Epstein oder die Anarchie der Macht

Jeffrey Epstein als Pate.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Die Genealogie eines Regimes ohne Moral.

Der Ausbruch des Epstein-Falls stellt keine Anomalie innerhalb der gegenwärtigen politischen Ordnung dar, sondern legt diese Ordnung in ihrer krassesten Form offen. Ihn als pathologische Abweichung zu betrachten – als „Monster“, das an den moralischen Rändern des Systems herumschleicht – ist eine tröstliche Geste, die genau die Strukturen schützt, die ihn ermöglicht haben. Empörung, die sich auf die Verurteilung einzelner Personen beschränkt, erfüllt eine ideologische Funktion: Sie bewahrt die Fiktion, dass die Ordnung im Grunde genommen intakt ist und dass die Entfernung einer einzelnen anomalen Figur die Normalität wiederherstellen wird. Aus anthropologischer und politisch-philosophischer Sicht erscheint Epstein jedoch nicht als Abweichung, sondern als liminale Figur: Er verkörpert nicht die Korruption der Macht, sondern ihre tatsächliche Gestalt.

Von der individuellen Psychologie zum System

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wir haben es nicht mit einem tugendhaften System zu tun, das von Anomalien unterwandert ist, sondern mit einer Rationalität, die diese Mechanismen hervorbringt, erfordert und reproduziert. Epstein war kein marginaler Exzess, sondern die Sprache einer Ordnung, die keine klaren Grenzen mehr zwischen Legalität und Illegalität, Norm und Ausnahme, Institution und Verbrechen erkennt. Sein Netzwerk aus privaten Inseln, philanthropischen Stiftungen, geheimen Flügen, undurchsichtigen gerichtlichen Vergleichen und strategischem Schweigen sollte nicht als eine Reihe von Abweichungen gelesen werden, sondern als strukturelles Tableau. Nicht als „Fall”, sondern als Inszenierung dessen, was Pier Paolo Pasolini in Anlehnung an Sade als Anarchie der Macht bezeichnet hat (Pasolini, 1975).

Epstein als Szene zu begreifen bedeutet, den Blickwinkel von der individuellen Psychologie auf das System zu verlagern, das ihn stützt. Die Szene dreht sich nicht um ein Subjekt, sondern um eine Konstellation von Praktiken, Diskursen, Institutionen und Schweigen. In diesem Sinne ist Epstein nicht nur eine moralische Abweichung, sondern ein Akteur innerhalb einer Rationalität, die nicht mehr von transzendenten Zielen oder universellen Werten geleitet wird, sondern von der schieren Ausweitung ihrer Herrschaftsfähigkeit. Macht bedarf keiner Rechtfertigung mehr: Sie reproduziert sich ungestraft und positioniert sich jenseits von Gut und Böse.

Riccardo Finozzi hat gezeigt, dass sowohl in Sades Die 120 Tage von Sodom als auch in Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom Macht nicht als stabile Struktur erscheint, sondern als lebendiges Paradoxon: Sie hängt von genau den Institutionen ab, die sie gleichzeitig zerstört, und nährt sich von den Werten, die sie zu vertreten vorgibt (Finozzi, 2016). Es gibt keine „Ordnung“, die korrumpiert wird; es gibt eine Kraft, die gerade durch die Aufhebung aller gängigen Normen verwirklicht wird.

Sades Libertine – und Pasolinis faschistische Hierarchen – kommen nicht von außerhalb des Systems. Sie sind Adlige, Richter, Bischöfe, Bürokraten: Träger der Sprache des Gesetzes. Doch ihre Lust entsteht gerade dadurch, dass sie diese Sprache außer Kraft setzen. Macht ist nicht deshalb „anarchisch“, weil ihr Organisation fehlt, sondern weil sie alle Verbindungen zur gemeinsamen Rationalität gekappt hat. Sie beugt sich nicht historischen Zielen oder ethischen Narrativen, sondern agiert als reine Willkür, legitimiert allein durch ihre Fähigkeit, sich durchzusetzen.

Die Reduzierung anderer auf bloße Materie

Epstein verkörpert dieselbe Logik. Seine Nähe zu Präsidenten, Prinzen, Bankiers, Wissenschaftlern und Technologiemagnaten war keine Infiltration eines gesunden Systems, sondern dessen eigentliche Funktionsweise. Wie Foucault gezeigt hat, funktioniert Macht nicht in erster Linie als Unterdrückung, sondern als produktives Beziehungsgeflecht (Foucault, 1976). Epstein war kein externer Parasit, sondern ein privilegierter Knotenpunkt innerhalb dieses Netzwerks.

Die Anarchie der Macht agiert nicht im Verborgenen: Sie präsentiert sich unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitsstiftungen, philanthropischer Rhetorik, Projekten mit „sozialer Wirkung” und Innovationsversprechen. Wie Hannah Arendt warnte, braucht das moderne Böse keine Monster; es kann als Verfahren verwaltet werden (Arendt, 1963). Die Gewalt, die diese Ordnung durchdringt, ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern die notwendige Kehrseite ihres Anspruchs auf Universalität.

Bei Sade ist die Vernunft der Aufklärung untrennbar mit ihrem Gegenteil verbunden: der Reduzierung anderer auf bloße Materie (Sade, 1785/1966). Bei Pasolini wird diese Logik auf das Herzstück der Spätmoderne übertragen: Der Körper ist nicht mehr Ort der Bedeutung, sondern wird zur Ressource. Das Opfer ist nicht mehr Subjekt, sondern Funktion.

Finozzi betont, wie Körper durch die unendliche Wiederholung gewalttätiger Szenen jede Einzigartigkeit verlieren und zu Figuren innerhalb einer Ökonomie des Exzesses werden (Finozzi, 2016). Diese Entpersonalisierung ist kein Nebeneffekt, sondern liegt im Kern der Struktur. Wie in Salò wurden die von Epstein ausgebeuteten jungen Frauen in eine Ökonomie der Geheimhaltung, des Vergnügens und des Austauschs hineingezogen. Ihre Namen lösen sich auf, ihre Biografien fragmentieren sich, ihr Leben reduziert sich auf Flugunterlagen und Gerichtsakten.

Rückzug zur eigenen Leere

Alessia Ricciardi hat gezeigt, dass Pasolini einen biopolitischen Horizont vorwegnimmt, in dem Körper zu Objekten der Verwaltung und des Konsums werden (Ricciardi, 2003). Was bei Sade eine Ausnahme war – ein Schloss, in dem das Gesetz außer Kraft gesetzt ist –, wird bei Pasolini zur Regel. Gewalt ist nicht mehr Transgression, sondern wird zum System. Epstein brauchte keinen isolierten Raum; seine Bühne war die globalisierte Welt, in der der Verkehr von Kapital, Informationen und Körpern unter dem Deckmantel der Freiheit normalisiert ist (Bauman, 2000).

Epsteins Insel ist nicht mehr ein geografischer Ort, sondern eine Form der sozialen Beziehung. Es ist der symbolische Raum, in dem das Gesetz ohne Erklärung außer Kraft gesetzt wird, in dem die Ausnahme in das tägliche Funktionieren des Systems eingewoben ist. Wie Agamben suggeriert, ist der implizite Ausnahmezustand zu einem Paradigma der Regierungsführung geworden (Agamben, 2005).

