auf, dass der Herr Varro auf dem falschen Dampfer ist. Es mag durchaus sein, dass die Intellektuellen über ihre Intellektualität ein gewisses Maß an Deutungs-Macht gewinnen, die sie gegenüber der Eigentums-Macht aufwertet. Aber wer macht die Intellekuellen? Entstehen sie im luftleeren oder herrschaftsfreien Raum? Werden sie demokratisch gewählt oder auch nur im Rahmen der universitären Selbstbestimmung rein nach dem (ideologiefreien) Kriterium der Kompetenz-Intellektualität ermittelt? Sozusagen im Rahmen eines „herrschaftsfreien Diskurses“? Da muss man schon naiv bis realitätsblind sein. Die Idee von unabhängigen Intellektuellen ist eine Illusion. Intellektueller wird man, wenn man Leute findet, die bereit sind, für diese intellektuelle Arbeit Geld auszugeben. Und damit sind wir wieder beim Thema „Eigentum“ und „wem gehört eigentlich der Staat“. Kleiner Hinweis an die blauschwarze Fraktion im Forum: Es sind nicht die rot-grün-versifften Dingenskirchen, was auch immer.

    1. Marx stellte einst verwundert fest, dass die Arbeiter die Werttheorie sofort verstünden, wenn er sie ihnen darlegt, nur die Professoren nicht.

  13. Ein wirklich lesenswerter und interessanter Artikel.
    Ja, der gute alte Schelsky! Ob er von seinem Verlag noch aufgelegt wird?

    Sehr gut und wichtig der Hinweis auf die „Priesterherrschaft der Institutionen“.

    Meine einzige Ergänzung ist die,
    dass trotz des Fehlens neuer „Großintellektueller“ der Einfluss der Frankfurter Schule bzw. des „Kulturmarxismus“ an den deutschen Hochschulen ungebrochen stark ist. Okay, die konkreten kulturellen Muster, um die im Sinne von Gramsci gerungen wird, sind heute etwas andere also vor 50 Jahren, doch das Streben nach kultureller Hegemonie besteht nach wie vor.

  14. Die These des Autors hat einen gewaltigen Haken: Die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren, lässt sich eben sehr wohl kaufen und somit von Eigentum ableiten.

    Das Medienimperium Springer wurde bereits erwähnt (hatte nicht der Rubikon oder die Anstalt vor ein paar Jahren eine gute Übersicht wem was gehört? Ich kann die auf die schnelle nicht finden).
    Hollywood ist schon länger als blosse US-Propagandaschleuder bekannt (man vergleiche Mal „Top Gun“ mit „Platoon“ etc). Im deutschsprachigen Raum sind mittlerweile sogar Sender wie ARTE komplett entzahnt. Bei den Printmedien (Gedruckt oder online) gibt es im deutschsprachigen kein einziges glaubwürdiges mehr ausserhalb der „alternativen Medien“ (und auch hier siehts nicht gut aus, mit all den privaten Interessen, „Sponsoren“ und Werbung).
    Westliche Universitäten könnten ohne Finanzierung von Konzernen und Privatpersonen kaum mehr forschen, das geht mittlerweile soweit das Superreiche wie Larry Ellison sich direkt vielversprechende Studenten kaufen (wer sich mal so richtig gruseln will: https://eit.org/about). Bush der Dümmere hat einen Harvard-Abschluss..

    Deshalb wird auch nur noch über Sprache, kulturelle Symbole, Identität, und moralische Legitimität gekiefelt (gestritten ist das falsche Wort über das was hier abgeht): Die Eigentümer haben schlicht kein Interesse daran, dass der Pöbel sich mit den Ursachen der Probleme auseinandersetzt.
    Historische Erinnerung werden daher pervertiert (Deutschland kann Russland zum Gedenken der Befreiung der Konzentrationslager ausladen) oder grad komplett umgeschrieben („Red Famine“, eine Geschichtsklitterung, wurde mit Preisen überhäuft).
    Über Medien und Bildung wird nur noch im Kontext gesprochen wem man zu glauben hat („Faktenchecker“, lol) und wen man websperren oder direkt als vogelfrei erklären kann (siehe Dogru et al).
    Und die Wissenschaft ist dafür da gewinnbringende Produkte zu entwerfen oder als Propaganda-Schleuder zu agieren, von der wissenschaftlichen Methode ist kaum noch was zu erkennen.

