Die Ästhetik der Simulation

Masken, Simulation, Symbolbild
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Wie das Simulacrum den Diskurs ersetzt.

Viele kennen Suzanne Grieger-Langer, die „Profiler-Ikone“, die in Talkshows und auf YouTube als Expertin für Verbrecherjagd auftritt. Makellose Clips, geschliffene Rhetorik, strenge Gestik — alles vermittelt den Eindruck kriminalistischer Kompetenz. Doch bei näherem Hinsehen ist Grieger-Langer weder Profilerin noch Psychologin noch Ermittlerin. Sie ist eine Virtuosin der medialen Inszenierung: ein Simulacrum einer Expertin.

Kann das sein? Eine Frau, die vorgibt, Hochstapler zu entlarven, soll selbst eine Hochstaplerin sein? Doch sie ist nicht das Problem. Sie ist das Symptom. Der eigentliche Gegenstand dieses Essays ist nicht die Person, sondern die Struktur, die sie hervorbringt — eine Öffentlichkeit, in der nicht mehr Substanz zählt, sondern die Perfektion der Oberfläche.

I. Die Plattformlogik — wie Engagement Wahrheit ersetzt

Öffentliche Autorität bemisst sich heute weniger am Gehalt des Gesagten als an der Ästhetik der Darbietung. In einer Mediengesellschaft, in der Aufmerksamkeit die knappste Ressource ist, verschiebt sich die Legitimation von Expertise. Nicht Nachprüfbarkeit, nicht wissenschaftliche Einbettung, sondern die Perfektion der Oberfläche entscheidet darüber, wem geglaubt wird.

Diese Verschiebung ist kein Zufall. Sie ist strukturell angelegt in der Funktionsweise digitaler Plattformen. YouTube, Instagram, TikTok, LinkedIn — sie alle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf Verweildauer. Der Algorithmus belohnt, was emotional triggert, was vereinfacht, was dramatisiert. Komplexe Argumente, die Aufmerksamkeit kosten, verlieren gegen einfache Narrative, die sie erzeugen.

Das Resultat: Wer die Bühne am besten bespielt, gewinnt — unabhängig von der Substanz. Das gilt nicht nur für eine einzelne Selbstdarstellerin, sondern für die Gesamtheit der digitalen Wissensproduktion. Plattformen liefern nicht primär Wissen, sondern die Suggestion von Wissen. Der Schein ersetzt das Sein. Der französische Theoretiker Jean Baudrillard hat für diese Entwicklung den Begriff des Simulacrums geprägt: ein Zeichen, das nicht mehr auf Realität verweist, sondern nur noch auf andere Zeichen. Simulation ersetzt Referenz. In dieser Logik sind Plattformen Simulacrum-Maschinen: Sie produzieren Zeichen — Content —, die nur noch auf Engagement-Metriken verweisen, nicht auf Welt.

In einer Öffentlichkeit, die längst von medialen Codes durchdrungen ist, wird nicht mehr die Übereinstimmung mit der Realität bewertet, sondern die Konsistenz der Inszenierung. Die Algorithmen selektieren, was sie brauchen: Selbstsicherheit statt Selbstkritik, Dramaturgie statt Differenzierung, Pose statt Beweis.

II. Epistemische Krise — warum Prüfung nicht mehr stattfindet

Die eigentliche Frage lautet nicht, wie man einzelne Simulacren entlarvt. Die Frage lautet: Warum funktioniert die Täuschung überhaupt? Die Antwort liegt in einer epistemischen Verschiebung, die den öffentlichen Diskurs seit Jahren strukturell verändert. Das Prüfen ist nicht verlernt worden, weil das Publikum bequem oder gleichgültig geworden wäre — die Bedingungen des Prüfens selbst sind erodiert.

1. Aufmerksamkeitsökonomie gegen Wahrheit

Die öffentliche Erkenntnisordnung hat sich in eine Aufmerksamkeitsökonomie transformiert. Wahrheit ist langsam, kontextabhängig und revisionsoffen. Aufmerksamkeit dagegen ist unmittelbar, affektiv und binär. Digitale Plattformen selektieren nicht nach Richtigkeit, sondern nach Reaktionsintensität. Was zögert, differenziert oder relativiert, verliert algorithmisch. Was Sicherheit ausstrahlt, gewinnt. In dieser Logik ist Wahrheit kein Wettbewerbsvorteil mehr, sondern ein Kostenfaktor.

