Haltung, Hashtags, Halbfinale?

Deutschland, Weltmeister 2014
Marcello Casal Jr/Agência Brasil, CC BY 3.0 BR, via Wikimedia Commons

Diese Woche beginnt die Weltmeisterschaft. Und siehe da: Die deutsche Nationalmannschaft reist diesmal nicht als mobile Außenstelle des Auswärtigen Amtes an. Hält der gute Vorsatz länger als die Vorrunde?

Bundestrainer Julian Nagelsmann hat vor einigen Tagen den Kader für die Weltmeisterschaft 2026 bekanntgegeben. Wobei das Wort bekanntgegeben die Sache nicht trifft. Bekanntgegeben wurde früher. Heute wird zelebriert, inszeniert, vermarktet und zerstückelt. Die Namen der Spieler wurden über soziale Medien verteilt wie Rabattmarken bekannter Fast-Food-Ketten. Hier ein Video, dort ein Clip, dazwischen etwas künstlich erzeugte Spannung. Nagelsmann erklärte in kurzen Sequenzen, weshalb er diesen oder jenen Spieler nach Nordamerika mitnimmt. Der Bundestrainer als Influencer. Der DFB als Content-Schmiede. Aus einer Kadernominierung wurde ein Medienprodukt.

Der DFB will bekanntlich immer modern erscheinen. Das ist sein Unglück. Kaum taucht irgendwo eine Mode auf, läuft der Verband ihr hinterher wie ein aufgeregter Kläffer einem Fahrrad. Früher organisierte er Fußballländerspiele oder den Ligabetrieb. Heute produziert er Reichweite. Einst stellte er Mannschaften auf. Mittlerweile stellt er sich selbst aus. Es ist ein trauriger Anblick. Denn Institutionen, die verzweifelt jung wirken wollen, wirken am Ende meist nur wie depressive Senioren.

Der DFB simuliert politische Expertise

Wer den DFB in den vergangenen Jahren beobachtet hat, konnte sich eines Eindrucks kaum erwehren: Dieser Verband hielt sich zunehmend für etwas Höheres als einen Fußballverband. Bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar stand nicht der Fußball im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt standen politische Gesten, moralische Signale und symbolische Auftritte. Die One-Love-Binde beschäftigte Mannschaft und Funktionäre intensiver als mancher Gegner. Als die FIFA Widerstand leistete, begann das große Schauspiel: Die Innenminister reiste an, zeigte den Scheichs ihre nackten Oberarme und die Mannschaft übte sich in einer Hand-vor-dem-Mund-Geste, die um die Welt ging. Die sportliche Leistung leider nicht. Die endete bekanntlich erneut in der Vorrunde. Dem Spott der Welt gab es gratis obendrauf.

Damals entstand das Bild eines Verbandes, der sich für eine Art moralische Vorhut hielt. Die Funktionäre traten auf, als verfügten sie über besondere Einsichten in die großen Fragen des Menschengeschlechts. Einige Spieler wirkten wie Gesandte einer höheren Sache. Und im Tross dabei: Politiker wie Nancy Faeser, die ohne Rücksicht auf die Kultur im Orient Arm zeigte. Aber was erwartet man von Leuten, die auch im eigenen Land annehmen, dass autochthone Kultur weggeworfen werden sollte? Der Fußball wurde zum Nebendarsteller degradiert. Die Nation sollte nicht jubeln, sondern sich an der deutschen Weltsicht laben. Die wollten nicht Weltmeister werden, sondern die Welt beschulmeistern.

Seit wann besteht die Aufgabe eines Fußballverbandes darin, die Welt politisch zu belehren? Ein Verband organisiert Fußball. Er ist keine Akademie für Gesellschaftstheorie, er ist keine moralische Anstalt und schon gar kein Ersatzparlament. Früher wusste man das. Die alte Zurückhaltung des DFB wurde oft kritisiert, beispielsweise als der Verband kritiklos 1978 zur Weltmeisterschaft in Argentinien aufbrach. Tatsächlich sprach viel für diese Neutralität. In einer pluralistischen Gesellschaft muss nicht jede Institution politische Erklärungen abgeben. Manche dürfen sich auf ihre eigentliche Aufgabe beschränken. Beim DFB wäre das der Fußball.

Young Global Kicker und der Globalismus

Die Nationalspieler von heute leben in einer Welt, die mit der Lebenswirklichkeit vieler Zuschauer nur noch entfernt verwandt ist. Sie verdienen Summen, die sich normale Arbeitnehmer kaum vorstellen können. Und sie pendeln zwischen Metropolen, wohnen in Luxusvierteln und bewegen sich in einem internationalen Milieu, das nationale Grenzen oft nur noch aus dem Flugzeugfenster kennt. Ihre Welt ist global. Das ist weder ein Verbrechen noch eine Schande. Aber so ein Leben befähigt nicht zur geistig-moralischen Erziehung der Massen.

