Helmut Schelsky – Der Mann, der den Marxismus überlebte

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Warum „Die Arbeit tun die anderen“ zu den erstaunlichsten Büchern der Bundesrepublik gehört.

Es gehört zu den Ironien der aktuellen Geistesgeschichte, dass ausgerechnet ein Buch von 1975 die Gegenwart präziser beschreibt als viele Gesellschaftsanalysen der vergangenen 20 Jahre. Helmut Schelskys „Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ erschien in einer Zeit, in der die Bundesrepublik noch ganz im Schatten von 1968 stand. Der Marxismus hatte die Universitäten erobert, die Frankfurter Schule prägte den Ton der akademischen Debatten, und der Begriff des Klassenkampfes galt weiten Teilen der Intelligenz als nahezu selbstverständlicher Schlüssel zum Verständnis moderner Gesellschaften. Wer die Welt erklären wollte, begann mit Marx.

Heute hat sich das Bild grundlegend verändert. Der Ostblock ist verschwunden, die kommunistischen Experimente des 20. Jahrhunderts sind historisch gescheitert, und selbst dort, wo sich politische Bewegungen weiterhin auf Marx berufen, geschieht dies meist nur noch in stark veränderter Form. Überraschend ist jedoch nicht, dass der Marxismus an Einfluss verloren hat. Nein, überraschend ist vielmehr, dass ausgerechnet Helmut Schelsky dabei an Aktualität gewonnen hat.

Schelsky typisch für die Siebziger

Das ist keineswegs selbstverständlich. Viele konservative Antworten auf den Marxismus wirken heute selbst wie historische Dokumente. Sie waren an den Gegner ihrer Zeit gebunden und verloren mit ihm ihre Relevanz. Bei Schelsky hingegen geschieht das Gegenteil. Seine Gegner verschwinden – doch seine Fragestellung bleibt.

Der Grund liegt darin, dass Schelsky den Marxismus an einer anderen Stelle kritisiert als die meisten seiner Zeitgenossen. Er versucht nicht nachzuweisen, dass Märkte effizienter funktionieren oder Planwirtschaften scheitern müssen. Er argumentiert auch nicht moralisch gegen den Sozialismus. Sein Interesse gilt vielmehr einer grundlegenderen Frage: Wo entsteht in modernen Gesellschaften eigentlich Macht? Diese Verschiebung des Blicks macht den Reiz seines Buches aus.

Der Marxismus verstand Macht primär ökonomisch. Wer über Produktionsmittel verfügt, verfügt über Herrschaft. Eigentum schafft Abhängigkeit, Abhängigkeit erzeugt Klassen, Klassen produzieren Geschichte. Diese Analyse besaß für das Industriezeitalter eine enorme Plausibilität. Fabrikbesitzer, Arbeiter, Gewerkschaften, Kapital und Lohnarbeit bildeten die sichtbaren Gegensätze einer Epoche, deren soziale Konflikte tatsächlich stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt waren.

Schelsky erkennt jedoch bereits Mitte der Siebzigerjahre, dass sich westliche Gesellschaften verändern. Nicht Fabriken, sondern Universitäten wachsen. Nicht Industriearbeiter bestimmen zunehmend das öffentliche Selbstverständnis, sondern Akademiker. Nicht die Produktion materieller Güter steht im Mittelpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern ihre Interpretation. Während Marx die Produktionsverhältnisse analysiert, beginnt Schelsky die Produktionsbedingungen gesellschaftlicher Wirklichkeit zu untersuchen.

Kampf um Begriffe

An dieser Schnittstelle entsteht seine berühmte Formel von der „Priesterherrschaft der Intellektuellen“. Der Begriff ist häufig missverstanden worden. Schelsky behauptet keineswegs, Intellektuelle bildeten eine verschwörerische Elite. Er beschreibt vielmehr eine strukturelle Verschiebung. Wie im Mittelalter Priester über die Deutung der göttlichen Ordnung wachten, so entsteht in modernen Gesellschaften eine Schicht von Menschen, deren Einfluss nicht auf Eigentum, sondern auf Interpretation beruht. Sie formulieren Begriffe, entwickeln moralische Maßstäbe, bestimmen den öffentlichen Sprachgebrauch und prägen die Kategorien, in denen Gesellschaft über sich selbst nachdenkt.

Heute würden wir vielleicht von Definitionsmacht sprechen.

Blickt man auf die großen Konflikte der Gegenwart, dann fällt auf, wie selten sie sich noch unmittelbar um Eigentum oder Produktionsmittel drehen. Gestritten wird über Sprache, über kulturelle Symbole, über Identität, über historische Erinnerung, über moralische Legitimität, über Wissenschaft, Medien und Bildung. Der Besitz von Fabriken erklärt diese Konflikte nur noch am Rande. Viel wichtiger ist die Frage geworden, wer festlegt, welche Begriffe verwendet werden dürfen, welche Deutungen als legitim gelten und welche moralischen Erwartungen eine Gesellschaft an ihre Mitglieder richtet.