Diese Transformation hat Konsequenzen, die weit über Medienkritik hinausgehen. Wo Erkenntnis nach denselben Gesetzen gehandelt wird wie Unterhaltung, verändert sich nicht nur die Form des Wissens, sondern sein Wesen. Wissen wird zur Ware — und wie jede Ware wird es für den Markt optimiert, nicht für die Wahrheit.

2. Strukturelle Komplexitätsüberlastung

In einer Informationsumgebung, in der täglich mehr selbsternannte Experten auftreten als ein Mensch des 18. Jahrhunderts im gesamten Leben zu Gesicht bekam, wird Verifikation zur unzumutbaren Anforderung. Erkenntnis verwandelt sich in eine Überforderungssituation. Wo Prüfung nicht mehr leistbar ist, treten Ersatzkriterien an ihre Stelle.

Das Publikum greift notgedrungen auf epistemische Abkürzungen zurück: Auftreten, Stimme, visuelle Qualität, dramaturgische Geschlossenheit. Diese Kriterien sind nicht irrational — sie sind funktional. Sie messen jedoch Glaubwürdigkeit, nicht Wahrheit. Simulation wird so zur effizientesten Form epistemischer Orientierung. Was plausibel aussieht, gilt als wahr; was professionell klingt, als kompetent. Wahrheit wird nicht mehr verifiziert, sondern ästhetisch plausibilisiert.

3. Die Ästhetisierung von Wahrheit

Erkenntnis wird nicht mehr primär als Ergebnis von Prüfung verstanden, sondern als etwas, das überzeugend inszeniert werden muss. Kamera, Studio, Wiederholung und Reichweite fungieren als Ersatzmarker für Evidenz. In dieser Ordnung zählt nicht mehr die Übereinstimmung mit der Realität, sondern die Konsistenz der Darstellung. Das Simulacrum verdrängt die Referenz.

Baudrillard hat diesen Zustand präzise beschrieben: Wenn Zeichen nicht mehr auf Realität verweisen, sondern nur noch auf andere Zeichen, wird die Konsistenz der Simulation zum alleinigen Maßstab. Nicht das wahre Argument setzt sich durch, sondern das stimmigste Zeichenensemble. Das perfekt produzierte Video schlägt das schlecht belegte Argument. Die makellose Performance übertrifft die holprige Wahrheit.

4. Erosion institutioneller Vertrauensanker

Universitäten, Fachöffentlichkeiten und klassischer Journalismus haben einen Teil ihrer epistemischen Autorität eingebüßt. Ob berechtigt oder nicht, ist für die Analyse sekundär. Entscheidend ist das entstandene Vakuum. Wo Institutionen ihre Filterfunktion verlieren, wird Autorität personalisiert. Charisma ersetzt Verfahren. Die Figur des medialen Experten entsteht nicht trotz institutioneller Schwäche, sondern aus ihr heraus.

Dieser Prozess ist selbstverstärkend: Je mehr sich mediale Pseudoexperten etablieren, desto weiter erodiert das Vertrauen in institutionell legitimierte Expertise — was wiederum den Raum für weitere Simulacren öffnet. Es entsteht ein epistemischer Teufelskreis, in dem die Krise ihre eigenen Bedingungen reproduziert.

5. Simulation als psychologische Entlastung

Wahrheit ist häufig mehrdeutig, widersprüchlich und handlungsarm. Simulation bietet stattdessen Klarheit, Schuldzuweisungen, narrative Geschlossenheit. Sie erzeugt nicht Erkenntnis, sondern Orientierungssicherheit. In einer verunsicherten Öffentlichkeit wird diese Sicherheit höher bewertet als faktische Richtigkeit.

Hier zeigt sich eine paradoxe Dynamik: Je unsicherer die Welt wird, desto attraktiver wird das Simulacrum. Die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen steigt proportional zur Komplexität der Realität. Wer fertige Deutungsangebote liefert — egal ob als Profiler, Ökonom oder Geopolitik-Experte auf YouTube —, bedient ein psychologisches Bedürfnis, das mit Wahrheitssuche wenig zu tun hat.

