
Er könnte sein Lebenswerk verwalten und den Herrgott einen guten Mann sein lassen: Mit 89 Jahren hätte er jedes Recht dazu. Aber Dieter Hallervorden übt sich lieber in Courage – und Mut.
Er gehört zu meinen frühesten Erinnerungen. Wenn ich mich an meine Kindheit entsinne, frühe Achtzigerjahre, dann kommt er vor: Wir lebten in einer kleinen und dunklen Drei-Zimmer-Wohnung in der bayerischen Provinz. Meine Eltern arbeiteten viel, ich wurde, wie es guter Brauch in jener Zeit war, fachgerecht vor dem Fernseher geparkt. Ich glaube, immer donnerstags im Vorabendprogramm wurde es hell – denn »Nonstop Nonsens« mit Dieter Hallervorden, der sich dort Didi nannte, kam bei der ARD. Es muss die Wiederholung gewesen sein, die Fernsehserie lief eigentlich von 1975 bis 1980. Aber Didi, der hatte es mir in jenen Jahren angetan – auch wenn ich viele seiner Sketche damals sicher nicht verstanden habe. Aber als Bub hatte es mir ohnehin nur die Fortsetzungsgeschichte angetan.
Ein Format, das in jeder Folge vorkam und in mehrere Teile gestückelt war. Geboten wurde Slapstick, teils liefen die Protagonisten im Zeitraffer über die Mattscheibe – bekannt war das bereits aus der britischen Benny-Hill-Show. Gag jagte Gag: Das war nicht anspruchsvoll, das begriff ich in diesem Alter auch schon. Didi war mein Held, und die Gesichter von Kurt Schmidtchen oder Gerhard Wollner sehe ich noch heute vor mir: Es sind Personen, die ich mit meiner Kindheit verbinde. Legendär ist heute jener Sketch, den Hallervorden erst neulich bei der ARD-Geburtstagsparty neu aufführte und der zu einem öffentlichen Aufschrei in der Berliner Meinungsblase führte, weil er dort Worte wie Neger und Zigeuner verwendete – allerdings in einer Rolle und in einem ganz bestimmten Kontext. Die Rede ist von Palim Palim, dem nachempfundenen Gebimmel einer Ladenglocke – mehr dazu später noch.
Didi, die Nervensäge
Den Sketch lernte ich allerdings erst einige Jahre später kennen. In einer damaligen Ausgabe der Micky Maus gab es als Beilage eine Mini-Langspielplatte. Auf der A-Seite war der Sketch zum Nachhören. Das mit der »Flasche Pommes Frites« gefiel mir damals gut – heute lache ich nur noch aus nostalgischen Gründen darüber. Was aber deutlich wird: Dieser Didi Hallervorden war jemand, mit dem Kinder jener Zeit etwas anfangen konnten. Da, wo man ihn sah, war er Garant für eine lustige Zeit. Dass er Wahlwerbespots für die FDP machte, erreichte mich in diesen Jahren freilich nicht. Rückblickend muss man sagen, so charmant wirbt heute keiner mehr – gebracht hat es wenig, die FDP verlor bei der Bundestagswahl 1983 einige Prozentpunkte. Der »olle Didi«, wie er sich selbst im Spot vorstellte, konnte die Partei, die noch kurz vorher das Lager gewechselt und so die Kanzlerschaft Helmut Kohls ermöglicht hatte, nicht vor der Wählerabwanderung bewahren.