Innerhalb dieser Sphäre erfüllt der Skandal eine paradoxe Funktion. Pasolini argumentierte, dass es ein Vergnügen sei, empört zu sein, weil es eine abstoßende Nähe zu dem ermöglicht, was wir ablehnen. Doch wenn der Skandal zu einer Medienware und einem oligarchischen Werkzeug wird, verliert er seine kritische Schärfe. Der Fall Epstein wurde in die Logik des Spektakels aufgenommen: Serien, Dokumentationen, Schlagzeilen. Wie in Salò wird der Horror zu einer Wiederholung ohne Erinnerung.

Robert Lauer hat festgestellt, dass Salò nicht nur den historischen Faschismus thematisiert, sondern auch die Endphase der Moderne, die sich auf ihre eigene Leere zurückzieht (Lauer, 2002). Epstein erscheint somit als postmoderne Figur: ohne explizite Ideologie, aber in voller Übereinstimmung mit der instrumentellen Rationalität, die die heutige Welt beherrscht (Horkheimer & Adorno, 1947/2002).

Epstein: Gesicht einer Normalität, die jedes Maß verloren hat

Die Anarchie der Macht bedeutet nicht Chaos, sondern Hyperorganisation ohne ethische Grundlage. Bei Sade erzeugt absolute Überschreitung Frustration: Kein Exzess reicht aus. Diese Frustration treibt unendliche Gewalt an. In ähnlicher Weise kann das System, das Epsteins Operationen ermöglichte, nicht innehalten: Es muss seine eigene Dynamik unendlich reproduzieren.

Aus anthropologischer Sicht erleben wir eine tiefgreifende Veränderung: vom Körper als Träger von Bedeutung zum Körper als funktionalem Restprodukt. Pasolini sprach von einem „kulturellen Völkermord” durch den Konsumismus, der Lebensformen ohne sichtbare Gewalt zerstört (Pasolini, 1975). Der Fall Epstein stellt die extreme Phase dieses Prozesses dar: wenn menschliches Leben nicht einmal mehr einen symbolischen Wert hat.

Den Fall Epstein durch Sade und Pasolini zu denken, ist weniger eine literarische Analogie als eine kritische Verpflichtung: Es zwingt uns zu der Erkenntnis, dass Gewalt nicht von außen eindringt, sondern aus dem Zentrum des Systems selbst. Die zeitgenössische Macht beruht nicht auf dem Gesetz, sondern auf der Normalisierung seiner permanenten Aussetzung, was uns zwingt, die Logik in Frage zu stellen, die Menschen zu Statistiken, Geschichte zu Wiederholungen und Skandale zu Unterhaltung und politischen Instrumenten macht.

Epstein ist, wie Sades Libertine oder die Hierarchen von Salò, kein außergewöhnliches Monster. Er ist das sichtbare Gesicht einer Normalität, die jedes Maß verloren hat. In ihm verdichtet sich die beunruhigendste Wahrheit unserer Zeit: Die Anarchie der Macht ist keine Abweichung von der Ordnung, sondern ihr konstitutives Prinzip.

Dieser Artikel wurde erstmals im englischen Original im Postil Magazine veröffentlicht.

Santiago Mondejar Flores

Santiago Mondejar Flores ist Berater, Dozent und Kolumnist für Geopolitik und internationale politische Ökonomie.
Mehr Beiträge von Santiago Mondejar Flores →

Ähnliche Beiträge:

68 Kommentare

  1. Titel verfehlt
    Mit Anarchie hat das alles nichts zu tun.
    Im Gegenteil, ist der Anarchismus von hohen ethischen Werten beseelt.
    Keine Herren
    Keine Sklaven

    1. Ich frage mich oft, wie bewußt und beabsichtigt die Verwendung des Begriffs „Anarchie“ ist, wo eigentlich „Anomie“, Regellosigkeit stehen sollte.

      1. Im vorliegenden Fall ist eben nicht „Anomie“ gemeint, denn:
        „Die Anarchie der Macht ist keine Abweichung von der Ordnung, sondern ihr konstitutives Prinzip.“

        Es geht schließlich darum, Anarchie hin oder her, daß der Fall Epstein keine Abweichung von der Norm darstellt, sondern die Norm selbst sichtbar macht.

    2. Der Anarchismus, ja. Die Anarchie, nein. Das eine stellt den Idealzustand der Unnötigkeit von Machtausübung dar, das andere die blanke Abwesenheit von Macht und jeglicher Art von Ordnung. Anarchismus und Anarchie gleichzusetzen ist entweder ein Fehler oder absichtliche Verleumdung des Anarchismus.

      1. …das andere die blanke Abwesenheit von Macht und jeglicher Art von Ordnung.

        Eben nicht die Abwesenheit von Macht, sondern ihre Anwendung jenseits aller Regeln und Ordnung. Macht ist im übrigen nie ‚abwesend‘, auch nicht in einem Zustand der Herrschaftslosigkeit.

      2. Sorry, aber das ist doch kleinliches Begriffe verwirren und übernehmen wollen.
        Die blanke Abwesenheit von Macht und jeglicher Art von Ordnung erzwingt quasi selbstverantwortliches Verhalten. Konstituiert eine neue Ordnung. Bloss weil Anarchie von vielen verbrämt wurde, muss man nicht gleich neue Begriffe einführen wie ein Fluchttier.

        Lieber Gruss

    3. Danke, mir ging gerade ähnliches durch den Kopf. Aber der Begriff Anarchie wurde schon immer missbraucht. Denn für jeden Herrschenden ist Anarchie das Böse in sich. Da es keine Herrscher braucht.

      Lieber Gruss

    4. Ja, genau.

      John Henry Mackay

      Anarchie

      Immer geschmäht, verflucht – verstanden nie,
      Bist du das Schreckbild dieser Zeit geworden…
      Auflösung aller Ordnung, rufen sie,
      Seist du und Kampf und nimmerendend Morden.

      O laß sie schrei’n! – Ihnen, die nie begehrt,
      Die Wahrheit hinter einem Wort zu finden,
      Ist auch des Wortes rechter Sinn verwehrt.
      Sie werden Blinde bleiben unter Blinden.

      Du aber, Wort, so klar, so stark, so rein,
      Das alles sagt, wonach ich ruhlos trachte,
      Ich gebe dich der Zukunft! – Sie ist dein,
      Wenn jeder endlich zu sich selbst erwachte.

      Kommt sie im Sonnenblick? – Im Sturmgebrüll?
      Ich weiß es nicht … doch sie erscheint auf Erden! –
      „Ich bin ein Anarchist!“ – „Warum?“ – „Ich will
      Nicht herrschen, aber auch beherrscht nicht werden!“

  2. Wie ein Forist an anderer Stelle bereits schrieb:
    „Epstein ist der spirituelle Führer der USA“
    Besser kann man es kaum ausdrücken.

    Er ist keine Abweichung, sondern er ist der (a)moralische Kern des westlichen „Wertesystems.“

  3. Die Herrschenden halten sich doch tatsächlich nicht an die von ihnen in die Welt gesetzte, und ausschließlich an die Beherrschten adressierte Moral. Eiderdaus, wo und wann war das denn je anders. Und der Riesenskandal soll nun der Umstand „Epstein“ sein, wo „keine klaren Grenzen mehr zwischen Legalität und Illegalität, Norm und Ausnahme, Institution und Verbrechen erkannt“ werden können, und so die Gute Herrschaft unterminiert.
    Wie wärs denn zu Abwechslung mal mit keiner bürgerlichen Sorge, nämlich mit einer praktischen Anarchie der Beherrschten, anstatt eine Klage über die „Anarchie der Macht“.