    Der Faschismus hat spätestens nach dem Ende der Sowjetunion seinen Siegeszug angetreten, wir leben heute mit den Konsequenzen. Das Gegenteil von dem was Schelsky befürchtet hat ist also eingetreten. Wenn ich jedoch dessen Biografie lese, denke ich er wäre mit der heutigen Situation ganz zufrieden.

    Ganz Unrecht hat der Autor aber auch nicht. Es ist imo durchaus eine mittelalterliche Priesterherrschaft, aber eben im Sinne von „du hältst sie dumm, ich halt sie arm“. Statt der Kuttel trägt der Pfaffe heute einfach Massanzug, aber er dient seinen Herren in dem er die Bevölkerung wie anno domini sediert und indoktriniert hält.

  15. Man kann vieles Karl Marx vorwerfen, doch eines nicht: dass Entwicklungen stattfinden, 150 Jahre nach Marx‘ Tod, die niemand auch nur ansatzweise vorhersehen kann. Und eine Theorie, die im Dogmatismus endet, ist nun mal zum Tode verurteilt. Also nichts Neues, dass heutzutage der Marxismus versagt hatte. Nun, da es heute keine Alternativansätze mehr gibt, dann ist wohl das Ende der Fahnenstange der Menschheit erreicht. Und da zurzeit die kapitalistischen Staaten alle sich in einem irrsinnigen Rüstungswettbewerb befinden, die sämtliche Zivilgesellschaften zerstören, können wir davon ausgehen, dass irgendwann in nächster Zukunft das Ganze in einem Riesenknall endet. Und entschuldigt, in dem Fall ist es völlig irrelevant, ob irgendwer den Kapitalismus besser oder weniger gut beschreiben kann, oder ob wir gerade Sozialismus haben, wie einige vermuten. Also, sollten wir es nicht schaffen, diesem Rüstungswahn ein Ende zu bereiten, brauchen wir über Gesellschaftstheorie nicht mehr nachdenken.

  16. Es ist doch völlig einleuchtend, das die sogenannte „Priesterschaft der Intellektuellen“ vom Kapital alimentiert wird und diese eigentlich nur die Funktionselite der herrschenden Klasse darstellt.
    Einzelne Autoren, Philosophen, Dichter und Denker wurden durch Stiftungen und NGO´s ersetzt und bestehende Institutionen nachhaltig unterwandert, die jetzt die Deutungshoheit haben.
    Vor allem, kann man dadurch die Identitäten der einzelnen Herrschaften besser verschleyern und dem Ganzen auf diese Weise noch einen humanitären Anstrich geben.
    Wobei mir manchmal schwer fällt, die an der Spitze fungierenden Intellektuellen noch als solche zu sehen.
    Was sich wirklich dermaßen verändert hat, ist also die Einflussnahme der Elite, die durch die exponentiell anwachsende Kapitalverschiebung von arm nach Reich inzwischen auch auf alle öffentlichen Institutionen, vor allem die der Medien, die ja wie die Produktionsmittel mittlerweile sich meist auch schon in der Hand der herrschenden klasse befinden.
    Die sogenannte „Priesterschaft der Intellektuellen“ ist also nichts weiter wie als eine neuzeitliche Art der Einflussnahme einer Ethikkommission einer durch und durch kapitalisierten Gesellschaft zu betrachten.

    1. @Adel verpflichtet

      Sie schreiben:
      „Es ist doch völlig einleuchtend, das die sogenannte „Priesterschaft der Intellektuellen“ vom Kapital alimentiert wird und diese eigentlich nur die Funktionselite der herrschenden Klasse darstellt.“

      Das ist einerseits eine ziemlich wichtige Frage, andererseits aber auch gar keine so ganz einfache Frage.
      Lange Zeit war ich hier quasi automatisch derselben Meinung wie Sie.
      Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.

      Zwar entspricht dieser Satz einem klassischen Lehrsatz des Marxismus, der (sinngemäß zitiert) lautet:
      Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der herrschenden Klasse.

      Andererseits heißt es im Satz aber „herrschende Klasse“ und nicht „Kapital“. Verstehen Sie?
      Man setzt womöglich etwas zu rasch und zu automatisch das Kapital allein(!) mit der herrschenden Klasse gleich.
      Nun gehören die Vertreter des Kapitals sicher zur „herrschenden Klasse“ dazu, wer wollte daran zweifeln, aber mit Schelsky könnte sagen, dass jene „intellektuelle Priesterkaste“ sich dort auch(!) ein Plätzchen gesichert hat.
      Okay, vielleicht nur ein Plätzchen am Rande, am Katzentisch. Aber immerhin.