Mitte der Achtziger war ich »Nonstop Nonsens« entwachsen – und Dieter Hallervorden, der sich noch immer Didi nannte, spielte in einer Serie, die mir als »Die Nervensäge« in Erinnerung blieb, weil das der erste Name der Serie war, bis ein Rechtsstreit einen neuen Titel nötig machte: »Didi – Der Untermieter«. Darin spielt der namensgebende Hauptdarsteller eine – nun ja: Nervensäge. Der brutale Slapstick war Geschichte, Hallervorden spielte seriöser. Parallel dazu fand er in einigen Kinofilmen statt, die immer auch etwas mit seiner Rolle des Didi zu tun hatten. Und er hatte Erfolg beim Publikum. Jedenfalls meistens. Gegen Ende der Achtziger wurde es ruhiger um Didi. Es waren die Jahre, da man sich in Videotheken zwei Stunden Unterhaltung für nicht mal ganz so kleines Geld holen konnte. Immer wenn sich meine Eltern einen Film ausliehen, schielte ich nach Didi und seinen Filmen – und hin und wieder durfte ich mir einen mit ihm in der Hauptrolle ausleihen.
Bis ich es irgendwann nicht mehr tat. Aus Didi wurde wieder Dieter und er machte politisches Kabarett zur späten Stunde. Aus dieser Ecke kam er auch: 1960 hatte er in Berlin die Kabarett-Bühne »Die Wühlmäuse« gegründet. Anfang der Neunziger war ich zu jung für dieses Programm und so verlor ich Hallervorden aus den Augen – dann kamen die Jahre, in denen man andere Helden hatte. Slapstick-Didi gehörte damals nicht mehr dazu, ich hatte ihn vergessen, gezielt ausgeblendet. Noch immer stellten ihn Medien damals als jemanden vor, der ein Blödel-Image habe: »Nonstop Nonsens« hatte sich tief eingeprägt in das kollektive Gedächtnis der Deutschen. Später hieß es, dass Hallervorden nicht sehr glücklich war, dass man ihn noch immer so wahrnahm. Aber auch ich sah ihn so. Ich verdrängte meine kindliche Begeisterung, schämte mich etwas dafür – wie wohl viele aus meiner Generation. So ein wüstes Gerenne, herabfallende, mit Farbe gefüllte Eimer, die auf Köpfen landen, Leitern, die umfallen und Leute mit zu Boden reißen: Wie konnte ich je daran Gefallen finden?
Didi, der Liebling
Hallervorden wurde grau, stand weiter auf der Bühne. Im Film sah man ihn für etliche Jahre nicht mehr. Der offizielle letzte Didi-Film lief 1988 in den deutschen Kinos an – 1990 und 1992 folgten zwei Filme, die nicht das Label Didi trugen, aber ähnlich angelegt waren. Seine Filmrollen in jenen Filmen hießen übrigens, bis auf eine Ausnahme, nie Didi: Dieser Spitz- war ein reiner Markenname für deutsche Komik geworden und verkaufte sich eine Weile auch ausgezeichnet an den Kinokassen. Anderthalb Jahrzehnte spielte Hallervorden dann in keinen Film mehr mit – und nachdem er in einigen Produktionen wieder Nebenrollen annahm, kam 2013 ein Film ins Kino, bei dem er dann doch eine Hauptrolle spielte: »Sein letztes Rennen«. Darin spielt er einen Rentner, der nochmal einen Marathon laufen will und all seine Kräfte mobilisiert, um dieses Ziel zu erreichen. Hallervorden mauserte sich damals – es ist gerade mal etwas mehr als zehn Jahre her – zum Liebling des Feuilletons und der Kritiker.
Diese Zuneigung wurde nochmal gesteigert, als er ein Jahr später einen dementen Großvater in einer Komödie von Til Schweiger spielte. Der Film namens »Honig im Kopf« zeigte große Schwächen, die sich auch in der Romantisierung der häuslichen Pflege hochgradig dementer Personen präsentierten. Aber Hallervorden spielte bravourös. Es gab für ihn den Bambi, die Romy, die Goldene Kamera und noch diverse andere Filmpreise – auch für sein Lebenswerk. Dieter Hallervorden, damals 79 Jahre alt, erlebte ein grandioses Comeback. Nun äußerte er sich auch zur politischen Tagespolitik: Als Jan Böhmermann in die Türkei ausgeliefert werden sollte, weil er ein vulgäres Schmähgedicht an die Adresse des türkischen Präsidenten rezitierte, ergriff Hallervorden für den jungen Kollegen Partei und machte sich mit einem Song über das türkische Staatsoberhaupt lustig. Das war damals Zeitgeist. Böhmermann hat diese Affäre sicherlich nicht gutgetan – ganz offenbar hat der Ausgang der Affäre bewirkt, dass er sich fortan für unantastbar hielt.
