Franz von Assisi: Ein „linker Revoluzzer“?

Heiliger Franz von Assisi
Antonio Fernandez Arias, Public domain, via Wikimedia Commons

Franz von Assisi lebte arm, wandte sich den Ausgegrenzten zu und verachtete Besitz. Dieser Mann muss doch ein Linker gewesen sein – oder? Eine Rückschau am 800. Todestag des Heiligen.

Er ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche: Der heilige Franz von Assisi. Insbesondere in Italien, als dessen Schutzpatron er firmiert, wird das 800-jährige Todesjubiläum begangen; kurzerhand hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den 4. Oktober zum Feiertag erklärt. Der Tag war 1977 einer Feiertagsreform gewichen. Medien wie t-online merkten in diesem Kontext die Ironie an: Eine rechte Regierung führe einen Feiertag für einen „linken“ Heiligen ein. Der Spin ist nicht neu: Dass Jorge Bergoglio nach dem Konklave den Papstnamen Franziskus annahm, deuteten die Beobachter schon am Abend auf der Loggia als Bekenntnis zu einer sozialen, umweltfreundlichen – und damit: einer linken – Kirchenpolitik. Schließlich war der Heilige jemand, der mit den Tieren lebte und die Natur verherrlichte, ein armer Poet und Feind des Besitzes, der sich ganz für die Ausgegrenzten hingab.

Franziskus hatte schon zuvor als „Ausreißer“ oder gar als „subversiver Heiliger“ zahlreiche Politisierungsversuche über sich ergehen lassen müssen. Ob nun als Sozialarbeiter oder ökologisch orientierter Vorreiter der Grünen, als Vertreter der Toleranz zwischen den Religionen oder gar als mittelalterlicher Ur-Kommunist, wie ihn Karl Kautsky auffasste. Die Bandbreite der Deutungen kann an dieser Stelle kaum ausgeführt werden. Die radikale Absage an die Welt, um als anderer bzw. zweiter Christus (alter Christus) zu leben, hat über Jahrhunderte die einfachen katholischen Gläubigen wie agnostische Intellektuelle in den Bann gezogen. Die Interpretation hat sich dabei nicht nur vom historischen Hintergrund abgekapselt, in dem Franziskus gelebt hat; sie hat auch die tiefe Frömmigkeit des Italieners zugunsten politischer Narrative zu einer Nebensache erklärt. Dabei ist ein Blick auf die Welt, in der Franziskus wirkte, notwendig.

Franz von Assisi und seine Zeit

Das Italien des 12. Jahrhunderts, in das Giovanni Bernardone hineingeboren wird, ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einem Jahrhundert in einer Umbruchszeit. Die italienische Halbinsel gilt in Sachen Innovation und Wirtschaft als die führende Region des Abendlandes. Hier ist die Universität als Grundlage europäischer Wissenschaft entstanden, hier herrscht eine neue Patrizierschicht in den Städten, die durch den Handel reich geworden ist. Nur wenige Jahre vor seiner Geburt reißen die lombardischen Reiter in der Schlacht von Legnano (1176) Kaiser Barbarossa vom Pferd und erstreiten ihre Autonomie vom Reich. Die Städte sind oligarchisch dominiert: Wer es zu Wohlstand bringt, kann bis an die Stadtspitze aufsteigen. An den immensen Stadtbefestigungen, die die italienischen Kaufleute aufrichten, scheitern Bischöfe, Grafen und der Kaiser. Währenddessen erobern die Seerepubliken Genua, Pisa und Venedig Überseegebiete im Mittelmeer und unterstützen die Kreuzzüge.

Grundbesitz und Standesprivilegien spielen in dieser dynamischen Welt der expandierenden Händler und Kaufleute eine zunehmend untergeordnete Rolle. Pietro di Bernardone, der Vater des Heiligen, gehört als Tuchhändler zu dieser aufstrebenden Schicht. In den Kaufmannsdynastien definiert sich der Mensch durch Besitz und Macht; Reichtum wird geradezu abverlangt. Die städtische Gesellschaft gliedert sich in die Majores – den Adel und die vermögende Bürgerschicht – und die Minores, die besitzlose Unterschicht, die Tagelöhner und Ausgegrenzten. In der Absage des Franziskus an exakt diese „definierenden Elemente“ seines Standes und der Hinwendung zu den Minores zeigt sich dabei nicht nur eine persönliche Entscheidung; schon seit dem 11. Jahrhundert ist bezeugt, dass die nun vermögenden Händler Italiens als tonangebende Schicht sehr wohl die Problematik zwischen christlicher Moral und Besitzanhäufung erkannten.

