Dietmar Schönherr – Der unbequeme Charmeur des deutschsprachigen Fernsehens 

Dietmar Schönherr
Fotografiert von Schönherrs Gattin de:Vivi Bach, Zustimmung zur Veröffentlichung unter de:GNU FDL wurde per Mail erteilt, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Heute wäre Dietmar Schönherr 100 Jahre alt geworden. 

Aktuell ist Dietmar Schönherr Babylon-Kino in Berlin wieder auf der Leinwand zu sehen als Kommandant der „Raumpatrouille Orion“, Cliff Allister McLane. Der Anlass erlaubt eine Neubetrachtung einer Figur, die sich einfachen Zuschreibungen stets entzogen hat. Schönherr war nicht nur Schauspieler der westdeutschen Nachkriegsjahre, sondern Medienpionier, Intellektueller und politischer Akteur – und damit ein Spiegel der Widersprüche des 20. Jahrhunderts, der sich nie vollständig in die Erwartungen der Öffentlichkeit und der Filmindustrie einfügte. 

Geboren wurde Dietmar Schönherr 1926 in Innsbruck in eine Familie, die von militärischer Tradition geprägt war. Sein Vater war Offizier, und die Kindheit des jungen Schönherr stand zunächst im Zeichen von Disziplin und konservativen Werten, die der spätere Generalmajor der Wehrmacht und zeitweilige Kommandant der Festung Stavanger Otto Schönherr Edler von Schönleiten ihm vermittelte. Doch schon früh zeigte sich auch eine andere Seite: ein ausgeprägtes Interesse an Kunst, Literatur und gesellschaftlichen Fragen. Seine Jugend fiel in die Zeit des Nationalsozialismus, und wie viele seiner Generation wurde auch Dietmar in die Kriegsmaschinerie hineingezogen. 1943 trat er erstmals neben Hardy Krüger im Propagandafilm „Junge Adler“ vor die Kamera – eine Erfahrung, die ihn später Krieg und Nationalsozialismus kritisch reflektieren ließ. 1945 desertierte er aus der Wehrmacht, ein Schritt, der sein weiteres Leben entscheidend prägen sollte. Er entwickelte ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein und eine Skepsis gegenüber autoritären Strukturen, die sich später in vielen seiner Entscheidungen widerspiegelte. 

Schönherrs Werdegang 

Nach dem Krieg begann Schönherr zunächst ein Studium der Architektur, doch die Kunst ließ ihn nicht los. Er wechselte zum Rundfunk und schließlich zum Film, wo er in den 1950er Jahren rasch Fuß fasste. Seinen Durchbruch hatte er 1955 mit „Rosenmontag“, es folgten zahlreiche Rollen in populären Produktionen der Nachkriegszeit. Filme wie „Bonjour Kathrin“ oder „Ferien mit Piroschka“ machten ihn zu einem bekannten Gesicht im deutschsprachigen Kino. Schönherr verkörperte oft den kultivierten, gebildeten Mann – eine Figur, die in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft großen Anklang fand. Als Synchronsprecher lieh er James Dean, Sidney Poitier oder Steve McQueen seine deutsche Stimme. Gleichzeitig unterschied er sich von vielen seiner Kollegen durch seine intellektuellen Interessen. Er beschäftigte sich intensiv mit Literatur und Philosophie und übersetzte unter anderem Werke von Jean-Paul Sartre. Seine Karriere im Film war umfangreich, mit über hundert Produktionen, doch nicht alle waren künstlerisch überzeugend. Gerade diese Mischung aus anspruchsvollen und weniger gelungenen Arbeiten prägte sein Bild als vielseitiger, aber nicht immer kalkulierbarer Schauspieler. 

Seinen nachhaltigsten Popularitätsschub erlebte Schönherr 1966 mit „Raumpatrouille Orion“. Die Serie entwickelte sich trotz begrenzter Mittel zu einem Kultphänomen. Im Kontext des Kalten Krieges verband sie Zukunftsvisionen mit einem latenten Unbehagen gegenüber Macht und Kontrolle. Schönherrs Figur des McLane war kein makelloser Held, sondern ein eigenwilliger Charakter, der sich Autoritäten widersetzte. Gerade diese Ambivalenz machte die Rolle anschlussfähig für ein Publikum, das sich in einer zunehmend politisierten Welt orientieren musste und bereits gegen Vietnam und für die Aufarbeitung der NS-Zeit auf die Straße ging. 

In den 1970er Jahren verlagerte sich sein Schwerpunkt zunehmend ins Fernsehen, wo er eine neue Rolle fand – die des Moderators und Gesprächsführers. Gemeinsam mit seiner Frau Vivi Bach moderierte er die Sendung „Wünsch Dir was“, die durch die Einbindung der Zuschauer neue Maßstäbe setzte. Noch bedeutender war jedoch seine Talkshow „Je später der Abend“, die als erste moderne Talkshow im deutschsprachigen Raum gilt. Hier zeigte sich Schönherr als ernsthafter, reflektierter Gastgeber, der seinen Gesprächspartnern Raum gab und Themen vertiefte, statt sie nur anzureißen. In einer Zeit, in der Fernsehen oft auf Unterhaltung reduziert war, brachte er ein neues Niveau in das Medium. 

