Franz von Assisi: Ein „linker Revoluzzer“?

Heiliger Franz von Assisi
Antonio Fernandez Arias, Public domain, via Wikimedia Commons

Franz von Assisi lebte arm, wandte sich den Ausgegrenzten zu und verachtete Besitz. Dieser Mann muss doch ein Linker gewesen sein – oder? Eine Rückschau am 800. Todestag des Heiligen.

Er ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche: Der heilige Franz von Assisi. Insbesondere in Italien, als dessen Schutzpatron er firmiert, wird das 800-jährige Todesjubiläum begangen; kurzerhand hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den 4. Oktober zum Feiertag erklärt. Der Tag war 1977 einer Feiertagsreform gewichen. Medien wie t-online merkten in diesem Kontext die Ironie an: Eine rechte Regierung führe einen Feiertag für einen „linken“ Heiligen ein. Der Spin ist nicht neu: Dass Jorge Bergoglio nach dem Konklave den Papstnamen Franziskus annahm, deuteten die Beobachter schon am Abend auf der Loggia als Bekenntnis zu einer sozialen, umweltfreundlichen – und damit: einer linken – Kirchenpolitik. Schließlich war der Heilige jemand, der mit den Tieren lebte und die Natur verherrlichte, ein armer Poet und Feind des Besitzes, der sich ganz für die Ausgegrenzten hingab.

Franziskus hatte schon zuvor als „Ausreißer“ oder gar als „subversiver Heiliger“ zahlreiche Politisierungsversuche über sich ergehen lassen müssen. Ob nun als Sozialarbeiter oder ökologisch orientierter Vorreiter der Grünen, als Vertreter der Toleranz zwischen den Religionen oder gar als mittelalterlicher Ur-Kommunist, wie ihn Karl Kautsky auffasste. Die Bandbreite der Deutungen kann an dieser Stelle kaum ausgeführt werden. Die radikale Absage an die Welt, um als anderer bzw. zweiter Christus (alter Christus) zu leben, hat über Jahrhunderte die einfachen katholischen Gläubigen wie agnostische Intellektuelle in den Bann gezogen. Die Interpretation hat sich dabei nicht nur vom historischen Hintergrund abgekapselt, in dem Franziskus gelebt hat; sie hat auch die tiefe Frömmigkeit des Italieners zugunsten politischer Narrative zu einer Nebensache erklärt. Dabei ist ein Blick auf die Welt, in der Franziskus wirkte, notwendig.

Franz von Assisi und seine Zeit

Das Italien des 12. Jahrhunderts, in das Giovanni Bernardone hineingeboren wird, ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einem Jahrhundert in einer Umbruchszeit. Die italienische Halbinsel gilt in Sachen Innovation und Wirtschaft als die führende Region des Abendlandes. Hier ist die Universität als Grundlage europäischer Wissenschaft entstanden, hier herrscht eine neue Patrizierschicht in den Städten, die durch den Handel reich geworden ist. Nur wenige Jahre vor seiner Geburt reißen die lombardischen Reiter in der Schlacht von Legnano (1176) Kaiser Barbarossa vom Pferd und erstreiten ihre Autonomie vom Reich. Die Städte sind oligarchisch dominiert: Wer es zu Wohlstand bringt, kann bis an die Stadtspitze aufsteigen. An den immensen Stadtbefestigungen, die die italienischen Kaufleute aufrichten, scheitern Bischöfe, Grafen und der Kaiser. Währenddessen erobern die Seerepubliken Genua, Pisa und Venedig Überseegebiete im Mittelmeer und unterstützen die Kreuzzüge.

Grundbesitz und Standesprivilegien spielen in dieser dynamischen Welt der expandierenden Händler und Kaufleute eine zunehmend untergeordnete Rolle. Pietro di Bernardone, der Vater des Heiligen, gehört als Tuchhändler zu dieser aufstrebenden Schicht. In den Kaufmannsdynastien definiert sich der Mensch durch Besitz und Macht; Reichtum wird geradezu abverlangt. Die städtische Gesellschaft gliedert sich in die Majores – den Adel und die vermögende Bürgerschicht – und die Minores, die besitzlose Unterschicht, die Tagelöhner und Ausgegrenzten. In der Absage des Franziskus an exakt diese „definierenden Elemente“ seines Standes und der Hinwendung zu den Minores zeigt sich dabei nicht nur eine persönliche Entscheidung; schon seit dem 11. Jahrhundert ist bezeugt, dass die nun vermögenden Händler Italiens als tonangebende Schicht sehr wohl die Problematik zwischen christlicher Moral und Besitzanhäufung erkannten.