    1. Das ist ja der Sinn von Moral. Moral teilt in zwei Gruppen, jene die etwas tun dürfen und allen anderen ist es bei Strafe untersagt.
      Du sollst nicht töten, heisst nicht das niemand töten darf, sondern legitimiert nur die Tötung durch eine spezielle Gruppe zur Machtausübung und Erhaltung (Polizei, Armee).
      Du sollst nicht stehlen, heisst nicht das niemand stehlen darf, sondern legitimiert den Diebstahl als gesellschaftliche Existenzgrundlage (Kapitalverwertung, Aneignung von Mehrwert)

      1. Der – abstrakt logische! – Befund, das fünfte Gebot und die zugehörige Moral sanktioniere gesellschaftliche Killerei, erkenne sie an und forme ein Heiligtum aus ihr, ist aller Ehren wert, sofern er nicht aus postfaschistischer Mordlust geboren wird, was hier allem Anschein nach geschehen ist, denn @fe setzt ihrem Befund die Diagnose einer gesellschaftlichen Scheidung „in zwei Gruppen“ voraus, die er/sie aus ihm gefolgert zu haben behauptet. Das implizite Resultat: Gefordert ist eine gesellschaftliche Instanz, die der institutionellen Killerei ein Ende setzt – und wie anders soll das in dieser Logik gehen, als durch Killen?

        Nun habe ich rein gar nichts dagegen, daß Killer gekillt werden, aber bitte nicht gemäß der zirkulären Logik der Blutrache!
        Die Blutrache ächtet die Killerei, indem sie sie fortschreibt – bis hin zu einem willkürlichem Abbruch.
        Ich benutze hier das Wort „Willkür“ nicht in dem kritischen Sinne, der aus einem Rechtsidealismus geboren wird. Eine Beendigung, der Abbruch einer Blutrache setzt voraus, daß sich die Akteure Gründen der Killerei zuwenden, also dem, was individuellen Motiven zu Grunde liegt, doch solche Rücksicht trennt Gründe und Motive nicht, wie es das Gesetz tut, und das 5. Gebot ist ein Gesetz.
        Solche Trennung ist der Schlüssel!

        Denn methodische Trennung zwischen Gründen und Motiven etabliert die Killerei zum gesellschaftlichen Institut*. Desgleichen Ehebruch, Diebstahl und die ubiquitäre Lügerei.
        Dem solltet ihr vielleicht ein Ende setzen – und zwar willkürlich.
        Anstatt durch implizite Berufung auf das unausgesprochene, frühchristliche Gesetz, „vor Gott“ seien alle Menschen gleich …

        * Daß die Mehrzahl der Demokratien die Todesstrafe ächten, hat nix mit Moral zu tun, sondern mit der kürzlich erwähnten Eigentümlichkeit, daß Demokratien im Unterschied zu faschistischen Formationen den Antagonismus von Staat und Bürger anerkennen. Persönlich halte ich dauerhaftes Wegsperren für grausamer, als Exekutionen.

      2. @Qana
        Ich teile das, zumindest Teile, die ich von deinen Text verstanden habe.
        Ob aber @Fe hier (unwissentlich?) als Verfechter einer angeblich unverzichtbaren/übergeordneten/heiligen und jedermann verpflichtenden also HERRSCHENDEN Supermoral auftritt, möchte ich ihn nicht unterstellen. Dass lässt sich aus seinen 3 Sätzen so auch nicht herleiten.
        Vielleicht schreibt er ja selber noch was dazu.

        1. Das habe ich auch nicht unterstellen wollen („allem Anschein nach“), eben drum habe ich mir Mühe gegeben, die logische Textur des Argumentes aufzudröseln, so gut ich das in der Kürze vermocht habe.

  4. Seit wann hätten Herrscher und das Volk gleiche Werte? Der Ansatz, normal-menschliche Wertmaßstäbe an diese sog. Eliten anzulegen ist naiv.
    Ihre Moral – unsere Moral, es ist so einfach. Der Sklave, der seinem Herrn davonläuft, ist aus dessen Sicht böse, der ihm half, wird aufgeknöpft. Aber aus Sicht des Geflohenen war er ein Gerechter unter den Menschen.

    1. Ich denke vor allem in Deutschland ist diese Erkenntnis nicht weit verbreitet. Erzähle ihnen, dass sie Angst vor der Freiheit haben müssen und sie haben Angst vor der Freiheit, bekämpfen sie sogar, unter Umständen auch bis hin zum eigenen Tod.

      Ich will nicht sagen, dass Kommunismus und Sozialismus die pure Freiheit bedeuten. Das, was wir bisher unter diesem Label gesehen haben, war wenig überzeugend, muss aber auch nichts oder nicht viel mit Kommunismus oder Sozialismus zu tun haben. Was aber wesentlich ist an beiden Ideologien und warum unsere Machthaber das zum Feind erklärt haben, ist, dass sie das Dilemma (für den Unterdrückten) von Besitzenden und Besitzlosen auflösen wollten. Die beste Lösung ist meiner Meinung nach die Anarchie, wie sie ursprünglich gemeint war und im spanischen Bürgerkrieg mündete, in den Hitler 1936 eingriff, um den gleichen Diktator Franco an die Macht zu bringen, gegen die Anarchisten, wie es die USA nach 1945 taten (der Staffellauf der Faschisten).

      Anarchie bedeutete im ursprünglichen Sinne: nichts als pure, reine Selbstbestimmung und Selbstorganisation. Unternehmen sollten keine Hierarchien haben bzw. am Ende nur aus sich selbst heraus gewachsene, nicht von oben herab.

      Bildlich kann man sich das an folgendem Beispiel vielleicht ganz gut vorstellen: vor vielleicht 20 Jahren hat in Lateinamerika (weiß das genaue Land nicht mehr) ein großer profitabler Schuhhersteller eine Fabrik geschlossen. Es gab eigentlich keinen Grund dazu. Was haben die Arbeiter gemacht? Sie haben die Fabrik einfach wieder aufgemacht und unter Selbstverwaltung gestellt. Sie stand ja noch dort. Das Gebäude kann man nicht wegtragen. Ich meine, dass teilweise auch noch Maschinen standen (vermutlich weil veraltet oder nicht schnell genug abtransportiert).

      Nun. Was ist mit dem Begriff Anarchie passiert? Die Eliten meinen, dass ein System nur auf Hierarchien aufbauend funktionieren kann, vor allem sehr rigiden, nicht demokratischen Hierarchien, also auf überaus privilegierten Menschen (bis hin zur Gesetzlosigkeit, siehe eben Epstein) und nicht nicht privilegierten Menschen. Für sie gilt das Gesetz: es muss Menschen geben, die andere Menschen letzten Endes unterdrücken, ihnen sagen, was sie dürfen und was sie nicht dürfen, sie zu Arbeit und zum Erwirtschaften von Profiten verpflichten für diese Eliten (siehe auch ganz aktuell: https://www.golem.de/news/curtis-yarvin-peter-thiels-einfluesterer-auf-europatour-2603-206377.html). Das stimmt aber nicht, zumindest in gesunden Gesellschaften nicht, wo Egoismus, Neid und Missgunst nicht so ausgeprägt sind. Die allermeisten Menschen sind nicht kriminell und sie haben kein Problem damit dem Gemeinwohl zu dienen. Im Gegenteil.

