
Und gerade das Land regieren. Eine Geschichte verlorener bürgerlicher Kulturkämpfe von 1945 bis 2026. Ein wüster Ritt durch die bürgerlichen Abgründe aus Angst, Feigheit und kulturellem Unvermögen – und was weiße Turnschuhe, E-Autos und die FAZ damit zu tun haben.
Nach dem Erfolg von »Shitbürgertum« atmete die bürgerliche Mitte auf: Die Verantwortlichen für den Niedergang des Landes scheinen endlich gefunden. Doch Ulf Poschardt legt nach: Gefährlicher als die Shitbürger sind die Bückbürger. Jene Konservativen und Liberalen, CEOs und Manager, Bischöfe und Intellektuelle, Kanzlerinnen und Kanzler die – wider ihre Überzeugung – nahezu jeden Unsinn links der Mitte mitgemacht oder befördert haben.
Das linke Schreckgespenst des 21. Jahrhunderts war der entwurzelte Mensch der Postmoderne. Für den Soziologen Richard Sennett war der »flexible Mensch« Opfer eines Kapitalismus, der die nach Verwurzelung und Sicherheit strebenden Menschen in eine abgründige Dynamik treibt. Dieser neue linke Sound klang wie der traditionelle Kulturpessimismus, der im 20. Jahrhundert als Leiden an der Moderne auch rechts populär war. Sennetts flexibler Mensch ist nur einen Schritt von der absoluten Banalität des bloßen Dahinvegetierens entfernt. »Es lohnt nicht die Mühe, sich zu töten, denn man tötet sich immer zu spät.« Emile M. Cioran hatte das alles kommen sehen.
Innere Entleerung der Bürgerlichkeit

Die größte Gefahr für den Konsens-Populismus der Deutschen im Wohlstandsrausch war die innere Entleerung der Bürgerlichkeit. Nicht nur die bürgerliche Haltung löste sich auf, sondern auch die Idee des Staatsbürgers, auf dessen individueller Mündigkeit die Stabilität des demokratischen Systems beruht. Eine Demokratie ohne Demokraten, das gab es eben auch nach 1945, nur ganz anders: Nicht mehr Feinde der Demokratie prägten sie, sondern deren hohle Mitläufer. Der Mitläufer garantiert den reibungslosen Ablauf von allem Möglichen, aber er kann das Ethos der Demokratie weder denken noch erfahren. Er geht in seiner Funktion auf: Der Untertan im 21. Jahrhundert ist ein Zahnrad. Und es macht ihm Spaß, zu funktionieren. Die Mittelschicht und das verunsicherte Bürgertum umarmen diese postidentitäre Form des Funktionierens. Die Linken hadern noch. Der flexible Mensch verliere, so Sennett, seinen Charakter, weil seine Biografie zerfalle, weil Sinn durch Anpassung ersetzt und Scheitern zur privaten Schuld erklärt werde. Die nicht-linke Antwort darauf ist die normative Akzeptanz der Flexibilisierungsanforderungen.
Und wer könnte das besser als die anpassungsverliebten Deutschen? Passend zu dieser Tendenz bekommt der Mainzelmännchen-Deutsche Anfang des 21. Jahrhunderts ein neues Kostüm: die Funktionskleidung. Der Bückbürger macht sich unsichtbar. Junge Mütter haben beim sonntäglichen Familienausflug ihren gletscherblauen Alpinrucksack für Mehrtagestouren prall gefüllt, in den Haltern für die Getränke zwei gut abgefüllte Trinkflaschen, links mit einer gelben, rechts mit einer farblosen Flüssigkeit. Ihre Active-Trail-Schuhe sind perfekt geschnürt, die wasserdichte, atmungsaktive und superleichte Wetterschutzjacke mit kleinem Packmaß sitzt leger, und die Trekkinghose mit Belüftungs-Reißverschlüssen und Stretch-Einsätzen wirkt wie angegossen. Vor ihnen liegt nicht der Mount Everest, sondern bestenfalls die Ritterburg im Playmobil-Funpark im mittelfränkischen Zirndorf. Die Burg steht auf einer leichten Anhöhe. Um sie herum ein Defilee von Jack-Wolfskin-, Schöffel- und Columbia-Jacken, -Hosen, -Rucksäcken und -Schuhen. Wer nicht aussieht wie auf der Gipfelstation eines Skilifts, fällt auf.
Vor Jahren schon gifteten schwäbische Kabarettisten über die Jack-Wolfskin-Uniformen der Wutbürger bei den Stuttgart-21-Demonstrationen. Während der Kirchentage spotteten der Eleganz verpflichtete Großstadtmenschen über Jack Wolfskin als inoffiziellen Ausstatter. Der schmucklose Protestantismus stellt die Nützlichkeit der Dinge in den Vordergrund. Die materielle Welt und ihre Verführungskraft werden schon im Diesseits relativiert. Innere Werte zählen, deswegen werden sie mit Goretex-Teflon gegen die feindliche Außenwelt geschützt. Was die Sonnenbrille für den Hipster, ist die Trekkingjacke für den Philister.