Politisches Engagement 

Seine Karriere war von Erfolgen geprägt, aber auch von Rückschlägen. Während er mit „Raumpatrouille Orion“ und seinen Fernseharbeiten große Popularität erreichte, war seine Filmkarriere nicht frei von Fehlgriffen. Einige Produktionen, an denen er beteiligt war, wurden von Kritik und Publikum gleichermaßen skeptisch aufgenommen. Der Film „Liebesspiel im Schnee“ gilt sogar als künstlerischer Tiefpunkt. Diese Ambivalenz scheint jedoch Teil seiner Persönlichkeit gewesen zu sein. Schönherr suchte nicht den einfachen Erfolg, sondern bewegte sich bewusst zwischen Anspruch und Unterhaltung, zwischen Anpassung und Widerstand. 

Privat war Schönherr seit 1965 mit der dänischen Schauspielerin und Moderatorin Vivi Bach verheiratet. Die Beziehung galt als ungewöhnlich stabil und war zugleich eine kreative Partnerschaft. Kinder hatte das Paar nicht, stattdessen wurde die gemeinsame Arbeit zu einem zentralen Bestandteil ihres Lebens. Nach dem Tod seiner Frau zog sich Schönherr zunehmend zurück. 

Ab den 1980er Jahren trat sein politisches und gesellschaftliches Engagement stärker in den Vordergrund. Er unterstützte die österreichische Sozialdemokratie und engagierte sich in der Friedensbewegung, wobei er insbesondere gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing II-Raketen protestierte. Besonders intensiv engagierte er sich in Nicaragua, wo er Entwicklungsprojekte unterstützte und initiierte. Dieses Engagement wurde in Deutschland unterschiedlich aufgenommen – zwischen Anerkennung und Skepsis. Nicht nur war Nicaragua sozialistisch regiert, die im Westen als „Contras“ hofierten Untergrundkämpfer gegen die Regierung bezeichnete er als „Terroristen im US-Sold“ und schrieb 1985 ein Buch über dieses Beispiel US-amerikanischer Insurgierung Mittelamerikas. Schönherr beteiligte sich in den frühen 1980er Jahren auch an Aktionen gegen US-Militärlager in Deutschland und trat als Wahlhelfer der deutschen Grünen auf. Er selbst verstand sich als Humanist, der über nationale Grenzen hinaus Verantwortung übernehmen wollte. Er war kein Ideologe, sondern ein Suchender, der versuchte, seine Überzeugungen in praktisches Handeln umzusetzen. 

Was bleibt? 

In der Öffentlichkeit wurde Schönherr stets als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen: charmant, gebildet, aber auch unbequem. Seine Beschimpfung des amerikanischen Präsidenten Reagan als “Arschloch” schockierte die westdeutsche Wohlstandsgesellschaft, denn er passte nicht in das klassische Bild des unpolitischen Unterhaltungskünstlers und wollte das auch nicht. Vielmehr war er jemand, der Haltung zeigte – auch dann, wenn sie nicht mehrheitsfähig war. Skandale im klassischen Sinne blieben aus, seine Ehe mit Vivi Bach war stabil, aber kinderlos, doch seine politischen Positionen und sein Engagement sorgten immer wieder für Diskussionen. 

Schönherrs letzten Jahre verbrachte er nach dem Tod von Vivi zurückgezogen, unter anderem auf Ibiza, wo er 2014 starb. Was bleibt von ihm, fast ein Jahrhundert nach seiner Geburt? Sicherlich die Erinnerung an eine der prägendsten Figuren der frühen Fernsehgeschichte, an den Commander McLane, an einen Moderator, der Gespräche ernst nahm, und an einen Künstler, der sich nicht auf eine Rolle festlegen ließ. 

Dietmar Schönherr hat kein einfaches, klar umrissenes Erbe hinterlassen. Gerade darin liegt jedoch seine Bedeutung über die westdeutsche Bundesrepublik und das betuliche Wohlfühlfernsehen hinaus. Er steht für eine Zeit, in der Fernsehen und Film sich nach den Erfahrungen von Krieg, Nationalsozialismus und dem Missbrauch als Goebbelsche Propagandawaffe neu definierten, und für die Möglichkeit, innerhalb dieses Systems Haltung zu bewahren. Vielleicht ist das sein eigentliches Vermächtnis: die Idee, dass ein Künstler mehr sein kann als ein Darsteller – nämlich ein Teil der gesellschaftlichen Debatte. 

Stefan Piasecki

Prof. Dr. Dr. habil. Stefan Piasecki, Sozial- und Medienwissenschaftler. Promoviert in Politikwissenschaften (Universität Duisburg-Essen) und Medienwissenschaften (Universität Leipzig). Habilitiert in Religionspädagogik (Universität Kassel). Professor für Soziologie und Politikwissenschaften an einer Verwaltungshochschule in NRW. Jugendmedienschützer bei der FSK (Wiesbaden). Beschäftigt sich bevorzugt mit den Wechselwirkungen von Medien, Religion und Gesellschaft. Von 1993-2004 in der internationalen Computerspieleindustrie tätig. Von 2004 bis 2010 Case-Manager in der Sozialverwaltung der Stadt Mülheim an der Ruhr. Von 2010 bis 2018 Professor für Soziale Arbeit. Seit 2018 Professor für Soziologie und Politikwissenschaften.
Lehraufträge an den Universitäten Duisburg-Essen, Erlangen-Nürnberg, Kassel und Teheran. Autor von präzise recherchierten Romanen zu zeitgeschichtlichen Themen.
Akademische Webseite: www.stefanpiasecki.de
Belletristische Webseite: www.editionvijo.com

Lesen Sie unbedingt Stefan Piaseckis Roman „Kleine Frau im Mond“.
Mehr Beiträge von Stefan Piasecki →

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Ein Kommentar

  1. Und was würde Dietmar Schönherr heute zur Politik Deutschlands sagen?
    (es fehlen ein paar Zeichen damit es 100 sind, aber der Post würder dadurch nicht besser.)

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