      Jedenfalls sagen die westlichen (faschistischen) Eliten, dass eine Gesellschaft ohne Hierarchien, ohne Unterdrückung das pure „Chaos“ wäre. Man kann das mit der „rule based order“ vergleichen, die der Westen ausgerufen hat. In ihren Augen gerät auch „die Welt aus den Fugen“, wenn dieses Modell der Unterdrückung, das Modell von Sklaverei und Kolonialismus, wenn die Regel „es gibt Unterdrücker und es gibt Unterdrückte, denen jegliche eigene Entwicklung untersagt ist“ aufgelöst wird. Wenn sie die Massen nicht mehr versklaven und unterdrücken können, ist das für sie „Chaos“, ja „chaotische Zustände“. So hat der Begriff Anarchie seine Färbung abbekommen, die mit dem Ursprung des Begriffs nichts zu tun hat. Es ist lediglich eine andere Organisationsform.

      Wie gut sie funktioniert, zeigt das Unternehmen Huawei. Zu mW 97,5 Prozent gehört dieses den Mitarbeitern. „Nur“ 2,5 Prozent gehören dem Gründer. Das ist auch noch viel, aber dennoch… egal. Jedenfalls haben die USA versucht das Unternehmen regelrecht zu vernichten, weil sie es als zu starke Konkurrenz zu Apple und Co wahrgenommen haben und es ein weiteres Problem gab: wenn keine US-verseuchte Technik mehr in den Mobilfunknetzen etc. zum Einsatz kommt und durch chinesische Technik ersetzt wird (also wirklich ganz sicher frei von US-Spyware ist), verliert die NSA ihr wichtigstes Asset zur Massenüberwachung. Egal. Sie wollten das Unternehmen mit drastischen Mitteln vernichten. Viele andere Unternehmen hätte nicht überlebt, was sie mit Huawei gemacht haben. Sie haben z.B. ihren wichtigsten Markt zerstört, ihnen praktisch verboten ihre Handys im Westen (ihrem damals vermutlich wichtigsten Markt) zu verkaufen. Dann haben sie ihnen noch untersagt Android und das Google Öko-System (Google Suche, Google Maps, AppStore, usw.) zu nutzen. Außerdem durften sie keine Chips mehr verbauen, die TSMC hergestellt hat und auch keine Maschinen beschaffen, mit denen sie die gleiche Fertigungsqualität hinbekommen hätten. Nebenbei haben sie auch noch eine hochrangige Mitarbeeiterin (mW die Tochter des Gründers) in Kanada verhaftet und für einige Jahre eingesperrt. Ich weiß nicht mehr wieviel Umsatz denen von jetzt auf gleich abhanden gekommen ist. Es war auf jeden Fall enorm, ein hoher zweistelliger Prozentsatz.
      Warum aber hat Huawei überlebt und ist heute stärker als je zuvor? Sie bauen heute Autos, Sateliten, Handys vorrangig für den chinesichen Markt, eigene Belichtungsmaschinen zur Chipherstellung, haben ein eigenes Ökosystem aus Betriebssystem für Handys, Autos, Desktop-PCs und Co aufgebaut etc. pp)…. Richtig. Das Unternehmen hat überlebt, weil es den Mitarbeitern gehört. Das heißt die Identifikation mit dem Unternehmen ist eine ganz Andere, als in anderen Unternehmen. Ich vermute die Mitarbeiter haben das als persönlichen Angriff verstanden und jeder hat daraufhin gemacht, was er konnte, um das Unternehmen zu retten. Die chinesische Führung hat auch ihren Anteil daran, indem sie das Unternehmen entsprechend unterstützt haben. Und auch die Chinesen insgesamt haben vermehrt zu Huawei-Produkten gegriffen, weil sie verstanden haben, was gespielt wird.

      Zurück zum Thema: ich finde so krass, wie es den Mächtigen gelungen ist den Menschen einzureden, dass sie Angst vor der Freiheit (Selbstbestimmtheit) haben. In Deutschland ist das ganz besonders ausgeprägt. Ich glaube manchmal hier würden viele, sehr viele Menschen lieber den Tod bevorzugen als frei zu sein.

      Von daher finde ich so Artikel, wie der hier von overton schon wichtig. Ihr dürft nicht immer nur von Euch ausgehen, die ihr vll. schon weiter im Denken seid.

      1. Nur, die die es lesen sollten schauen hier nicht rein.
        Ansonsten, ein schöner Beitrag und natürlich Werbung für die Anarchie.

    2. Routard: „Seit wann hätten Herrscher und das Volk gleiche Werte?“

      Das Teilen der selben Werte von Herrschern und Volk ist die Voraussetzung zur Herrschaft. Herrschaft setzt eine gemeinsame Ideologie oder einen gemeinsamen Glauben voraus, denn nur so ist das Volk fügsam. Fehlt die gemeinsame Ideologie, hat das Volk andere Wertvorstellungen (etwa als es noch eine sozialistische Arbeiterbewegung gab), so ist die Herrschaft in Gefahr und es muss Gewalt angewendet werden um die Herrschaft zu sichern (was 1933 zum Faschismus führte).

      Wir haben heute einen gemeinsamen Glauben an die liberale Demokratie, die sich im Wesentlichen auf die individuelle Freiheit stützt (noch weiter heruntergebrochen auf puren Egoismus). Eine substantielle Klammer, die die Gesellschaften im Westen immer noch zusammenhält – und damit auch die Herrschaftsstrukturen funktionabel hält.

      1. mannomaoam

        Wenn ein Kind phänomenologisch konstatiert, Herren und Diener resp. Herren und Beherrschte frönen einem identischen Glaubenskanon – wenn auch üblicherweis mit polarischen Gewichtungen – und ein Wertehimmel ist nun mal nichts anderes, als ein säkularer Glaube – wird es messerscharf schließen, Diener und Beherrschte haben sich auf diesem Wege für die Herrschaft kooptieren lassen.

        Wenn es das nötige Alter / mentale Reife hat, wird es genauso messerscharf schließen, die Aufklärung des Rätsels, wie das denn zugehe, da doch die Kooptierten bei der Operation unweigerlich den Kürzeren ziehen, habe nur mittelbar mit den Hand- und Fußfesseln, Peitschen und Kanonen zu tun, mit denen es sich das zuvor plausibilisiert hat, aber es wird dabei fest halten, diese Aufklärung habe den Glauben zu … ja, transzendieren.
        Gewiß, so schlau ist ein 12-14 jähriges Kind, es ist sein eigener Kant.

        So gelangt dies Kind an einen Scheideweg. Es kann und muß sich entscheiden, ob es der Gewalt der auf ihn gerichteten Waffen folgen will oder nicht will.
        Wenn es das will, folgt es dem Beispiel der Mehrheit der „Erwachsenen“ und zeichnet für sich und gegen seine „lieben Mitmenschen“ einen höheren Glauben.
        Was das sein soll, ein „höherer Glaube“?

