
B. Travens Roman über einen Seemann, der seine Papiere verliert und damit aufhört, für den Staat zu existieren, ist aktueller denn je.
Vor genau hundert Jahren erschien Das Totenschiff, eine anarchistische Abrechnung mit Bürokratie und Kapitalismus. B. Travens Roman liest sich heute wie eine erstaunlich aktuelle Gesellschaftskritik. Dabei liegt ihm eine einfache Erkenntnis zugrunde: Der Mensch mag geboren werden, atmen und denken, aber damit ist seine Existenz noch lange nicht amtlich bestätigt. Um wirklich Mensch zu werden, benötigt er Papiere. Ohne diese ist er kein Bürger, sondern ein lästiges Problem.
Der amerikanische Seemann Gales verliert seine Dokumente, nachdem sein Schiff ohne ihn abgelegt hat. Fortan wird er von einer europäischen Behörde zur nächsten geschickt, ausgewiesen und zurückgewiesen. Niemand ist zuständig, jeder handelt nach Vorschrift. Schließlich landet er auf dem heruntergekommenen Schiff Yorikke, auf dem rechtlose Männer unter erbärmlichen Bedingungen schuften. Traven erzählt die Geschichte Gales‘ mit einer rauen, gelegentlich richtiggehend unverschämten Komik. Seine Figuren riechen nach Schweiß, Maschinenöl und schlechtem Tabak. Und auch wenn keine Behörde ihnen ihr Menschsein bescheinigen will, so sind sie doch menschlich in all ihren Sehnsüchten und Wünschen.
Der Mensch ist ein Wesen aus Fleisch und Blut und Zugangsdaten
Man könnte heute fast meinen, dass je häufiger die Würde des Menschen beschworen wird, desto umfangreicher werden die Verfahren, mit denen er seine Identität nachweisen muss. Personalausweis, Steueridentifikationsnummer, Sozialversicherungsnummer, digitale Benutzerkonten: Der moderne Mensch gilt als ein freies Individuum, dessen Freiheit zunächst einmal darin besteht, sich korrekt ausweisen zu müssen.
Natürlich braucht eine Gesellschaft Regeln und Dokumente. Auf Zuruf lässt sich kein Staat machen. Wer möchte auf Grundlage eines Sprechaktes Eigentum erwerben? Traven beschreibt aber jenen Punkt, an dem die Verwaltung nicht mehr dem Menschen dient, sondern der Mensch den Anforderungen der Verwaltung genügen muss. Gales verliert weder seine Persönlichkeit noch seine Fähigkeiten. Aber er verliert den amtlichen Nachweis seiner Existenz. Das genügt, um ihn aus der Gesellschaft hinauszubefördern.
Heute würde Gales vermutlich aufgefordert, seine Identität online zu bestätigen. Hierzu müsste er ein Benutzerkonto anlegen, einen Bestätigungscode empfangen und ein gültiges Ausweisdokument hochladen. Da er keines besitzt, würde man ihn an eine Servicestelle verweisen, deren Termine ausschließlich online vergeben werden. Dort erführe er, dass sein Anliegen ohne Identitätsnachweis leider nicht bearbeitet werden könne. Darüber mag man lächeln. Doch nur, wenn man selbst Zugangsdaten besitzt, die einen zum Menschen erheben.
Das Unheimliche an Travens Totenschiff ist die Abwesenheit ausgesprochener Bösewichte. Die Beamten hassen den Protagonisten nicht. Sie erfüllen lediglich ihre Aufgaben und ihre Pflichten. Jeder ist für einen kleinen Ausschnitt zuständig, niemand für das Ganze. So entsteht Unmenschlichkeit durch Arbeitsteilung, ohne dass sich jemand unmittelbar unmenschlich verhalten müsste. Die Bürokratie besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, Verantwortung in Zuständigkeiten aufzulösen und auf diese Weise an den Menschen, der sie dienen soll, vorbeizuarbeiten.
Die moderne Yorikke
Heute ist nicht alles anders als damals. Die Gegenwart hat dieses Problem einer unmenschlich agierenden Bürokratie nicht beseitigt, sondern lediglich technisch verfeinert. Digitale Identitäten und automatisierte Verfahren können vieles erleichtern. Aber sie schaffen auch neue Abhängigkeiten. Wer keinen Zugang besitzt, dessen Konto gesperrt wird oder dessen Identität sich nicht bestätigen lässt, ist plötzlich ausgeschlossen. Der Fortschritt hat zwar die Schalter abgeschafft, von denen Brecht mal sagte, es sei das deutsche Schicksal, vor einem zu stehen, während es das deutsche Ideal sei, hinter einem zu sitzen. Aber am Schalter saß wenigstens noch eine menschliche Kreatur, die sich erbarmen konnte, wenn sie wollte.