6. Die Selektionsumgebung als Ganzes

In der Summe entsteht eine Selektionsumgebung, in der nicht das Zutreffende, sondern das Stimmigste überlebt. Aufmerksamkeitsökonomie, Komplexitätsüberlastung, Ästhetisierung, institutionelle Erosion und psychologische Entlastungsbedürfnisse wirken zusammen und verstärken sich gegenseitig. Figuren wie Grieger-Langer sind daher keine Ausnahmen und keine Täuschungen am Rand des Systems, sondern logische Produkte einer Öffentlichkeit, in der epistemische Plausibilität wichtiger geworden ist als Wahrheit.

Selbstkritik, Differenzierung und epistemische Vorsicht wirken in dieser Logik wie Schwäche. Belohnt wird, wer Sicherheit ausstrahlt, wo eigentlich Zweifel geboten wäre. Solange Plattformen ihre Logik unverändert durchsetzen, produziert dieses System zwangsläufig Simulacren — und es wird immer schwieriger, sie von Substanz zu unterscheiden.

III. Der Verkauf der Jugend — ein strukturelles Problem

Es gibt Gesellschaften, die anders reagiert haben. China hat 2022 für Livestreamer eine Qualifikationspflicht eingeführt: Wer über Medizin, Finanzen oder Recht spricht, muss entsprechende Abschlüsse nachweisen. Für Jugendliche gilt eine drastische Zeitbegrenzung — drei Stunden Gaming pro Woche, vierzig Minuten TikTok pro Tag.

Diese Maßnahmen sind autoritär. Sie funktionieren nicht perfekt — Umgehung ist möglich. Aber sie zeigen eines: Selbst ein Regime, das vom digitalen Kapitalismus profitiert, hat erkannt, dass ungefilterte Aufmerksamkeitsökonomie die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft zerstört. China behandelt seine Jugend als strategisches Kapital und reguliert entsprechend.

Der Westen tut das Gegenteil. Meta wusste seit Jahren, dass Instagram das Körperbild junger Mädchen systematisch schädigt. Die internen Studien lagen vor: 32 Prozent der Mädchen gaben an, Instagram mache ihr Körpergefühl schlimmer. 13 Prozent der britischen Teenager mit Suizidgedanken führten diese direkt auf Instagram zurück.

Als der US-Kongress 2020 fragte, ob erhöhte Instagram-Nutzung mit Depression korreliere, antwortete Meta einsilbig: „Nein.“ Die Studien, die das Gegenteil belegten, verschwanden in Schubladen. Ein interner Meta-Mitarbeiter schrieb: „Sieht das nicht aus wie Tabakunternehmen, die wussten, dass Zigaretten schädlich sind, und die Info für sich behielten?“

Meta verkauft Aufmerksamkeit, auch wenn sie toxisch ist. Solange die Quartalsberichte stimmen.

Hier zeigt sich ein tieferes Muster: Westliche Demokratien und ihre Konzerne denken in Wahlzyklen und Quartalen. Vier Jahre, drei Monate, bestenfalls 18 Monate bis zum nächsten Produktzyklus. Die Zukunft darüber hinaus? Irrelevant, weil nicht bilanzierbar.

China ist keine Demokratie und kein Vorbild. Aber es operiert mit einem längeren Zeithorizont. Wer Jugend als Zukunftskapital begreift, reguliert Plattformen. Wer sie als Einnahmequelle begreift, tut es nicht.

Schluss — Die Bühne und die Zukunft

Das eigentliche Problem ist nicht die Plattformlogik allein und nicht die einzelnen Hochstapler auf YouTube. Das Problem ist die Unfähigkeit westlicher Systeme, über die nächste Wahl, das nächste Quartal, den nächsten Klick hinauszudenken. Die epistemische Krise ist kein kultureller Unfall und kein moralisches Versagen des Publikums. Sie ist das Resultat struktureller Verschiebungen, die sich gegenseitig verstärken und das Prüfen systematisch entwerten.

