
Franz von Assisi lebte arm, wandte sich den Ausgegrenzten zu und verachtete Besitz. Dieser Mann muss doch ein Linker gewesen sein – oder? Eine Rückschau am 800. Todestag des Heiligen.
Er ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche: Der heilige Franz von Assisi. Insbesondere in Italien, als dessen Schutzpatron er firmiert, wird das 800-jährige Todesjubiläum begangen; kurzerhand hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den 4. Oktober zum Feiertag erklärt. Der Tag war 1977 einer Feiertagsreform gewichen. Medien wie t-online merkten in diesem Kontext die Ironie an: Eine rechte Regierung führe einen Feiertag für einen „linken“ Heiligen ein. Der Spin ist nicht neu: Dass Jorge Bergoglio nach dem Konklave den Papstnamen Franziskus annahm, deuteten die Beobachter schon am Abend auf der Loggia als Bekenntnis zu einer sozialen, umweltfreundlichen – und damit: einer linken – Kirchenpolitik. Schließlich war der Heilige jemand, der mit den Tieren lebte und die Natur verherrlichte, ein armer Poet und Feind des Besitzes, der sich ganz für die Ausgegrenzten hingab.
Franziskus hatte schon zuvor als „Ausreißer“ oder gar als „subversiver Heiliger“ zahlreiche Politisierungsversuche über sich ergehen lassen müssen. Ob nun als Sozialarbeiter oder ökologisch orientierter Vorreiter der Grünen, als Vertreter der Toleranz zwischen den Religionen oder gar als mittelalterlicher Ur-Kommunist, wie ihn Karl Kautsky auffasste. Die Bandbreite der Deutungen kann an dieser Stelle kaum ausgeführt werden. Die radikale Absage an die Welt, um als anderer bzw. zweiter Christus (alter Christus) zu leben, hat über Jahrhunderte die einfachen katholischen Gläubigen wie agnostische Intellektuelle in den Bann gezogen. Die Interpretation hat sich dabei nicht nur vom historischen Hintergrund abgekapselt, in dem Franziskus gelebt hat; sie hat auch die tiefe Frömmigkeit des Italieners zugunsten politischer Narrative zu einer Nebensache erklärt. Dabei ist ein Blick auf die Welt, in der Franziskus wirkte, notwendig.
Franz von Assisi und seine Zeit
Das Italien des 12. Jahrhunderts, in das Giovanni Bernardone hineingeboren wird, ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehr als einem Jahrhundert in einer Umbruchszeit. Die italienische Halbinsel gilt in Sachen Innovation und Wirtschaft als die führende Region des Abendlandes. Hier ist die Universität als Grundlage europäischer Wissenschaft entstanden, hier herrscht eine neue Patrizierschicht in den Städten, die durch den Handel reich geworden ist. Nur wenige Jahre vor seiner Geburt reißen die lombardischen Reiter in der Schlacht von Legnano (1176) Kaiser Barbarossa vom Pferd und erstreiten ihre Autonomie vom Reich. Die Städte sind oligarchisch dominiert: Wer es zu Wohlstand bringt, kann bis an die Stadtspitze aufsteigen. An den immensen Stadtbefestigungen, die die italienischen Kaufleute aufrichten, scheitern Bischöfe, Grafen und der Kaiser. Währenddessen erobern die Seerepubliken Genua, Pisa und Venedig Überseegebiete im Mittelmeer und unterstützen die Kreuzzüge.