Um ihr Seelenheil zu bewahren, übertrugen diese „homines novi“ über Testamente und Schenkungen Besitz und Vermögen an Klöster und andere geistliche Gemeinschaften. Zahlreiche Kaufleute und Handwerker organisierten sich auch in sogenannten (Laien-)Bruderschaften, die dem Andenken eines Heiligen gewidmet waren. Die reichen Ausstattungen in den Kirchen Italiens (und nicht nur dort) gehen heute noch auf die Gönner der Mittel- und Oberschicht zurück, die eine aufgekommene Sinnkrise durch die Neuorganisation christlicher Laiengemeinschaften und die Gründung von Spitälern, Waisenheimen und Armenhäusern zu bewältigen suchten. Die verschiedenen Bettelorden, von denen die Franziskaner die ersten waren, sollten später die größten Empfänger dieser neuen Spiritualität sein.

Das franziskanische Ideal als spirituelle Antwort

Die Wandlung vom Kaufmannssohn zum „minderen Bruder“ war demnach nur die radikalste und konsequenteste Antwort einer innerkatholischen Reformbewegung auf die Verhältnisse; auch deswegen darf die Popularität des Franziskus in seiner Zeit nicht verwundern, traf er doch bereits einen Nerv. Die erste Regel seiner „minderen Brüder“ bedeutete eine radikale Absage an das Eigentum. Ihr liegen jene Evangelienstellen zugrunde, die die drei Gründer des Franziskanerordens – neben Franziskus der Adlige Bernardo di Quintavalle und der Rechtsgelehrte Pietro Catanii – nach dreimaligem Aufschlagen der Bibel gefunden hatten. Mit den Franziskanern begründete der Heilige nicht nur einen eigenen Orden, sondern die vermutlich wichtigste Kraft der mittelalterlichen Armutsbewegung; die Bettelorden bevorzugten nicht mehr die Abgeschiedenheit, sondern lebten mitten in der Stadt und widmeten sich dort der Seelsorge und Armenfürsorge. Franziskaner und Dominikaner sollten bald auch das intellektuelle Leben mitbestimmen.

Die Frage nach der politisch-ideologischen Verortung des Heiligen oder gar eine Vorbildwirkung für eine „soziale“ Kirche ist deshalb falsch gestellt. Schon vor Franziskus – und danach – hatte die Brisanz von christlichem Gebot und Besitz immer wieder für Auseinandersetzungen gesorgt. Die Motivation des Heiligen fußte auf einer christologisch-eschatologischen Theologie und persönlicher Buße. Der „Veränderung der Welt“ lag keine revolutionäre Ideologie zugrunde, sondern der Wunsch, in der Nachfolge Christi zu leben. Anders als so viele Erben der gnostischen Lehre – der Marxismus fällt darunter – hatte Franziskus nicht die Absicht, die Armut abzuschaffen oder für die politischen Rechte der Unterschicht einzutreten. Das Denken in „Strukturen“ war dem stigmatisierten Heiligen fremd: Das Übel der Welt kann bekämpft, eingehegt und aufgehalten werden, der endgültige Sieg über das Böse ist aber unmöglich, weil dieser einem anderen gehört. Ein utopisches, vom Menschen selbst geschaffenes Paradies bleibt dem Christen fremd.

Keine linke Autonomie, sondern Gehorsam zur Kirche

Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Absage an den autonomistischen Gedanken, wie er für die linke Ideengeschichte bedeutsam ist. Trotz seines vermeintlich „subversiven“ Lebensstils bleibt Franziskus in allen seinen Taten ein treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche. Die sieht das Treiben des einstigen Kaufmannssohns zuerst skeptisch, da zahlreiche häretische Vereinigungen einer ganz ähnlichen Philosophie urkirchlichen Lebens anhingen. Die Frömmigkeit schließt aber auch den Gehorsam ein. Die Franziskaner werden sich auch nach dem Tod ihres Ordensgründers dem Papst beugen – ja, sie werden sogar zu einer Stütze des Heiligen Stuhles weit über die Grenzen Italiens hinaus, weil sie sich nicht den Ortsbischöfen, sondern Rom zugehörig sehen. Die Kirche integriert die Franziskaner, und die Franziskaner betreiben die Reform innerhalb der Kirche, ohne dabei gegen die Kirche vorzugehen.

Dies steht nicht nur im frappierenden Kontrast zu tatsächlich „revolutionären“ Bewegungen, die die Verhältnisse durch Abschaffung verändern wollen, sondern auch zur protestantischen Reformation. Luther, Zwingli und Calvin versuchten – anders als Franziskus – nicht mehr, ihre Ideale in der Kirche zu verwirklichen, sondern wollten den Bruch. Sie erkannten im Papsttum und der römisch-katholischen Kirche eine „Struktur“, die überwunden werden musste, und sahen sich sowie ihre Anhänger als „wahre“ Kirche an. Anders als Franziskus wählten sie auch nicht den Weg der Demut, Keuschheit und Besitzlosigkeit, sondern legitimierten sich durch ihre intellektuelle Bibelauslegung. Die Aufklärung und die aus ihr entspringenden Denker stehen dieser ideengeschichtlichen Traditionslinie viel näher, die sich später in Größen wie Hegel und Marx fortsetzt. In diesem Sinne könnte man eher den protestantischen Philosophen Sören Kierkegaard mit seinem theologischen Existenzialismus in die Sphäre der franziskanischen Idee einordnen. Für Franziskus wie Kierkegaard bestimmte der Glaube, nicht das Sein, das Bewusstsein. Freilich blieb nur Franziskus, der am Ende sogar den ägyptischen Sultan zum Katholizismus konvertieren wollte, seiner Kirche treu.

Marco Gallina

Marco Fausto Gallina, 1986 in Italien geboren, im Rheinland sozialisiert, hat in Verona und Bonn Geschichts- und Politikwissenschaften mit Schwerpunkten auf Internationale Beziehungen, Diplomatiegeschichte und europäischer Geschichte studiert. Danach war er bis 2021 Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort spezialisierte er sich auf Themen zur Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik. Seit 2014 publizistisch aktiv, schrieb er ab 2019 insbesondere für die katholische Wochenzeitung Tagespost. Nach Ablauf der Legislaturperiode war er von 2021 bis 2025 Redakteur bei Tichys Einblick. Seit 2025 ist er bei dem internationalen Magazin Statement tätig.
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7 Kommentare

  1. Nachdenkenswert auch in der heutigen Zeit!
    Von Franz von Assisi soll der Ausspruch stammem:
    “Alles, was die Reichen besitzen, gehört eigentlich den Armen“
    ähnlich äußert sich Basilius der Große (Basilius von Caesarea um 330 n. Ch.)
    “Das Brot, das Reiche horten, gehöre eigentlich dem Hungrigen.“

  2. Und ich dachte schon das Kabinett Meloni handle vernunftgetrieben, da es im ebenfalls an Rohstoffen armen Italien weiterhin den Ausbau erneuerbarer Energien forciert. Also das genaue Gegenteil dessen tut, was hier derzeit das Gespann Merz / Reiche abliefert – von den Ideen, die unsere Blauen so umtreibt wollen wir erst garnicht reden.
    Der umweltheilige San Francesco ist es also, hätten wir doch auch nur einen…

  3. ein Grüner? das war anno unter Kelly/Bastian … jetzt ist das eine Partei von MIK
    „Ich frage jene, die sich der politischen Ökonomie verschrieben haben, ich frage die Moralisten, ob sie schon die Zahl der Menschen berechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zu unverhältnismäßigen Arbeitsleistungen,
    zu Demoralisierung, Schmach, Unwissenheit und zum Ruin, zu unüberwindbarem Unglück und absoluter Entbehrung – nur um einen einzigen Reichen zu produzieren.
    Almeida Garett in der Mönch von Santarem
    1842 geschrieben“

  4. Ein besonders verlogenes Aushängeschild der Rechten ist eben kein „Linker“. Die katholische Kirche und die Eliten insgesamt setzen in der Zeit vom Franz ideologisch-religiös auf eine Mischung aus Ignoranz (genau wie heute) und Selbsthass (heute andersherum) für die Untertanen denen sie die Welt erklärten.

  5. Danke für das Einstellen des informativen, relevanten Hinweises auf besondere Tage, da es allgemein an bedenkenswerten Feiertagen/Personen mangelt.
    Nun gut-heute ist zwar ebenfalls/irgendwie einer (der anachronistischen Art:irgendwas mit Einheit), aber nehmen wir es gelassen hin.
    West, Süd, jung gegen Ost, Nord, alt; prinzipiell gegen alles weiter unten;Glauben gegen Unglauben;mit-dem-Strom-Treibende vs. den Rest;Somnambule./.Hinterfragende etc.
    In Bälde werden sich die Meisten zwar der „guten alten Zeit(2026)“ erinnern. Aber immerhin wird eher kurz- als mittelfristig die wahre, unumkehrbare Ganzheit/Harmonie der Einheitlich(keit)en errungen sein.Hipphipphurra.
    Darum feiern wir weiterhin als unverantwortliche und -beteiligte Nebendarsteller die Feste, wie sie uns vor die Füße fallen oder reden über z.B. den alten Franz, der schon zu seiner Zeit gedanklicher Vater folgender Weisheit war:du wirst nicht besitzen, aber glücklich sein.
    Original:“Wo die Armut mit der Fröhlichkeit ist, da ist nicht Begierde noch Habsucht.“
    P.S. Der zweite Versuch bereits in unformatierter Version-dann klappt’s mit dem Löööschen evtl. noch zügiger.

  6. Schön, nun kann ich für den Rest meines Lebens den 3. Oktober mit unpolitischen Ereignissen verknüpfen. Doch wie politisch oder unpolitisch sind Religionen, das Christentum oder die unterschiedlichen christlichen Auslegungen überhaupt?

    Wir waren dieses Jahr in Assisi. Die Stadt ist geprägt durch eine selbstverständliche, eher unpolitische Volksfrömmigkeit – so sieht man häufig Franziskanermönche in Kutte im Stadtzentrum – einer mittelalterlichen Architektur, den sakralen Bauten und der sie umgebenden Natur, die toskanisch anmutet, auch wenn Assisi zu Umbrien gehört. Mit Franz von Assisi verbinde ich nun im Rückblick, modern gesprochen, den intellektuellen Versuch, Naturmystik mit der katholischen Lehre zu verbinden, ohne in einen Pantheismus oder eine archaische Naturreligion zurückzufallen. Die Natur als Tempel und Ort des kontemplativen Rückzugs. So fühlte ich mich in Assisi öfters erinnert an meine Rundgänge durch historische, buddhistische Tempelanlagen in Chang Mai (Thailand) vor vielen Jahren. Denn auch diese gleichen kühlenden, ruhigen und naturnahen Oasen innerhalb eines ewig um sie herum tosenden, profanen – also politischen und wirtschaftlichen – Geweses. Deshalb sind sie, in großen Worten gesprochen, Orte der Hoffnung.

    Gleichzeitig stößt man sich gedanklich an folgender Dialektik: Erstens sind die Bauten der katholischen Kirche, auch in Assisi, keineswegs (und im Gegensatz zu den Lehren der Franziskaner) als ärmlich zu bezeichnen. Doch entspricht eine reich verzierte Kirche nicht eher den Bedürfnissen des Volkes als der karge, vernünftig-nüchterne Weg des Protestantismus?
    Weiter kontrastiere auch ich, wie der Autor, Franz von Assisi mit Calvin. Eine solche Gegenüberstellung liegt nahe, denn das moderne, durch Aufklärung und Politik geprägte Denken fragt sich typischerweise: Was, wenn sich alle so verhielten wie entweder Franz von Assisi oder aber wie Calvin? Moderne, weltliche Denkmuster skalieren hoch, sie können nicht anderes, als den Schlussstrich zu ziehen: Welche Lehre hat letztendlich etwas für die Gesellschaft gebracht? Bildlich gesprochen: Entweder, alle ziehen sich in eine Höhle zurück und suchen in der Meditation die Nähe zum Göttlichen oder sie fragen sich ängstlich, ob sie, nach der Prädestinationslehre Calvins, zu den Auserwählten gehören und werden damit Teil des tosenden Geweses, des lärmenden, abendländischen Aktivitätskommandos – welches wiederum die Gesellschaft „vorangebracht hat“, wie man zu sagen pflegt.

    Gesellschaftlich und politisch gesehen, liegt Hoffnung also in beiden Wegen, denn auch die Neugier, der faustische Trieb, die kognitiven menschlichen Fähigkeiten real umzusetzen, etwa im Bereich des technischen Fortschritts, ist nun einmal im Menschen angelegt und damit, wenn man so will, Teil der göttlichen Schöpfung.

    Übrigens, zu Franz von Assisi und Calvin: In der Textsammlung „Die Fioretti des heiligen Franziskus von Assisi“ gibt es bereits eine Geschichte zur Prädestinationslehre, die später, nach Calvin, so wirkmächtig wurde: Bruder Rufino wird vom Teufel „wegen der Prädestination in Versuchung geführt.“ Er ist voller Schwermut, „denn der Teufel setzt(…) ihm geradezu in den Sinn, er sei verdammt und gehöre nicht zu den Auserwählten (…)“. Natürlich vertreibt Franz von Assisi am Ende der Geschichte den Dämon erfolgreich. Dass Menschen schon seit Jahrhunderten oder besser Jahrtausenden sich mit solchen Gedanken beschäftigen, ist einfach faszinierend und inspirierend.

  7. Ein guter und durch historisches Wissen fundierter Artikel.

    Die Fehlinterpretation sowohl von Jesus als auch Franz von Assisi als linke Sozialreformer gibt es schon lange und das wird vermutlich auch in Zukunft weitergehen.

    Der Kern der frühchristlichen Kritik am Reichtum hat aber überhaupt nichts damit zu tun , dass der Reichtum womöglich auf Kosten von Armen bzw. (marxistisch gesprochen) durch „Ausbeutung“ entstanden ist. Nein, der echte Grund für die Reichtumskritik ist lediglich“ der, dass jemand, dem Geld und Besitz wichtig sind, davon abgehalten wird, sich ausreichend mit religiösen Dingen, also mit dem Göttlichen zu beschäftigen. So jemand ist eben nicht in der Lage, ins Himmelreich zu gelangen. Und „Himmelreich“ ist in den Evangelien ein zentraler Begriff.
    Nicht Armut ist dort das Problem, sondern Reichtum.

    Bei Math. 6, 24 und 25 (in der Bergpredigt) heißt es daher:
    „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! “

    Um es zu wiederholen: Nicht die Armut ist das Hauptproblem, sondern der ablenkende Reichtum.
    Dass trotzdem Almosen für Arme gutgeheißen werden und Caritas gepflegt wird, steht dazu in keinem Widerspruch, sondern hat nur eine ergänzende Bedeutung.
    Das ist eine Haltung, die sich fundamental von linkem Umverteilungsdenken und dem Wunsch nach Systemwechsel unterscheidet.
    Und wer – wie etwa die südamerikanischen Befreiungstheologen – den Gedanken der Caritas in den Mittelpunkt stellt, der mag ja ein guter Mensch sein, aber er läuft selbst Gefahr, sich vom eigentlichen Ziel zu entfernen.
    —

    Der Autos hat es gut auf den Punkt gebracht:
    „Der „Veränderung der Welt“ lag keine revolutionäre Ideologie zugrunde, sondern der Wunsch, in der Nachfolge Christi zu leben. Anders als so viele Erben der gnostischen Lehre – der Marxismus fällt darunter – hatte Franziskus nicht die Absicht, die Armut abzuschaffen oder für die politischen Rechte der Unterschicht einzutreten.“

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