Gebt euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand!

Lustloser Soldat - KI generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Unsere schönsten Antikriegslieder. Heute: Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne.

Es ist März 1870. Zwischen Frankreich und Preußen herrscht noch Frieden. Vier Monate später beginnt der Deutsch-Französische Krieg, Zehntausende werden den Tod finden. Einige Monate vor diesem Krieg erregt ein Lied Anstoß, das sogar einige Soldaten für zwei Wochen ins Gefängnis gebracht haben soll, weil sie es intoniert hatten: Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne / als ich es ward, hat man mich nicht gefragt.

Lange Zeit galt der Arbeiterdichter Max Kegel als Urheber. Aber als sicher gilt das heute nicht mehr. Dem kriegserprobten Preußen, das in den zurückliegenden Jahren Dänen und Österreicher besiegt hatte und den Norddeutschen Bund dominierte, behagte das Lied ganz und gar nicht. Die Militaristen witterten die Untergrabung der Truppenmoral. O sagt mir an, wozu braucht ihr Soldaten? Diese Frage wurde aus Sicht der Kriegsvorbereiter zu einem ziemlich falschen Zeitpunkt gestellt. Im Juli 1870 wussten die Deutschen, wozu sie Soldaten brauchten.

Die Schizophrenie des Krieges

Der Soldat dieses Liedes ist kein Held. Er wurde aus seinem Leben gerissen, von Freunden weggezerrt und von der Geliebten getrennt. Die Kaserne ist ihm ein Gefängnis, der Dienst verpflichtet ihn zur Unfreiheit. Denk ich daran, fühl‘ ich der Wehmut Schmerzen / Fühl‘ in der Brust des Zornes Glut so heiß. Zornige Soldaten fürchtet das Kommando. Er sollte nicht begreifen, dass sein Dienst ein Angriff auf seinen Anspruch auf Menschenwürde darstellt.

Der Soldat fragt sich auch, warum er überhaupt auf andere Menschen schießen soll. Und geht’s ins Feld, so muss ich Brüder morden / Von denen keiner mir zuleid was tat. Die Schizophrenie des Krieges wurde auch schon 1870 hinterfragt. Das ist ein gefährlicher Gedanke, denn jeder Krieg braucht einen Feind. Er soll den Hass nähren, der nötig ist, um zu töten.

Das Lied stellt die Verweigerungshaltung in den Raum, ohne dies konkret einzufordern. Es zeigt auf, dass das Soldatendasein gegen die Menschlichkeit verstößt. Ihr Brüder all‘, ob Deutsche, ob Franzosen / Ob Ungarn, Dänen, ob vom Niederland / Ob grün, ob rot, ob blau, ob weiß die Hosen / Gebt euch statt Blei zum Gruß die Bruderhand! Was passiert, wenn sich Soldaten aller Länder vereinigen? Als die Kanonen knallten, hörte man von der Melodie des Liedes nur noch wenig.

Nur Tyrannen führen Kriege

Die letzte Strophe geht noch einen Schritt weiter: Auf, lasst zur Heimat uns zurück marschieren / Von den Tyrannen unser Volk befrei’n / Denn nur Tyrannen müssen Kriege führen. Das Lied betont, dass die Völker selbst keinen Grund haben, einander umzubringen. Kriege werden von denen gemacht, die über sie herrschen. Und wer diese Stellung nutzt, um in einen Krieg zu führen, der ist ein Tyrann.

Anders als es die Propaganda macht, zeigt Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne, dass der Status des Tyrannen nicht einfach dem Herrscher der anderen Seite zukommt. Auch die eigenen Regenten sind es, wenn sie junge Männer in den Krieg schicken.

Mehr als 150 Jahre später diskutiert Deutschland wieder über Wehrdienst, Musterung und Kriegstüchtigkeit. Es geht um Personalstärken, Reservisten und darum, wie viele Soldaten die Bundeswehr braucht. Und es geht um das Jahr 2029, in dem das Land kriegsbereit sein soll. Junge Männer nehmen aber schon heute vorweg, was das Antikriegslied zum Schluss darlegt: Soldat der Freiheit will ich gerne sein. Ihre Freiheit sehen manche von ihnen darin, sich dem Zugriff eines Staates zu entziehen, der ihnen Unfreiheit als Dienst an der Freiheit verkaufen möchte.

https://www.youtube.com/watch?v=Ed4Zf9lCGtk&list=RDEd4Zf9lCGtk&start_radio=1

Knut Weil

Knut Weil summt passioniert Lieder und legt Wert auf Taktgefühl. Dass er auf Antikriegslieder steht, versteckt er heutzutage lieber, um nicht staatsanwaltlich belästigt zu werden.
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