        Na, ist doch logisch, jedes Kind versteht das: Es ist ein Glaube, der dessen Idolatrie zurück weist, einer, der Gott aus der Schöpfung entfernt. Ein Glaube, der die Frage beantwortet, was – um Himmels willen – Gott denn gemacht habe, bevor er die Welt erschuf. Solch ein Kind klopft Thomas von Aquin auf die Schulter, dessen Antwort gelautet hat: Da habe Gott die Hölle gemacht, für Kinder, die solche Fragen stellen.
        ->Theologisch ist der höhere Glaube die „Menschwerdung Gottes“, das Christentum, das eine „göttliche Fügung“ militant zurück weist, zugunsten einer „höheren“, einer kosmischen Ordnung, in der (Ver-)Fügung einen ganz und gar weltlichen Platz erhält.
        ->Säkular – naja, da wird’s so kompliziert, wie menschlicher Verstand listig ist, aber das Resultat unterscheidet sich im Wesentlichen nur in einem Punkt von den sakralen Varianten: Der Lattensepp wandert in die Aservatenkammer, Punkt.
        Das ist halt simpel zu machen, ohne den „höheren Glauben“ anzutasten, und Karl Marx, dieses geniale Kind, das im Unterschied zu euch nie vergessen hat, weil es nicht vergessen wollte, was es im zarten Alter mal gelernt hatte, hat den Grund in simplen Bemerkungen mitgeteilt: Der höhere Glaube geht völlig auf im Kult des abstrakten Menschen.

        Und fortan halten geläuterte Kinder den abstrakten Menschen obstinat gegen die Leute um sie herum hoch und her, so wie Garno das hier tut. Sie wissen, die Lösung des eingangs vorgestellten Rätsels transzendiert die Wertewelt konkret. 1000 mal am Tag belieben sie es, sich auf eine Arbeitsteilung zwischen Herrschenden und Unterworfenen, nämlich deren ABSTRAKTE NOTWENDIGKEIT zu berufen; so, wie Garno das oben vorführt. Jede Kritik der konkreten Arbeitsteilung von Herren und Unterworfenen ertränken solche verdummten Kinder nahezu buchstäblich in ihren Vorstellungen einer abstrakten Ordnung – und gegen das Ertränken der Kritiker haben sie im Zweifelsfall auch nix.
        Es sind genuine Advokaten des Faschismus – einer benevolenten Volksherrschaft.

        1. Warum kommen mir bei der Lektüre dieser Predigten immer die Sätze in den Sinn:

          [] Keiner versteht mich
          [] Alles schmeckt gleich
          [] Ich bin ein besonderer Sendbote Gottes

          (© MMPI )

        2. Luschtig, ich habe den „Copiloten“ mal gebeten, den Textinhalt vereinfacht darzustellen und kopiere den kritischen Teil:

          Der „höhere Glaube“ – was ist das?

          Der Text unterscheidet zwei Varianten:

          Der „höhere Glaube“ ist die Idee, dass Gott Mensch wurde (Christentum).

          Das bedeutet: Die Welt ist nicht einfach göttlich vorgegeben.

          Ordnung entsteht nicht durch göttliche Fügung, sondern durch eine kosmische, aber weltliche Ordnung.

          2. Säkular

          Hier wird es komplizierter, aber die Grundidee ist:

          Der „höhere Glaube“ wird ersetzt durch den Glauben an den abstrakten Menschen.

          Also: Menschen glauben an eine allgemeine, abstrakte Menschheit, an universelle Werte, an Humanität — unabhängig von den konkreten Menschen um sie herum.

          Und das demonstriert, wie der Copilot „nicht denkt“. Denn er hat meine Überleitung zu der Frage, die er hier beantwortet, komplett ignoriert, sie lautete:

          So gelangt dies Kind an einen Scheideweg. Es kann und muß sich entscheiden, ob es der Gewalt der auf ihn gerichteten Waffen folgen will oder nicht will.
          Wenn es das will, folgt es dem Beispiel der Mehrheit der „Erwachsenen“ und zeichnet für sich und gegen seine „lieben Mitmenschen“ einen höheren Glauben. (Hervorhebungen gegen die KI)

          Das Argument führt die Formgestalt des „höheren Glaubens“ ad absurdum, es ist halt kein Glaube, die „(Unter-)Zeichnung“ folgt einem berechnenden Interesse.
          Mein Text läßt die Grundlage des Interesses „außen vor“, weil sie durch das Verfahren hindurch lugt: Konkurrenz, Durchsetzung / Bewährung im bürgerlichen Erwerbsleben, die alle weiteren Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens, soweit einer überhaupt welche davon ausnehmen will – z.b. das „Sexualleben!! – umgreift und durchtränkt.

          MMPI – ein weiterer Tiefpunkt im Geistesverfall des a^2

          1. Ich erkläre es Dir:
            Dein Gesabbel klingt, und nicht zum ersten Mal,. als wenn die drei zitiierten Selbsteinschätzungsvorschläge des Minnesota Multiphasic Personality Inventory bei Dir einschlägig wären. Das wäre allerdings ein Indiz für eine ernstere Störung. Nicht dass ich was von Ferndiagnosen halte (vom MMPI auch nicht, das war mal ein running gag, wenn sich jemand bescheuert verhielt).
            Dass Du nun so lächerliche Gehirnkrücken wie LLMs für Doofe (Internetjunkies) herzerrst, um „zu erklären, was Du meintest, hat was. Was sehr Krankes.

        3. Ach Qana, ich kann weder mit einem „höheren Glauben“ noch mit einem „abstrakten Menschen“ etwas anfangen, auch nicht mit sonstigen Abstraktivitäten. Zudem ist der Text voller akademischer Fremdwörter, was ihn umso unverständlicher macht. Es mag ja hier einige Akademiker geben, die damit etwas anfangen können, ich kann es nicht.

          Was ich aber meine aus dem Text herauslesen zu können, das ist eine recht individualistische Grundeinstellung, die sowohl an den gesellschaftlichen Verhältnissen der realen Welt als auch an deren Idealen verzweifelt. Es muss sich also etwas ändern. Ich rate mit der Grundeinstellung zu beginnen, denn die Gesellschaft kann nur kollektiv verändert werden.

          1. Du darfst gar nix verstehen, Garno.
            Gar nichts?
            Ja! Wirklich! Gar nichts!
            Was immer du verstehen würdest, käme deinem Glaubensbekenntnis in die Quere, das du hier wiederholst:
            Ich bin das Volk
            Und wer nicht mit „uns“ ist, ist gegen „uns“
            Ein exaktes Spiegelbild des Auftrittes von G.W. Bush in seiner Rolle als Sprecher der Putschisten von 9/11.
            Dennoch gibt es einen Unterschied:
            Bush jun. hatte seine Gesichtszüge nicht unter Kontrolle, aus ihnen sprach höhnischer Triumph.
            (Das Motiv ist eine private Geschicht, aber egal. Für den weniger privaten Triumph kann einer ja die „known unknowns and unknown unknowns“ von Donald dem Ersten nehmen)
            Du blökst nur trotzig, verstockt und defensiv herum.

            1. Mal unter Freunden.
              Ich lese auch deine Sermon jetzt schon einige Zeit mit und habe mich erst seit ein paar Tagen entschlossen auch hier mitzuschreiben.
              Nicht zuletzt, weil ich seit kurzem in Rente gegangen bin und weil hier vieles falsch, oder absichtlich verdreht interpretiert wird und so einigen Leuten Unrecht getan wird.
              Du bist einer von diesem Typen der einfach nur unausgegoren Blödsinn verzapft und dadurch viele Diskussionen in eine Sackgasse lenkt, ohne wirklich eine echte valide Aussage zu treffen.

