
Warum glaubt ein Staat, der sich gerne im Stolz auf seine Demokratie suhlt, immer häufiger, erwachsene Bürger vor kontroversen politischen Inhalten schützen zu müssen?
Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hat Uwe Bolls neuen Film Citizen Vigilante die Freigabe verweigert. Zum zweiten Mal widerfährt dem Regisseur eine solche Einschränkung. Offiziell handelt es sich dabei nicht um ein Verbot. Aber es erschwert die Veröffentlichung des Films in einem deutschen Lichtspielhaus stark. Nicht mal eine Freigabe ab dem 18. Lebensjahr sei vertretbar. Die FSK erklärt also, dass noch nicht mal Erwachsene mit dem Stoff der Produktion umgehen könnten.
In dem Film sei extreme Gewalt zu sehen. Außerdem werde Selbstjustiz als positiv dargestelltes Handlungsmuster gezeigt. Der Hauptprotagonist von Bolls Film bestraft Kriminelle wie korrupte Funktionäre analog. Der Rachefilm ist schon lange ein von einem Millionenpublikum akzeptiertes Genre der Filmindustrie. Diese Sorte von Film bedient Sehnsüchte in einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit einen Seltenheitswert darstellt. Als eine Form von Ventil hat man den Revenge Movie bislang betrachten können. Jetzt fürchtet man ihn hierzulande so sehr, dass man zensorisch gegenhalten möchte.
Das Aus auf dem deutschen Markt
Der wachsende Drang deutscher Institutionen, nicht mehr nur über Jugendschutz zu wachen, sondern über die Grenzen des gesellschaftlich Erwünschten, unterstreicht die besorgniserregende Entwicklung im deutschen Kulturbetrieb. Längst begreifen sich Organisationen innerhalb dieses Sektors als Torwächter. Sie maßen sich an, dem Publikum gewisse Inhalte vorzuenthalten, wenn es dem Zeitgeist in die Hände spielt und der allgemeinen Verfasstheit zeitgenössischer Denkarten entspricht.
Schon im deutschen Kaiserreich betrachteten die Gatekeeper den Film nicht in erster Linie als Kunstform, sondern als mögliche Gefahr für die öffentliche Ordnung. Bücher zirkulierten mehr oder weniger frei, für Filme galt im Gegensatz schon früh eine staatliche Kontrolle. Bereits 1906 wurde in Berlin eine polizeiliche Vorzensur für Filme eingeführt. In der folgenden Weimarer Republik entstand ein umfangreicher Zensurapparat. Die Nationalsozialisten übernahmen ihn und bauten ihn aus. Nach 1945 wollte die Bundesrepublik mit dieser staatshörigen Tradition deutscher Filmzensoren brechen und gründete die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die FSK. Der Name sollte deutlich machen, dass der Staat nicht die Befugnis haben sollte, Filmproduktionen zu verbieten. Die Branche sollte selbstverantwortlich regulieren, wobei das Hauptaugenmerk vor allem auf dem Schutz von Kindern und Jugendlichen liegen sollte.
Die FSK sollte keine politische Behörde sein. Sie sollte auch nicht im Sinne des Erhalts der öffentlichen Ordnung vorgehen und schon gar nicht darüber urteilen, welche Weltanschauungen gesellschaftlich erwünscht und dem Publikum zuführbar sind.
Im Fall von Citizen Vigilante hat die FSK diesen Auftrag bei weitem überschritten. Die Selbstzensur der deutschen Filmindustrie sprach auch Erwachsenen die Befähigung ab, ein Werk wie das von Uwe Boll angemessen aufzufassen. Bei der im Film gezeigten Selbstjustiz ging man lieber vorsorglich auf Nummer sicher und verweigerte die Kennzeichnung komplett. In der Theorie könnte der Film zwar dennoch vertrieben und im Kino gezeigt werden, aber praktisch wird kein Verleiher Mittel in einen Film investieren (für Synchronisation, Marketing usw.), der den Kinos wegen der Dringlichkeit des Jugendschutzes Mehrkosten verursacht und auch Werbepartner abschreckt. Die Einordnung des FSK bedeutet für Citizen Vigilante das Aus auf dem deutschen Markt.
Mündige Erwachsene brauchen keine FSK
Die Berliner Zeitung berichtete ausführlich über Bolls Vorwurf, die Entscheidung sei politisch motiviert. Internationale Branchenmedien wie Variety griffen den Vorgang auf und stellten ihn als bemerkenswerten Sonderfall dar. Selbst Berichte, die der Position des Regisseurs kritisch gegenüberstehen, kommen nicht umhin festzustellen, dass die eigentliche Kontroverse weniger in der Gewaltdarstellung als in den politischen Implikationen des Films zu erahnen seien.