Solange das so bleibt, werden Simulacren nicht die Ausnahme sein, sondern die Regel. Der Markt wird mehr davon produzieren. Denn die Bühne belohnt, was sich heute verkauft — nicht was morgen noch trägt.

In China wäre eine Suzanne Grieger-Langer vermutlich abgeschaltet worden. Denn sie ist nicht qualifiziert zu dem, was sie spricht.

Julian Kairos

Dr. Julian Kairos ist Arzt und Gesundheitsökonom mit klinischer und akademischer Erfahrung in der Hochschulmedizin. Er schreibt über Diskursasymmetrien, epistemische Standards und die Wechselwirkung zwischen institutionellen Anreizsystemen und technologischen Wissenssystemen. Seine Analysen stehen in der Tradition universalistischer Aufklärung und verantwortungsethischer Wissenschaftskritik. Er publiziert unter Pseudonym, um die Argumente von der Person zu trennen – ein Prinzip, das seine Texte einfordern und das er auf sich selbst anwendet.
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11 Kommentare

  1. Wenn man einen längeren Zeithorizont will, braucht man direkte Demokratie, Parteien sind so ziemlich das Minimum an dem, was man gerade eben noch „demokratisch“ nennen kann (und Autokratien dienen selten dem Volk)…

    1. Da könnten sie recht haben!
      Aber der vom Autor beschriebene Verfall rationaler Bewältigungsstrategien geht tiefer, gleicht einer Selbstaufgabe der Erben der Aufklärung. Eine strukturelle Regression gewaltigen Ausmaßes. Eine scheinbar unaufhaltsame Walze der Annullierung. Eine Autophagie der instrumentellen Vernunft. Machen wir uns nichts vor: das war‘s. Der Rest ist…

  2. Der Sparringspartner von Suzanne Grieger-Langer benutzt gerne den Kampfbegriff Verschwörungstheorie und wirkt genauso glaubwürdig.

    Ist das bewußt verkürzt, dergestalt, naja, es ist so, weil es nicht durchdacht und ökonomisch erforderlich wäre? Also eigentlich ist das ein irgendwie zufällig entstandener Selbstläufer. Irgendwie fallen dabei die machtvollen Interessen dahinter hinten herunter.

    Nebenbei erwähnt, die Interessen dahinter finden es ganz toll:

    WEF Founder Klaus Schwab Says China Is ‚Role Model for Many Countries‘
    ‚The Chinese model is certainly a very attractive model for quite a number of countries.‘
    by: Jarryd Jaeger 11/23/2022

    On Tuesday, World Economic Forum founder and executive chairman Klaus Schwab sat down for an interview with Chinese Communist Party-owned broadcaster CGTN.

    https://humanevents.com/2022/11/23/wef-founder-klaus-schwab-says-china-is-role-model-for-many-countries

    Sehr humorig ist die Stelle mit Medizin und Qualifikation, besonders wenn man bedenkt was 2022 gerade am abflauen war, weil selbst in China der Kontrollverlust über die Bevölkerung begann. Und diese Kontrollfreaks, … wie kontrollieren die das? Es wird ja der Jugendschutz vorgeschoben. Ist ja wahnsinnig neu. Aber keine Sorge, das mit der digitalen ID als Eintrittskarte zum digitalen Gulag, klappt hier auch noch.

    Eine Simulation in der Simulation und noch ein Kreatief.

  3. Vorab Danke an den Autor für seine Gedanken und Darlegungen zu diesem Thema, das in seiner Tragweite in einem Artikel nur angerissen oder kurz vorgestellt werden kann.

    Wie das Simulacrum den Diskurs ersetzt.

    Dieser Satz unterstellt, dass es einmal einen validen »Diskurs« gab. Es gibt genügend Hinweise, daran zu zweifeln, doch das ist jetzt nicht Gegenstand.

    Das im Artikel beschriebene Simulacrum ist nur ein weiteres Werkzeug, das Simulacrum namens „realer Demokratie“ (das Rückgrat westlicher Legenden) aufrecht zu erhalten. Die Notwendigkeit, Dinge von mehreren Zeiten und Ebenen zu durchdringen, um sie halbwegs zu begreifen und ggf. zu verändern (es sei Fortschritt genannt), wird in Scheinwissen und anscheinende Hilf- bzw. Machtlosigkeit überführt (welches Stillstand ist).