              1. Ich lenke Diskussionen???
                Der Arthur hat gefährlich einen an der Waffel, der hat schon den Übergang zur SA-Mentalität hingekriegt – im klaren Unterschied zu Garno.

                  1. „Das sollte hier jeder wissen“

                    Der Mensch hat seinen Verstand an der Garderobe abgegeben. Braucht er nicht, hat ja seine Augen auf nem Programmzettel. Erinnert mich an den zweiten Ehemann meiner Mutter, der hielt das so bei Wagner-Opern.

                    1. „Mal ehrlich“ –

                      Wie ich oben dokumentiert hatte, kam die KI mit meinem konzeptionellen Stilmittel der Ellipse nicht klar.
                      https://de.wikipedia.org/wiki/Ellipse_(Sprache)
                      Das Argument, warum der Kult des abstrakten Menschen formell als ein Glaube auftritt, auch so funzt, aber keiner ist, hatte ich ausgelassen, es war in meinem Text gleichsam umzingelt.

                      Solche Umzingelungen sind, ich gestehe es gern, zu einem Teil ein Rückstand aus pubertären Zeiten. Da habe ich Opposition systematisch so betrieben, ich wollte ein argumentatives Hauen und Stechen mit Gegenübern vermeiden, die sich auf Autorität berufen, und sei es eine Autorität des Älteren, und dann womöglich zu Gewalt schreiten (Ohrfeigen, Klassenverweise und so zu).

                      Der andere Teil entstammt späteren Erfahrungen mit dem „Pluralismus“ (der „Amerikanisierung des Denkens“, wie die Genossen das mal genannt haben). Da wird einem eine (formelle) „Validität“ eines Argumentes mehr oder minder genau in der Absicht zugestanden, ein beigeordnetes Thema aufzumachen, aus dem ein Einwand gezogen wird, der es mindestens neutralisieren, wenn nicht unter Verweis auf die Autorität der Quelle und Verbreitung stechen soll. Also zog ich es vor, die „theory of mind“ und die antizipativen Vermögen des Gegenüber gegen solche „Einwände“ zu mobilisieren: Es sollte selbst, für sich, das Argument formulieren, das ich nicht ausgesprochen, sondern umstellt hatte.

                      In ad hoc – Texten habe ich diese Gewohnheit nicht unter Kontrolle und mit zunehmendem Alter generell immer weniger. Was Wunder, ich habe die Ellipsen ausschließlich in den wissenschaftlichen Texten zielbewußt ausgemerzt, die ich in Lohn geschrieben habe, sowie in einigen – nicht allen – Broschüren und Artikel für Genossen.

                      Heute haben nur noch wenige von euch eine „theory of mind“ und eure Antizipation ist auf Assoziativität von Bedeutungshorizonten geschrumpft. Auch kein Wunder im Zeitalter der neuen Inquisition, das ja schon mehr als eine Generation zu Gange ist, wenn man etwas puristisch „9/11“ zu dem Sündenfall nimmt, zu dem es gemacht wurde …
                      Ihr seid der KI ähnlich – nicht sie euch.

      2. @garno
        Ihr Satz: „Wir haben heute einen gemeinsamen Glauben an die liberale Demokratie, die sich im Wesentlichen auf die individuelle Freiheit stützt (noch weiter heruntergebrochen auf puren Egoismus)“ den Sie ja noch im letzten Kommentar unterstreichen,
        hätte mich auch ein wenig irritiert, wenn ich nicht eine andere Debatte mit Ihnen in Erinnerung gehabt hätte. Was meinen Sie, hielt Epstein und halten seinesgleichen von der liberalen Demokratie? Was bedeutet „individuelle Freiheit“ in seinem Sinn?
        Und die anderen, die sich erstaunlich begriffsstutzig zeigen, wenn es um den Kern der Moral, das eingepflanzte Über-Ich, geht: Diese Werte sind nicht harmlose Gedankeninhalte, sie wurden mit Gewalt eingetrichtert und wenden sich gegen Euch selbst, wenn Ihr sie nicht von diesen Herkunftsschlacken befreit. Eine dieser Schlacken ist die Meinung, die Herrschenden würden im Grunde „einem gemeinsamen Glauben“ anhängen.

        1. Routard: „Was meinen Sie, hielt Epstein und halten seinesgleichen von der liberalen Demokratie? Was bedeutet „individuelle Freiheit“ in seinem Sinn?“

          Ist das denn wirklich wichtig? Von Bedeutung ist, dass Eppstein und Seinesgleichen die individuelle Freiheit der liberalen Demokratie für ihre Zwecke nutzen, nämlich politisches und wirtschaftliches klüngeln in der Sphäre des großen Geldes, und zwar an der Demokratie vorbei. Das ist aber im liberalen Verständnis in Ordnung. In Unordnung bringen die Angelegenheit lediglich die darin enthaltenen Perversitäten. Damit wird die Sache als ein moralisches Problem einzelner Personen abgehakt und nicht als ein Systemfehler der liberalen Demokratie betrachtet.

  5. „Wir haben es nicht mit einem tugendhaften System zu tun, das von Anomalien unterwandert ist, sondern mit einer Rationalität, die diese Mechanismen hervorbringt, erfordert und reproduziert. … als Inszenierung dessen, was Pier Paolo Pasolini in Anlehnung an Sade als Anarchie der Macht bezeichnet hat“

    Warum nennt der Autor die Ursache des Übels nicht beim Namen? Es ist der liberale Kapitalismus im fortgeschrittenem Stadium, wo die Gesellschaft es zulässt oder sogar begrüßt, dass die Macht vom Reichtum bestimmt wird. Und wenn es keine gesellschaftliche Kontrolle über den Reichtum gibt, dann können die Reichen in ihrer Macht natürlich alle moralischen Hemmnisse fallen lassen.

    1. Warum ist das so? Weil es keine Strafverfolgung bei den Mächtigen gibt. Deswegen haben sie null Skrupel bei sowas. Oder um es in Deinen Worten zu sagen : „dann können die Reichen in ihrer Macht natürlich alle moralischen Hemmnisse fallen lassen.“

      Trump oder einer seiner Kumpels beim Pentagon ermordet über 170 Mädchen einer Mädchenschule. Landet dafür irgendwer vor Gericht oder gar im Gefängnis?

      Diverse CDU-Politiker beteichern sich und / oder ihre Kumpels mit Maskendeals während der Corona Phase…. daa gleiche Spiel. Landet dafür jemand im Gefängnis? Zumindest niemand Bedeutendes aus dem Machtapparat.

      Wenn du niemals befürchten musst für deine Verbrechen belangt zu werden, dann gehst du vll auch immer noch einen Schritt weiter.

      Rate mal, warum die Zahl an Kriminellen im Machtapparat so groß ist…

      1. Natürlich gibt es keine Strafverfolgung bei den Mächtigen, auch deshalb heißen sie so. Und wer die Furcht vor Strafe braucht um ein Ethos zu vorzutäuschen, hat auch dann keins. Ist wie bei jedem anderen Automaten, simuliert.