Wer in dieser Sphäre lebt, betrachtet viele Dinge anders als Menschen, deren Leben sich zwischen Arbeitsplatz, Familie und Heimatort abspielt. Der internationale Fußballprofi ist ein Globalist. Seine Lebenswelt ähnelt sich, ob er in München, London, Madrid oder Paris kickt. Er reist durch die Welt, kennt diese aber nicht. Er muss zu den globalistischen Eliten gezählt werden, die die westliche Welt und darüber hinaus gleichgeschaltet haben.

Der britische Komiker Ricky Gervais hat den Schauspielern Hollywoods vor Jahren zugerufen, sie sollten aufhören, das Publikum zu belehren. Er war es den Stars schroff an den Kopf. Sie sollten ihren Preis abholen kommen und dann: Fuck off! Haltet den Mund! Denn die Schauspieler wüssten nichts über die wirkliche Welt. Die Mimen waren brüskiert. Auch Fußballer erwerben durch Tore, Titel und Talent keine besondere Autorität in gesellschaftlichen Grundsatzfragen. Wer hervorragend Fußball spielt, verdient vielleicht Bewunderung. Aber mehr steht einem Kicker nicht zu. Sportliche Begabung ist sportliche Begabung und nicht etwa ethische Expertise.

Kein normaler Verband

Der DFB wirkt heute wie eine Institution in permanenter Identitätskrise. Mal möchte er moralische Instanz sein. Mal gesellschaftlicher Vorreiter. Dann digitale Jugendbewegung. Und wenn alles nicht funktioniert, versucht er es mit dem nächsten Trend. Wird es Hobby Horsing sein? So entstand im Laufe der letzten Jahre der Eindruck eines Verbandes, der ständig nach einer Rolle sucht, seine eigentliche Rolle als Organisator eines geregelten Spielbetriebes aber nicht mehr so recht ausfüllen möchte.

Die Kadernominierung über Kurzvideos sieht vielleicht wie eine harmlose Spielerei aus. Aber sie war symptomatisch. Der DFB kann offenbar nicht mehr einfach einen Kader benennen. Er muss daraus ein Ereignis machen, er muss es ausschlachten. Und er muss offensichtlich Aufmerksamkeit erzeugen, Reaktionen provozieren, Inhalte produzieren. Alles wird zur Inszenierung. Nichts darf mehr selbstverständlich sein. Man schaut auf diesen Verband und fragt sich unwillkürlich: Ist das eigentlich noch ein Fußballverband? Oder handelt es sich inzwischen um eine Kommunikationsagentur mit zufälligem Nationalmannschaftsbetrieb? Der DFB wirkt wie einer dieser traurigen Menschen, der jede Mode mitmacht und deshalb nie einen zeitgemäßen, sondern stets verspäteten Eindruck vermittelt.

Die Weltmeisterschaft beginnt in Kürze. Und wieder gibt es öffentlich-rechtliche Medien, die die Deutschlandfahne als ursächlich für einen gesellschaftlichen Rechtsruck einordnen. Wenn auch die Mannschaft in diesem Turnier nicht politisch wirken soll, die begleitenden Journalisten werden es tun. Die unbedarfte Freude eines Fans ist für sie eine grauenhafte Vorstellung. Sie haben es gerne, wenn alles problembehaftet ist.

Hermann Stuhlfauth

Hermann Stuhlfauth war jahrelang Bundesliga-Manager. Dann stürzte sein Anstoss-3-Spielstand ab. Sport ist nur gut, wenn man zuschaut. Fußball ist belanglos. Aber oft sind unwichtige Themen die wichtigsten.
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15 Kommentare

  1. Der DFB war nie unpolitisch sondern immer Schulter- an Schulter mit der aktuellen Regierung.
    Die haben sich 1933 stante pede gleichgeschaltet, die Juden rausgeworfen.

    Die haben die Boykott-Politik des Adenauer-Staates gegen die DDR voll mitgetragen.
    Frauen durften bis 1970 im DFB nicht spielen. Der Vereinsname „Dynamo“ war verboten.

    Das die Vögel in Argentinien nicht protestiert haben, lag daran, dass die argentinische Junta die allerbesten Kontakte nach Bonn unterhielt, wie noch jeder andere rechte südameikanische Caudillo in Bonn wohl gelitten war.

    Und 2022 haben sie halt dem Wokeismus der Scholzbande gefrönt.