Grundbesitz und Standesprivilegien spielen in dieser dynamischen Welt der expandierenden Händler und Kaufleute eine zunehmend untergeordnete Rolle. Pietro di Bernardone, der Vater des Heiligen, gehört als Tuchhändler zu dieser aufstrebenden Schicht. In den Kaufmannsdynastien definiert sich der Mensch durch Besitz und Macht; Reichtum wird geradezu abverlangt. Die städtische Gesellschaft gliedert sich in die Majores – den Adel und die vermögende Bürgerschicht – und die Minores, die besitzlose Unterschicht, die Tagelöhner und Ausgegrenzten. In der Absage des Franziskus an exakt diese „definierenden Elemente“ seines Standes und der Hinwendung zu den Minores zeigt sich dabei nicht nur eine persönliche Entscheidung; schon seit dem 11. Jahrhundert ist bezeugt, dass die nun vermögenden Händler Italiens als tonangebende Schicht sehr wohl die Problematik zwischen christlicher Moral und Besitzanhäufung erkannten.
Um ihr Seelenheil zu bewahren, übertrugen diese „homines novi“ über Testamente und Schenkungen Besitz und Vermögen an Klöster und andere geistliche Gemeinschaften. Zahlreiche Kaufleute und Handwerker organisierten sich auch in sogenannten (Laien-)Bruderschaften, die dem Andenken eines Heiligen gewidmet waren. Die reichen Ausstattungen in den Kirchen Italiens (und nicht nur dort) gehen heute noch auf die Gönner der Mittel- und Oberschicht zurück, die eine aufgekommene Sinnkrise durch die Neuorganisation christlicher Laiengemeinschaften und die Gründung von Spitälern, Waisenheimen und Armenhäusern zu bewältigen suchten. Die verschiedenen Bettelorden, von denen die Franziskaner die ersten waren, sollten später die größten Empfänger dieser neuen Spiritualität sein.
Das franziskanische Ideal als spirituelle Antwort
Die Wandlung vom Kaufmannssohn zum „minderen Bruder“ war demnach nur die radikalste und konsequenteste Antwort einer innerkatholischen Reformbewegung auf die Verhältnisse; auch deswegen darf die Popularität des Franziskus in seiner Zeit nicht verwundern, traf er doch bereits einen Nerv. Die erste Regel seiner „minderen Brüder“ bedeutete eine radikale Absage an das Eigentum. Ihr liegen jene Evangelienstellen zugrunde, die die drei Gründer des Franziskanerordens – neben Franziskus der Adlige Bernardo di Quintavalle und der Rechtsgelehrte Pietro Catanii – nach dreimaligem Aufschlagen der Bibel gefunden hatten. Mit den Franziskanern begründete der Heilige nicht nur einen eigenen Orden, sondern die vermutlich wichtigste Kraft der mittelalterlichen Armutsbewegung; die Bettelorden bevorzugten nicht mehr die Abgeschiedenheit, sondern lebten mitten in der Stadt und widmeten sich dort der Seelsorge und Armenfürsorge. Franziskaner und Dominikaner sollten bald auch das intellektuelle Leben mitbestimmen.
Die Frage nach der politisch-ideologischen Verortung des Heiligen oder gar eine Vorbildwirkung für eine „soziale“ Kirche ist deshalb falsch gestellt. Schon vor Franziskus – und danach – hatte die Brisanz von christlichem Gebot und Besitz immer wieder für Auseinandersetzungen gesorgt. Die Motivation des Heiligen fußte auf einer christologisch-eschatologischen Theologie und persönlicher Buße. Der „Veränderung der Welt“ lag keine revolutionäre Ideologie zugrunde, sondern der Wunsch, in der Nachfolge Christi zu leben. Anders als so viele Erben der gnostischen Lehre – der Marxismus fällt darunter – hatte Franziskus nicht die Absicht, die Armut abzuschaffen oder für die politischen Rechte der Unterschicht einzutreten. Das Denken in „Strukturen“ war dem stigmatisierten Heiligen fremd: Das Übel der Welt kann bekämpft, eingehegt und aufgehalten werden, der endgültige Sieg über das Böse ist aber unmöglich, weil dieser einem anderen gehört. Ein utopisches, vom Menschen selbst geschaffenes Paradies bleibt dem Christen fremd.