    2. Dann frage ich mal: Welches System ist davor gefeit dass es zu solchen Machtstrukturen kommt? Die ewig gleiche Antwort „das ist alles nur der Kapitalismus“ erscheint mir etwas zu simpel…

      1. „das ist alles nur der Kapitalismus“

        Nein, das ist der liberale (oder freiheitliche) Kapitalismus im fortgeschrittenen Stadium, wo das Kapital sich staatlicher Restriktionen und Kontrollen zunehmend entledigt und sich sogar die staatlichen Strukturen einverleibt um sie direkt für seine Interessen zu nutzen. Der Staat mit seinen Institutionen ist nur noch eine leere Hülle, die beliebig vom Kapital für seine Interessen gefüllt werden kann. Demokratie als Interessenvertretung des Volkes wird zu einem formalen und belanglosen Akt. Am weitesten fortgeschritten in dieser Hinsicht sind offensichtlich die USA.

        Der Kapitalismus in China etwa ist nicht frei (liberal), sondern wird von der KP kontrolliert und sogar in eine gewünschte Richtung gelenkt.

    3. Im Rahmen jeglicher Ausprägung des kapitalistischen Systems werden kriminelle und krankhafte Handlungen gefördert. Sie sind gerade konstituierend.

  6. Meine Frage ist nicht, weshalb es Zuhälter gibt, sondern wie ein Zuhälter ein derartiges Publikum mobilisieren konnte. Da hilft dieses Geschwätz nicht weiter.

  7. akademisches geschwafel…
    Um die Rolle, die Epstein gespielt hat, zu sehen, muss man nur die Augen öffnen und lesen. Dass es nicht um Sex geht, sondern business as usual, sollte jedem selbst denkenden Menschen schon seit einiger Zeit klar sein.
    Ein kleiner Blick hinter oder in die Kulissen ist dem Volk gewährt worden … warum auch immer
    Epstein war Geschäftsführer für irgendwelche Menschen, die wir nicht kennen, so wie Musk, Zuckerberg et oder manche der anderen Vorzeige-Milliardäre.
    Viel Blah blah, um das als Wahrheit zu erkennen und zu benennen, was sogenannte Verschwörungstheoretiker schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten sagen.
    Sicher gibt es etliche Menschen, die genau das benötigen, um zu wagen, das Undenkbare zu denken.
    Können denn ungebildete Menschen das überhaupt verstehen? Sie können es ja nicht in einen solchen Verständnis ermöglichenden, Kontext setzen …?

    1. Ich nenne es vor allem ein System der Rechtlosigkeit. Die Eliten ziehen im Wesentlichen ihre Macht daraus, dass sie nie für irgendwas zur Rechenschaft gezogen werden, nie Verantwortung für irgendwas übernehmen müssen.

  8. Also gehört Epstein zu unserer normalen Entwicklung.
    Aber was ist dann falsch gelaufen, dass es so viel Aufregung gibt und Epstein nicht mehr lebt?

    1. Nun zu „unserer“ sicher nicht. Jedenfalls nicht für all die von uns, die nicht auf seinen Partys und seiner Insel waren. Ich vermute, dass die wiederum kaum akzeptieren würden, dass es ein „wir“ gehen könnte, zu denen du und ich ebenso gehören wie sie selbst. Es sieht auch verdammt danach aus, dass die Partygäste das sehr zutreffend beurteilen.

  9. Warum tragen die Führungspersonen von heute keine Kravatten mehr und lassen sich von ihren Untergebenen gerne per Du anreden? Das findet sogar in die „Firmenphilosophien“ Eingang: kollegialer Umgang etc.? Auch bei Epstein: Kommt der nicht echt smart daher?

    Die Normalos sollen das Gefühl bekommen, man wäre mit denen im gleichen Sportverein.

    1. Auch im Sportverein gibt es eine Hierarchie. Anführer und Gefolgsleute. Inklusive Politik, Intrigen, Korruption usw. usf. 😉

      Dieses pseudokollegiale und -egalitäre Getue geht mir aber auch wie ihnen auf den Keks. Nein, der Chef ist nicht mein Freund. Schon allein wegen der unterschiedlichen Interessenlagen und dem Abhängigkeitsverhältnis nicht. Und dann Chefs, die aus allen Wolken fallen, wenn sie merken, daß wir keine Freunde sind. Es verschleiert die Machtverhältnisse, aber auch so mancher Chef versteht seine Position als Chef deswegen nicht wegen des egalitären Getues.

      1. Gerade in Kleinbetrieben ist dieser falsche Schein oft anzutreffen. Plötzlich pocht ein Angestellter auf seine Rechte: Da fällt eine Welt zusammen, da versteht der Chef die Welt nicht mehr: Wir waren doch Freunde, haben zusammen Bier getrunken,Weihnachten gefeiert…
        Diesen Vorteil des Kleinbetriebes wollen die Großbetriebe mit ihren Compliance guidelines auch ausnutzen. We are are all sitting in one boat!

  10. Pasolinis Film ist zweifellos beeindruckend. Ein Film, von dem gesagt wird, dass man ihn gesehen haben muss, den man aber kein zweites Mal sehen will. Für mich trifft das schon mal zu. Vielleicht ist er die Illustration des Unterganges, der letzten Station der Moderne. Eine Vision. Den tradierten Faschismus, zumindest den deutschen, erkenne ich aber nicht. Der war nicht von allen Regeln befreite Macht. War überhaupt Machtausübung je so reglementiert? Selbst für den Exzess gab es Verordnungen und Konferenzen. Wer als Jude galt, stand im Gesetz und in seinen Tagebüchern beklagt Göbbels mehr als einmal, dass es viel zu juristisch im Reich zuging. Sein Lebenswandel wurde von Hitler kritisiert und er in seine bürgerliche Ehe zurück befohlen. KZ-Kommandanten, die sich persönlich bereicherten, wurden diszipliniert. Eine Figur wie Epstein passt nicht ins Nazideutschland. Und ich meine nicht, weil er Jude war.
    Ich glaube, man kommt mit Faschismusanalogien einfach nicht mehr so weit, dass man die Gegenwart versteht. Jedenfalls nicht, wenn man den Begriff nicht einfach nur verwendet, um besonders Übles zu kennzeichnen.

  11. Ich hatte mir neulich den Pasolini-Film (Salo oder die 120 Tage von Sodom) mal wieder angesehen, da ich ihn zum Glück in einer hochwertigen BluRay-Edition des „British Film Institute“ besitze (drei BluRays inklusive Booklet). Das ist die derzeit bestmögliche Ausgabe (https://www.bfi.org.uk/sight-and-sound/features/i-want-formally-perfect-film-pier-paolo-pasolini-making-salo). In Deutschland ist der Film ungeschnitten nicht erhältlich.
    Der Film endet mit der brutalen Folterung und Ermordung der Jungs und Mädchen. Die faschistischen Herren beteiligen sich wahlweise an den Folterungen oder beobachten das Treiben mit einem Fernglas sitzend auf einem erhöhten Stuhl aus einem Haus. Ganz am Ende sieht man zwei der Jungs, die als Wachen abgestellt sind, wie sie eng umschlungen zusammen tanzen. Dies inszeniert Pasolini als eine Geste der Menschlichkeit und Zärtlichkeit als scharfen Kontrast zu dem Horror aus Erniedrigung und Mord, den er davor fast zwei Stunden gezeigt hat.
    Soweit man weiß, ist Epstein nicht ganz so weit gegangen, wie es Pasolini zeigt. Aber wer weiß schon, was da noch rauskommt bzw was da alles verschwiegen wird.
    Der Text von S. M. Flores ist interessant, erfordert aber mehrmaliges Lesen, um ihn wirklich zu verstehen, weil er auch viele Querverweise vornimmt.
    Das, was Pasolini bereits 1975 in unbestechlicher Klarheit gezeigt hat und was dann wohl auch zu seiner Ermordung geführt hat, wird quasi durch die Existenz eines Epstein im Nachhinein bestätigt.

