Epstein oder die Anarchie der Macht

Jeffrey Epstein als Pate.
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Die Genealogie eines Regimes ohne Moral.

Der Ausbruch des Epstein-Falls stellt keine Anomalie innerhalb der gegenwärtigen politischen Ordnung dar, sondern legt diese Ordnung in ihrer krassesten Form offen. Ihn als pathologische Abweichung zu betrachten – als „Monster“, das an den moralischen Rändern des Systems herumschleicht – ist eine tröstliche Geste, die genau die Strukturen schützt, die ihn ermöglicht haben. Empörung, die sich auf die Verurteilung einzelner Personen beschränkt, erfüllt eine ideologische Funktion: Sie bewahrt die Fiktion, dass die Ordnung im Grunde genommen intakt ist und dass die Entfernung einer einzelnen anomalen Figur die Normalität wiederherstellen wird. Aus anthropologischer und politisch-philosophischer Sicht erscheint Epstein jedoch nicht als Abweichung, sondern als liminale Figur: Er verkörpert nicht die Korruption der Macht, sondern ihre tatsächliche Gestalt.

Von der individuellen Psychologie zum System

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wir haben es nicht mit einem tugendhaften System zu tun, das von Anomalien unterwandert ist, sondern mit einer Rationalität, die diese Mechanismen hervorbringt, erfordert und reproduziert. Epstein war kein marginaler Exzess, sondern die Sprache einer Ordnung, die keine klaren Grenzen mehr zwischen Legalität und Illegalität, Norm und Ausnahme, Institution und Verbrechen erkennt. Sein Netzwerk aus privaten Inseln, philanthropischen Stiftungen, geheimen Flügen, undurchsichtigen gerichtlichen Vergleichen und strategischem Schweigen sollte nicht als eine Reihe von Abweichungen gelesen werden, sondern als strukturelles Tableau. Nicht als „Fall”, sondern als Inszenierung dessen, was Pier Paolo Pasolini in Anlehnung an Sade als Anarchie der Macht bezeichnet hat (Pasolini, 1975).

Epstein als Szene zu begreifen bedeutet, den Blickwinkel von der individuellen Psychologie auf das System zu verlagern, das ihn stützt. Die Szene dreht sich nicht um ein Subjekt, sondern um eine Konstellation von Praktiken, Diskursen, Institutionen und Schweigen. In diesem Sinne ist Epstein nicht nur eine moralische Abweichung, sondern ein Akteur innerhalb einer Rationalität, die nicht mehr von transzendenten Zielen oder universellen Werten geleitet wird, sondern von der schieren Ausweitung ihrer Herrschaftsfähigkeit. Macht bedarf keiner Rechtfertigung mehr: Sie reproduziert sich ungestraft und positioniert sich jenseits von Gut und Böse.

Riccardo Finozzi hat gezeigt, dass sowohl in Sades Die 120 Tage von Sodom als auch in Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom Macht nicht als stabile Struktur erscheint, sondern als lebendiges Paradoxon: Sie hängt von genau den Institutionen ab, die sie gleichzeitig zerstört, und nährt sich von den Werten, die sie zu vertreten vorgibt (Finozzi, 2016). Es gibt keine „Ordnung“, die korrumpiert wird; es gibt eine Kraft, die gerade durch die Aufhebung aller gängigen Normen verwirklicht wird.

Sades Libertine – und Pasolinis faschistische Hierarchen – kommen nicht von außerhalb des Systems. Sie sind Adlige, Richter, Bischöfe, Bürokraten: Träger der Sprache des Gesetzes. Doch ihre Lust entsteht gerade dadurch, dass sie diese Sprache außer Kraft setzen. Macht ist nicht deshalb „anarchisch“, weil ihr Organisation fehlt, sondern weil sie alle Verbindungen zur gemeinsamen Rationalität gekappt hat. Sie beugt sich nicht historischen Zielen oder ethischen Narrativen, sondern agiert als reine Willkür, legitimiert allein durch ihre Fähigkeit, sich durchzusetzen.