Die Avantgarde des Bückbürgertums
Die Protestanten sind die Avantgarde des Bückbürgertums. Ihrer Disziplin und ihrer Arbeitsethik verdankt das Land wirtschaftliche Kraft, aber auch die Neigung zum Moralismus. Die neue Monokultur des Funktionalen ideologisiert das Gelingen des Alltags. Eltern, aber auch protestierende Senioren und aufstrebende Junioren auf dem Weg ins Büro veredeln sich zu Funktionsträgern, deren Arrangement mit der Realität in zweckdienlicher Kleidung gipfelt. Die Funktionsmaskerade unterstellt, man sei für alles gerüstet, auch wenn nie etwas passiert.
Wo James Bond, der Fightbürger, auf Maßanzügen, Ledersohlen und eleganten Krawatten besteht, wenn er von Hochhäusern stürzt oder auf rasenden Zügen entlangbalanciert, entscheidet sich die deutsche Mittelschicht selbst bei der Fahrt in der U-Bahn oder beim Gang zu Edeka für Actionheldenkostüme im Nordic-Walking-Remix. Verkörpert Bond die britische Idee, dass Stil und Haltung alles seien und dass es keine Katastrophe oder Extremsituation gebe, die eine nachlässige Bekleidung erlaube, hält das Wolfskin-Volk wenig von diesen Anforderungen. Auch Angela Merkel pflegte im Urlaub den Freizeitlook des Wolfskin-Biedermeiers und war dabei ihrem Volk ganz nahe.
Das Aufgehen des Individuums in seiner Funktion ist das Kainsmal der Entfremdung. Der aktive und atmungsaktive Mensch ist die Steigerungsform des »flexiblen Menschen«, wie ihn Sennett als Folge einer dynamischen, globalisierten Ökonomie beklagt. Werden dem Angestellten in der zeitgenössischen Arbeitswelt maximale Anpassungsfähigkeit und ständige Bereitschaft zum Umlernen, Umziehen und Umdenken abverlangt, so bleibt ihm entweder die Geste der Verweigerung und des passiv-aggressiven Stoizismus – oder aber die Überkompensation in einer Selbsttechnik des Überbeweglichen. So etwas hatte Adorno wohl vor Augen: »Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.«
Die Funktionsbekleidung gehört zum Kostümfundus einer technokratischen Welt, in der Joghurts verspeist werden, die das Immunsystem stärken, und an isotonischen Getränken genippt wird, die jeden Spaziergang wie einen Marathon wirken lassen. Es gibt Kompressionswäsche, die an den Waden von Radfahrern eine stärkere Blutzirkulation und einen schnelleren Laktatabbau ermöglicht. Und auch wenn die Funktionskleidung einen anderen Eindruck erweckt, so genügt ein Blick auf die Preisschilder der Northface- und Helly-Hansen-Jacken, um den verschämten Snobismus dieses Looks zu erkennen: Sie sind teurer als Jeans, Jackett oder Dufflecoat.
Das Buch ist auch signiert erhältlich.



Eine herausragende Eigenschaft dieser Plastiktüten wäre zu ergänzen. Das Zeug müffelt elendig. Morgens auf dem Weg ins Büro noch erträglich – sofern frisch vom Kleiderregal. Auf dem abendlichen Rückweg stinkt es dagegen bestialisch und macht den Aufenthalt in den Transportmitteln des ÖPNV zur olifaktorischen Herausforderung. Manchmal reicht auch ein kleiner Schub Angstschweiß, dass der werte Kollege bereits vor der Mittagspause müffelt wie ein Fuchs im Oktober.
Nötig ist eine öko-konservative Politik gemäß Herbert Gruhl. Nach den Wahlen im September können Landesregierungen aus AfD und BSW gebildet werden. Bitte klicke auf „Oneironaut“.
Man kann über Funktionsjacken spotten und sich dabei für etwas Besseres halten. Okay. Aber wer zählt hier eigentlich die Etiketten? Der wandernde Bückbürger trägt seine Funktion am Körper, der Kolumnist seine Distinktion zur Schau. Beide tragen Uniform. Beide stehen an der Leine – und halten sie jeweils für eine Krawatte. Der freie Hund liegt lieber nackt in der Sonne.
Vielleicht sollte man weniger über Jacken als über Einbildungen lachen. Wer glaubt, im Maßanzug freier zu sein als im Goretex, verwechselt Stil mit Unabhängigkeit. Und wer ganze Gesellschaftsanalysen aus Trekkinghosen, Trinkflaschen und Jack-Wolfskin-Logos ableitet, betreibt dieselbe Identitätspolitik, die er andernorts verachtet. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Analyse ist das kaum. Eher Geschmackssoziologie für Bessergestellte.
Die Pointe bleibt unfreiwillig: Während der Text das Funktionieren anklagt, reproduziert er die älteste bürgerliche Sehnsucht überhaupt – sich durch Stil über die Masse zu erheben. Da bleibt dann bloß zu sagen: Overton-Leser, willkommen bei Springer TV!