
Die Streamingplattform Netflix achtet gerne auf Diversität und soziale Gerechtigkeit. Dabei verbreitet sie auch US-Kriegspropaganda und wäscht den „War on Terror“ rein, wie anhand einer neue Doku-Reihe deutlich wird.
Es soll ein entspannter Abend nach einer ermüdenden Recherchereise und vielen Schreibtagen werden. „Netflix and chill“ eben. Ich sitze vor meinem TV-Gerät und gehe die Mediathek durch. Die Übersättigung des Serienmarktes wird abermals deutlich. Auffallend sind wieder einmal besonders divers wirkende Produktionen. Schwarze, asiatische oder queere Schauspieler werden hervorgehoben. An sich ist das natürlich nichts Schlechtes. Dass sich Netflix dieser vermeintlichen „Social-Justice-Agenda“ besonders verschrieben hat, ist mittlerweile allerdings auch kein Geheimnis mehr. Dass viele Drehbücher darunter leiden, weil sie schlichtweg vernachlässigt werden, ebenso. Doch das sollen heute nicht meine Sorgen sein. Irgendetwas Gutes wird sich schon finden lassen, so mein Gedanke. Unter der Rubrik „Neuerscheinungen“ macht mich ein Titel neugierig, der mir jüngst auf Twitter, mittlerweile als „X“ bekannt, aufgefallen ist: „Spy Ops“ – eine Dokureihe über die vermeintlich streng geheimen Operationen der CIA. Episode eins behandelt den Krieg in Afghanistan. Mit der Vorahnung, auch heute Abend von meiner Arbeit eingeholt zu werden, drücke ich auf Play.
Bereits nach wenigen Minuten finde ich mich in einem Beitrag wieder, der mit journalistischer Sorgfalt und kritischer Recherche nichts zu tun hat. Stattdessen hat sich Netflix doch tatsächlich entschlossen, zwanzig Jahre nach dem verlorenen „längsten Krieg“ der Amerikaner in Afghanistan ein Propagandastück zu inszenieren. In einer knappen Stunde lässt sich nämlich fast keine einzige Minute (!) finden, die sich nicht widerlegen lässt. Ein Grund hierfür ist gewiss der Umstand, dass ein Großteil der Bühne ehemaligen CIA-Agenten gewährt wird. Hinzu kommen einige ihrer afghanischen Verbündeten, die vom US-Einsatz profitierten, zu Multimillionären wurden und zwei jahrzehntelang Teil von mafiaähnlichen Warlordstrukturen gewesen sind.
Der vermeintlich unbekannte Gary
Besonderen Fokus liegt auf den mittlerweile verstorbenen CIA-Agenten Gary Schroen. Er gilt praktisch als der Hauptinsider der Afghanistanepisode und kennt, so wird vermittelt, Land und Region wie kein anderer. Für Kenner anglosächsischer Politliteratur ist Schroen allerdings kein Unbekannter. Bereits in den 1990er-Jahren hielt sich Schroen für einen „Geheimauftrag“ im Norden Afghanistans auf. Was in „Spy Ops“ unerwähnt bleibt: Schroen besuchte den berühmten Mudschaheddin-Kommandanten Ahmad Shah Massoud, um verschollene Stinger-Raketen wiedereinzusammeln. Jene Stinger-Raketen, die noch wenige Jahre zuvor von ebenjenen Amerikanern an verschiedene Fraktionen der Mudschaheddin-Rebellen verteilt wurden, um die Rote Armee zu bekämpfen. Eins vorweg: Tatsächlich waren die Stinger im Kampf gegen sowjetische Helikopter, die zahlreiche afghanische Dörfer vernichtet hatten, wichtig und wertvoll. Laut vielen Zeitzeugen haben sie weitere Zerstörungen und Massenmorde verhindert. Doch irgendwann nach dem Fall des Eisernen Vorhangs machte sich in Washington die Sorge breit, dass die Waffen in „falsche Hände“ – Stichwort Al Qaida – gelangen könnten, weshalb man die CIA beauftragte, sie wiedereinzusammeln. Dies geschah nur mit mäßigem Erfolg und in Afghanistan gibt es bis heute noch zahlreiche Mythen, was mit den verschollenen Raketen geschehen ist und in wessen Hände sie gelangt sind.