Das Totenschiff ist allerdings nicht nur ein schwimmendes Auffanglager für Papierlose. Es ist ein Ort wirtschaftlicher Ausbeutung. Männer ohne Rechte sind besonders billige Arbeitskräfte. Wer nirgendwo hingehört, kann nur schlecht verhandeln. Und wer keine Alternativen besitzt, der nimmt, was man ihm anbietet. Staatliche Rechtlosigkeit und wirtschaftliche Verwertung ergänzen sich vorbildlich.
Die Männer schuften tief im Bauch des maroden Schiffes, wo sie unter mörderischer Hitze die Kessel befeuern und die Maschinen am Laufen halten müssen. Ihre Unterkünfte sind elend, das Essen miserabel, die Arbeit ist lebensgefährlich und die Bezahlung ein Hohn. Die Yorikke ist ein schwimmender Schrotthaufen, dessen Besitzer aus dem letzten Rest seiner Seetüchtigkeit noch Profit schlagen wollen. Auf dem Meer gibt es kein Entkommen für die Marginalisierten.
Auch die moderne Wirtschaft kennt Beschäftigungsverhältnisse, in denen die Abhängigkeit von Aufenthaltsstatus, Arbeitgeber oder Vermittlern Menschen erpressbar macht. Traven beschreibt eine Mechanik, die sich unter veränderten Bedingungen auch heute und gerade heute fortsetzt: Der Mensch ist als Arbeitskraft willkommen, als Träger eigener Ansprüche hingegen lästig. Solange er funktioniert, ist er nützlich. Sobald er Forderungen stellt, wünscht man ihn zum Teufel.
Der Aufstieg im System
B. Traven war kein gemütlicher Sozialreformer. Hinter dem Pseudonym verbarg sich nach weitgehend gesichertem Forschungsstand der frühere Münchner Revolutionär Ret Marut. Marut war Schauspieler, Journalist und politischer Agitator, dessen Herkunft lange im Dunkeln lag. Heute gilt als weitgehend gesichert, dass er 1882 als Otto Feige im brandenburgischen Schwiebus geboren wurde. In München gab er seit 1917 die anarchistische Zeitschrift Der Ziegelbrenner heraus, in der er gegen Militarismus, Obrigkeitsdenken und die bürgerliche Gesellschaft polemisierte. Während der Münchner Räterepublik 1919 engagierte er sich im revolutionären Pressewesen und wurde nach deren Niederschlagung verfolgt. Er tauchte unter, gelangte schließlich nach Mexiko und wurde unter dem Namen B. Traven zu einem der rätselhaftesten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Freilich besitzt auch die Perspektive Travens Schwächen. Der Staat ist nicht ausschließlich Unterdrückungsinstrument. Gerade die Schwachen benötigen Gesetze, die sie vor wirtschaftlicher Willkür schützen. Ohne verbindliche Rechte wären die Männer auf der Yorikke ihren Arbeitgebern erst recht ausgeliefert gewesen. Doch Traven war Romancier und kein Ministerialbeamter. Er musste keine bessere Verwaltungsordnung entwerfen, um die Unmenschlichkeit der bestehenden zu erkennen.
Traven hatte ein Gespür für die Vereinnahmungsqualitäten des Verwaltungssystems, so lässt er Galen sagen: Unteroffiziere, die von oben kommen, sind nicht zu gebrauchen; sie müssen von unten kommen, gestern noch geprügelt worden sein, dann sind sie gut zu gebrauchen, die können am besten prügeln. Das System lässt Aufstiege zu. Aber nur zu einem Zweck.
Die Größe seines Romans liegt auch in seiner Sprache. Gales ist zudem kein moralisch überhöhter Held, sondern ein einfacher Seemann, der arbeiten, trinken und in Ruhe gelassen werden möchte. Traven macht aus seinen Entrechteten keine Heiligen. Er zeigt sie als derbe, widersprüchliche Menschen. Darin liegt eine literarische Ehrlichkeit, die mancher Gegenwartsroman vermissen lässt. Der Leser soll das Elend erkennen, ohne dass ihm auf jeder Seite erklärt wird, welche Haltung er dazu einzunehmen hat. Wer glaubt, dass ein Mensch schon deshalb frei sei, weil er in einer freien Gesellschaft lebt, sollte Travens Roman lesen.
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bei 9/11 hat mich fasziniert, wie die Leute statt sich grillen zu lassen
selbst aus den obersten Stockwerken in den Tod gesprungen sind –
DAS ist eine eigentümliche aber statthafte persönliche Freiheit:
über den eigenen Tod zu bestimmen.