    1. „was dann wohl auch zu seiner Ermordung geführt hat“

      Du meinst einer seiner vielen oft minderjährigen und aus sozialer Not zur Prostitution gezwungenen Bekanntschaften aus dem sog. „Lumpenproletariat“ Roms, war ein Auftragskiller?
      Why not.

    2. Dem kann man nur zustimmen.
      Etwas in dieser Richtung wollte ich gerade schreiben, aber trotzdem nicht vergessen, mit Anarchie hat das alles nichts zu tun.

  12. Klasse Artikel! Selten so prägnante Formulierungen gelesen. Da kann man eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Espstein hat das System bzw. die Verkommenheit der Macht offengelegt. Doch es gibt jemanden, ohne den das nicht funktioniert. Das sehen wir jetzt wieder, wo die USA über 170 Kinder einer Mädchenschule ermordet haben: die sogenannte „Justiz“. Der gesamte Staatsapparat ist darauf ausgelegt. Hat in der Causa Epstein schon jemand davon gehört, dass jemand seinen Bademantel bereit halten musste, weil er früh morgens Besuch von gewissen Leuten bekommen hat, wie das bei Kritik an Machthabern heute üblich geworden ist?

    Die Menschen müssen aufwachen und dürfen sich nicht davon blenden lassen, wenn die Elite mal wieder erklärt, dass das Recht nicht für sie gemacht sei, sondern nur für das einfache Volk. Politiker und Eliten müssen in den Knast wandern, wenn sie Verbrechen begehen.

  13. Verfügbarkeitsterror der alles verdinglicht, alles und jeden zur Sache macht, über die jederzeit Verfügbarkeit herrschen muss und die nach Gebrauch verklappt werden kann.
    Natürlich, wenn das Sexuelle, dazu noch pädophile Praktiken im Zentrum stehen, dann herrscht große Aufmerksamkeit. Merkt denn niemand, dass beispielsweise auch die losgetretene Arbeitszeitdebatte nichts anderes meint, als Entgrenzung der Verfügbarkeit. Nur eben nicht in einem sexuellen Kontext – von den Ausformungen einer Wehrpflicht samt „Bussifizierung“ ganz zu schweigen.

    1. „Merkt denn niemand, dass beispielsweise auch die losgetretene Arbeitszeitdebatte nichts anderes meint, als Entgrenzung der Verfügbarkeit.“

      Genau diese von der politischen Macht eingeforderte „Entgrenzung der Verfügbarkeit“ in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen ist unser aller Problem jedenfalls das der meisten Bürgerinnen und Bürger, als die wir uns ja in diesem Staat verstehen.

      Epstein wird ja öffentlich immer als Sexualstraftäter benannt – tatsächlich war das „System Epstein“ natürlich viel weiter gefasst und war längst nicht nur auf den sexuellen Kontext begrenzt.

  14. ,“Die zeitgenössische Macht beruht nicht auf dem Gesetz, sondern auf der Normalisierung seiner permanenten Aussetzung, was uns zwingt, die Logik in Frage zu stellen, die Menschen zu Statistiken, Geschichte zu Wiederholungen und Skandale zu Unterhaltung und politischen Instrumenten macht.“

    Nicht nur Zwang die Logik in Frage zu stellen
    sondern auch
    Zwang diese Logik zu durchbrechen.
    Und was ist wenn diese Logik doch auf den Gesetz beruht.
    Die meisten Menschen dies aber nicht begreifen fehlinformiert sind und man es ihnen nicht auf die Nase bindet.
    ?

    Wenn man Literatur und Film zur Rate zieht um das Epsteinphänomen zu beleuchten
    kommt man nicht an Nabakovs – Lolita –
    vorbei oder – Eyes wide shut – von Kubrick.

    Ich behaupte mal in jeden Bundesland finden epsteinartige clandestine Treffen staat.
    Um so schlechter es den meisten Menschen in Deutschland geht um so intensiver werden diese Treffen.

    1. „Wenn man Literatur und Film zur Rate zieht um das Epsteinphänomen zu beleuchten kommt man nicht an Nabakovs – Lolita – vorbei oder – Eyes wide shut – von Kubrick.“

      Absolut. Besonders „Eyes Wide Shut“ (das ja auf „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler basiert) war in dieser Hinsicht visionär. Kubrick zeigt eine Orgiengesellschaft der New Yorker Oberschicht, die sich mit jungen Mädchen und Prostituierten auf einem abgeschotteten Landsitz bei einer Art Maskenball „vergnügt“ und dabei nicht vor Mord zurückschreckt.
      Mich hat dieser Film bereits bei seinem Erscheinen 1999 fasziniert und beschäftigt.

  15. Die Vergleiche hinken nicht einmal, da wird nicht Birne mit Apfel, sondern Wasser mit Erde gleichgesetzt. Epstein hat nicht das Geringste mit deSade oder Pasolini-Monstrositäten zu tun. Das war nicht mehr als eine Call-Girl-Agentur für obszön Reiche. Was noch nicht einmal die zentrale Funktion des Epstein’schen Unternehmens war. Vielmehr gings um Verwebung der herrschenden Klasse, politische Manipulation, Vorteilserlangung jeder Art. Die sexuelle Seite ein blosser Nebenaspekt, der nun hochgejubelt wird, damit alles andere im Nebel verschwindet.

    „Der Körper ist nicht mehr Ort der Bedeutung, sondern wird zur Ressource. Das Opfer ist nicht mehr Subjekt, sondern Funktion.“ An dieser Aussage ist nicht ihr Hauptgehalt falsch, sondern bloss die Behauptung, da habe sich etwas geändert. Was doch reichlich lächerlich anmutet, denkt man an Sklavengesellschaften vom Altertum bis in die Neuzeit. Hier wird ein analytisches Resultat behauptet, dass es nicht gibt. Menschen haben andere Menschen seit Jahrtausenden objektiviert und tun es weiterhin und werden es auch weiterhin tun. Zur Erklärung der Epstein-Saga trägt diese banale Feststellung allerdings nicht das Geringste bei.

  16. Die Kontextualisierung zu de Sade und Pasolini ermöglicht einen Diskurs jenseits der von der Medienöffentlichkeit insinuierten moralisierenden Dauerempörung. Es ist ein Versuch die kulturgeschichtliche Dimension eines hier offen zu Tage getretenen unsere Gesellschaften konstituierenden Gewaltmechanismus‘ aufzuzeigen.
    Einer solchen Herangehensweise zu folgen, setzt natürlich ein gewisses Interesse voraus, diese Entwicklung begreifen zu wollen und die Einsicht, sich nicht einfach außerhalb dieser zu postieren, um mehr oder weniger zutreffende aber nur oberflächliche und letztlich private Beurteilungen abzugeben.

  17. Jeffrey Epstein wollte ja einen Jimmy Savile-Gedenkpreis stiften.
    Besonders Prinz Andrew und Ehud Barak sollen von der Idee sehr angetan gewesen sein.
    Aber dazu kam es dann eben nicht mehr.
    Aber man soll nie nie sagen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert