
Die vierte Staffel der Netflix-Serie Monster befasst sich erstmals mit einer Serienmörderin. Prompt erfährt der Zuschauer, dass Frauen offenbar immer aus Notwehr töten.
Längst sind Serienmörder in den Vereinigten Staaten zu national treasures geworden, zu nationalen Schätzen, die man hegt und pflegt. Sie gelten als Teil der amerikanischen Geschichte, vielleicht könnte man sogar sagen, dass sie ein Stück US-Identität verkörpern. Die Popkultur würdigt sie regelmäßig, ganze Serien leben vom Sensationalismus und vom Schauder, den diese Kreaturen verbreiten. Monster: So nennt man diese Menschenjäger auch. Eine gleichnamige Netflix-Serie befasste sich bislang mit männlichen Exponenten dieser Gattung. Mit Jeffrey Dahmer, den Menendez-Brüdern und zuletzt mit Ed Gein, der als Vorbild für zahlreiche Figuren des Horrorgenres diente. Gerade die Staffel über Gein, die im vergangenen Jahr erschien, zeichnete ein ebenso brutales wie beinahe liebevolles Bild des Serienkillers. Auch dessen Verherrlichung durch Kulturschaffende thematisierte die Serie auf gekonnte Weise.
Lizzie Borden, Elternmörderin
Nun präsentiert Netflix erneut ein Monster. Erstmals handelt es sich dabei um eine Frau. Lizzie Borden hieß die Dame. Im Sommer 1892 sollen ihr Vater und dessen zweite Frau, die Lizzie mit großgezogen hatte, durch ihre Hand ums Leben gekommen sein. Tatwerkzeug: eine Axt. Beide Opfer wurden bestialisch zugerichtet. Das Elternhaus galt als unterkühlt und lieblos. Lizzie wiederum galt als alte Jungfer; zum Tatzeitpunkt lebte die 32-Jährige noch immer im elterlichen Haus. Den anschließenden Gerichtsprozess überstand Miss Borden unbeschadet: Sie wurde freigesprochen. Einer Frau war eine derart brutale Tat damals kaum zuzutrauen. Fortan führte sie ein Leben in einigem Wohlstand, schließlich hatten die Eltern ein nicht unerhebliches Vermögen hinterlassen.
Die Macher der vierten Staffel erlauben sich ein hohes Maß an künstlerischer Freiheit. Die ersten beiden Staffeln, die sich mit Dahmer und den Menendez-Brüdern befassten, kamen noch beinahe dokumentarisch daher. Mit Gein lockerten die Produzenten diese Erzählweise auf und ergänzten fiktionale Versatzstücke, die dem Unterhaltungswert keineswegs schadeten. Fast schon ins Fantastische reicht hingegen die aktuelle Staffel, die die Jungfer Lizzie ins Zentrum stellt.
Ihr wird plötzlich ein Hausmädchen zur Seite gestellt, das sie in die Geheimnisse des Feminismus einweiht. Zwangsläufig gehen die beiden eine lesbische Beziehung ein. Historisch belegt ist davon nichts. Die Autoren hielten die Geschichte auf diese Weise aber wohl für spannender. In der Serienfassung bringt das Liebespaar die Eltern schließlich gemeinsam um.
Immer wieder wird zudem die spätere Serienmörderin Aileen Wuornos eingeblendet. Sie tötete Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre mehrere Männer. Freier. Wuornos war eine Prostituierte, der im Laufe ihres Lebens übel mitgespielt worden war. Sie entwickelte einen Hass auf Männer und brachte etliche ihrer Kunden um. Im Jahr 2002 wurde sie hingerichtet. Die Serie deutet an, Wuornos sei eine Art Jüngerin der feministischen Notwehrmörderin Borden gewesen. Verbürgt ist das allerdings nicht. Am Ende kommt es gar zu einer Zusammenkunft im Jenseits, bei der Borden ihrer Nachfolgerin erklärt, dass man ihnen alles verzeihen werde.
Diese Interpretation entfaltet sich nach und nach über zehn Folgen. Borden wird als Mörderin aus Notwehr vorgestellt. Sie begehrt gegen das Patriarchat auf, muss töten, um endlich frei sein zu können. Die fast hundert Jahre später mordende Wuornos nimmt sich ein Beispiel an ihr. Beide erscheinen als Opfer, denen das Leben so bitter mitgespielt hat, dass ihnen kaum eine andere Wahl geblieben sei. Das Töten ihrer Häscher wird zur unausweichlichen Konsequenz. Zwar deutet die Produktion durchaus an, dass andere Menschen unter ihren Taten litten. Letztlich aber erscheinen die Morde als alternativlos.
Kein Monster, sondern ein armes Ding mit Axt
Monster heißt die Serie, doch ein richtiges Monstrum bekommen wir als Zuschauer diesmal nicht vorgesetzt. An sich wäre das sogar zu begrüßen, denn auch in Mördern steckt Menschliches. Niemand kommt als mordender Mitmensch auf die Welt. Allerdings ist der Schritt zum Töten, außerhalb des Krieges zumal, immer auch mehr als das bloße Produkt sozialer Verhältnisse.