Die Reduzierung anderer auf bloße Materie

Epstein verkörpert dieselbe Logik. Seine Nähe zu Präsidenten, Prinzen, Bankiers, Wissenschaftlern und Technologiemagnaten war keine Infiltration eines gesunden Systems, sondern dessen eigentliche Funktionsweise. Wie Foucault gezeigt hat, funktioniert Macht nicht in erster Linie als Unterdrückung, sondern als produktives Beziehungsgeflecht (Foucault, 1976). Epstein war kein externer Parasit, sondern ein privilegierter Knotenpunkt innerhalb dieses Netzwerks.

Die Anarchie der Macht agiert nicht im Verborgenen: Sie präsentiert sich unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitsstiftungen, philanthropischer Rhetorik, Projekten mit „sozialer Wirkung” und Innovationsversprechen. Wie Hannah Arendt warnte, braucht das moderne Böse keine Monster; es kann als Verfahren verwaltet werden (Arendt, 1963). Die Gewalt, die diese Ordnung durchdringt, ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern die notwendige Kehrseite ihres Anspruchs auf Universalität.

Bei Sade ist die Vernunft der Aufklärung untrennbar mit ihrem Gegenteil verbunden: der Reduzierung anderer auf bloße Materie (Sade, 1785/1966). Bei Pasolini wird diese Logik auf das Herzstück der Spätmoderne übertragen: Der Körper ist nicht mehr Ort der Bedeutung, sondern wird zur Ressource. Das Opfer ist nicht mehr Subjekt, sondern Funktion.

Finozzi betont, wie Körper durch die unendliche Wiederholung gewalttätiger Szenen jede Einzigartigkeit verlieren und zu Figuren innerhalb einer Ökonomie des Exzesses werden (Finozzi, 2016). Diese Entpersonalisierung ist kein Nebeneffekt, sondern liegt im Kern der Struktur. Wie in Salò wurden die von Epstein ausgebeuteten jungen Frauen in eine Ökonomie der Geheimhaltung, des Vergnügens und des Austauschs hineingezogen. Ihre Namen lösen sich auf, ihre Biografien fragmentieren sich, ihr Leben reduziert sich auf Flugunterlagen und Gerichtsakten.

Rückzug zur eigenen Leere

Alessia Ricciardi hat gezeigt, dass Pasolini einen biopolitischen Horizont vorwegnimmt, in dem Körper zu Objekten der Verwaltung und des Konsums werden (Ricciardi, 2003). Was bei Sade eine Ausnahme war – ein Schloss, in dem das Gesetz außer Kraft gesetzt ist –, wird bei Pasolini zur Regel. Gewalt ist nicht mehr Transgression, sondern wird zum System. Epstein brauchte keinen isolierten Raum; seine Bühne war die globalisierte Welt, in der der Verkehr von Kapital, Informationen und Körpern unter dem Deckmantel der Freiheit normalisiert ist (Bauman, 2000).

Epsteins Insel ist nicht mehr ein geografischer Ort, sondern eine Form der sozialen Beziehung. Es ist der symbolische Raum, in dem das Gesetz ohne Erklärung außer Kraft gesetzt wird, in dem die Ausnahme in das tägliche Funktionieren des Systems eingewoben ist. Wie Agamben suggeriert, ist der implizite Ausnahmezustand zu einem Paradigma der Regierungsführung geworden (Agamben, 2005).

Innerhalb dieser Sphäre erfüllt der Skandal eine paradoxe Funktion. Pasolini argumentierte, dass es ein Vergnügen sei, empört zu sein, weil es eine abstoßende Nähe zu dem ermöglicht, was wir ablehnen. Doch wenn der Skandal zu einer Medienware und einem oligarchischen Werkzeug wird, verliert er seine kritische Schärfe. Der Fall Epstein wurde in die Logik des Spektakels aufgenommen: Serien, Dokumentationen, Schlagzeilen. Wie in Salò wird der Horror zu einer Wiederholung ohne Erinnerung.