Gerade im heutigen Zeitalter wäre es wichtig, einem übermäßig jungen Publikum, wie es sich bei Netflix finden lässt, die Folgen kurzsichtiger Waffenlieferungen zu erklären. Auch eine etwas allgemeine Geschichtsstunde zur Region wäre in diesem Kontext angebracht gewesen. In „Spy Ops“ beginnt der Krieg in Afghanistan praktisch mit den Anschlägen des 11. Septembers 2001. Dabei befand sich das Land zum damaligen Zeitpunkt bereits mehr als zwanzig Jahre im Krieg. All dies spielt keine Rolle und bleibt unerwähnt, obwohl die CIA auch in den 1980er-Jahren in verheerender Art und Weise klandestin in der Region tätig war, etwa, indem man sich in erster Linie mit den brutalsten und extremistischsten Mudschaheddin-Gruppierungen verbündete, diese im Kampf gegen die Sowjets massiv aufrüstete und Korruption und Drogengeschäfte nicht nur duldete, sondern praktisch auch förderte.
Koffer voller Geld
Ein wichtiger Punkt, der von Netflix‘ CIA-Agenten aufgegriffen aber in jederlei Hinsicht relativiert wird, sind die Koffer voller Bargeld, die kurz vor der US-Invasion an auserkorene afghanische Verbündete, sprich, berühmt-berüchtigte Milizionäre und Kriegsfürsten, verteilt wurden. Laut den Agenten war dies notwendig. Jeder, der Geld brauchte, hat es bekommen. Damit kaufte man sich die Loyalität der Verbündeten. Dass dieser Schritt im Grunde genommen zu den größten Systemfehlern der afghanischen Post-2001-Republik gehörte und letzten Endes für deren Kollaps sorgte, wird von den Produzenten schlichtweg ignoriert. Dabei ist mittlerweile allgemein bekannt, dass Korruption zu den Hauptproblemen des gesamten Einsatzes und des damit verbundenen „Nationbuildings“ gehörte – und dass diese eben von Anfang mittels der Bargeldzahlungen der CIA gefördert wurde. Aufgrund dieser Praktik witterte jeder das große Geld im „War on Terror“ und erfand neue Wege, um daran zu kommen. Das Resultat der Korruption am Hindukusch sind einige wenige Reiche, meist Politiker, sogenannte Contractor, die für die US-Truppen arbeiteten sowie die bekannte Warlord-Mafia, während bis heute in den meisten Regionen des Landes keinerlei Infrastruktur existiert.
Ironischerweise sorgten Geldkoffer auch während des Abzugs der NATO aus Afghanistan für einige Schlagzeilen. Anfangs hieß es etwa, dass der letzte, von Washington-installierte Präsident des Landes, Ashraf Ghani, mit Taschen und Koffern voller Bargeld das Land verlassen habn. Einigen Berichten zufolge handelte es sich hierbei um eine gezielte Desinformationskampagne der russischen Botschaft in Kabul, die zuerst diese Nachricht gestreut haben soll. Später stellte sich allerdings heraus, dass sie gar nicht so falsch gewesen sein soll. Allein dem afghanischen, von der CIA aufgebauten Geheimdienst NDS (National Directorate of Security) stand ein jährliches Budget von 225 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Er soll Zugriff auf mindestens siebzig Millionen US-Dollar in Bargeld gehabt haben. Am 14. August 2021, einen Tag vor der Flucht Ghanis und dem Fall Kabuls an die Taliban, sind diese Gelder verschwunden.
Verdrängte Massaker
Ausgiebig erwähnt wird von „Spy Ops“ auch der Warlord Abdur Rashid Dostum, der gemeinsam mit US-Soldaten und CIA-Agenten den wahrscheinlich letzten Kavallerieritt der Kriegsgeschichte antrat. Das Bündnis zwischen Dostum und seinen Milizen und den Amerikanern war auch Inhalt des Films „12 Strong“ aus dem Jahr 2018. Was sowohl im Film als auch in der Netflix-Doku nicht behandelt wurde: Das Massaker von Dasht-e Laili, bei dem Dostum Tausende von Kriegsgefangenen in Containern in der Wüste in der Hitze schmorren und ermorden ließ. Unter den Opfern befanden sich nicht nur Taliban-Kämpfer, sondern auch zahlreiche junge Männer, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Kenner der Region betrachten das Massaker, bei dem die Amerikaner als Mittäter zusahen, als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen der modernen afghanischen Geschichte.