    Man mag fast Mitleid mit dem Autor haben, dessen „Bildungsideal zur Wirklichkeitsbewältigung“ aus den Hochzeiten des kalten Krieges stammt: Einerseits wurde von jeglicher (abendländisch geprägten) Gesellschaft behauptet, die eigene Performance sei ein Wissenswachstum in und für die Breite der Gesellschaft, zudem ein distinktives Merkmal zum entsprechenden Systemfeind. Andererseits wurde vermittelt, individuelles Wissenswachstum sei die Voraussetzung, zumindest das Asset, einer Informationsgesellschaft – oder ehrlicher gesagt – einer Informationswirtschaft. Inzwischen stellt es sich so dar, dass der biologische und unzuverlässige Informationsträger und -entwickler für die Wirtschaft, resp. jene, die eine Profitoption in dieser Wirtschaft haben, nicht weiter nötig ist. Es ist das Ende einer Erzählung, das seinen tragischen Schluss im Zufall findet: In der (Finanz-) Wette. C’est tout.

    Humorloses Zwischenspiel zu II.1.:
    Die »Aufmerksamkeitsökonomie« ist auch eine direkte Folge des nasalen Benzoylmethylecgonin-Konsums in den zuständigen Entscheidungsebenen. Von der Politik und Kultur ausgehend, sind inzwischen alle Bereiche aufgeputscht. Doch es ist auch richtig, „profundes Wissen“ war schon immer Ware, niemals Selbstzweck, nur verschiebt sich „die Substanz des Wissens“ weiter ins virtuelle und gegenstandslose, so wie der „Wert des Geldes“ auch.

    Whataboutism zu II.2.:
    Vergleiche mit Menschen im 18. Jh.: Vor 1.000 Jahren haben die im Dschungel lebenden Menschen an einem Tag mehr gesehen, als die Inuit im Winter oder die Beduinen auf ihren Wüstenschiffen im ganzen Jahr, mindestens.

    Überlegung zu II.3.:
    »Die makellose Performance übertrifft die holprige Wahrheit.«
    Könnte man über „die Rhetorik“ vielleicht das gleiche sagen oder ist sie gar der Ursprung?

    Begriffsklärung zu II.4.:
    Der Autor macht den gleichen Fehler wie die medial empfängliche Masse und unterscheidet nicht zwischen „Experte“ und „Spezialist“. So entsteht erst die »institutionelle Schwäche« der „erodierenden Glaubwürdigkeit“; es sei erwähnt, dass der „Spezialist“ kostspieliger ist und dabei weniger kompromissbereit, er ist weniger vorführbar.

    „Das Geheimnis“ zu II.5:
    Die Simulation, die als analytisches Werkzeug nicht schlecht ist, wird als Ergebnis verkauft und nicht als Vorstufe des Handelns. Wenn die Simulation auch noch absichtlich falsch skaliert wird, verhindert sie sogar notwendige Handlungen – und diese Verhinderung ist gleichfalls eine Handlung. Da kommt man doch auf Gedanken…

    III. »Der Westen tut das Gegenteil. […] Meta verkauft Aufmerksamkeit, auch wenn sie toxisch ist.«
    Wenn Wissen eine Ware ist, wird durch Exklusivität ihr Wert gesteigert. Warum sollte Meta et al diesen (ja, klar, sehr zerstörerischen) Vorteil preisgeben? Man befrage einen x-beliebigen Westler auf der Straße, sie werden „würde ich auch nicht“ blöken.

    Der Westen ist letztendlich nicht bereit, für die Umgebung, die er sich selbst schafft. Denn was den Westen ausmacht, ist allgegenwärtiger Zwang. So wird allem Neuen oder was auch nur ansatzweise wie ein Ausweg aussieht, ansatzlos hinterher gehechtet, doch es sind keine befreienden Sprünge, sondern ein noch tiefer Stürzen in ein verrottendes Gefängnis, physisch, psychisch und spirituell. Das Verlangen nach „instant fulfillment“ in allen Bereichen ist nahezu allen Teilnehmern des Westens inhärent, das macht die schnelle Simulation so begehrenswert und unabdingbar.