Mutig war das seinerzeit nicht von Hallervorden. Es wirkte ein bisschen so, als habe er versucht, auf den Zug mitaufzuspringen, um etwas vom damaligen Hype abzubekommen. In dieser Zeit, da er gelegentlich Lieder sang, in denen er sich über politische Ereignisse lustig machte – zum Beispiel über die erste Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten –, funkelte wieder Didi hervor; denn diese Vorstellungen beinhalteten viel Blödelei, auch wenn sie nicht so abgedreht waren wie jener legendäre Song aus den Siebzigern, als er mit Helga Feddersen »Die Wanne ist voll« intonierte. Dennoch konnte man diesen Mann bewundern. Mittlerweile überschritt er sein 80. Lebensjahr und traute sich immer wieder mal, etwas zur Debatte beizutragen, was nicht so sehr auf Gegenliebe stieß, wie beispielsweise die Parteinahme für den ZDF-Aktivisten Böhmermann. Immer wieder kritisierte er in Interviews die Sprachpolizei, das Gendern und Bevormunden, wenn es um Worte und Ausdrücke ging. Er, der mit der Sprache arbeite, könne sich damit einfach nicht anfreunden – und dass man als jemand, der nicht gendert, gleich an den Pranger gestellt wird, mache ihm Sorgen. Dieter Hallervorden, der Liberale, der einst für eine FDP warb, die noch nicht vollends zum reinen Wirtschaftsliberalismus geschwenkt war, die noch den eher klassischen Liberalismus vertrat, fand sein ureigenstes Thema – und eckte immer öfter, immer drastischer mit dem Meinungskonglomerat aus Funk und Fernsehen und Politik an.
Didi, der Gerechte
Hallervorden war in jenen Jahren eine Persönlichkeit, die nicht leicht einzuordnen war. Einerseits engagierte er sich gegen die »Vergewaltigung der deutschen Sprache«, wie er das selbst nannte, bugsierte sich damit ein Stück weit aus dem Mainstream. Andererseits unterstützte er dann doch den CDU-Spitzenkandidaten Kai Wegener bei den Berliner Senatswahlen. Dann kam der April 2024. Dieter Hallervorden spricht ein Gedicht. Es heißt »Gaza, Gaza«, geschrieben ist es von Diether Dehm. Vorher hatte Hallervorden auf Instagram einen offenen Brief an den Bundeskanzler verfasst und den Krieg Israels gegen die Palästinenser als unverhältnismäßig benannt. Nach diesem Gedicht wirft man dem Mann, der zehn Jahre zuvor noch ein gefeiertes Film-Comeback gefeiert hatte, aber Antisemitismus vor. Doch Hallervorden gibt nicht klein bei, immer wieder meldet er sich zu Wort, spricht eine deutliche Sprache, ohne verbittert zu wirken. Didi ist nun ein weiser Herr, der sich dem Zeitgeist der allgemeinen Idiotisierung nicht beugt.
