Ein längst überfälliger Neuanfang

Böhmermann von hinten, KI-generiert
Quelle: Dieses Bild wurde mittels ChatGPT entwickelt.

Nach 187 Ausgaben endet das ZDF Magazin Royale in seiner bisherigen Form. Vielleicht kommt der Neuanfang gerade recht: Denn Böhmermanns Satire wurde dort schwach, wo Haltung, Recherche und Wirklichkeit nicht mehr sauber auseinanderzuhalten waren.

Eine Sache kann Jan Böhmermann ziemlich gut: Leute finden, die etwas können, sie zusammenbringen und ihren Ideen eine große Bühne verschaffen.

„Do They Know It’s Europe“, ein Songprojekt, das Böhmermann 2019 kurz vor der Europawahl initiierte, ist dafür ein gutes Beispiel. Comedyshows aus verschiedenen europäischen Ländern machten mit. Das Ergebnis funktionierte vor allem dort, wo die Beteiligten ihre eigenen Länder durch den Kakao zogen: die Briten ihren Niedergang vom Empire zur Gegenwart, die Franzosen ihr Verhältnis zu den Deutschen, die Niederländer ihre Rolle als gefühlter Zahlmeister Europas und die Armenier ihre Sehnsucht, überhaupt dazuzugehören. Die guten Pointen kamen gerade aus den unterschiedlichen nationalen Perspektiven.

Am 18. Dezember soll nun nach 187 Ausgaben das „ZDF Magazin Royale“ in seiner bisherigen Form enden. Für die Sendung kommt das Ende eher spät. Denn ihr Problem liegt dort, wo sie ihren besonderen Ehrgeiz entwickelt hat: in der Verbindung von Satire und eigener investigativer Recherche.

Arne Schönbohm: Opfer der Hauruck-Satire

Natürlich kann Satire politische Debatten wunderbar zuspitzen. Als Böhmermann deutsche Influencer in Dubai kritisierte und die Frage aufkam, wo denn der Haken daran sei, kommentierte er lakonisch: Geld zu nehmen, um in einem Land zu leben, das von einem Scheich regiert wird, der seine eigene Tochter entführen lässt – wo soll da der Haken sein?

Die Zuspitzung funktioniert. Weil sie einen Sachverhalt beschreibt, der bereits steht.

Schwieriger wird es, wenn die eigene Recherche erst die Grundlage der Geschichte liefert. Dann wird aus der satirischen Vereinfachung schnell eine journalistische. Komplexe Vorgänge werden ad personam kleingewurschtelt. Zwischentöne unerwünscht.

Arne Schönbohm ist natürlich das krasseste Beispiel für die Hauruck-Satire des Magazins. Die Redaktion stieß auf durchaus fragwürdige Russland-Verbindungen im Umfeld des von ihm mitgegründeten Cyber-Sicherheitsrat Deutschland. In der Sendung konzentrierte sich die Geschichte jedoch auf den damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Schönbohm verlor seinen Posten; später untersagten Gerichte mehrere Äußerungen des ZDF über ihn. Das ZDF stellte schließlich selbst klar, Schönbohm habe keinen bewussten Kontakt zu russischen Nachrichtendiensten gehabt.

Für Schönbohm kamen diese Klarstellungen spät. Seinen Posten hatte er längst verloren.

Ähnlich bei Fynn Kliemann. Er hatte Masken falsch deklariert. Doch die Redaktion machte daraus etwas Größeres. Der vermeintliche Weltverbesserer und Idealist verdiente Geld mit seinen Geschäften. Als Persona passte das nicht zusammen. Der Betrugsverdacht, der die Affäre zunächst begleitete, hätte sich nach späterer Einschätzung der Staatsanwaltschaft vor Gericht wohl nicht halten lassen; das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage eingestellt. Kliemanns Image als linker Weltverbesserer war da längst schwer beschädigt.

Ist Zuspitzung Haltung, die wichtige Denkprozesse anregt?