  2. Es gibt es sie also doch noch. Lesenswerte Artikel auf „Overton“. Ich bin nicht mit allem einverstanden, – der Kommentator „Kanonier“ hat die wichtigsten Dinge in dieser Frage benannt, ich muss sie nicht wiederholen – aber alles in allem bringt Stuhlfauth es auf den Punkt. Der DFB ist ein politisch rechter Haufen und seine Balltreter, Trainer und all die anderen Mitläufer, machen kritiklos das was vorgegeben. War nie anders, wird nie anders sein, solange der Kapitalismus – sprich der Profit – über allem steht.

    1. Wichtig am institutionalisierten Fußball sind doch nicht der Spaß am Spielen und die Freude an einem guten Spiel.

      Da geht es vor allem um Ablenkung. Brot und Spiele, so hieß das mal bei den „alten“ Römern. Bei den alten Römern waren es allerdings manchmal Spiele mit tödlichem Ausgang, um das gemeine Volk zu belustigen. In den Pausen ließ die Regierung dem Pöbel auf den Zuschauertribünen dann ein paar Leib Brote zuwerfen.

      Im Spitzen-Fußball wird auch noch das neoliberale kapitalistische Märchen verkauft: Vom kleinen Kicker aus den Slums mit den Löchern in den Socken, den Blasen und der Hornhaut an den Füßen zum Multimillionär mit Villa, Ferienvilla, privatem Swimming-Pool, privatem Tennisplatz, Privatflugzeug, Ferrari, Maserati und den Designer-Klamotten von Lagerheld&Kutschi. Jeder kann es schaffen, wenn er fleißig ist. Früher hieß das mal: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Aber heute braucht man keine Tellerwäscher mehr, jede Geschirrspülmaschine für ein paar hundert Euro ist auf Dauer billiger als der billigste Tellerwäscher.

      Vielleicht sollte man bei der nächsten Fußball-WM nur noch Roboter und Humanoiden mit künstlicher Intelligenz antreten lassen. Die rennen schneller, treffen besser, spielen cleverer, brauchen keine Pinkelpause, beschweren sich nicht darüber, wenn sie einen Tritt ans Schienbein oder einen kleinen Rempler mit dem Ellbogen bekommen und sind am Ende auch noch billiger als so ein millionenschwerer Top-Spitzen-Fußballspieler.

      Was sagt die künstliche Intelligenz dazu? Die künstliche Intelligenz ist begeistert! Na dann. Jetzt muss ich mal pinkeln.

  3. Recht so😉allerdings „Scholzbande“
    ist m.M.n. eine Aufwertung für einen schwachen Kanzler und einer fatalen Schlechtleistung.🤣🤣
    Die Hype für den Wokeismus wurde von den MSM gemacht um von den Eroberungs- und Kriegsgelüsten der Oligarchie abzulenken,
    Um Scholzes Handlung zu bewerten und zu verstehen, sollte man die damalige Situation beachten. Für eine andere Politik konnte er keine Unterstützung des mittleren Management seiner Partei erhoffen. Diese Klientel war und ist hoffnungslos indoktriniert. Die hauptamtlichen „Gutverdiener“ klebten an ihren Sesseln und bangten, dass die Grünen evtl. die Koalition platzen lassen könnten.
    Es waren MSM welche mit Hilfe der olivgrünen Salonlinken den schwachen Scholz zu einem Wokeismus und einer bedingungslosen Unterstützung der Ukraine bis zur Kriegsteilnahme drängten. Diese Figuren in Verbindung mit den Atlantikern und der Biden Administration gaben in dieser Regierung den Ton an.
    Von den Pappnasen der Industrieverbände kam damals auch keine Unterstützung für eine andere Politik und auch keine Warnsignale. Erst jetzt, nach dem die „Karre an die Wand“ gefahren wurde, wird der wahre Grund des wirtschaftlichen Desasters kleinlaut und zögerlich erwähnt.
    Von einer „Grünenbande“ zu sprechen wäre allerdings auch zu viel des Lobes für Habeck und Konsorten. 😉🤣

  4. „Fuck you institutionliesed organisations“ alias DFB.
    Das Fussball Drama zeigt sehr deutlich auf, wie diese Sport Delegitationen agieren, poltisch, aber niemals neutral oder anti korruptisch.
    Was haben wir seit der Russland WM bis heute erlebt?
    Wir haben die gesamte Korruption erlebt!
    Hier gibt es nichts zu feiern, sondern Zeit sich zu nehmen, über diese Missstände nachzudenken.

  5. Das „lustige“ an der ganzen Katar Sache fand ich ja, dass da ein Thema gewählt wurde bei dem man zu Hause kaum jemandem auf die Füsse steht, aber den Gastgeber garantiert damit brüskieren konnte. So konnte man sich selbst als unerschrockenen Kämpfer für Menschenrechte zelebrieren.