Um ihr Seelenheil zu bewahren, übertrugen diese „homines novi“ über Testamente und Schenkungen Besitz und Vermögen an Klöster und andere geistliche Gemeinschaften. Zahlreiche Kaufleute und Handwerker organisierten sich auch in sogenannten (Laien-)Bruderschaften, die dem Andenken eines Heiligen gewidmet waren. Die reichen Ausstattungen in den Kirchen Italiens (und nicht nur dort) gehen heute noch auf die Gönner der Mittel- und Oberschicht zurück, die eine aufgekommene Sinnkrise durch die Neuorganisation christlicher Laiengemeinschaften und die Gründung von Spitälern, Waisenheimen und Armenhäusern zu bewältigen suchten. Die verschiedenen Bettelorden, von denen die Franziskaner die ersten waren, sollten später die größten Empfänger dieser neuen Spiritualität sein.

Das franziskanische Ideal als spirituelle Antwort

Die Wandlung vom Kaufmannssohn zum „minderen Bruder“ war demnach nur die radikalste und konsequenteste Antwort einer innerkatholischen Reformbewegung auf die Verhältnisse; auch deswegen darf die Popularität des Franziskus in seiner Zeit nicht verwundern, traf er doch bereits einen Nerv. Die erste Regel seiner „minderen Brüder“ bedeutete eine radikale Absage an das Eigentum. Ihr liegen jene Evangelienstellen zugrunde, die die drei Gründer des Franziskanerordens – neben Franziskus der Adlige Bernardo di Quintavalle und der Rechtsgelehrte Pietro Catanii – nach dreimaligem Aufschlagen der Bibel gefunden hatten. Mit den Franziskanern begründete der Heilige nicht nur einen eigenen Orden, sondern die vermutlich wichtigste Kraft der mittelalterlichen Armutsbewegung; die Bettelorden bevorzugten nicht mehr die Abgeschiedenheit, sondern lebten mitten in der Stadt und widmeten sich dort der Seelsorge und Armenfürsorge. Franziskaner und Dominikaner sollten bald auch das intellektuelle Leben mitbestimmen.

Die Frage nach der politisch-ideologischen Verortung des Heiligen oder gar eine Vorbildwirkung für eine „soziale“ Kirche ist deshalb falsch gestellt. Schon vor Franziskus – und danach – hatte die Brisanz von christlichem Gebot und Besitz immer wieder für Auseinandersetzungen gesorgt. Die Motivation des Heiligen fußte auf einer christologisch-eschatologischen Theologie und persönlicher Buße. Der „Veränderung der Welt“ lag keine revolutionäre Ideologie zugrunde, sondern der Wunsch, in der Nachfolge Christi zu leben. Anders als so viele Erben der gnostischen Lehre – der Marxismus fällt darunter – hatte Franziskus nicht die Absicht, die Armut abzuschaffen oder für die politischen Rechte der Unterschicht einzutreten. Das Denken in „Strukturen“ war dem stigmatisierten Heiligen fremd: Das Übel der Welt kann bekämpft, eingehegt und aufgehalten werden, der endgültige Sieg über das Böse ist aber unmöglich, weil dieser einem anderen gehört. Ein utopisches, vom Menschen selbst geschaffenes Paradies bleibt dem Christen fremd.

Keine linke Autonomie, sondern Gehorsam zur Kirche

Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Absage an den autonomistischen Gedanken, wie er für die linke Ideengeschichte bedeutsam ist. Trotz seines vermeintlich „subversiven“ Lebensstils bleibt Franziskus in allen seinen Taten ein treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche. Die sieht das Treiben des einstigen Kaufmannssohns zuerst skeptisch, da zahlreiche häretische Vereinigungen einer ganz ähnlichen Philosophie urkirchlichen Lebens anhingen. Die Frömmigkeit schließt aber auch den Gehorsam ein. Die Franziskaner werden sich auch nach dem Tod ihres Ordensgründers dem Papst beugen – ja, sie werden sogar zu einer Stütze des Heiligen Stuhles weit über die Grenzen Italiens hinaus, weil sie sich nicht den Ortsbischöfen, sondern Rom zugehörig sehen. Die Kirche integriert die Franziskaner, und die Franziskaner betreiben die Reform innerhalb der Kirche, ohne dabei gegen die Kirche vorzugehen.

Dies steht nicht nur im frappierenden Kontrast zu tatsächlich „revolutionären“ Bewegungen, die die Verhältnisse durch Abschaffung verändern wollen, sondern auch zur protestantischen Reformation. Luther, Zwingli und Calvin versuchten – anders als Franziskus – nicht mehr, ihre Ideale in der Kirche zu verwirklichen, sondern wollten den Bruch. Sie erkannten im Papsttum und der römisch-katholischen Kirche eine „Struktur“, die überwunden werden musste, und sahen sich sowie ihre Anhänger als „wahre“ Kirche an. Anders als Franziskus wählten sie auch nicht den Weg der Demut, Keuschheit und Besitzlosigkeit, sondern legitimierten sich durch ihre intellektuelle Bibelauslegung. Die Aufklärung und die aus ihr entspringenden Denker stehen dieser ideengeschichtlichen Traditionslinie viel näher, die sich später in Größen wie Hegel und Marx fortsetzt. In diesem Sinne könnte man eher den protestantischen Philosophen Sören Kierkegaard mit seinem theologischen Existenzialismus in die Sphäre der franziskanischen Idee einordnen. Für Franziskus wie Kierkegaard bestimmte der Glaube, nicht das Sein, das Bewusstsein. Freilich blieb nur Franziskus, der am Ende sogar den ägyptischen Sultan zum Katholizismus konvertieren wollte, seiner Kirche treu.