Keine linke Autonomie, sondern Gehorsam zur Kirche
Der wichtigste Unterschied besteht jedoch in der Absage an den autonomistischen Gedanken, wie er für die linke Ideengeschichte bedeutsam ist. Trotz seines vermeintlich „subversiven“ Lebensstils bleibt Franziskus in allen seinen Taten ein treuer Sohn der römisch-katholischen Kirche. Die sieht das Treiben des einstigen Kaufmannssohns zuerst skeptisch, da zahlreiche häretische Vereinigungen einer ganz ähnlichen Philosophie urkirchlichen Lebens anhingen. Die Frömmigkeit schließt aber auch den Gehorsam ein. Die Franziskaner werden sich auch nach dem Tod ihres Ordensgründers dem Papst beugen – ja, sie werden sogar zu einer Stütze des Heiligen Stuhles weit über die Grenzen Italiens hinaus, weil sie sich nicht den Ortsbischöfen, sondern Rom zugehörig sehen. Die Kirche integriert die Franziskaner, und die Franziskaner betreiben die Reform innerhalb der Kirche, ohne dabei gegen die Kirche vorzugehen.
Dies steht nicht nur im frappierenden Kontrast zu tatsächlich „revolutionären“ Bewegungen, die die Verhältnisse durch Abschaffung verändern wollen, sondern auch zur protestantischen Reformation. Luther, Zwingli und Calvin versuchten – anders als Franziskus – nicht mehr, ihre Ideale in der Kirche zu verwirklichen, sondern wollten den Bruch. Sie erkannten im Papsttum und der römisch-katholischen Kirche eine „Struktur“, die überwunden werden musste, und sahen sich sowie ihre Anhänger als „wahre“ Kirche an. Anders als Franziskus wählten sie auch nicht den Weg der Demut, Keuschheit und Besitzlosigkeit, sondern legitimierten sich durch ihre intellektuelle Bibelauslegung. Die Aufklärung und die aus ihr entspringenden Denker stehen dieser ideengeschichtlichen Traditionslinie viel näher, die sich später in Größen wie Hegel und Marx fortsetzt. In diesem Sinne könnte man eher den protestantischen Philosophen Sören Kierkegaard mit seinem theologischen Existenzialismus in die Sphäre der franziskanischen Idee einordnen. Für Franziskus wie Kierkegaard bestimmte der Glaube, nicht das Sein, das Bewusstsein. Freilich blieb nur Franziskus, der am Ende sogar den ägyptischen Sultan zum Katholizismus konvertieren wollte, seiner Kirche treu.
Ähnliche Beiträge:
- Papst Franziskus – Der Unverwüstliche
- Manfred Lütz: „Das Christentum hat Mitleid und Internationalität erfunden.“
- „Der tapfere Aufblick zum Allmächtigen macht euch zu Soldaten, die unüberwindlich sind“
- Bischofsbeistand für Hitlers Völkermord-Feldzug gen Russland
- Die Kirche und die Hexen: Sollten „weise Frauen“ vernichtet werden?





Nachdenkenswert auch in der heutigen Zeit!
Von Franz von Assisi soll der Ausspruch stammem:
“Alles, was die Reichen besitzen, gehört eigentlich den Armen“
ähnlich äußert sich Basilius der Große (Basilius von Caesarea um 330 n. Ch.)
“Das Brot, das Reiche horten, gehöre eigentlich dem Hungrigen.“
Und ich dachte schon das Kabinett Meloni handle vernunftgetrieben, da es im ebenfalls an Rohstoffen armen Italien weiterhin den Ausbau erneuerbarer Energien forciert. Also das genaue Gegenteil dessen tut, was hier derzeit das Gespann Merz / Reiche abliefert – von den Ideen, die unsere Blauen so umtreibt wollen wir erst garnicht reden.
Der umweltheilige San Francesco ist es also, hätten wir doch auch nur einen…