      Man kann zudem schwer bestreiten, dass die Epigonen der Frankfurter Schule auch heute noch in den Hochschulen und Sendehäusern ein quicklebendiges Nachleben führen und dass die dort vermittelten Dinge allenfalls in Teilen(!) zum Nutzen des Kapitals sind.

      Es wäre also gründlich zu prüfen, wie hoch denn wirklich der Anteil von Gedanken und Themen unserer herrschenden „universitären Weltanschauung“ insbesondere in den Geisteswissenschaften ist, der dem Kapital nutzt. Das dürften wir als Ältere beide nicht genau wissen. Vielleicht wissen hier andere mehr?!

      Nach meiner eigenen Theorie des seit den 1990er Jahren bestehenden Kompromisses bzw. „Waffenstillstandes“ zwischen den Resten der 1990 besiegten Linken und dem Kapital gehört es zur (nie formell fixierten) Absprache,
      dass die Linke einerseits nicht mehr (revolutionär) die Machtfrage stellt und dass ihr dafür andererseits im kulturellen Bereich Narrenfreiheit gelassen wird. Das ging auch deshalb, weil die Herren des Geldes die Bedeutung der Kultur gerne sträflich unterschätzen … !

      Diesen Spielraum hat die Linke im Sinne von Gramsci – übrigens auch mit wackerer Unterstützung des Restbestandes an DDR-Linken – wacker genutzt. Okay, vieles davon ist woker Unsinn. Trotzdem.

      Dass die Ergebnisse dieser „Narrenfreiheit“ das Kapital inzwischen „zu nerven“ beginnen, das wird aber gerade in unseren Tagen anhand des Wirkens von Vance und Rubio deutlich. Die beiden US-Politiker des Trump-Lagers hätten doch diese Kampfansage gar nicht nötig, wenn die Gedankenwelt der „Priesterschaft der Intellektuellen“ im Interesse des Kapitals wäre?!!
      Exakt DAS ist wahrscheinlich der stärkste Hinweis darauf, dass wir es tatsächlich mit einer „Priesterschaft der Intellektuellen“ zu tun haben, die sich in erheblichem Maße im Widerspruch zum Kapital bzw. zu großen Teilen der herrschenden Klasse befindet.

      Was meinen Sie?

      1. Ich überblicke jetzt den deutschen akademischen Betrieb nicht mal ansatzweise, den internationalen überhaupt nicht und der letzte für mich wahrnehmbare Marxist an einer deutschen Uni war Georg Füllberth – schon lange ausgeschieden. Robert Kurz, dessen Ansatz sicher von Marx kam, auch wenn er den traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus fundiert kritisierte und der international wahrgenommen und diskutiert wurde, arbeitete als Lagerarbeiter in einem Verlag. Gut, das war wohl eher so ein Sponsoring des Eigners, hatte aber mit dem akademischen Betrieb nichts zu tun. Für die „Adorniten“ hatte er nur Spott übrig. Die fanden sich aber zu seinen Lebzeiten auch nur noch in Ausnahmefällen an den Unis.
        Für mich ist dieses merkwürdige Begriff des „Kulturmarxismus“ ausschließlich als Kampfbegriff gegen Ansätze und Personen zu begreifen, bei denen sich nicht mal Spurenelemente marxistischer Theorie finden lassen. Das ist so das Gegenstück zum „Faschismus“, den man auf der anderen Seite in allem entdeckt, was eigenen Überzeugungen widerspricht und oft reicht es aus, dass etwas nicht gefällt. Zum Beispiel deutscher Schlager.

        Für mich sind das nicht verschiedene Sichten auf gesellschaftliche Verhältnisse, sondern Ausdruck einer einer irrationalen Weltsicht, die zunehmend ins wahnhafte geht. Unerfreulich.

        Ob es zu einer Wiedergeburt von marxistischen Ansätzen kommt, weiß ich nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass da sinnvolle Resultate zu erwarten sind, wenn man glaubt, alte Lehrsätze und Beschreibungen nur passend machen zu müssen.
        Ob die politische Klasse sich nochmal mit mit “ roten “ Unis , wie dereinst Marburg schmücken wird, kann ich mir nicht vorstellen. Schon gar nicht nach dem von mir erwarteten Schwenk zur rechten Hegemonie. Aber wenn wie zuletzt an einer rheinischen Universität, die Rektorin nach einer Verlesung, in der die Existenz von zwei Geschlechter richtig festgestellt wurde, was zum üblichen Protest minderbegabter aber lautstarker Studenten führte, prüfen will, ob da ein Angriff auf die Menschenwürde geführt wurde, dann ist das weder links noch marxistisch oder kulturmarxistisch, sondern einfach nur vollverblödet.

        1. @ 1211

          Danke für Ihre Hinweise!

          Vielleicht könnte man auch noch Piketty erwähnen?!?

          Bezogen auf Ihre Sichtweise, die ich so interpretiere, dass Sie eine marxistische Orientierung als entscheidendes Merkmal für „links“ betrachten, dürften Sie richtig liegen.

          Die Frage ist nun allerdings, ob man diese Messlatte auch heute – fast 150 Jahre nach Marx´ens Tod und gut 100 Jahre nach Lenins Tod – noch anlegen sollte. Gewiss KANN man diese Messlatte anlegen, doch fragt es sich, ob sie heute noch uneingeschränkt angemessen ist?

          Dass der von Nichtlinken geprägte Begriff des „Kulturmarxismus“ bei Wikipedia schlecht weg kommt,
          heißt ja bei der bekannten politischen Schlagseite dieser Seite nicht, dass der Begriff unsinnig ist.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Cultural_Marxism_(Schlagwort)
          In diesem Wikipedia-Eintrag ist die Befangenheit nun schon mit Händen zu greifen.
          Dies gilt insbesondere dann, wenn man sich etwas mit der Frankfurter Schule beschäftigt hat!
          https://de.wikipedia.org/wiki/Frankfurter_Schule
          Bemerkenswerterweise ist der Wikipedia-Eintrag zu „Frankfurter Schule“ ungleich seriöser und sachlicher gehalten.

          Für mich persönlich fügt sich der Begriff „Kulturmarxismus“ so vollkommen nahtlos in die Gedanken der Frankfurter Schule ein, dass es sozusagen bloß ein anderer Name für dieselbe Sache ist !
          Außerdem ist der Begriff „Kulturmarxismus“ eben auch deshalb gut gewählt, weil er wirklich den Kern der Sache trifft!

          Und mit „Verschwörungstheorie“ haben die Bestrebungen der Frankfurter Schule nun in der Tat nur in der Weise zu tun, dass sich die Mitglieder dieses Milieus tatsächlich(!) schon in den 1920er und 1930er Jahren „verschworen“ hatten, die bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse auf eine etwas andere, nämlich nichtrevolutionäre Art, anzugehen. Diese Erkenntnis ist ja überhaupt nichts Neues, sondern jedem, der die Veröffentlichungen jener Kreise verfolgt hat, eine ganz banale Selbstverständlichkeit.

          Und auch der Hinweis auf Gramsci passt haargenau zu dem Wirken der Frankfurter Schule und zu dem,
          was sich im Westen in den Jahrzehnten nach 1960 entwickelt hat.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Antonio_Gramsci

          Zwar wird in der Frankfurter Schule und bei deren Epigonen nur die METHODE von Gramsci aufgegriffen
          (-> kulturelle Hegemonie gewinnen) und weniger dessen noch klar marxistische Ausrichtung, aber es handelt sich eben doch um eine Strategie, die verwendet wird.

          Für jeden klassischen Marxisten-Leninisten, der das Lob der revolutionären Umgestaltung sozusagen schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, dürfte diese softe Strategie aber wahrscheinlich immer schon etwas dubios gewirkt haben. Das heißt aber nicht, dass diese Strategie nicht praktiziert würde, weil sie den Gegner nicht hart genug angeht.

  17. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

    Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten.

    So so, die Macht des Bill Gates, von Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Frau Quandt ist keine ökonomische sondern sie lässt sich kulturell aneignen?! Die Umkehrung, nämlich das Ummünzen von ökonomischer in kultureller Macht hat Elon Musk bei seiner Übernahme von Twitter sehrwirkungsvoll demonstriert.

    Der ganze Text klingt wie ein unverstandener Aufguss von Gramscis kultureller Hegemonie (der allerdings noch den Zusammenhang von ökonomischer und politischer Macht sowie die Grenzen von Kultureller Macht/Hegemonie kannte) und Fourcault Theorie der Macht, der allerdings um die Prägungen durch Macht selbst wusste.

    Das für den Autor die Intellektuellen, also kurz die Vernunft, sein grösster Feind gewesen sei, nehme ich ihm angesichts der intellektuellen Kurzschlüsse und Zumutungen im Artikel unbesehen ab.

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