Und dann noch dieser absurde Sachsenwald.

Mit Hilfe von FragDenStaat fand die Redaktion etwas Bemerkenswertes: Unternehmen, die in einer Waldhütte gemeldet waren, einen ungewöhnlich niedrigen Gewerbesteuerhebesatz und eine aus der Zeit gefallene Konstruktion eines gemeindefreien Forstgutsbezirks.

Gutsvorsteher: Gregor Graf von Bismarck. Das Narrativ lag auf der Hand: Adel und Steuervermeidung. Fast so, als habe der deutsche Adel seine Feudalrechte irgendwie in die Gegenwart hinübergerettet. Nüchtern betrachtet war die Geschichte allerdings etwas weniger dick.

Das Innenministerium erklärte den Hebesatz später für rechtlich zulässig und die Steuererhebung nach seinen Erkenntnissen für ordnungsgemäß.

Und die Frage bleibt: Ist Zuspitzung Haltung, die wichtige Denkprozesse anregt? Oder setzt sich Haltung irgendwann über den Diskurs hinweg?

Die Frage taucht auch dort auf, wo Böhmermann gar nicht selbst recherchiert. 2021 diskutierte er mit Markus Lanz über dessen Umgang mit Wissenschaftlern während der Pandemie. Böhmermann warf Lanz vor, mit Gästen wie Hendrik Streeck oder Alexander Kekulé „False Balance“ zu erzeugen.

Lanz fragte zurück, wer Journalisten eigentlich seien, sich anzumaßen, zu beurteilen, ob jemand wie Streeck „etwas draufhat oder nicht“.

Und man fragte sich tatsächlich, was Böhmermann eigentlich dazu legitimiert, die fachliche Qualität eines Professors zu beurteilen. Auch bei einem seiner Lieblingsgegner, Richard David Precht, verschiebt sich die Auseinandersetzung ähnlich schnell von Sachargumenten auf die Person: sein Auftreten, seine Eitelkeit, seine Selbstinszenierung.

Unter dem Strich: Sind es am Ende Streecks konservativer Look oder Prechts berufsjugendliche lange Haare, die uns triggern?

Auf dem E-Scooter

Werden Menschen am Ende zu wenig mehr als Schablonen einer ziemlich monozentrischen Weltsicht mit dem Epizentrum Köln-Ehrenfeld? Manchmal hat man den Eindruck.

In diesem Jahr bekam die Vulkaneifel einen Auftritt im Böhmermann-Kosmos. „ZDF Magazin Royale präsentiert: ZMR vor Ort“ meldete seismische Aktivitäten. Böhmermann selbst trat in dieser Ausgabe gar nicht auf; sie wurde von Leuten aus seinem Team gemacht.

Die Vulkaneifel wurde zur Provinzkulisse. Eine vermeintliche Vulkaneiflerin wurde als rückständige Provinzfigur gezeichnet. Darin steckt ein vertrauter Blick auf Deutschland: Hier diejenigen, die über die Provinz erzählen, dort diejenigen, die in ihr leben. Die einen verbringen dort gerne ihre Wochenenden. Die anderen liefern als Einheimische das Material für die Pointe.

Dabei hatte Böhmermann 2025 selbst versucht, diese Distanz zu überwinden.

„Auf, auf, in die Wirklichkeit“, kündigte er an und fuhr mit dem E-Scooter mehr als 600 Kilometer von Köln nach Chemnitz.

Der „Süddeutsche“-Reporter Bernhard Heckler begleitete ihn auf der rund hundert Kilometer langen Etappe von Erfurt nach Gera. Eigentlich sollte dafür ein zweiter E-Scooter bereitstehen. Der war jedoch defekt, sodass Heckler zunächst auf einem normalen Fahrrad hinter Böhmermann herfahren musste. Der wiederum spottete über die Fitness des Reporters – auch in mehreren Instagram-Live-Videos. Pikantes Detail: Böhmermann selbst hatte auf seiner Reise zu diesem Zeitpunkt bereits zwei E-Scooter verschlissen.