Eine ähnliche Ignoranz und Reinwaschung lassen sich auch im Kontext der zahlreichen US-Bombardements, die in den ersten Tagen des Militäreinsatzes stattfanden, finden. Schätzungen zufolge wurden mindestens 4.000 Afghanen durch klassische Luftbombardierungen sowie Drohnenangriffe getötet. Für diese Operationen waren sowohl das US-Militär als auch die CIA verantwortlich. Die Opfer dieser Angriffe finden in „Spy Ops“ keinerlei Beachtung. Stattdessen wird das Bild des sauberen Antiterror-Krieges, der ausschließlich die „bösen Buben“ eliminierte, propagiert. Ein Bild, das in den letzten Jahren immer wieder dekonstruiert wurde. Abermals war der August 2021 hierfür mehr als symbolträchtig, als viele Taliban-Führer, die in den Jahren zuvor nach vermeintlich präzisen Drohnenoperationen für „tot“ erklärt wurden, in Kabul triumphierend einmarschierten. Währenddessen stellt bis heute niemand, auch nicht das „woke“ Netflix, die wohl offensichtlichste Frage schlechthin: Wer waren all die Afghanen und Afghaninnen, die an deren Stelle im Feuer der Bomben und Raketen sterben mussten?




Obama hat mit den von ihm genehmigten Drohnenmorden 10000+ Zivilisten auf dem Gewissen. Der Friedensnobelpreisträger ist ein Massenmörder und Kriegsverbrecher.
https://uncutnews.ch/der-grosse-erfolg-der-taliban-bei-der-ausrottung-des-opiums-wirft-die-frage-auf-was-wir-ununterbrochen-getan-haben/
Zur Info für Interessierte….
„Gerade im heutigen Zeitalter wäre es wichtig, einem übermäßig jungen Publikum, wie es sich bei Netflix finden lässt, die Folgen kurzsichtiger Waffenlieferungen zu erklären.“
Die Entscheidungsträger in den USA und Europa sind aus meiner Sicht kein „junges Publikum“, in vielen Fällen sind sie eher Gerontokraten. Und ein aktueller Blick gen Osten in die Ukraine sagt mir – „kurzsichtige Waffenlieferung“ können auch die Alten. Nicht umsonst heißt es: Alter schützt vor Torheit nicht!
@Simon
Hören die Jungen denn hin oder sagen sie Opa was willst du denn?
„die Folgen kurzsichtiger Waffenlieferungen zu erklären.“
Das hat Baerbock schon ziemlich am Anfang nach Russlands Kriegseintritt getan: „Das [die Aufrüstung+Sanktionen] wird Russland ruinieren.“
Der Witz ist, dass im Vorfeld schon soviel vorbereitende PsyOp-Arbeit geleistet wurde, dass das heimische Publikum schon ganz wild darauf ist, dem zuzusehen.
Auch bei der obigen Erzählung von Emran Feroz flogen die Sowjets zuerst mit den Hubschraubern in Dörfer und rotteten die Bevölkerung aus und als die braven Amerikaner das sahen, lieferten sie schnell Stinger-Raketen, damit die bösen Sowjets abgeschossen werden konnten.
Dass das wohl genau so war, fühlt jeder im Bauch, der Rambo III gesehen hat.
Dass die Sowjets überhaupt in größerem Maße mit Soldaten nach Afghanistan gekommen sind, weil die dshihadistische Opposition wegen der linken Regierung massiv von der CIA mit Geld und Waffen ausgerüstet wurde (vgl. ebenfalls Ukraine Nuland 5 Mrd Dollar, 2014 Schießereien in Kiew, dann Putsch), kommt ihm bei all dem Schießen und Pulverrauch, dann nicht mehr in den Blick.
@ Müsli…
Jaja, der Autor hat schon eine eigenwillige Sichtweise. Der gute Freund aus USA hat ja die Blutsaeufer und Massenmoerder Dostan, Massud, Hekmatjar und ähnlichem Gesocks noch den Mohnanbau und den Heroinhandel in wahrhaft globalem Masse ermöglicht. Und erst die rechtsfreie Gewaltherrschaft dieser Feudalherrschaften hat den gezielten Aufstieg und Akzeptanz der Taliban ermöglicht. Aber das ist wohl eine andere Geschichte…
Für den Weltuntergang brauch wir keine 250 Millionen Jahre das kriegen wir schneller hin.