Die Macher der Serie besitzen jedoch die Impertinenz, ihrem Publikum eine Staffel vorzusetzen, die sich über weite Strecken in Vulgärfeminismus übt. Die Vorgängerstaffeln betonten bei aller biografischen Einordnung stets auch das Teuflische ihrer Protagonisten. Nun zeigen die Produzenten vor allem Mitgefühl und Verständnis.
Über die historische Lizzie Borden ist vergleichsweise wenig bekannt. Kulturschaffende interpretieren die Welt nach ihren Vorstellungen. Insofern ist es völlig legitim, dass sie der Lizzie ihrer Serie mehr Kontur verleihen, als die Geschichtsbücher hergeben. Unglaubwürdig wird das Ganze allerdings in dem Augenblick, in dem historische Figuren Denkweisen an den Tag legen, die eher in den akademischen Diskursen unserer Gegenwart zu Hause sind. Lizzie als Feministin, als starke Frau, die sich auflehnt und ein selbstbestimmtes, lesbisches, emanzipiertes Leben führen möchte? Eine Lizzie, die Einsichten pflegt, die im Jahr 2026 geläufig sind, aber nicht unbedingt im Jahr 1892?
An dieser Art der Gegenwartsprojektion leiden zahlreiche zeitgenössische Produktionen der Streamingdienste und des Kinos. Es gehört mittlerweile zum Chic der Zeit, historische Stoffe nach heutigen Maßstäben neu auszulegen. Schon kündigt sich die nächste Serie an, ebenfalls bei Netflix: East of Eden. Ein Steinbeck-Klassiker, derselbe Stoff wie bei Jenseits von Eden, jenem Film, mit dem James Dean zum kurzzeitigen Eros Hollywoods wurde. Die Neuauflage soll allerdings woke daherkommen, wie die taz nicht ganz traurig berichtet.
Das Zwanghafte dieser Filmschaffenden sticht inzwischen so unangenehm hervor, dass man kaum noch von einer Traumfabrik sprechen mag. Gesinnungsfabrik träfe es wohl eher.
Von Täter- und Opfergeschlechtern
Lizzie ist anders als die übrigen Schwerenöter, die uns diese Reihe bislang vorführte. Keine habgierige oder psychotische Persönlichkeit, sondern eine Frau, die angeblich gar nicht anders kann. Sie muss zur Axt greifen, weil dies die einzige Möglichkeit sei, die einer Frau Ende des 19. Jahrhunderts bleibt, wenn sie frei sein möchte. So jedenfalls lässt sich die Botschaft der zehn Folgen verstehen.
Sie und die viel später mordende Wuornos sind in dieser Lesart keine Täterinnen, sondern von der Gesellschaft vergessene Opfer. Auch die schwierigen Lebensumstände der zuvor porträtierten Serienkiller wurden ausführlich behandelt. Doch die letzte Entscheidung zum Unvorstellbaren schrieb man letztlich der Toxizität ihrer Persönlichkeiten zu. Als Männer schlummerte in ihnen offenbar eine Kraft, die sie zu Monstern werden ließ. Bei den Frauen hingegen scheint die Gesellschaft selbst die Axt zu führen.
Hatten die Damen denn keine Alternative? Diese Frage stellen sich die Macher offenbar zu keiner Sekunde. Stattdessen präsentieren sie eine Hagiographie, ein Sittenbild protofeministischer Säulenheiliger.
Über Aileen Wuornos lässt sich immerhin Genaueres sagen. Schon in ihrer Kindheit wurde sie innerhalb der Familie missbraucht. Später ging sie anschaffen und dürfte auch dort mit der Gewalt brutaler Freier in Berührung gekommen sein. Mindestens sechs Männer soll sie erschossen haben. Darunter offenbar auch solche, die ihr persönlich nichts angetan hatten. Qualifiziert sie das zur Ikone freiheitsliebender Frauen?
Monster ist kein Einzelfall. Immer wieder fallen neue Produktionen durch vulgärfeministische Ansätze auf, die einem denkbar schlichten Weltbild folgen: Die Frau ist Opfer, gleichgültig, was sie tut. Der Mann hingegen verfällt beinahe zwangsläufig in Täterschaft; seine Motive sind dabei zweitrangig.
Netflix vermarktet mittlerweile seit Jahren eine weibliche Jammerkultur, die sich nicht scheut, ideologische Flachheit als Kulturleistung auszugeben. Dass darin im Kern sogar eine frauenfeindliche Haltung steckt, scheint niemandem aufzufallen. Denn Frauen sind keine passiven Wesen, die zwangsläufig Opfer werden müssen und denen man deshalb jede Verantwortung für ihr Handeln absprechen darf.
Gleichstellung bedeutet schließlich auch, dass Frauen manchmal Täterinnen sind.
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Wie wäre es ergänzend mit der hier?
https://de.wikipedia.org/wiki/Amelia_Dyer
https://en.wikipedia.org/wiki/Amelia_Dyer
Oder dem hier?
https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Panzram
Oder wir lassen den ganzen „Kleinkram“ und kommen zu Oskar Dirlewanger:
https://www.warsawuprising.org/witness/schenk.htm (Schilderungen aus der Hölle!)