Wie oben schon erwähnt, spielt er Anfang April 2025 jenen Sketch mit dem berühmtem Palim Palim noch einmal auf großer Bühne: und zwar bei der ARD-Gala »75 Jahre ARD«. Der Sketch spielt, wie ursprünglich, im Knast. Zwei Gefangene langweilen sich und einigen sich darauf, »Kaufmannsladen« zu spielen. Vorher sagt der eine Gefangene – Dieter Hallervorden – zum anderen – den Harald Effenberg spielt –, er wusste nicht, dass man für Negerkuss und Zigeunerschnitzel ins Gefängnis kommen könne. Nach der Ausstrahlung kam Hallervorden zwar nicht ins Gefängnis. Aber an den Pranger – die Aufregung inszenierte sich lautstark. Die Kritik beantwortete er wie folgt: »Woke Menschen von heute versuchen ängstlich, nicht aus der Reihe zu tanzen, befolgen akribisch alle Social-Media-Gebote, um keine Likes aufs Spiel zu setzen, und verstehen keine Satire mehr, weil Satire aus Angst vor Missverständnissen nicht mehr vorkommt.« Woraufhin ihn die Meinungsmacher gewisser Mainstreammedien der Uneinsichtigkeit bezichtigten.
Am Karfreitag dieses Jahres ließ sich Dieter Hallervorden auf eine Friedensdemo in Dresden zuschalten. Er warnte vor einem Dritten Weltkrieg und warb für den Frieden. Die Demonstration wurde indes medial als rechtslastig geframt, auch weil Medien dafür warben, die ebenfalls als rechts geframt werden. Hallervorden zeigt sich unbeeindruckt. Er könnte es sich sehr viel leichter machen, sein Lebenswerk verwalten und Vorbereitungen für seinen 90. Geburtstag im September dieses Jahres treffen. Aber Dieter Hallervorden wählt den schwereren Weg, eckt an, traut sich heraus, wo die Jungen sich wegducken. Ein fast 90-Jähriger, der Kämpfe ausficht, die besser von jungen Leuten geführt würden: Auch dies wirft kein gutes Licht auf die Bundesrepublik des Jahres 2025. Wenn ich heute auf diesen Didi zurückblicke, der mich schon in jungen Jahren zum Lachen brachte, erfüllt mich das mit einer gewissen Zuneigung: Den habe ich schon vor 40 Jahren geguckt – und nun ist er so eine wertvolle Stimme des demokratischen Diskurses, der es so schwer hat in diesen Zeiten. Ich bin Dieter Hallervorden dankbar – und schaue mir seine alten Sketche wieder an, ohne sie bekritteln zu wollen. Wie leicht wirken sie im Vergleich zur moralistischen Schwerfälligkeit von Böhmermann und Co.! Hallervorden hat damals den Zeitgeist getroffen mit seiner Sendung – und er trifft ihn auch heute, wenn er als Künstler kritisch bleibt und sich nicht beeindrucken lässt von denen, die ihn jetzt in eine falsche Ecke stellen wollen.
Dieser Artikel erschien erstmals bei Manova.
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Ich finde das Auftreten von Dieter Hallervorden völlig überbewertet.
Na, und?
Ich nicht. Ich bin froh dass es einige Wenige gibt, die den Mund aufmachen und sich nicht fürchten danach automatisch als „rechts“
eingetütet zu werden.
Das zum einen.
Für Frieden zu sein, ist sicher rechtschaffen (und nicht ‚rechtsoffen‘), sonst wirft er einiges in einen Topf, Gaza-Krieg und angebliche „Sprachpolizei“. Für das Friedensengagement in punkto RUS/UKR gibt es am ehesten ausufernde Kritik und wütende Reaktionen, für seine Kommentare zum Gaza-Krieg weniger (da ist Springer bsp.weise schon recht untypisch leise), für das läppisch ‚aktualisierte‘ „N/Schnitzel/früher gewusst“-Vorblabla zum lustigen Sketch kann er sich breiter Zustimmung sicher sein, die paar Wokies haben eh nichts zu melden (und trauen sich ihrerseits kaum noch was). AKK hat ja vor Jahren auch mal ein paar fade und arg zwingend-lustig-sein-wollende Sprüche beim Stockacher Narrengericht abgelassen. Wer das schlicht und einfach lahm und unwitzig fand, musste sich nachher gleich vorhalten lassen, „die Deutschen sind das verkrampfteste Volk“ usw., völliger Quatsch, die Ministerin war halt nicht lustig. Es hat sowas von ‚Wenn die einen Schweinefleisch verbieten wollen, MUSST du als heroisch-widerständige Haltung welches essen und dafür kämpfen.‘ Ob du‘s überhaupt magst, interessiert da nicht. Da die Didi-Haltungspolizei aber sehr mächtig ist, fürchte ich jetzt eine Verhaftung.