    Das (noch brauchbare) Internet hat seit 20 Jahren jeder wörtlich „in der Hand“, seit vielen Jahrzehnten stehen frei zugängliche Bibliotheken überall herum, doch der wirklich nützliche Umgang damit braucht Zeit und Geduld, um zu reifen, und meistens persönliche Anleitung.
    Dieses lange vorhandene Wissen: Ein Teil der Menschen kann damit nichts anfangen, weil er es nicht gelernt hat oder hat lernen können, dem anderen Teil ist es tatsächlich egal. Vielleicht hat Sibylle Berg Recht: Wenn überhaupt, retten Nerds die Welt. Und die Nicht-Nerds werden es wahrscheinlich nicht einmal bemerken.

    Wer mag, kann sich nun Gedanken darüber machen, wovon das Overton-Magazin ein Simulacrum ist.

    Frage an mich: Ist es Zeit, weiter zu ziehen?

  4. Der Autor ruft also auf zu Canceln. Wäre das wirklich in „unserem“ Sinne und unabhängig davon, wer sollte das durchsetzen, doch nicht etwa die Profiteure dieser Unkultur?
    Sicher gäbe es auch ein zu verteidigendes Recht auf einen selbstgewählten Zustand dauerhafter Schwachsinnigkeit Nur dass dieses Recht mit sich selbst im Widerspruch stehen würde.
    Ein altes Dilemma, man möchte den in seiner Profession supergebildeten Problemlöser einerseits, wenn es um politische Emanzipation oder um das Konsumverhalten geht, aber den größten Trottel. Im Zweifelsfall entscheidet man sich für den Trottel.
    Speziell hierzulande hat man hierzu für die unteren Schichten eine Bildungsunkultur installiert und für das gehobenere Personal eine Unanfechtbarkeit ihrer Entscheidungen.

  5. Inspirierender Artikel, hatte auch schon ähnliche Gedanken.

    Habe vor etwa 25 Jahren Politikwissenschaft studiert und kann bestätigen – das Studium gibt einem Werkzeuge zur Hand, z.B. politische Großtheorien oder Ideengeschichte, mit welchen man das, was einem aktuell und kurzfristig politisch präsentiert wird, ein wenig entschlüsseln kann: Den simulativen, auch manipulativen Charakter der medialen Inszenierung wahrzunehmen, ist häufig geradezu verstörend einfach. Und die genannten geistigen Werkzeuge erarbeitet man sich in der Tat durch langfristige Denkprozesse.

    Das Bedürfnis, etwa PoWi oder Philosophie zu studieren, ist intrinsischer Natur – man studiert (oder besser: studierte) es, zumindest in Deutschland, nicht, um reich zu werden, sondern um: Erkenntnisse, vielleicht so etwas wie Weisheit (Philosophie, „Liebe zur Weisheit“) zu gewinnen.

    Doch nicht jeder hat dieses Bedürfnis! Dieses ist die zentrale Erkenntnis, die aus dem weltweiten Gebrauch digitaler Medien resultiert. So viele wunderbare Essays, Gespräche oder auch schöne Musik stehen jedem zur Verfügung – doch für was interessiert sich die Mehrheit, was macht die Leute am Ende abhängig? Eben.

    Mein jüngeres Ich, vor 25 Jahren und damit vor Meta, X/Twitter, Youtube, Tiktok etc. – und natürlich auch vor Corona (!) – war diesbezüglich noch idealistischer unterwegs mit der Hoffnung, dem ein oder anderen könnte bei günstigem Zugang zu Wissen doch noch ein Licht aufgehen. Die „Liebe zur Weisheit“ oder profaner ausgedrückt, das Bedürfnis nach Erkenntnis ist wohl doch angeboren, von daher erübrigen sich wohl auch gemeinsame, mediale Erkenntnisprozesse und es darf weiter fröhlich Aufmerksamkeit generiert werden. Ernüchtert stelle ich fest, ich wäre froh, ich läge falsch.

  6. Auch wenn ich dem Geschriebenen inhaltlich beipflichte – der Stil erinnert mich doch arg an KI-Simulacri.
    Eine Aneinanderreihung von Statements, die überwiegend einfachen Hauptsätzen bestehen.
    Kairos klingt wie Bayer klingt wie Hollister klingt wie Burbach.