    Bei anderen Themen dagegen, wie zb der postmoderne Sklaverei, verlor man keinen Pieps darüber. Im Vorfeld gab es einige Kritik, aber nicht von einem Verband und nicht von den Politclowns vor Ort in Katar (zumindest hab ich nichts davon mitgekriegt, aber ich boykottiere den professionellen Fussball schon länger und krieg nur noch die Skandale via normaler Nachrichten mit).

    Deshalb gibt es jetzt auch nichts zu kritisieren in den USA (Mexiko und Kanada lassen wir mal aussen vor). Das jetzt ein Schiedsrichter aus rassistischen Gründen nach Hause musste, weil der somalische Verband sich das notwendige Backschisch nicht leisten kann damit die FIFA die eigenen Offiziellen schützt, das ist jetzt halt so. So eine Armbinde mit „Fair Play“ ist doch im „Kampf gegen Rassismus“ ausreichend.

    Das ganze ist quasi ein perfektes Abziehbild der herrenmenschlichen Selbstgerechtigkeit der westlichen Politclowns und Verbandsfunktionären (das wär mal ein Pannini-Album das ich kaufen würde). Mit dem durchkommerzialisierten Fussball haben sie die perfekte Bühne um ihr Opium unters Volk zu bringen.

  6. Der weltfußball ist zu Gast bei entführern und Mördern. Alle anderen Kommentare zu diesem Thema, so wie dieser oder auch der gestrige in deutschlandfunk taugen maximal dazu, sie auszudrucken und aufs Klo zu legen.
    Übrigens sind wohl in Mexiko 100.000 armeeangehörige und Polizisten im Einsatz.

  7. Trotz Trumps erneuten massiven Bombardements gegen den Iran, verbunden mit heute wiederholt öffentlich geäußerten Annexionsfantasien, soll heute tatsächlich die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada starten. Ob das iranische Team wirklich antritt, steht noch nicht fest. Israel ist ohnehin nicht dabei.

  8. Wer es absolut nicht lassen kann, kann sich den Quatsch auch kostenlos zeitverzögert anschauen. Wenn man vorher immer die Augen zu macht, wenn die Ergebnisse eingeblendet werden, ist das dann genauso spannend wie die Live-Übertragung oder das Stadion-Ticket für die Ehrentribüne. Um erst mal davon abzulenken, bieten sich andere Formen der Freizeitgestaltung an, z.B. Spazieren gehen, Rad fahren … Schönen Sommer noch!

  9. Die Fifa simuliert nur noch einen sportlichen Wettkampf, was nur deshalb funktioniert, weil die Zuschauer – und zugegeben auch ich – mitspielen und so tun , als ob sie Zeuge eines solchen würden. Das Aufblähen der Endrunde auf 48 Mannschaften wird zu zahllosen sportlich fragwürdigen Paarungen führen, die ganze Vorrunde, bei der fast alle Mannschaften weiterkommen, ist ein Witz und das Ganze verfolgt nur das Ziel, durch mehr Spiele mehr Geld zu machen.
    Letztendlich ordnet sich der DFB da nahtlos ein. Die vom Autoren kritisierten Umstände sind tatsächlich Zeitgeist und der Tatsache geschuldet, dass der Verband seit Jahren keine Mannschaft mehr entsenden kann, die sportlich mit den besten konkurriert. Dieser Mangel wird -durch das ganze Gedöns substituiert- medial in gleicher Weise begleitet. Kein Kaufmann redet die eigene Ware schlecht.
    Es ist halt nichts weiter als eine gigantische Unterhaltungsindustrie. Andernfalls dürfte die Fifa das Tyrannisieren der iranischen Nationalmannschaft nicht dulden, die sich sportlich qualifizierte, aber nicht wie alle andern Mannschaften agieren darf.
    Das war in den medial mehr als unfreundlich behandelten Ländern Katar oder Russland sehr anders. Heuer lässt man Streich, mit dem man Rolle des guten Gewissens des deutschen Fußballs besetzt hat, ein paar Sätze sagen, die sich so „versenden“. Und Schluss.
    Man kann nur noch schwer darüber hinwegsehen, dass der rattige Zustand des Weltfußballs dem rattigen Zustand der Welt gleicht.

    Aber es gibt auch die berechtigte Hoffnung, dass die gegenwärtige Weltmeisterschaft auch viel Erfreuliches bringen könnte: Deutschland wird wieder nicht gewinnen.
    Ist eben nicht alles schlecht.

  10. … interessant, dass in dem Artikel der Begriff “Iran“ kein einziges Mal auftaucht – und in den Kommentaren auch nur zweimal.

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