Didi war damals der erste, der überhaupt wieder einen allgemeinverständlichen Humor gemacht hat. Der Slapstick war genau das Richtige. Sowas wie Heinz Ehrhardt würde auch heute wieder mitflöten.
warum sollte sich Springer über Gaza lauter äußern…
da ist doch nur ein Abbruchunternehmen tätig
(schmerzhafter Sarkasmus Ende)
Tja, man sieht: soviel Kommentar ist heutzutage ein aufrechter, verantwortungsbewusster, couragierter Mensche noch wert.
Oder anders gesagt: Zivilcourage ist zwar ein viel bemühtes Wort – aber Menschen, die Zivilcourage leben, sind uninteressant in dieser PR- und künstliche Aufregungswelt.
Damit etwas ankommt und Folgen hat muss Aufregung her wie mit so Antifatzken-Sprüchen wie „cis-Männer töten“ oder angeblichen „Wannseekonferenzen 2.0“, etc.
Arme Westwelt.
„Milliarden von Menschen in der ganzen Welt wären dankbar für die Spritzen, die privilegierte Bundesbürger verschmähen, entweder aus Faulheit, aus Bequemlichkeit oder aus falsch verstandener Skepsis dem Staat gegenüber. Das ist eine Katastrophe.“
Dieter Hallervorden, Schauspieler und Kabarettist, ARD – maischberger. die woche [Zeitstempel: 15:27], 15. September 2021
https://www.nachdenkseiten.de/?p=126587
Die Doppelmoral von der Geschicht, das Maß is dann korrekt, wenn’s einen nicht selber trifft:
Gründe für Kultur ohne Lockdown
26. Februar 2021 Dieter Hallervorden
Dieter Hallervorden zum „Friseurtheater“ und seinem neuesten Sketch. Ein Gastkommentar
Dass ich als Mitspieler in meinem neuesten Sketch einen der prominentesten deutschen Friseure, Shan Rahimkhan, eingeladen habe, zeigt, dass es da keinerlei Neid gibt auf Friseure wegen deren Wiedereröffnung zum 1. März. Mir geht aber die Begründung von Markus Söder, die Frisur hätte mit Menschenwürde zu tun, während die Kultur stillgelegt bleibt, gewaltig auf den Zeiger.
Ich bin nun wahrlich kein Corona-Leugner. Ich bin geimpft, arbeite vor und hinter der Kamera nur mit Getesteten und habe meine beiden Berliner Theater – am Schlosspark und die Wühlmäuse – auf eigene Kosten mit vorbildlicher Hygiene ausgestattet. Ich lehne auch Härten in der Pandemiebekämpfung nicht generell ab. Aber die Dosis macht’s!
Zumal die Gesundheitsämter seit 20 Jahren derart runtergewirtschaftet sind, dass sie weder die Infektionsketten nachverfolgen, noch einzelne Kultureinrichtungen bewerten können. Und dann hat die Regierung sogar noch den letzten Sommer verschlafen.
So blieb nur noch ein Lockdown ohne Augenmaß. Heute werden allenfalls noch Parteiveranstaltungen von Gesundheitsämtern genehmigt. Aber hat Kultur nicht endlich im Grundgesetz dasselbe Privileg verdient wie Parteien?