Interessanter ist aber Hecklers grundsätzliche Beobachtung. Böhmermann wolle durchaus mit Menschen ins Gespräch kommen. Nur fahre er ihnen auf seinem E-Scooter häufig davon und müsse zugleich den engen Zeitplan der Produktion einhalten. Das mache, schreibt Heckler, „gelegentliche Berührungen mit der Wirklichkeit zusätzlich schwer“.

Schroeder übernimmt

Böhmermann zog aus seiner Reise dagegen eine andere Beobachtung: Menschen, die sich im Internet sehr laut äußerten, hätten ihm im wirklichen Leben oft erstaunlich wenig zu sagen gehabt. Man sehe dort Menschen und keine Avatare.

Aber ist das wirklich so? Oder hat sich Böhmermann vielleicht gar nicht ausreichend bemüht, auf Leute zuzugehen, die seine Meinung nicht teilen, und das Land so kennenzulernen, wie es ist?

Genau das wäre ja eigentlich der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: nicht Menschen zu Avataren gesellschaftlicher Milieus zu machen, sondern die Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit abzubilden.

Vielleicht kommt das Ende des „ZDF Magazin Royale“ deshalb gerade zur rechten Zeit.

Nun hat das ZDF eine neue Satiresendung mit Florian Schroeder angekündigt. „Journal Deluxe“ soll, so Schroeder, eine „liberalere“ Satire ohne Scheuklappen bieten und neue Stimmen zu Wort kommen lassen.

Hat man in Mainz vielleicht bemerkt, dass Satire mehr sein kann als die Bestätigung des eigenen Milieus?

Man kann es nur hoffen. Dem aktuellen Zustand der politischen Debatte würde es guttun.

David Fleschen

David Fleschen, geb. 1982, lebt in Wuppertal. Er studierte European Studies in Maastricht, Salamanca, Magdeburg und St. Petersburg und beschäftigt sich mit gesellschaftlichem Wandel, Medien und Europa. Seit rund zwanzig Jahren veröffentlicht er journalistische Beiträge in regionalen, überregionalen und internationalen Medien. Seine Texte verbinden persönliche Beobachtung mit historischem Bewusstsein und einer europäischen Perspektive.
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7 Kommentare

  1. Dafür dann dieser unsäglich schnöselige Florian Schröder, der in der Corona-Hysterie reichlich mit gehetzt hat und auch sonst….
    Ein Dieter Nuhr fürs ZDF.

  2. Jan Böhmermann:
    Wer auf einem E-Roller – ich nenne sie Trottel-Stick, gerne gefahren von Menschen in Schlafanzughosen, Umhänge-Beutel (aka. „Hip-Bag“ falsch angewendet, bestückt mit Fon, Labello und dem goldenem Kondom) und Badelatschen –; wer mit sowas durch D fährt, macht keine Satire, sondern ist ein Fleisch gewordener Selbstwitz. Böhmi kenne ich eigentlich nur in Kochschürze an der Peripherie meiner Wahrnehmung, kurz vor dem Wegzappen.

    Florian Schroeder:
    Den mag ich eigentlich, zwar lange nicht alles, was er so macht, aber das ist mehr als ok. Er ist immer dann gut, wenn es kompliziert wird. Doch befürchte ich, dass er sich für eine Zukunft in Kochshows (der Zenit deutschen Entertainments) vorwattiert selbst andünsten lässt. Wie immer gilt, wenn ich mich irre, ist alles gut.

    1. @El-G Mit „Badelatschen“? Ich habe schon E-Roller-Fahrer gesehen, die mit 20 km/h unterwegs waren und das ohne Latschen und ohne Schuhe = barfuß. Ich habe auch schon eine Motorradfahrerin auf einer 1600er BMW gesehen, die als Sozia mit Helm, aber im Bikini unterwegs war. Das ist weder in Deutschland noch in Österreich verboten. Mit Vernunft und Verstand hat das sicherlich nichts zu tun.