Den schnellen Brüter haben wir verhindert, doch….
Statt Schneller Brüter jetzt Zentrale für den Dritten Weltkrieg in Kalkar am Niederrhein.
https://www.nachdenkseiten.de/?p=104378
Ich würde die Region schon allein meiden, da CastleGate in der Nähe ist. Aber um so mehr ich mich damit beschäftige, gibt es immer mehr Orte die ein potentielles Anschlagziel sind. Am besten ist wohl aus Deutschland wegzuziehen.
Psst, wussten sie schon, daß die Geheimdienste die gefährlichsten Einheiten sind, wo nicht ein einziger Staat in der Lage ist, diese zu kontrollieren?
Sehen Sie, die armen Politiker sind getriebene dieser unendlichen Macht, aber morgen gehen sie doch wieder wählen, gelle.
Denn unsere Partei wird ruinierte Landschaften zum blühen bringen, und tatsächlich blühten diese Landschaften auf mit Bombenteppiche die ihresgleichen suchen.
Wokeness auf der einen Seite, auf der anderen massiver Militarismus inklusive massiver Geschichtsfälschungen. Passt ja gar nicht. Denkt man.
Wenn aber doch? Wenn die Wokeness zur Abstreitung des Militarismus herangezogen wird? Exakt so habe ich diese Wokeness immer eingeschätzt und bin an dieser, wie auch anderen Stellen immer mit diesem Vorurteil bestätigt worden.
Wie die Deutschen mit ihrem riesigen Holocaust-Denkmal. Jetzt will man aber nichts mehr hören von wegen Naziverdacht. Bloß weil hier ein NSU herumläuft. Und bloß, weil man sich mit der Ustascha von Franjo Tudjman so gut verstanden hat. Wie später auch mit den Banderisten in der Ukraine.
All das hat nichts zu sagen, Wir haben dieses Denkmal. Und wir verbitten uns Verdächtigungen aller Art.
Dazu gibt es seit rund 2 Jahren das Meme: if netflix made a WW2 documentary
https://www.google.com/search?q=%22if+netflix+made+a+WW2+documentary%22
Zur Sicherheit habe ich das nur über Google verlinkt. Das Meme ploppte aus aktuellem Anlass – dem mit Standing-Ovations begleiteten Auftritts des Veteranen der SS-Division Galizien im kanadischen Parlament, wieder hoch.
In ähnliche Richtung hat das gestern in 3sat Kulturzeit die jüdische Autorin Deborah Feldman anlässlich ihres Buchs „Judenfetisch“ erklärt.
Empörte empören sich über Empörte, ist das nicht empörend?
Tag der Einzeiler bei den Stiefelnazis. Glückwunsch zu Pflegegrad 5.
Bist Du dabei ein Zungenbrecher zu kreieren, irgendwie funktioniert es jedoch noch nicht so ganz 😉
„Empörte empören sich über Empörte,
die sich wiederum über empörende Empörte empören empörten.
Anderseits empörten Empörende empörtend sich über Empörte
empörende über Empörende empörte empörlich.“
Wäre mein Vorschlag :-))
Gefällt mir!
😉
Dieser Kommentar wurde auf Wunsch des Autors gelöscht.
@ Altlandrebell
Danke einmal mehr für Ihren beachtenswerten Beitrag.
Eine Zusatzbemerkung: Jede Information, ob mündlich, visuell als Film/Reportage/Dokumentation, schriftlich, kann der Empfänger/Konsument als eine vorselektierte Wahrnehmungssteuerung betrachten. Dies zu erkennen oder im Gleichschritt der gewünschten vermeintlichen öffentlichen bzw medialen Meinung zu marschieren ist eine geistige Freiheit die man sich höchst subjektiv leisten kann (Gedanken sind frei, sie fliegen vorbei…) und will oder auch nicht.🥳🥳🥳
Leider hat der Artikel insgesamt praktisch nichts mit der Titelzeile zu tun. Was hat der Autor erwartet von einer „Doku“ einer US-Unterhaltungsfirma zu Afghanistan??? Genausogut könnte man Rambo I-X (wieviele Teile gabs eigentlich?) als Dokumentation ansehen….Zeitverschwendung!