https://www.telepolis.de/features/Gruende-fuer-Kultur-ohne-Lockdown-5066067.html
Danke Didi. Wie geht diese devote Haltung eigentlich einher mit der derzeitigen Skepsis in ein paar anderen Bereichen? Und damit hier nix wegen dem „klassischen“ Liberalismus“ anbrennt, passend auch zur vorgeführten Doppelmoral:
6.2 Demokratie im Liberalismus: Elitenkonkurrenz, Verachtung des Volkes und Zuschauerdemokratie
Indem der Liberalismus einen vorkapitalistischen Freiheitsbegriff auf neuartige kapitalistische Machtverhältnisse übertrug, für deren Begrenzung dieser Freiheitsbegriff gleichsam blind war, konnte er sich zur »liberalen Demokratie« wandeln, also zu einer Form von Demokratie, die dem Bereich der Wirtschaft von demokratischer Kontrolle ausklammert und somit kapitalistische Macht von jeder außerökonomischen Beschränkung befreit. Dabei wird die traditionelle Leitidee von Demokratie als radikale Vergesellschaftung von Herrschaft durch einen neuartigen Begriff von Demokratie ersetzt, der das ursprüngliche Konzept entleert und damit den mit ihm ursprünglich verbundenen Intentionen eines zivilisatorischen Schutzbalkens gegen eine Macht des Stärkeren zuwiderläuft. Mehr noch: »Charakteristisch für den Umgang der liberalen Demokratie mit dieser neuen Machtsphäre ist nicht, sie zu kontrollieren, sondern sie zu befreien.« Liberale Demokratie bedeutet eine höchst eingeschränkte Demokratie, da der Einfluss des Volkes konstitutionell eng begrenzt wird und zentrale Bereiche der Gesellschaft jeder demokratischen Willensbildung und Gestaltung entzogen sind. Durch den Liberalismus wurde die Bedeutung von ›Demokratie‹ neu gefasst als Sicherung »staatsfreier Zonen der Privatautonomie« für Besitzbürger sowie die Bereitstellung freier Wahlen von politischen Interessenvertretern aus einem vorgegebenen Elitenspektrum. Ellen Meiksins Wood stellt fest: »Die Demokratie ist vom Liberalismus übernommen worden.« Diese Verkürzung, Entleerung und Verzerrung des Demokratiebegriffs unter dem Einfluss von Liberalismus und Kapitalismus sind so tief im kollektivern Denken verankert worden, dass heute mit dem Wort ›Demokratie‹ fast nur noch die bürgerlichen Freiheiten – wie Schutz der Privatsphäre und des Privateigentums, Meinungsfreiheit, Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Schutz und Anerkennung gesellschaftlicher, insbesondere diskriminierter Partikulargruppen – verbunden werden. Folglich erscheint heute der Ausdruck »liberale Demokratie« den meisten nahezu als Pleonasmus, während er de facto ein Widerspruch in sich ist.
(…)
Inhaltliche Unbestimmtheit und innere Widersprüche des Liberalismus
Jenseits des individualistischen Freiheitsbegriffs des Liberalismus und den damit verbundenen Abwehrrechten gegen den Staat haftet dem Liberalismus seit je eine inhaltliche Unbestimmtheit an, da er sich in erster Linie als gegen etwas gerichtet versteht. Diese inhaltliche Unbestimmtheit überträgt sich auch auf die Ideologie der politischen Mitte. »Diese Mitte ist natürlich«, wie Wallerstein zutreffend bemerkt, »eine politische Abstraktion und ein rhetorischer Kunstgriff, denn man kann sich selbst immer in die Mitte rücken, indem man die Extreme entsprechend definiert, und die Liberalen machten dies zu ihrer grundlegenden politischen Strategie.«
(…)
Zugleich erlaubte die inhaltliche Unbestimmtheit des Liberalismus durch eine geeignete Bestimmung der Gruppen, die als Träger von Freiheitsrechten anzusehen seien, mühelos extremste Formen von Freiheitsbeschränkungen zu rechtfertigen.
(…)
Der Ökonom Thomas Piketty weist besonders mit Blick auf den Neoliberalismus noch einmal auf die »tiefe Übereinstimmung« von »sklavenhalterischen, kolonialistischen und rassistischen Ideologien« mit der »proprietaristischen [das heißt auf einer Sakralisierung des Eigentums] und hyper-kapitalistischen Ideologie« hin.