      Was Florian Schroeder angeht: Der hat die Corona-Maßnahmen-kritische Kabarettistin Lisa Fitz vor ein paar Jahren ins offene Messer laufen lassen. Das ist meiner Meinung nach ein Blender und Opportunist. In Sachen Opportunismus unterscheidet ihn nichts von Herrn Böhmermann.

      In einem aktuellen Video bezeichnet Herr Schroeder Teile Ostdeutschlands als „Jammer-Ossis“. Ich bin weder AfD-Wähler noch AfD-Sympathisant und kritisiere die AfD heftig und zwar dort, wo man sie kritisieren muss: wirtschafts- und sozialpolitisch.

      Aber es ist diese „wertewestliche“ und bürgerlich-neoliberale Ignoranz, Arroganz und Dekadenz, die dazu führt, dass Bürger in der ehemaligen DDR die AfD wählen. Herr Schroeder ist ein oberflächlicher „Besserwisser-Wessi“. Er kritisiert nicht die sozialen, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Missstände. Er macht sich über die Leute lustig, die das kritisieren und eine andere Politik wollen. Das ist ein Vertreter des Establishments.

  3. Herr Böhmermann ist sicherlich nicht dumm. Ich halte ihn sogar für ziemlich clever, eloquent ist er zweifelsohne. Aber was er nicht ist: Er ist kein Satiriker im Sinne eines Kurt Tucholsky oder eines Georg Schramm.

    Die Frage bei Tucholsky ist immer: Was darf Satire? Die Frage verkürzt. Die Frage muss lauten: Was muss Satire und die Antwort lautet:

    Satire muss politische, soziale, ökonomische und gesellschaftliche Missstände anprangern, bestehende Zustände kritisch hinterfragen, komplexe Themen auf verständliche Weise vermitteln, zum Nachdenken anregen, die Menschen aufklären und Perspektiven aufzeigen. Das alles mit den Mitteln der Ironie, der Parodie, der Überzeichnung, der Übertreibung, der Untertreibung usw.

    Die Stilmittel beherrscht Herr Böhmermann perfekt. Aber sein Ziel ist ein anderes als das Ziel der Satire. Sein Ziel besteht darin, durch extreme verbale Provokation mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen und damit auf Kosten der öffentlich-rechtlichen Gebührenzahler Multimillionär 💰 zu werden. Dass man damit viel Geld verdienen kann, das hat Herr Böhmermann schon früh erkannt und deshalb wurde er vom ZETT-DE-EFF zum pseudo-satirischen „Royalisten“ gemacht. König Böhmermann kann weg. Der nächste König kommt. Am neoliberalen Feudalismus ändert sich nichts.

    Mit meiner Analyse liege ich sicherlich nicht so falsch, Herrn Böhmermann?

  4. Ob Schröder oder Böhmermann,,wie lautet der Werbespruch des ZDF’s?
    Richtig: „Auf dem Zweiten wird man blind“
    Gammelshows, Wiederholungen in Dauerschleife, Fake News, alles für eine horrende Zwangsgebühr an die Gangster-Einzugs-Zentrale GEZ.

  5. Hunderte Mitarbeiter der Produktionsfirma sitzen pünktlich zum Jahreswechsel auf der Straße, weil Böhmermann einfach mal was neues machen will.

    Was er wohl in seiner Sendung über eine Firma gesagt hätte, die sich mit „das waren doch befristete Verträge, die einfach nicht verlängert werden“ verteidigt?

    Der Böhmermann ist schon ein ganz besonderes Herzchen.

  6. Hunderte Mitarbeiter der Produktionsfirma sitzen pünktlich zum Jahreswechsel auf der Straße, weil Böhmermann einfach mal was neues machen will.

    Was er wohl in seiner Sendung über eine Firma gesagt hätte, die sich mit „das waren doch befristete Verträge, die einfach nicht verlängert werden“ verteidigt?

    Der Böhmermann ist schon ein ganz besonderes Herzchen.

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