Marco Gallina

Marco Fausto Gallina, 1986 in Italien geboren, im Rheinland sozialisiert, hat in Verona und Bonn Geschichts- und Politikwissenschaften mit Schwerpunkten auf Internationale Beziehungen, Diplomatiegeschichte und europäischer Geschichte studiert. Danach war er bis 2021 Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort spezialisierte er sich auf Themen zur Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik. Seit 2014 publizistisch aktiv, schrieb er ab 2019 insbesondere für die katholische Wochenzeitung Tagespost. Nach Ablauf der Legislaturperiode war er von 2021 bis 2025 Redakteur bei Tichys Einblick. Seit 2025 ist er bei dem internationalen Magazin Statement tätig.
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19 Kommentare

  1. Nachdenkenswert auch in der heutigen Zeit!
    Von Franz von Assisi soll der Ausspruch stammem:
    “Alles, was die Reichen besitzen, gehört eigentlich den Armen“
    ähnlich äußert sich Basilius der Große (Basilius von Caesarea um 330 n. Ch.)
    “Das Brot, das Reiche horten, gehöre eigentlich dem Hungrigen.“

  2. Und ich dachte schon das Kabinett Meloni handle vernunftgetrieben, da es im ebenfalls an Rohstoffen armen Italien weiterhin den Ausbau erneuerbarer Energien forciert. Also das genaue Gegenteil dessen tut, was hier derzeit das Gespann Merz / Reiche abliefert – von den Ideen, die unsere Blauen so umtreibt wollen wir erst garnicht reden.
    Der umweltheilige San Francesco ist es also, hätten wir doch auch nur einen…

  3. ein Grüner? das war anno unter Kelly/Bastian … jetzt ist das eine Partei von MIK
    „Ich frage jene, die sich der politischen Ökonomie verschrieben haben, ich frage die Moralisten, ob sie schon die Zahl der Menschen berechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zu unverhältnismäßigen Arbeitsleistungen,
    zu Demoralisierung, Schmach, Unwissenheit und zum Ruin, zu unüberwindbarem Unglück und absoluter Entbehrung – nur um einen einzigen Reichen zu produzieren.
    Almeida Garett in der Mönch von Santarem
    1842 geschrieben“

  4. Ein besonders verlogenes Aushängeschild der Rechten ist eben kein „Linker“. Die katholische Kirche und die Eliten insgesamt setzen in der Zeit vom Franz ideologisch-religiös auf eine Mischung aus Ignoranz (genau wie heute) und Selbsthass (heute andersherum) für die Untertanen denen sie die Welt erklärten.

  5. Danke für das Einstellen des informativen, relevanten Hinweises auf besondere Tage, da es allgemein an bedenkenswerten Feiertagen/Personen mangelt.

    Nun gut-heute ist zwar ebenfalls/irgendwie einer (der anachronistischen Art:irgendwas mit Einheit), aber nehmen wir es gelassen hin.
    West, Süd, jung gegen Ost, Nord, alt; prinzipiell gegen alles weiter unten;Glauben gegen Unglauben;mit-dem-Strom-Treibende vs. den Rest;Somnambule./.Hinterfragende etc.

    In Bälde werden sich die Meisten zwar der „guten alten Zeit(2026)“ erinnern. Aber immerhin wird eher kurz- als mittelfristig die wahre, unumkehrbare Ganzheit/Harmonie der Einheitlich(keit)en errungen sein.Hipphipphurra.

    Darum feiern wir weiterhin als unverantwortliche und -beteiligte Nebendarsteller die Feste, wie sie uns vor die Füße fallen oder reden über z.B. den alten Franz, der schon zu seiner Zeit gedanklicher Vater folgender Weisheit war:du wirst nicht besitzen, aber glücklich sein.
    Original:“Wo die Armut mit der Fröhlichkeit ist, da ist nicht Begierde noch Habsucht.“