(…)
›Universell‹ an der Logik des Liberalismus ist also lediglich die Rechtfertigung von Herrschaft der Besitzenden über die Besitzlosen. Mithilfe des Konzepts der »repräsentativen Demokratie« ließ sich eine solche Ideologie in wirkungsvoller Weise demokratisch verbrämen.
Durch seine Fokussierung auf Konkurrenz und meritokratische Auslese konnte der Liberalismus auch sozialdarwinistische und sozialrassistische Positionen in sein ideologisches Gerüst ›universeller‹ Rechte integrieren. Reinhard Kühnl bemerkt zu dieser ideologischen Flexibilitätdes Liberalismus:
»Mit dieser Wendung des Liberalismus zum Sozialdarwinismus war Gewalt als Mittel zur Lösung der Probleme menschlichen Zusammenlebens legitimiert, war der imperialistische Krieg ebenso gerechtfertigt wie die wirtschaftliche Ausbeutung und die politische Diktatur. Hier ist der Punkt wo der Faschismus anknüpfen konnte.«
Der mit dem Kapitalismus verflochtene Liberalismus hat also vielfältige Berührungspunkte – ideologische wie auch hinsichtlich seiner politischen Praktiken – zu Positionen im rechten Teil des politischen Spektrums, die man bezogen auf den Referenzpunkt einer egalitären Demokratie als extremistisch anshen muss.
(Rainer Mausfeld, Hybris und Nemesis – Wie uns die Entzivilisierung von Macht in den Abgrund führt – Einsichten aus 5000 Jahren, S. 391/392,400, 401, 402)
Ich lese Lapuente und auch lange Schlaumeier-Kommentare entweder gar nicht mehr oder nur noch diagonal.
Aber Hut ab; Du hast exzellente Zersetzungs-Arbeit ebgeliefert. Die Kriegstreiber wirds freuen, wenn sich die Friedensbewegten gegenseitig aufreiben.
Who cares, der Name als Programm. Nun, wenn es dich nicht kümmert, daß Dieter Hallervorden die Begleitmusik für den Istzustand mitlieferte, die Zersetzung, inkl. Militarisierung der Gesellschaft einleitend begleitet hat, der allein in Deutschland hunderttausende Leben vernichtete und dies weiterhin tut.
Die Doppelmoral der „Friedensbewegten,“ oder sind es Befriedungsbewegte:
Marktgerechter Frieden
Der Neoliberalismus hat die Friedensforschung entpolitisiert und sie den Gesetzen der Rentabilität unterworfen.
von Werner Ruf
Die Friedensforschung, einst beliebtes Forschungsgebiet von Akademikern, die auch in der Friedensbewegung aktiv waren, hat sich im Laufe der Jahre von der politischen Bewegung abgespalten. Dies ist symptomatisch für eine Wissenschaft, die sich an das herrschende Dogma des Wettbewerbs anpasst.
In ihrer Gründungsphase definierte die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) auf einer Tagung in Berlin-Wannsee am 24. und 25. April 1971 ihr Selbstverständnis folgendermaßen:
„Kritische Friedensforscher/innen lehnen eine am Status quo orientierte Befriedungsforschung ab. … Kritische Friedensforscher/innen begreifen sich als wissenschaftliche Parteigänger von Menschen, die durch die ungleiche Verteilung sozialer und ökonomischer Lebenschancen in und zwischen Nationen, das heißt durch strukturelle Gewalt, betroffen sind: von Ausgebeuteten, von sozial Diskriminierten und von unmittelbar in ihrer physischen Existenz Bedrohten“ (1).