Denn Citizen Vigilante behandelt Stoffe, die im zeitgenössischen Deutschland hochgradig aufgeladen sind. Im Zentrum der Handlung steht ein Mann, der angesichts eines als versagend dargestellten Staates selbst zur Gewalt greift und das Gewaltmonopol des Staates für sich selbst in Anspruch nimmt. Eingebettet ist diese Geschichte dieses brutalen Gerechtigkeitsjüngers in ein Milieu migrantischer Kriminalität und staatlichen Kontrollverlustes. Boll wurde durch eine Geschichte aus dem Hamburger Stadtpark inspiriert, verlagerte die Handlung aber nach Kroatien.
Treffen die Vorwürfe zu, so hat die FSK einem Film die Freigabe vorenthalten, der sich um die Abbildung von Realitäten bemüht. Citizen Vigilante zeigt eine Wirklichkeit, die wenig Zuversichtlichkeit zulässt und auch ganz sicher keine positive Grundstimmung erzeugt. Den Film dem Publikum indirekt vorzuenthalten, weil er politisch unbequem ist, Fragen aufwirft und vielleicht auch vielen Zuschauern gefallen könnte, ist jedoch völlig unangemessen. Erwachsene Bürger gelten als mündige Individuen. Sie sollten selbst einschätzen können, wie sie sich einem künstlicheren Werk annähern wollen. Im zeitgenössischen Deutschland hat die Nanny-Kultur endgültig alle Bereiche erobert.
Auch schlechte Kunst ist Kunst
Man kann Bolls Film und dessen Stoff für geschmacklos halten. Vielleicht sogar für populistisch und sich anbiedernd an die Katastrophisten innerhalb der politischen Landschaft. Es ist auch möglich, dass man Citizen Vigilante als künstlerisch misslungen oder politisch und gesellschaftlich verantwortungslos einstufen möchte. Möglicherweise ist er sogar langweilig. Oder über die Dimension blutig und bösartig. Aber alle diese Bedenklichkeiten dürfen keine Rolle spielen bei der Einstufung seitens der FSK. Sie ist weder eine Organisation von Kunstkritikern noch von politischen Kommissaren. Als Agentur für arbeitssuchende Kindermädchen sollte sie sich schon gar nicht verstehen.
Seit Jahrzehnten gelangen Filme mit erheblich expliziteren Inhalten und Gewaltexzessen regulär in die Kinos und auf die Plattformen von Streamingdiensten. Das Actionkino der letzten zwei Jahrzehnte lebt von Selbstjustizfantasien. Ganze Franchises beruhen auf der Vorstellung, dass Einzelne das Recht selbst in die Hand nehmen, weil korrupte Staatsbedienstete es links liegen lassen. Von Death Wish über The Punisher bis zu John Wick wird Gewalt als Mittel persönlicher Vergeltung von einem Millionenpublikum konsumiert. Das Fundament der öffentlichen Ordnung wurde allerdings noch nicht erschüttert. Es wird ohnehin kein Film und keine Fiktion benötigt, um Bürger in Aufruhr zu versetzen. Das erledigt die Realität in den westlichen Demokratien selbst.
Eine freie Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie gute Kunst hervorbringt, belobigt und fördert. Sie tut es dadurch, dass sie auch schlechte, provozierende und anstößige Kunst aushält und ihr den Weg nicht verbaut. Sie vertraut darauf, dass ihre Bürger mit ihr umgehen können. Und sie nimmt hin, wenn einige Bürger jubelnd aus dem Kino kommen, weil ihnen der Inhalt des Filmes zuspricht. Denn Menschen können zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Das alles ist eine Frage des Menschenbildes. Das Menschenbild der FSK lässt zu wünschen übrig. Und es ist Ausdruck einer Gesellschaft, die sich nicht mehr als frei versteht. Der Skandal um Citizen Vigilante ist ein Akt der Selbstjustiz der staatshörigen FSK.
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Die Angst der herrschenden Politik und Medien vor dem Bürger wird immer deutlicher. Sie reagieren langsam aber sicher panisch.
Wie hieß es früher noch? Ich teile Deine Meinung nicht, aber ich werde alles dafür tun, dass Du sie äußern kannst.
Das ist lange vorbei. Im Sinne eines betreuten Denkens werden die Leitplanken des Sagbaren und Zeigbaren immer enger gesetzt, bis nur noch eine Aussage erlaubt ist: Das, was unsere Regierungscht und sagt, ist gut, alles andere ist schlecht. Das nannte man bei einem anderen System Totalitarismus. Und genau das ist es, worauf unsere Gesellschaft in Riesenschritten zuläuft. Totalitarismus und Demokratie sind allerdings unvereinbar.