  6. Danke für das Einstellen des informativen, relevanten Hinweises auf besondere Tage, da es allgemein an bedenkenswerten Feiertagen/Personen mangelt.
    Nun gut-heute ist zwar ebenfalls/irgendwie einer (der anachronistischen Art:irgendwas mit Einheit), aber nehmen wir es gelassen hin.
    West, Süd, jung gegen Ost, Nord, alt; prinzipiell gegen alles weiter unten;Glauben gegen Unglauben;mit-dem-Strom-Treibende vs. den Rest;Somnambule./.Hinterfragende etc.
    In Bälde werden sich die Meisten zwar der „guten alten Zeit(2026)“ erinnern. Aber immerhin wird eher kurz- als mittelfristig die wahre, unumkehrbare Ganzheit/Harmonie der Einheitlich(keit)en errungen sein.Hipphipphurra.
    Darum feiern wir weiterhin als unverantwortliche und -beteiligte Nebendarsteller die Feste, wie sie uns vor die Füße fallen oder reden über z.B. den alten Franz, der schon zu seiner Zeit gedanklicher Vater folgender Weisheit war:du wirst nicht besitzen, aber glücklich sein.
    Original:“Wo die Armut mit der Fröhlichkeit ist, da ist nicht Begierde noch Habsucht.“
    P.S. Der zweite Versuch bereits in unformatierter Version-dann klappt’s mit dem Löööschen evtl. noch zügiger.

  7. Schön, nun kann ich für den Rest meines Lebens den 3. Oktober mit unpolitischen Ereignissen verknüpfen. Doch wie politisch oder unpolitisch sind Religionen, das Christentum oder die unterschiedlichen christlichen Auslegungen überhaupt?

    Wir waren dieses Jahr in Assisi. Die Stadt ist geprägt durch eine selbstverständliche, eher unpolitische Volksfrömmigkeit – so sieht man häufig Franziskanermönche in Kutte im Stadtzentrum – einer mittelalterlichen Architektur, den sakralen Bauten und der sie umgebenden Natur, die toskanisch anmutet, auch wenn Assisi zu Umbrien gehört. Mit Franz von Assisi verbinde ich nun im Rückblick, modern gesprochen, den intellektuellen Versuch, Naturmystik mit der katholischen Lehre zu verbinden, ohne in einen Pantheismus oder eine archaische Naturreligion zurückzufallen. Die Natur als Tempel und Ort des kontemplativen Rückzugs. So fühlte ich mich in Assisi öfters erinnert an meine Rundgänge durch historische, buddhistische Tempelanlagen in Chang Mai (Thailand) vor vielen Jahren. Denn auch diese gleichen kühlenden, ruhigen und naturnahen Oasen innerhalb eines ewig um sie herum tosenden, profanen – also politischen und wirtschaftlichen – Geweses. Deshalb sind sie, in großen Worten gesprochen, Orte der Hoffnung.

    Gleichzeitig stößt man sich gedanklich an folgender Dialektik: Erstens sind die Bauten der katholischen Kirche, auch in Assisi, keineswegs (und im Gegensatz zu den Lehren der Franziskaner) als ärmlich zu bezeichnen. Doch entspricht eine reich verzierte Kirche nicht eher den Bedürfnissen des Volkes als der karge, vernünftig-nüchterne Weg des Protestantismus?
    Weiter kontrastiere auch ich, wie der Autor, Franz von Assisi mit Calvin. Eine solche Gegenüberstellung liegt nahe, denn das moderne, durch Aufklärung und Politik geprägte Denken fragt sich typischerweise: Was, wenn sich alle so verhielten wie entweder Franz von Assisi oder aber wie Calvin? Moderne, weltliche Denkmuster skalieren hoch, sie können nicht anderes, als den Schlussstrich zu ziehen: Welche Lehre hat letztendlich etwas für die Gesellschaft gebracht? Bildlich gesprochen: Entweder, alle ziehen sich in eine Höhle zurück und suchen in der Meditation die Nähe zum Göttlichen oder sie fragen sich ängstlich, ob sie, nach der Prädestinationslehre Calvins, zu den Auserwählten gehören und werden damit Teil des tosenden Geweses, des lärmenden, abendländischen Aktivitätskommandos – welches wiederum die Gesellschaft „vorangebracht hat“, wie man zu sagen pflegt.

    Gesellschaftlich und politisch gesehen, liegt Hoffnung also in beiden Wegen, denn auch die Neugier, der faustische Trieb, die kognitiven menschlichen Fähigkeiten real umzusetzen, etwa im Bereich des technischen Fortschritts, ist nun einmal im Menschen angelegt und damit, wenn man so will, Teil der göttlichen Schöpfung.

    Übrigens, zu Franz von Assisi und Calvin: In der Textsammlung „Die Fioretti des heiligen Franziskus von Assisi“ gibt es bereits eine Geschichte zur Prädestinationslehre, die später, nach Calvin, so wirkmächtig wurde: Bruder Rufino wird vom Teufel „wegen der Prädestination in Versuchung geführt.“ Er ist voller Schwermut, „denn der Teufel setzt(…) ihm geradezu in den Sinn, er sei verdammt und gehöre nicht zu den Auserwählten (…)“. Natürlich vertreibt Franz von Assisi am Ende der Geschichte den Dämon erfolgreich. Dass Menschen schon seit Jahrhunderten oder besser Jahrtausenden sich mit solchen Gedanken beschäftigen, ist einfach faszinierend und inspirierend.