    Zum Thema: Simulationen und Hochglanz-PR können die Realität nicht ändern. Die geht ihren eigenen Weg und wird über kurz oder lang zu kognitiven Dissonanzen bei den PR-Opfern führen. Und hoffentlich nehmen Misstrauen und Abwanderung aus solchen Medien weiter zu.

  7. Mit dem Titel bin ich einverstanden. Umberto Eco hat unter dem deutschen Titel „Eugene Sue, Sozialismus und Trost“, der Ästhetisierung der Öffentlichen Meinung einen lesenswerten Essay gewidmet, sie ist so alt, wie die bürgerliche Gesellschaft.

    Die Gestaltungen, die heute dominieren, gehen maßgeblich auf die Einflüsse der kulturrevolutionäre Jugendbewegungen der 50er und 60er Jahre des letzten Jhd. zurück, sie demokratisierten die Veröffentlichte Meinung. Was Julian Kairos zum paradigmatischen Gegenstand nimmt, ist kein wesentliche Fort- oder Rückschritt, es ist einfach eine technologisch bedingte Popularisierung und Proletarisierung desselben. Darüber kann sich nur irren, wer diese Jugendbewegungen und ihre strikt antikommunistische Umwidmung im Zuge ihrer Kommerzialisierung in den 70ern und 80ern entweder vergessen oder nicht erlebt hat.

    Doch mit Simulation hat das nur in der Form zu tun, die Kairos in seinem Text unterordnet, weil er auf „Größeres“, „Höheres“ oder „Tieferes“ unter dem Weasel-Word „Struktur“ aus ist: Hochstapelei. Abermilionen Dollares, einschließlich von der CIA, flossen damals in den Anschub und die Subventionierung aller Arten und Sorten direkter oder mittelbarer antikommunistischer Hochstapelei. Denkt dabei gern auch an die Pseudoreligionen, die damals wie Pilze aus diesem Boden sprossen, namentlich „fernöstliche“ Spiritualisierungen. Das ganze elende Zeugs mutierte zu Selbstläufern, mehr als den Anschub hat es nicht gebraucht, und schwappte schließlich in die Phase der sog. „Postmoderne“, welche die akademische Welt berannt und zu Teilen regelrecht geflutet hat.
    Nix Neues in der Welt des Bürgertums. Auch dies nicht:

    Erkenntnis wird nicht mehr primär als Ergebnis von Prüfung verstanden, sondern als etwas, das überzeugend inszeniert werden muss. Kamera, Studio, Wiederholung und Reichweite fungieren als Ersatzmarker für Evidenz. In dieser Ordnung zählt nicht mehr die Übereinstimmung mit der Realität, sondern die Konsistenz der Darstellung.

    Das beschreibt die TV-Kultur, wie sie spätestens mit Einführung des Farbfernsehens einsetzte.

    Ein hübsch paradoxes Beispiel ist der Ruf, den der „Schwarze Kanal“ von Eduard Schnitzler bis heute bei einigen noch lebenden Modellen genießt, und das zu Recht. Für ihn könnte man tatsächlich das Wort „Simulacrum“ bemühen, das war in weiten Teilen eine Übernahme der westlichen TV-Kultur, nur mit einem polemischen „Kick“, den man im Westen möglichst ästhetisch zu umgehen getrachtet hat. Schnitzler demaskierte solche Ästhetik, und das gefiel auch Leuten, die mit seinen Botschaften eher wenig am Hut hatten.
    Womit es zugleich ein Beispiel für etwas ist, was wahrscheinlich – ich hab das nie gelesen – 1964 im fortschrittlichen Amerika die mehr oder minder redliche, konservativ geprägte Bestandsaufnahme von Marshall McLuhans „The medium is the message“ erfahren hat. Bescheid wissen und dabei sein ist alles – alles, was es aus diesem Bereich an notwendigen bis wünschenswerten Ausstattunge und Accessoires für eine Teilnahme an der bürgerlichen Konkurrenz auf allen denkbaren Ebenen gebraucht hat.
    Nix Neues in der bürgerlichen Welt. Die Mitteilungen sind andere, die Botschaften sind mehr oder minder dieselben, wenngleich heute eben mit einer reaktionären Grundtendenz, statt einer modernistischen – würde ich sagen, ohne Expertise auf diesem Feld zu beanspruchen.