Wird Friedensforschung konsequent gedacht, kann sie sich nicht auf Kriege in Form zwischenstaatlicher bewaffneter Auseinandersetzung beschränken, sondern sie muss die Frage nach dem Ursprung und den Ursachen von Gewalt stellen. Forschungsgegenstand werden dann alle Formen struktureller Gewalt, wie Johan Galtung sie versteht, ebenso — als Gegenmodell zum gewaltförmigen Widerstand — Formen der Gewaltfreiheit, wie Gandhi sie praktizierte.
https://web.archive.org/web/20200924214307/https://www.rubikon.news/artikel/marktgerechter-frieden
Wer ist nun der Schlaumeier?
Wenn man so alt wird, muss man ja auch etwas an seine Gesundheit denken, nicht.
Ins Gefängnis werden sie einen schon nicht mehr stecken.
Doch, tun Sie, Alte sind zwar uninteressant, doch um ein Exempel zu statuiern um die Jungen zu disziplinieneren reichen die noch.
Was sagt das über eine BRD, wenn fast nur noch Rentner es wagen die Dinge auszusprechen. Oder wenn wie hier mit Hallervorden der einstige Blödelbarde die bittere Wahrheit aussprechen muss, weil seine Zunft sich nur noch über jene lustig macht, die aus der Reihe tanzen.
Weil Rentner sich erinnern könnten und auch können, wie es mal war, ohne die optimierten Jasager und Armleuchter der Gesamt-BRD heutzutage. Statt dessen will Deutschland „wehrhaft“ werden , nicht vernünftig.
Es ist mir ein Rätsel, dass die versoffene Visage des Verteidigungsministers bei den Deutschen so gut ankommt,
Nichts wie weg.
Die klare Positionierung von Hallervorden ist definitiv begrüßenswert. Aber sie rechtfertigt keine Lobhudelei. Hallervorden kann es sich listen, Klartext zu reden, da ist nicht viel zu verlieren, weder an Lebensjahren, noch an Vermögen noch an beruflichen Chancen.
Aus seiner Sicht ist das erforderliche Maß an Mut überschaubar. Dennoch ist es wichtig, dass die Alten, die wenig zu verlieren haben, sich äußern. Das ist auch bei alternden Politikern zu beobachten, dass diese einige Jahre nach Abschluss ihrer Karrieren viel unverblümter sprechen. Auch das ist zu begrüßen. Aber eine Adelung für den außergewöhnlichen Mut dazu halte ich für übertrieben. Es ist eher eine Normalisierung der persönlichen Verantwortung, mit der das Gewissen erleichtert werden soll.
MUT braucht es, sich in der Blüte seiner Jahre den Entwicklungen entgegen zu stellen. Das ist allerdings zunehmend unüblich, weil die Konsequenzen, die dafür zu erwarten sind, letztlich immer empfindlicher werden, was auch das dröhnende Schweigen so vieler Prominenter, Intellektueller und Künstler erklärt.
Und ich kann es nachvollziehen. Wegducken und angenehm leben ist attraktiver, als rebellieren, besonders, wenn das Rebellieren zu massiven persönlichen Nachteilen, aber wenig Änderung an den Entwicklungen führt. Wer ist bereit, so viel aufs Spiel zu setzen bei so schlechten Erfolgsaussichten?
Wer ist bereit, seine öffentliche Persona zu verbrennen, für den großen Anteil an „Kindermenschen“ nach Hermann Hesse, die ein solches Opfer kaum zu schätzen wissen und mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit sogar zu Hass und Ausgrenzung, wenn nicht sogar Gewalt gegenüber den Mahnern manipuliert werden können?
Wenn Politiker halt erst dann den Mund aufmachen (und „Klartext“ sprechen), wenn es um nichts mehr geht, finde ich das nur mäßig lobenswert.
Mein Reden. Wichtig allemal, aber MUTIG wäre, das vorher zu tun.
Didi ist ganz sympathisch, aber auch ein klassisches blindes Huhn. Ab- und zu findet er ein Korn, häufig auch nicht.
Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: weder Böhmermann, noch Corona gereichen ihm zur Ehre, denn
Böhmermann ist kein Aktivist, und Corona war keine Bedrohung.
Nur mal meine 50ct Einsatz zum Thema…