  8. Ein guter und durch historisches Wissen fundierter Artikel.

    Die Fehlinterpretation sowohl von Jesus als auch Franz von Assisi als linke Sozialreformer gibt es schon lange und das wird vermutlich auch in Zukunft weitergehen.

    Der Kern der frühchristlichen Kritik am Reichtum hat aber überhaupt nichts damit zu tun , dass der Reichtum womöglich auf Kosten von Armen bzw. (marxistisch gesprochen) durch „Ausbeutung“ entstanden ist. Nein, der echte Grund für die Reichtumskritik ist lediglich“ der, dass jemand, dem Geld und Besitz wichtig sind, davon abgehalten wird, sich ausreichend mit religiösen Dingen, also mit dem Göttlichen zu beschäftigen. So jemand ist eben nicht in der Lage, ins Himmelreich zu gelangen. Und „Himmelreich“ ist in den Evangelien ein zentraler Begriff.
    Nicht Armut ist dort das Problem, sondern Reichtum.

    Bei Math. 6, 24 und 25 (in der Bergpredigt) heißt es daher:
    „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! “

    Um es zu wiederholen: Nicht die Armut ist das Hauptproblem, sondern der ablenkende Reichtum.
    Dass trotzdem Almosen für Arme gutgeheißen werden und Caritas gepflegt wird, steht dazu in keinem Widerspruch, sondern hat nur eine ergänzende Bedeutung.
    Das ist eine Haltung, die sich fundamental von linkem Umverteilungsdenken und dem Wunsch nach Systemwechsel unterscheidet.
    Und wer – wie etwa die südamerikanischen Befreiungstheologen – den Gedanken der Caritas in den Mittelpunkt stellt, der mag ja ein guter Mensch sein, aber er läuft selbst Gefahr, sich vom eigentlichen Ziel zu entfernen.
    —

    Der Autos hat es gut auf den Punkt gebracht:
    „Der „Veränderung der Welt“ lag keine revolutionäre Ideologie zugrunde, sondern der Wunsch, in der Nachfolge Christi zu leben. Anders als so viele Erben der gnostischen Lehre – der Marxismus fällt darunter – hatte Franziskus nicht die Absicht, die Armut abzuschaffen oder für die politischen Rechte der Unterschicht einzutreten.“

  9. Aus protestantisch-deutscher Perspektive kommt diese Meldung nicht überraschend: Die katholischen, italienischen Müßiggänger führen also einen alten, bereits abgeschafften Feiertag zum Gedenken an Franz von Assisi wieder ein, der 4. Oktober wird es sein! Und, wer darf für diese mediterrane Herumfläzerei – oder sollte man lieber vornehm sagen, Gottsuche in der Natur – einmal mehr bezahlen? Na, wer wohl! Immer dasselbe mit dem Club Med…

    1. Wieviele Feiertage hat Italien? Wieviele Deutschland? Insbesondere Bayern? Deutschland leistet sich auch unter anderem zwei Weihnachtsfeiertage.

      Außerdem wird die deutsche Wirtschaft sowieso gerade verschrottet, da muss dieser „Club med“ demnächst dann selbst sehen, wo er bleibt.

      1. Tja, auch die semi-mediterranen Bayern müssen jetzt ranklotzen und gottgefällige BMWs in Masse produzieren, damit der Chinese keinen Fuß in die europäische Tür bekommt. Lebewohl, sündiges Dolce Vita, denn: Müßiggang ist aller Laster Anfang! (Laut KI hat Italien mehr Feiertage als der protestantisch geprägte Norden Deutschlands, der Post oben war ja auch ironisch gemeint.)

  10. Kurz nimmt er nicht an, also ein Versuch mit 5500…

    Der Artikel hätte wesentlich mehr gewonnen, wenn er nicht zwanghaft zu beweisen suchte, dass Franz von Assisi „nicht links“ war. Denn die eigentliche Frage ist bereits anachronistisch: Im 12. und 13. Jahrhundert existierte keine politische Scheidung à la „links“ oder „rechts“. Wer Franziskus nachträglich als „linken“ Heiligen vereinnahmt, projiziert moderne Kategorien in eine vormoderne Welt. Und wer ihn im Gegenzug gegen „die Linke“, „Marxismus“ und „Revolution“ in Stellung bringt, tut dasselbe – nur in umgekehrter Richtung.