Robert Lauer hat festgestellt, dass Salò nicht nur den historischen Faschismus thematisiert, sondern auch die Endphase der Moderne, die sich auf ihre eigene Leere zurückzieht (Lauer, 2002). Epstein erscheint somit als postmoderne Figur: ohne explizite Ideologie, aber in voller Übereinstimmung mit der instrumentellen Rationalität, die die heutige Welt beherrscht (Horkheimer & Adorno, 1947/2002).

Epstein: Gesicht einer Normalität, die jedes Maß verloren hat

Die Anarchie der Macht bedeutet nicht Chaos, sondern Hyperorganisation ohne ethische Grundlage. Bei Sade erzeugt absolute Überschreitung Frustration: Kein Exzess reicht aus. Diese Frustration treibt unendliche Gewalt an. In ähnlicher Weise kann das System, das Epsteins Operationen ermöglichte, nicht innehalten: Es muss seine eigene Dynamik unendlich reproduzieren.

Aus anthropologischer Sicht erleben wir eine tiefgreifende Veränderung: vom Körper als Träger von Bedeutung zum Körper als funktionalem Restprodukt. Pasolini sprach von einem „kulturellen Völkermord” durch den Konsumismus, der Lebensformen ohne sichtbare Gewalt zerstört (Pasolini, 1975). Der Fall Epstein stellt die extreme Phase dieses Prozesses dar: wenn menschliches Leben nicht einmal mehr einen symbolischen Wert hat.

Den Fall Epstein durch Sade und Pasolini zu denken, ist weniger eine literarische Analogie als eine kritische Verpflichtung: Es zwingt uns zu der Erkenntnis, dass Gewalt nicht von außen eindringt, sondern aus dem Zentrum des Systems selbst. Die zeitgenössische Macht beruht nicht auf dem Gesetz, sondern auf der Normalisierung seiner permanenten Aussetzung, was uns zwingt, die Logik in Frage zu stellen, die Menschen zu Statistiken, Geschichte zu Wiederholungen und Skandale zu Unterhaltung und politischen Instrumenten macht.

Epstein ist, wie Sades Libertine oder die Hierarchen von Salò, kein außergewöhnliches Monster. Er ist das sichtbare Gesicht einer Normalität, die jedes Maß verloren hat. In ihm verdichtet sich die beunruhigendste Wahrheit unserer Zeit: Die Anarchie der Macht ist keine Abweichung von der Ordnung, sondern ihr konstitutives Prinzip.

Dieser Artikel wurde erstmals im englischen Original im Postil Magazine veröffentlicht.

Santiago Mondejar Flores

Santiago Mondejar Flores ist Berater, Dozent und Kolumnist für Geopolitik und internationale politische Ökonomie.
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13 Kommentare

  1. Titel verfehlt
    Mit Anarchie hat das alles nichts zu tun.
    Im Gegenteil, ist der Anarchismus von hohen ethischen Werten beseelt.
    Keine Herren
    Keine Sklaven

    1. Ich frage mich oft, wie bewußt und beabsichtigt die Verwendung des Begriffs „Anarchie“ ist, wo eigentlich „Anomie“, Regellosigkeit stehen sollte.

    2. Der Anarchismus, ja. Die Anarchie, nein. Das eine stellt den Idealzustand der Unnötigkeit von Machtausübung dar, das andere die blanke Abwesenheit von Macht und jeglicher Art von Ordnung. Anarchismus und Anarchie gleichzusetzen ist entweder ein Fehler oder absichtliche Verleumdung des Anarchismus.

      1. …das andere die blanke Abwesenheit von Macht und jeglicher Art von Ordnung.

        Eben nicht die Abwesenheit von Macht, sondern ihre Anwendung jenseits aller Regeln und Ordnung. Macht ist im übrigen nie ‚abwesend‘, auch nicht in einem Zustand der Herrschaftslosigkeit.

    3. Danke, mir ging gerade ähnliches durch den Kopf. Aber der Begriff Anarchie wurde schon immer missbraucht. Denn für jeden Herrschenden ist Anarchie das Böse in sich. Da es keine Herrscher braucht.

      Lieber Gruss

  2. Wie ein Forist an anderer Stelle bereits schrieb:
    „Epstein ist der spirituelle Führer der USA“
    Besser kann man es kaum ausdrücken.

    Er ist keine Abweichung, sondern er ist der (a)moralische Kern des westlichen „Wertesystems.“

  3. Die Herrschenden halten sich doch tatsächlich nicht an die von ihnen in die Welt gesetzte, und ausschließlich an die Beherrschten adressierte Moral. Eiderdaus, wo und wann war das denn je anders. Und der Riesenskandal soll nun der Umstand „Epstein“ sein, wo „keine klaren Grenzen mehr zwischen Legalität und Illegalität, Norm und Ausnahme, Institution und Verbrechen erkannt“ werden können, und so die Gute Herrschaft unterminiert.
    Wie wärs denn zu Abwechslung mal mit keiner bürgerlichen Sorge, nämlich mit einer praktischen Anarchie der Beherrschten, anstatt eine Klage über die „Anarchie der Macht“.

  4. Seit wann hätten Herrscher und das Volk gleiche Werte? Der Ansatz, normal-menschliche Wertmaßstäbe an diese sog. Eliten anzulegen ist naiv.
    Ihre Moral – unsere Moral, es ist so einfach. Der Sklave, der seinem Herrn davonläuft, ist aus dessen Sicht böse, der ihm half, wird aufgeknöpft. Aber aus Sicht des Geflohenen war er ein Gerechter unter den Menschen.

  5. „Wir haben es nicht mit einem tugendhaften System zu tun, das von Anomalien unterwandert ist, sondern mit einer Rationalität, die diese Mechanismen hervorbringt, erfordert und reproduziert. … als Inszenierung dessen, was Pier Paolo Pasolini in Anlehnung an Sade als Anarchie der Macht bezeichnet hat“

    Warum nennt der Autor die Ursache des Übels nicht beim Namen? Es ist der liberale Kapitalismus im fortgeschrittenem Stadium, wo die Gesellschaft es zulässt oder sogar begrüßt, dass die Macht vom Reichtum bestimmt wird. Und wenn es keine gesellschaftliche Kontrolle über den Reichtum gibt, dann können die Reichen in ihrer Macht natürlich alle moralischen Hemmnisse fallen lassen.

  6. Meine Frage ist nicht, weshalb es Zuhälter gibt, sondern wie ein Zuhälter ein derartiges Publikum mobilisieren konnte. Da hilft dieses Geschwätz nicht weiter.

  7. akademisches geschwafel…
    Um die Rolle, die Epstein gespielt hat, zu sehen, muss man nur die Augen öffnen und lesen. Dass es nicht um Sex geht, sondern business as usual, sollte jedem selbst denkenden Menschen schon seit einiger Zeit klar sein.
    Ein kleiner Blick hinter oder in die Kulissen ist dem Volk gewährt worden … warum auch immer
    Epstein war Geschäftsführer für irgendwelche Menschen, die wir nicht kennen, so wie Musk, Zuckerberg et oder manche der anderen Vorzeige-Milliardäre.
    Viel Blah blah, um das als Wahrheit zu erkennen und zu benennen, was sogenannte Verschwörungstheoretiker schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten sagen.
    Sicher gibt es etliche Menschen, die genau das benötigen, um zu wagen, das Undenkbare zu denken.
    Können denn ungebildete Menschen das überhaupt verstehen? Sie können es ja nicht in einen solchen Verständnis ermöglichenden, Kontext setzen …?

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