Hier wirkt Schelsky nicht wie ein Autor der Siebzigerjahre. Er wirkt wie ein Beobachter der Gegenwart. Aus diesem Grundlohnt es sich, sein Buch heute noch einmal zur Hand zu nehmen.

Von der Klassenmacht zur Deutungsmacht

Vielleicht erklärt gerade diese anthropologische Schwäche des Marxismus, weshalb Helmut Schelsky einen Wandel erkannte, den viele seiner Zeitgenossen übersahen.

Während die akademische Linke der Siebzigerjahre weiterhin nahezu alle gesellschaftlichen Konflikte durch die Kategorien von Kapital, Klasse und Eigentum interpretierte, richtete Schelsky den Blick bereits auf eine andere Form von Macht. Nicht mehr die Verfügung über Produktionsmittel schien ihm die entscheidende Frage zu sein, sondern die Verfügung über Begriffe. Wer bestimmt, wie Wirklichkeit beschrieben wird, verfügt über eine Macht, die langfristig oft größer ist als wirtschaftlicher Einfluss.

Diese Einsicht wirkt heute beinahe selbstverständlich. 1975 war sie revolutionär.

Damals stand noch die Industriegesellschaft im Mittelpunkt. Gewerkschaften, Unternehmerverbände und Parteien galten als die eigentlichen Träger gesellschaftlicher Macht. Schelsky hingegen beobachtete das rasche Wachstum einer neuen gesellschaftlichen Schicht: Universitäten expandierten, öffentliche Verwaltungen wurden größer, die Zahl wissenschaftlicher Institute nahm zu, das Bildungswesen entwickelte sich zu einem der größten Bereiche staatlicher Tätigkeit. Parallel dazu entstanden neue Milieus aus Sozialwissenschaftlern, Pädagogen, Journalisten, Kulturfunktionären und Planern, deren Einfluss sich nicht aus Eigentum, sondern aus Interpretation speiste.

Rückblickend erscheint der Begriff der „Priesterherrschaft der Intellektuellen“, der bei Schelsky an dieser Stelle ansetzt, erklärungsbedürftig. Denn blickt man auf die Gegenwart, stellt sich eine merkwürdige Frage: Wo sind diese Intellektuellen eigentlich geblieben? Und: Wer waren die prägenden linken Denker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts?

Marx ohnehin. Dann Lukács. Gramsci. Sartre. Adorno. Horkheimer. Marcuse. Althusser. Foucault. Bourdieu. Habermas.

Über ihre politischen Urteile kann man streiten. Über ihre intellektuelle Bedeutung kaum. Sie entwickelten Begriffe, entwarfen Theorien, schrieben Bücher, die ganze Generationen beschäftigten. Man konnte sie bewundern oder ablehnen; ignorieren ließ sich ihr Werk jedoch nicht. Vergleicht man damit die Gegenwart, fällt etwas Bemerkenswertes auf.

Institutionen argumentieren seltener als einzelne Autoren

Deutschland verfügt zweifellos über kluge Soziologen, Philosophen und Politikwissenschaftler. Es gibt renommierte Forschungszentren, ausgezeichnete Fachzeitschriften und hoch spezialisierte wissenschaftliche Debatten. Was jedoch auffällt, ist das weitgehende Fehlen jener öffentlichen Intellektuellen, die mit einem originären theoretischen Entwurf das Selbstverständnis einer Epoche verändern.

Wahrscheinlich ist das die eigentliche Veränderung: Die Theorieproduktion hat sich institutionell verteilt.

Wo einst einzelne Denker Begriffe prägten, entstehen heute Leitbilder häufig kollektiv. Nicht mehr das große philosophische Werk strukturiert die öffentliche Debatte, sondern Forschungsverbünde, Kommissionen, Expertenräte, Stiftungen, internationale Organisationen, Universitäten und große Medienhäuser. Die intellektuelle Autorität hat sich gleichsam entpersonalisiert.

Damit verändert sich zwangsläufig auch der Charakter öffentlicher Diskussionen.

Die großen Theoretiker des 20. Jahrhunderts irrten oft spektakulär. Gerade deshalb mussten sie argumentieren. Ihre Begriffe standen zur Debatte. Sie mussten sich der Kritik aussetzen, ihre Theorien verteidigen und ihre Voraussetzungen offenlegen.

Institutionen funktionieren anders. Sie argumentieren seltener als einzelne Autoren; sie formulieren Standards, Empfehlungen, Leitlinien oder wissenschaftliche Konsense. Ihre Autorität entsteht nicht primär aus der Originalität eines Gedankens, sondern aus ihrer Stellung innerhalb gesellschaftlicher Verfahren. Der Widerspruch richtet sich dadurch nicht mehr gegen einen Autor, sondern gegen ein ganzes institutionelles Gefüge.

Hierin liegt vermutlich die eigentliche Aktualisierung Schelskys. Er sprach von einer Priesterherrschaft der Intellektuellen. Heute erleben wir eher eine Priesterherrschaft der Institutionen.

Der klassische Marxismus verliert seine Erklärungskraft

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Universitäten, Medien oder wissenschaftliche Einrichtungen als geschlossener Block handeln oder zentral gesteuert würden. Eine solche Vorstellung wäre selbst eine unzulässige Vereinfachung. Wohl aber lässt sich beobachten, dass sich in komplexen Institutionen häufig ähnliche Denkstile, moralische Vorannahmen und sprachliche Konventionen herausbilden. Nicht weil sie verordnet würden, sondern weil Institutionen ihre eigene Kultur entwickeln.

Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten. Sie entsteht durch Bildung, wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit. Sie funktioniert nicht wie ökonomische Herrschaft, sondern wie kulturelle Selbstverständlichkeit.

Schelsky hat diese Verschiebung früher erkannt als viele seiner Zeitgenossen. Deshalb wirkt seine Analyse – wie eingangs erläutert – heute erstaunlich modern. Seine Schlussfolgerungen waren nicht allesamt richtig. Aber seine Fragestellung hat die eigentliche Entwicklung bereits vorweggenommen.

Wahrscheinlich liegt darin sogar eine der großen Ironien der deutschen Geistesgeschichte. Schelsky glaubte noch, seine eigentlichen Gegner seien die Intellektuellen. Tatsächlich sollten diese allmählich verschwinden. Geblieben sind ihre Institutionen. Aus diesem Grund beginnt die eigentliche Aktualität seines Buches nicht im Jahr 1975.

Sondern heute.

Clemens Varro

Clemens Varro lebt in Rom und schreibt dort für La Repubblica. Gelegentlich veröffentlicht er unter Pseudonym bei anderen Medien.
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3 Kommentare

  1. Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

    Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten. Sie entsteht durch Bildung, wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit. Sie funktioniert nicht wie ökonomische Herrschaft, sondern wie kulturelle Selbstverständlichkeit.

    Elfriede Springer ist da anderer Meinung. Der Autor behauptet, dass der Schwanz mit dem Hund wedele, den Nachweis bleibt er aber schuldig.

    1. „Diese Macht lässt sich weder kaufen noch allein aus Eigentum ableiten“. Das kann man nur als derben Scherz nehmen, wenn man sich ein bischen im akademischen Milieu auskennt und weiß, wie dort „wissenschaftliches Prestige, mediale Reichweite, institutionelle Vernetzung und moralische Glaubwürdigkeit“ bewirtschaftet werden. Ein Hecheln und Buckeln gegenüber Machthabern und Geldgebern, die es schon verstehen, die universitäre Welt auf die Bedürfnisse von Staat und Wirtschaft hin zu formatieren (Drittmittel!). Und ein Hauen und Stechen der Geistesarbeiter untereinander, das für sich genommen bereits ein schönes Bekenntnis zur Konkurrenzgesellschaft ist. Intellektuellen, deren ganzer Habitus ein einziges ‚Kauf mich, bitte, bitte, wo ich doch so konstruktiv und affirmativ denke‘, die kann man nicht kaufen??? Trefflicher Spaß!!!

  2. Marxismus nicht verstanden muss man leider dranschreiben.

    > Gerade hier verliert der klassische Marxismus seine Erklärungskraft. Er fragte, wem Fabriken gehören. Die Gegenwart zwingt zu einer anderen Frage: Wer besitzt die kulturelle Autorität, Wirklichkeit zu definieren?

    Die Frage wem die Fabriken gehören ist die grundlgende Frage. Die hat Marx beantwortet.
    Die anthropologische Sicht ist eine sekundäre Sicht. Da kann man Marx vorwerfen die nicht angestellt zu haben, aber siehe weiter unten.

    Was man sagen könnte das er die Rolle des Menschen unterschätzt hat und ihm mehr Bedeutung hätte beimessen müssen. Allerdings hat Marx NIE den Sozialismus genau beschrieben. Es gibt dazu von ihm keine klare Vorlage! Das ist was viele nicht verstanden haben. Das kommunistische Manifest ist ein ganz dünnes Büchlein. Das hat er absichtlich seinen Nachfolgern überlassen. Insofern ist es eigentlich auch kein Versäumnis, da Absicht.

    Einen Marxismus gibts im übrigen nicht, was es gibt ist Sozialismus/Kommunismus.
    Ob der S/K funktionieren kann (oder zb immer eine Diktatur führt) ist auch nochmal eine andere Frage.
    Wie es auch eine weitere Frage ist ob eine Gesellschaftsordnung immer die maximale Entwicklungsgeschwindigkeit benötigt, was sie immer nachteilig zum Kapitalismus werden lässt, der allerdings auch über Leichen geht, wo dann die Frage ist was man will.

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