    Gerade darin liegt die auffälligste Schwäche des Textes: Herr G. kritisiert die Politisierung Franziskus’, arbeitet aber grundsätzlich nicht anders als die von ihm Kritisierten. Obendrein definiert er „links“ bemerkenswert eng über „Revolution“, „Autonomie“ und schließlich den Gottseibeiuns „Marxismus“. Dass Franziskus keine „marxistische“ Gesellschaftstheorie hatte, ist angesichts der Geburt Marxens rund 600 Jahre später allerdings eine Binse. (Die religionsgeschichtlich interessantere Frage wäre vielmehr, inwiefern Marxens Ideen von der irdischen Überwindung entfremdeter Verhältnisse Erlösungsvorstellungen aus Bibel und Thora spiegeln und säkularisierte eschatologische Motive enthalten. )

    Aus der religiösen Motivation von Franziskus’ Armut folgt zudem keineswegs, dass seine Praxis sozial unpolitisch oder gesellschaftlich folgenlos gewesen wäre. Die demonstrative Umkehrung von Status- und Besitzvorstellungen kann eine soziale Ordnung radikal irritieren, ohne dass der Handelnde über eine moderne „Ideologie“ verfügen muss. Gerade hier wäre ein Blick auf die antiken Kyniker Gold wert: Ihre demonstrative Bedürfnislosigkeit, ihre Geringschätzung von Besitz und gesellschaftlichem Status und ihre Kritik an konventionellen Lebensformen wie Moral böten zumindest einen interessanteren Vergleichsrahmen für die franziskanische Radikalität – und werfen weiterführende Fragen nach möglichen Berührungspunkten mit der christlichen Armutstradition auf.

    Auch die Gegenüberstellung von „kirchlichem Gehorsam“ und „revolutionärer Veränderung“ ist zu glatt und wirkt konstruiert. Franziskus war zweifellos tief kirchlich und wollte keine Reformation im späteren „protestantischen“ Sinn. Aber auch daraus folgt nicht, dass seine Bewegung deshalb unproblematisch in die bestehende Ordnung integriert gewesen wäre. Gerade die Geschichte der Armutsbewegungen und die späteren Auseinandersetzungen innerhalb des Franziskanerordens zeigen, dass Fragen betreffend Eigentum und kirchlicher Macht durchaus konfliktreich waren. „Kirchentreu“ und „radikal“ schließen sich eben keineswegs aus.

    Dagegen macht der Artikel aus „Besitzlosigkeit“ etwas primär Individuelles und Spirituelles. Das ist aber bestenfalls die halbe Geschichte. Man sollte sich lieber fragen, warum gerade die freiwillige „Armut“ im frühen Christentum und im Mittelalter eine so starke Kritik an gesellschaftlichen Wertordnungen darstellen konnte. Hier wäre ein Vergleich mit der Jerusalemer Urgemeinde, den Wüstenvätern und anderen Traditionslinien wie der erwähnten kynischen wesentlich ergiebiger als der reflexhafte Bezug auf neuzeitliche Reformation oder noch neueren „Marxismus“.

    Noch fragwürdiger erscheint die große ideengeschichtliche Abkürzung von „gnostischen Lehren“ zu „Marxismus“. G. verwendet „Gnosis“ offenbar als ideengeschichtliche Kategorie für bestimmte Erlösungsvorstellungen. Das ist eine spezifische und mehr als umstrittene Lesart, keine selbstverständliche historische oder religionswissenschaftliche Tatsache. (Allgemein gibt es mehrere fragwürdige Verkürzungen im Artikel, auf die gesondert einzugehen wäre.)

    Interessanter wäre deshalb eine ganz andere Genealogie: nicht „links“ gegen „rechts“, sondern die Frage, inwiefern antike Philosophien das frühe wie mittelalterliche Christentum (aber auch Judentum und Islam) berührten und welche Motive dabei über welche Traditionsräume weitergegeben wurden. Gerade die islamische Geistesgeschichte ist hier interessant, denn kynische Anekdoten und Motive wurden im arabisch-persischen Raum überliefert und wirkten von dort auch auf die westliche Geistesgeschichte zurück. Die erwähnten Charakteristika der Franziskaner erinnern auf jeden Fall stark an Motive des klassischen Kynismus.

    Das wäre in meinen Augen eine wesentlich interessantere Forschungsfrage gewesen: nicht, welches Parteibuch Franziskus damals besessen hätte, sondern aus welchen früheren Denktraditionen sich seine Ethik gespeist hat und wie solche Motive über die Jahrhunderte immer wieder neu gelesen wurden.

    Betrachtet man abschließend den publizistischen Standort des Autors, wird die Frage der „Vereinnahmung“ Franziskus‘ umso interessanter. Sucht er wirklich Franziskus historisch zu kontextualisieren – oder ist sein Beitrag nicht vielmehr der Versuch, eine (vermeintlich) von der „Linken“ vereinnahmte christliche Ikone für sein eigenes katholisches Selbstverständnis zurückzuerobern? Der Jubel seiner Anhänger lässt die Waagschale doch stark in Richtung letzterem sinken.

    Und so lacht man trocken, wenn der Verfasser sich über einen Politisierungsversuch echauffiert und dabei am Ende bloß die Richtung der politischen Vereinnahmung gewechselt hat. Er hat offenbar kein kynisches, sondern eher ein zynisches Vorgehen an den Tag gelegt. Es wird nicht dekonstruiert, warum moderne politische Milieus überhaupt dazu neigen, ihre politische wie persönliche Identität und Agenda aus einer mittelalterlichen Kirchenfigur zu ziehen. Stattdessen wird lediglich Gegenvereinnahmung betrieben und reflexhaft versucht einen „Beweis“ dafür zusammen zu zimmern, dass Franziskus einer der „Guten“ gewesen sei, einer „von uns“ – ein gehorsamer, katholischer, antimoderner Christ.