    Mal schauen, ob dies durchgeht. Falls ja, und es unerwartet vielleicht gar Reaktionen gibt, mag ich vielleicht noch was zum – aus meiner Sicht – autoritären Mißbrauch des Begriffs „Simulacrum“ ergänzen

    1. Naja, dann halte ich das ultrakurz.

      Parallel zur Ästhetisierung der Öffentlichen Meinung verläuft deren Sprachtechnologie, das ist Phraseologie auf allen Ebenen und mit allen Mitteln, die den Protagonisten zur Verfügung sind, und damit ungleich der eher rituell geprägten Phraseologie der absolutistisch geprägten Kulturen.
      Dafür, gegen Letztere mit aller hoffärtigen Wut opponiert und verstoßen zu haben, wurde Giordana Bruno verbrannt. Seine Verstöße gegen die Autorität des Klerus war eher ein Vorwand dafür.

      Goethes Reaktion auf diese Kultur kennen viele:
      “ … denn wo Begriffe fehlen, stellt zur rechten Zeit ein Wort sich ein.“
      Alle, die im 19 Jhd. ernsthaft aufklärerisch unterwegs waren, und die ich gelesen habe, haben die Kultur der Phrasen gehaßt, nicht nur Hegel, Marx und Engels.

      „… ein Zeichen, das nicht mehr auf Realität verweist, sondern nur noch auf andere Zeichen“, das ist schwerlich Baudrillard, den ich allerdings nicht gelesen habe. Doch so viel wird er im jahrhunderte langen Zeitalter des alles Geisteslebens durchdringenden Kantianismus begriffen haben, daß man die „Dinge an sich“ schlechterdings nicht im Munde führen kann. Und was anderes soll „Realität“ bitte sein? There is no such thing! Kairos Verständnis der Angelegenheit führt nur in den berüchtigten „unendlichen Regress“ und …
      Ja, auf dies „Und“ kommt es an:
      In eine Renaissance klerikal zertifizierten „Expertentums“.
      Das hätte er vielleicht gerne, und er wird nicht lang auf die Technokratie warten müssen, falls er nicht schon ein Methusalem ist.

      1. Zeichen, die nur noch auf andere Zeichen verweisen, beschreibt im Übrigen ganz gut was bei diesen allein mit Schrift trainierten Sprachmodellen vorgeht.
        „Verkapselung der Zivilisationen“ nannte Lem den für ihn hypothetischen Vorgang, bei dem zwar noch Information in gewaltiger Menge verarbeitet wird, es aber keinerlei Aussen mehr gibt zu dem diese in Beziehung steht, und keinerlei Zugang oder Verständnismöglichkeit von aussen.
        Interessante Nähe zu dem in den 90ern populären Begriff des „cocooning“ als gesellschaftlichen Trend.
        Das cocooning ist inzwischen so fortgeschritten dass man den Begriff schon kaum mehr versteht.
        Das nur als Anmerkung u Hinweis dass dein Beitrag gelesen wurde.

  8. Eine sehr guter Artikel, meinen herzlichen Dank an den Verfasser.
    Die Simulation geht ja über das Netz hinaus, bis zur täglichen Vorstellung diverser politischen Grössen die ihren Nihilismus bewusst über die antisozialen verbreiten dürfen. manche der politischen Grössen gingen soweit, einzelne Kommentare auf den antisozialen Medien rechtlich vorzugehen. Das staatliche Recht zur Strafverfolgung belegt selbst, wie das Recht ausgehöhlt wird, durch die staatlich geführten doppelten Moral.
    Das Staatsgebilde, speziell in der EU, verliert durch ihre Handlung an Glaubwürdigkeit und könnte dadurch dazu führen, das die ‚EU‘, sich selbst als Autorität darüber stellt. Das alles geschieht im ‚demokratischen Prozess‘, das die Simulanten den simulierten Subjekte ihre demokratische Simulationen über stülpen.

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