    Das wiederum passt vortrefflich zu einer Plattform, die einerseits äußert, „links vs. rechts“ seien überkommene Kategorien, andererseits aber immer wieder ihre Weltsicht darüber entfaltet, dass die „moderne Linke“ falsch, verfehlt oder gar moralisch verwerflich sei. Und so sitzt der Witz auf der philosophischen Hintertreppe: Derjenige, der die Leser von der politischen Vereinnahmung Franziskus’ befreien will, hat sich selbst als Vereinnahmer erwiesen.

    1. Mag ja sein, dass der Autor bewusst eine rechte Gegenposition herausarbeitet, nur – kann eine solche in gleichem Masse politisch vereinnahmen wie die linke?

      Es gehört zum Wesen konservativen, katholischen Denkens, dem Menschen einen Freiraum, einen “Safe Space” (hehe) vor politischer Vereinnahmung zu bieten. Die revoltierenden Protestanten hingegen tendieren, auch ideengeschichtlich gesehen, zur Aussage, alles sei politisch, z.B. auch das Private. Damit agieren sie vereinnahmender.

      Auch wenn zur damaligen Zeit noch nicht in politisch links und rechts eingeteilt wurde, so bleibt es doch spannend, ideengeschichtlich den Wurzeln fuer diese jeweiligen Denkweisen nachzuspueren. Sie argumentieren schliesslich ganz aehnlich.

      1. Gerade das überzeugt mich nicht.

        Warum sollte politische Vereinnahmung weniger vereinnahmend wirken, wenn sie katholisch, konservativ oder als „Schutz vor Politik“ daherkommt? Jede Ideologie hat die Neigung, sich die Welt und damit auch den Menschen nach ihren eigenen Kategorien anzueignen. Das gilt gerade für religiöse Ausprägungen. Diese stehen nicht neutral zwischen den Stühlen, sondern liefern selbst eine umfassende Deutung vom richtigen Leben. Wer bei seiner Lieblingsreligion „Freiraum vor politischer Vereinnahmung“ entdeckt, muss zunächst einmal darlegen, worin dieser bestehen soll. Der behauptete Schutz vor Ideologie transportiert meist nichts anderes als eine bestimmte Vorstellung davon, wie der Mensch zu leben hat und wovor er geschützt werden soll…

        Und weshalb sollte die linke Vereinnahmung stärker sein als die konservative? Man sieht doch zur Genüge, wie CDU und AfD Jesus, Paulus und Co. in ihrem Sinne vermarkten. Ich bleibe dabei: Wer Franziskus vor der „linken“ Vereinnahmung rettet, um ihn anschließend als passenden Heiligen für die „Rechte“ zu präsentieren, hat ihn nicht aus der Politik befreit. Er hat lediglich den Besitzer gewechselt.

        Im Übrigen argumentiere ich keineswegs „ähnlich“. Ich habe nicht für „links“ geworben und auch keine alternative politische Vereinnahmung Franziskus‘ vorgeschlagen. Ich bin kein „Linker“ und habe mit Politik nichts am Hut. Vielmehr habe ich eure Fragerei „links oder nicht links?“ als so anachronistische wie fragwürdige Rahmung zurückgewiesen.

        Mein Vorschlag war, die politische Schablone überhaupt einmal wegzulegen und stattdessen nach philosophischen und religionsgeschichtlichen Traditionslinien zu fragen. Das ist ein ziemlich anderer Vorgang als zu sagen: „Franziskus war eigentlich einer von uns.“

        Wirklich spannend wäre mal, wenn man schaute, warum beide Seiten überhaupt so begierig darauf sind, Franz von Assisi zu „ihrem“ Franziskus zu machen. Warum benötigen sie ihn so dringend als Bestandteil ihres eigenen Selbstverständnisses? Die Antwort dürfte dann aber für so einige hier unbequem werden …

        1. mein erklärbärkommentar zum „verrückten“ geht nichtmal in die moderation, dreimal nich, also fünf volle…..macht nichts….

          Fulvio Tomizza – „Eine bessere Welt“
          hab hier dtv 9,80 dm , ungekürzt…

          religiöses und vor allem auch kirchenpolitisches gezerre, verlauf des kriegsgezerre (wk1)….
          sehr interessant und zugleich auch „unterhaltsam“….“Istrien“

          fürs „nicht mehr sehen“
          ciao
          jana („jutta“s sind meist mind. 10 jahre älter als ich, eher noch 20 und meinem vater fehlen noch 3 jahre,dein -angegebenes- alter zu erreichen…)

          1. je. …

            Hab’s gesehen, danke für den Buchtipp… und tut mir leid wegen der Verwechslung!

            Momentan sind mehrere Damen mit „J“ um mich rum, darunter zwei „Juttas“ und meine eine Tochter. Da kommt man leider durcheinander!

            (Ob man als дедуля ab einer gewissen Enkelzahl auch Namensvorschläge machen darf?)

            Bis dann – und falls wir uns heute nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht!

  11. Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Absage an den autonomistischen Gedanken, wie er für die linke Ideengeschichte bedeutsam ist.

    Das ist die Beschreibung des Liberalismus. In der linken Ideengeschichte ging es immer primär um die soziale Emanzipation des Menschen. Das bedeutet die politische wie soziale Befreiung aus Ausbeutung aller (!) wie auch die aktive, gleichbetechtigte Gestaltung einer freien Gesellschaft. Das einer der Gesellschaft angeblich irgendwie autonom gegenüberstehende Individuum findet sich in der ernsthaften linken, selbst in der anarchistischen Ideengeschichte nicht.

  12. Franz von Assisi hat einen Großteil seines Lebens und besonders die Kinder- und Jugendzeit der entscheidenden Prägungen nicht in Armut verbracht, sondern ein materiell sehr privilegiertes Leben geführt.
    Aufgrund seiner Ausbildung wäre es ihm auch immer möglich gewesen, ein existenziell gesichertes Leben zu führen.
    Insofern hat er von außen aufgezwungene existentielle Armut nie wirklich kennen gelernt, sehr wohl aber eine selbst-gewählte.
    Aber diese diente nur dazu, den wahren Reichtum des Lebens kennen zu lernen und zu schätzen, der ihm als Privilegiertem lange Zeit fremd war.
    Dabei ist Armut gerade keine Voraussetzung für ein spirituelles Leben, sondern eher ein Hindernis. Erst eine gesicherte Existenz ist eine wahre Basis für ein solches Leben. Und Ordensgemeinschaften leben gerade nicht von der Hand in den Mund, sondern können um Zweifel auf umfangreiche Sicherheiten zurück greifen. Jeder Vernünftige weiß, dass Sicherheit die Basis für Freiheit ist. Denn diese verleiht der Freiheit erst die Flügel.
    Dazu zählt als Ausnahme auch die Sicherheit in Überzeugung ohne ausreichende materielle Basis. Die Grundlage dafür ist aber immer, dass diese Überzeugung eine „spirituelle“ Sicherheit darstellt, welche sich nicht davor scheuen muss, auch den Tod in Kauf zu nehmen. Und dafür bedarf es keineswegs den Glauben an irgendeinen Gott.
    Dieser Gott bzw. dessen Geist ist aber in das Leben eines solchen Menschen eingetreten, nachdem ich dieser (un)bewusst und gewollt die Türe geöffnet hat. Und das ist letztendlich die einzig wahre Form von Umkehr zum Ursprung/Buße und Auferstehung.

    Das Narrativ, Marxisten wären Gleichmacher, hat sich spätestens mit der Niederschlagung des Aufstands der Kronstädter Matrosen erledigt. Denn ein wesentlicher Teil von deren Forderungen war ein Verzicht auf die Privilegierung der Funktionäre durch Nahrungs-Sonderrationen.
    Auch ist das von Marx formulierte kommunistische Ziel keine Gleichmacherei, sondern Erfüllung der jeweiligen individuellen Bedürfnisse.
    Aber soweit kommt weder ein Großteil der Marx-Kritiker noch dessen -Apologeten.

    Die Religion des Jesus von Nazareth, das Judentum als humanistisch befreiende Religion mit dem Zentralgebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, ist per se grundsätzlich politisch zu verstehen. Dabei geht es aber immer um die Ablehnung jeder Herrschaft und damit auch einer göttlichen. Den Gott des Monotheismus braucht man nicht zu fürchten, sondern darf dessen Überzeugung von Nächstenliebe und Solidarität aus Überzeugung mit vollem Herzen teilen. Dann materialisiert sich der Geist Gottes und stiftet Einheit ohne Zwang und Unterwerfungsritualen.
    Aber dieses Kernelemente des Monotheismus hat ein Großteil von dessen Glaubensrichtungen leider nicht verstanden bzw. so gepredigt.
    Man hat dagegen das Gegenteil gepredigt und mit der Wahnvorstellung einer Hölle dualistischen Schwachsinn übernommen.
    Denn kein Streben nach existenzieller Sicherheit in Form von Geld ist per se böse. Es kommt auf die Umstände an, ab wann unreflektiertes Streben danach in den Bereich der Sünde abgleitet.
    Aber selbst dann bedarf es keiner Erlösungstat, um vom vermeintlichen Rucksack der Sünde zu befreien, sondern nur der Neujustierung des eigenen Verhaltens. Das ist Umkehr, das ist Buße und nicht der Wahn einer Notwendigkeit von Sünden-Vergebung.

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